Esslingen Whisky und Saure Gurken

Saure-Gurken-Zeit
Was im Sommer bei Hengstenberg vom Feld ins Glas kommt

Wer zu Hengstenberg will, muss nur seiner Nase folgen. Am Ortseingang des Esslinger Ortsteils Mettingen, unterhalb der Rebhänge, liegt ein durchdringender Essiggeruch in der Luft. Im Stammhaus von Hengstenberg wird hektoliterweise Essig vergoren. Bis 1965 wurden hier auch Gurken und Weißkraut sauer eingelegt, Rotkohl eingekocht, ehe alles in die Gläser mit dem berühmten geschwungenen Schriftzug kam.

Inzwischen ist diese Produktion nach Fritzlar (bei Kassel) und Bad Friedrichshall (bei Heilbronn) verlagert worden. Richard Alfried Hengstenberg kaufte 1876 von der Mitgift seiner Frau eine kleine Essigfabrik in der Webergasse. Er wurde württembergischer Hoflieferant, und in den dreißiger Jahren brachte das Familienunternehmen das erste pasteurisierte Sauerkraut auf den Markt.

Heute ist Hengstenberg eine der bekanntesten deutschen Marken und steht für Qualität. Deshalb wird es besonders zu Gurkenernte im Spätsommer hektisch. Denn nur die frischesten Gurken aus kontrolliertem Anbau kommen ins Glas. Mit diesem Anspruch kennt man Hengstenberg auch jenseits des Atlantiks. Saures Kraut "Made in Esslingen" kommt selbst im Hofbräuhaus von Las Vegas auf den Tisch. Anders als in Deutschland, wo mediterrane Moden die rustikale Küche zu verdrängen drohen, liegen Sauerkraut und Haxe in den USA in Trend. Dass die Amerikaner glauben, die deutsche Spezialität käme aus Bayern, nehmen die Hengstenbergs stillschweigend hin.

Ein ganz heißes Eisen
Daimlers Gießerei auf der Lok-Spur

Es ist heiß und riecht ein bisschen nach Apokalypse. 1400 Grad heißer Grauguss schießt aus riesigen Tiegeln in Sandformen. Funken sprühen, es regnet Asche. Nach dem Abkühlen werden sie aus der Sandform geschlagen: jährlich 8,5 Millionen Bremsscheiben für Limousinen und Lastwagen, die in der Gießerei von Daimler in Esslingen-Mettingen vom Band laufen.

Das Fabrikgelände in Mettingen hat eine bedeutende Geschichte. Nachdem die erste württembergische Bahnstrecke 1845 von Cannstatt nach Untertürkheim eröffnet worden war, gründete Emil Kessler, ein Ingenieur aus Karlsruhe, die Maschinenfabrik Esslingen. Am 8. Oktober 1847 wurde die erste Dampflokomotive ausgeliefert. Bald baute die "ME" Eisenbahnwaggons und eine Zeit lang sogar Binnenschiffe für Bodensee, Donau und Neckar. Im 19. Jahrhundert war Kesslers Unternehmen einer der wichtigen Motoren für die Industrialisierung im deutschen Südwesten.

Mehr als ein Jahrhundert später, 1965, übernahm der Autobauer Daimler-Benz die Maschinenfabrik Esslingen und richtete dort seine Gießerei ein. Noch heute leistet sich der Nobelkarossen-Hersteller als einer der wenigen in der Automobilbranche ein eigenes Gießwerk. Es wird mit Erfolg betrieben, Zylinderköpfe und Bremsscheiben aus Mettingen genügen höchsten Qualitätsanforderungen und überstehen auch den strapaziösen Einsatz in den Formel-eins-Silberpfeilen des Rennstalls McLaren-Mercedes.

Sekt in the City
Kellerei Kessler: Prickelnd, fein und spritzig

Ob "Kessler Hochgewächs", "Jägergrün", "Cabinet" oder "Kessler Gold", sie alle gären tief unten in den 800 Jahre alten Kellern des Speyrer Pfleghofs. In der Sektkellerei Kessler, der ältesten Deutschlands, werden die Flaschen vorsichtig mit der Hand gerüttelt und nur mildem Kerzenlicht ausgesetzt, bis sie die volle Reife haben.

Das kann bis zu fünf Jahre dauern. Schaumwein ist sensibel. Das lernte Georg Christian Kessler, als er Anfang des 19. Jahrhunderts in die Dienste von Veuve Clicquot in Reims trat, bis heute eine der berühmtesten Champagner-Manufakturen. 1826 kehrte Kessler zurück nach Esslingen und produzierte, was 50 Jahre später "Sekt" genannt werden sollte: deutschen Schaumwein, der nach der Champagner-Methode hergestellt wird. Seitdem steht Kesslers Sekt für höchsten Genuss, auf den weder der König von Württemberg noch der Reichskanzler Bismarck verzichten mochte.

In den Wirtschaftswunderjahren wurde Kessler zum Statussymbol, das - na wer wohl - die Kessler-Zwillinge bewarben. Heute behauptet sich das Haus der feinen, kleinen Marke erfolgreich gegen die Sektmultis. Und nutzt dabei auch moderne Mittel. Zwischen dem Weinlager und den stimmungsvollen Kellergewölben verläuft eine unterirdische Weinpipeline. Ihren genauen Verlauf kennen allerdings nur wenige Mitarbeiter im Unternehmen. Zu groß wäre die Versuchung, sie anzuzapfen.

