Landkreis Esslingen Radtour durch das Albvorland

Nein, ich werde mich nicht in eine hautenge Neon-Pelle quetschen. Und auch nicht in gepolsterte Radlerhosen. Selbst wenn das hier im Landkreis Esslingen Pflicht zu sein scheint. Schon auf den ersten Metern werde ich von Hundertschaften drahtiger Männer in diesem bunten Sportler-Dress abgehängt. Ich radle in Zivil und lasse mich getrost von den Profis überholen. Schließlich ist das Ziel meiner Reise weniger sportlicher als kultureller Natur.

Ich will auf den Spuren der Dichter Hölderlin und Mörike, beides Schwaben und beides Söhne von Pastorentöchtern, durch den Landkreis Esslingen radeln, wo auch TV-Entertainer Harald Schmidt herstammt. Ein gewesener Meßdiener, den allein das Zölibat vom Priesteramt abgehalten habe, wie er einmal bekannte. Eine geistig und geistlich erhabene Gegend also. Hose und Bluse erscheinen mir da angemessener als grellgelbe Funktionskleidung.

Von Kirchheim unter Teck geht meine "Tour de Culture" durch das Neckartal nach Nürtingen, die Heimatstadt von Harald Schmidt, die auch eine Lebensstation des Dichters Friedrich Hölderlin war. Schon im ersten Ort hinter Kirchheim geht es bergauf. Von wegen Tal. Beim Blick auf die Karte sehe ich, dass ich auf einen falschen Radweg geraten bin. Irgendwann finde ich den Weg zum Neckar und radle, bis sich auf einer kleinen Anhöhe eine Kirche zwischen dichtgedrängten Häusern stolz emporreckt: Nürtingen. Ich schiebe mein Rad die Neckarsteige hoch. Als vierjähriger Knabe zog Hölderlin, der 1770 in Lauffen am Neckar geboren wurde, hierher und war fortan mit der Stadt verbunden, da seine Mutter bis zu ihrem Tod 1828 in Nürtingen lebte. Zur Erinnerung gibt es "Hölderlin-Pralinés" zu kaufen. "Harald-Schmidt-Drops" suche ich dagegen vergeblich.

Mit einer Audioführung kann man auf Hölderlins Spuren durch die Stadt wandern. Mein Mann im Ohr ist kein geringerer als George Clooney. Vielmehr seine deutsche Synchronstimme, Martin Umbach, der ebenfalls in Nürtingen aufwuchs. Er führt mich quer durch die Altstadt, zum Neckar, zur Lateinschule und zum Hölderlinhaus.

Nach anderthalb Stunden hat George mir nichts mehr zu sagen. Macht aber nichts, denn ich bin ganz berauscht von Clooneys Stimme und Hölderlins Versen. Einen kleinen Abstecher leiste ich mir dennoch: Die St.-Johannes-Kirche in Nürtingen, die der Stuttgarter Bildhauer und Maler Otto Herbert Hajek gestaltete. Sein Altarbild leuchtet rot, gelb, blau und golden. Genauer: zwölf Quadrate, drei Rechtecke und die drei markanten Goldzeichen, darunter ein Dreieck, das sich auch in der Ausschmückung der Orgelempore wiederfindet. 1956 hatte Hajek mit seiner Arbeit begonnen, dann gab es Streit, die Kirchenoberen entzogen Hajek den Auftrag. Erst mehr als 30 Jahre später wurde er mit der Fertigstellung beauftragt. Von 1988 bis ein Jahr vor seinem Tod, 2004, vollendete Hajek seine Arbeit.

Wer keine geraden Linien mag, sollte sich die Kirche sparen und besser zum Werk des Wieners Friedensreich Hundertwasser radeln. In Plochingen hat er 1992 eine Wohnanlage mit organischen Formen verziert, der Turm mit seinen goldenen Kugeln ist zum Wahrzeichen der Stadt geworden. Im Innenhof wuchert Grün überall - ein verwunschenes Paradies: bunt und rund. Am nächsten Morgen richtet sich der Blick auf neue Etappenziele: die 1489 erbaute Peterskirche in Weilheim an der Teck und das um 1129 gegründete Kloster in Denkendorf. Entspannt geht es am Flüsschen Lindach entlang bis nach Weilheim. In der Peterskirche sind Kunstschätze aus fünf Jahrhunderten zu sehen. Die Darstellung des Jüngsten Gerichts von Thomas Schick dem Älteren nimmt eine ganze Wand ein. Auf den ersten Blick ist das Bildnis nicht mehr als Ganzes zu erkennen, weil es beim späteren Einbau des Gewölbes, 1522, in drei Teile geteilt wurde. Links ist der Eingang zur Hölle zu sehen. Dass mir anschließend meine Fahrt nach Denkendorf als persönliche Höllenfahrt in Erinnerung bleiben wird, ist da noch nicht zu erahnen.