Von Flaschengeistern, Abschleppern und Luftnummern

Whisky von der Alb
Thomas Rabels schwäbische Flaschengeister

Der Whisky, den Thomas Rabel destilliert, ist so rau wie die schwäbischen Highlands, aus denen er kommt. Er hat eine honiggelbe Farbe, schmeckt ein bisschen nach Bourbon und ein bisschen nach Scotch. Schwäbischer Whisky? Warum nicht. Alles, was Thomas Rabel dafür braucht, gibt es bei ihm vor der Haustür. Der Weizen kommt von den Feldern des Albtrauf, Quellwasser aus der Tiefe der Schwäbischen Alb. Der Rest ist Geduld und Erfahrung: Erst lagert der Whisky zwei Jahre im Tonfass und dann sechs Jahre in alten Eichenfässern.

Nach dieser Zeit ist er auf ein Drittel des ursprünglichen Volumens verdunstet und wird in schlanke Flaschen gefüllt. Thomas Rabel hat die Kunst des Destillierens von seinem Vater gelernt, von dem er auch den Hof in Owen, unterhalb der Burg Teck übernommen hat. Hier brennt er wie der Vater Mirabellengeist und Zwetschgenwasser. Die Früchte dafür kommen von den umliegenden Streuobstwiesen. Aber der Junior wollte auch immer mal was Neues probieren, und sein Whisky hat schon eine Fan-Gemeinde. Auch der "Hägen-Scherry", ein Destillat aus Hagebuttenwein, ist einen Versuch wert. Sherry aus Hagebutten? Warum eigentlich nicht.

Abschleppen!
Schopf Maschinenbau kommt, wenn sich nichts vom Fleck rührt

Schopfs Stärkster ist eckig, bullig und meistens grellorange lackiert. Er bringt 70 Tonnen auf die Wage und hat 408 PS. Damit zieht er jeden Jumbo-Jet mit Leichtigkeit auf die Startbahn. Schopf aus Ostfildern ist Spezialist für schweres Gerät. Seine Fahrzeuge schleppen und beladen Flugzeuge. Die Bagger, die aussehen wie Panzer, räumen Felsen beiseite. Typisch schwäbischer Tüftlergeist machte das Unternehmen zu einem der Marktführer für die bulligen Schleppfahrzeuge. Bald nach dem Krieg begann Firmengründer Jörg Schopf Schaufellader für den Bergbau zu konstruieren. In den fünfziger Jahren präsentierte der Ingenieur das erste allradgetriebenen Exemplar.

Heute ist Schopf ein schwäbischer Global Player. 90 Prozent der PS-starken Nutzfahrzeuge gehen ins Ausland und tragen das Label "Made in Germany by Schopf". Neueste Entwicklung ist ein ferngesteuerter Flugzeugschlepper, der sich an die Maschinen andockt und sie wie von Geisterhand auf die richtige Position zieht. Da musste selbst der heute 85-jährige Firmengründer staunen.

Luftnummern
Das Pneumatik-Unternehmen Festo arbeitet mit einem unsichtbaren Werkstoff

"Wir verkaufen Luft", sagen die Mitarbeiter von Festo manchmal im Spaß. Tatsächlich tüfteln die Ingenieure des Esslinger Unternehmens aber an Ventilen, Druckschaltern und neuen Antriebs- und Steuerungstechniken, die alle eines gemeinsam haben: Sie beruhen auf dem unsichtbaren Werkstoff Luft. Zu Beginn spezialisiert auf die Produktion von Motorsägen, dreht sich bei Festo seit mehr als 50 Jahren alles um Luft. Heute sind die Esslinger mit ihrer schier unüberschaubaren Produktpalette Exportmeister und haben weltweit 56 Landesgesellschaften mit mehr als 2500 Niederlassungen.

Das Ergebnis ihres schwäbischen Forscherdrangs sind futuristische Gebilde, die in jedem James-Bond-Film ihren Auftritt haben könnten: eine aufblasbare Ausstellungshalle, elektrische Fische, die auf Entfernung kaum von echten zu unterscheiden sind, silbrige Luftschiffe, die aussehen wie Stachelrochen. Mit den Vehikeln, an denen Jules Verne seine Freude gehabt hätte, sollen neue Antriebstechniken getestet werden.

Heute schon können Naturforscher mit ihrer Hilfe zu Wasser und in der Luft Messungen in Gegenden ausführen, die Menschen eigentlich unzugänglich sind. Das Geheimnis dieser Bewegungswunder heißt Bionic: Die Festo-Ingenieure nehmen sich die Natur zum Vorbild und versuchen, die Bewegungsabläufe der Tiere zu kopieren. Als Kanzlerin Angela Merkel auf der Hannover Messe einen kräftigen Händedruck von einem Roboter empfing, funktionierte das mit Festo-Technik. Das Esslinger Unternehmen hatte einen neu entwickelten, künstlichen Muskel eingebaut. Der Bizeps des Roboters war mit nichts anderem gefüllt - als Luft.

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Autor:
Benno Stieber