Bei der nächsten kleinen Steigung auf dem Weg zum Kloster passiert, was ich lange befürchtet hatte: Kein grellgelb gekleideter Sportler, nein, ein drahtiger Rentner radelt zügig an mir vorbei. Ich versuche an seinem Hinterrad zu bleiben, kann aber nicht mithalten. Ich muss absteigen und schieben. Was ist das für ein Land, wo selbst die Rentner noch so radelnd rasen? Gedemütigt komme ich im Kloster Denkendorf an, das auch "Klein-Jerusalem" genannt wurde.

Vom 13. bis ins 16. Jahrhundert war Denkendorf Ersatzwallfahrtsort für eine Pilgerreise ins Heilige Land. Die Krypta mit dem leeren Grab Christi ist heute noch zu bewundern. Neben dem Chor geht es ein paar Stufen hinab. Die Wandmalereien von 1515 zeigen das Gastmahl des Herodes, Szenen aus dem Leben des heiligen Martin und die Enthauptung des Täufers Johannes. In der Reformation wurde der Wallfahrtsort in eine evangelischen Klosterschule umgewandelt. Friedrich Hölderlin, der hier ab 1784 zur Schule ging, war der berühmteste Schüler. Mein Weg zurück nach Kirchheim verläuft ohne weitere sportliche Katastrophen. Nach dem Frühstück geht es in die Schwäbische Alb. Der Wirt Gerhard Hepperle, selbst begeisterter Radfahrer, empfiehlt diese Tour unbedingt: Randecker Maar, das Pfarrhaus Mörikes in Ochsenwang und der Breitenstein sind die Etappen.

Es geht steil die Alb hinauf, das bedeutet, ich schiebe. Im ehemaligen Vulkanschlot, dem Randecker Maar, gibt es erst mal das Picknick, das mir mein Wirt fürsorglich eingepackt hat. Die 17 Millionen Jahre alten Felsbrocken des Maars dienen als Rückenstütze. Von hier erscheinen die Dörfer unten im Tal winzig. Wie hatte Senior Alfred Hepperle gesagt: "Da sehet Sie, wie d'Weld aufgehd!" Wie Mörike diese Gegend wohl beschrieben hat? Von 1832 bis 1833 lebte der Schriftsteller im Pfarrhaus von Ochsenwang. Eine Station seiner "Vicariats- Knechtschaft". Heute erinnern zwei rekonstruierte Stuben an ihn. Frau König, die den Schlüssel für die Stuben verwahrt, ist eine versierte Mörike-Kennerin, und weil ich kein Gedicht aufsagen kann, springt sie ein.

Die kleine Kirche direkt gegenüber dem Pfarrhaus beschreibt er als "reinlich und rührend klein, wie von Kinderhänden aufgestutzt". Gern öffnet Frau König auch die Türen des Gotteshauses. Seit 1832, als der Dichter hier Dienst tat, hat sich kaum etwas verändert.

Zum Abschied des Mörike-Crashkurses verordnet Frau König einen Spaziergang zum Breitenstein. Mit einem Büchlein zur Vertiefung mache ich mich auf den Weg: "Da sieht man im Tal die Äcker und Felder, schon sauber gepflügt in niedlicher Kleinheit, ... und die Häuslein des Dorfs nur leicht hingewürfelt?" Bei der rasanten Abfahrt ins Tal wachsen die Miniaturhäuser, die Dichter Mörike und Wirt Hepperle besungen haben, auf Normalgröße. Endlich erreiche auch ich einmal mühelos Höchstgeschwindigkeit.

Am vorletzten Tag geht es beschaulicher zu. Ich will ins Papiermuseum Oberlenningen und zum Freilichtmuseum Beuren. Auf der ersten Etappe muss ich eine stetige Steigung bezwingen, so dass ich außer Puste beim Papiermuseum ankomme. Erstaunlich, wie viele Kinder in das Museum stürmen. Der Grund: In dem Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert ist auch die Stadtbücherei untergebracht.

Auch der nächste Abschnitt meiner Tour bringt mich ins Schwitzen, sodass ich mein Rad auf die nächsten Anhöhen schiebe. Das Freilichtmuseum in Beuren beherbergt 22 Gebäude aus fünf Jahrhunderten aus dieser Gegend. Mein Augenmerk erweckt das Atelier des Fotografen Otto Hofmann aus Kirchheim. 1899 posierte vor der gemalten Kulisse der Burg Teck Hermann Hesse mit seinen Freunden. Mit seinem Freundeskreis "petit cénacle" verbrachte der schwäbische Weltliterat im August 1899 ein paar Ferientage in Kirchheim. Der 22 Jahre alte Hesse verliebte sich damals in die Wirtsnichte Julie Hellmann. Die Erzählung "Lulu" erinnert an diese unglückliche Sommer- Schwärmerei.

Ich schiebe mein Rad zurück zum Verleih und sehe ein: Ein gebrochenes Herz, das sich der Dichter hier holte, ist schlimmer als ein bisschen Muskelkater von vier Tagen Radfahren.

Schlagworte:
Autor:
Karola Kostede