Esslingen Mittelaltermarkt

Als die Zeiten noch finster waren, tauchten nicht mal Fackeln die Gassen der Esslinger Altstadt in Licht. Männer wie Frauen waren in grobe Stoffe gewandet, und zu essen gab es Hirsebrei und dünne Suppen. Ein karge Zeit, dieses Mittelalter. Eigentlich keine gute Vorlage, um daraus ein paar hundert Jahre später ein faszinierendes, opulentes Spektakel zu machen.

Oder vielleicht doch nur eine Frage der Phantasie? Wenn man heute kurz vor Weihnachten in Esslingen vom Marktplatz am Rathaus vorbei zum Hafenmarkt schlendert, möchte man sofort glauben, dass das Mittelalter ein einziges Volksfest war. Ein begeisterndes Open-Air- Schauspiel, dessen historischen Gehalt man aber nicht überbewerten sollte: Da gehen Männer in buntgestreiften Strumpfhosen und Frauen in tief dekolletierten Marketenderinnen-Kleidern. Es zieht ein Geruch von Holzkohlefeuer und exotischen Gewürzen durch die Gassen. An jeder Ecke brutzelt ein Spanferkel über dem Feuer. Ausgelassen und derbe geht es zu. Der Spielmann singt auf offener Straße Spottlieder auf "des Pfaffen Arschgesicht", und der Besenbinder ruft mit zweideutigem Unterton den Mädchen hinterher: "Wohin des Wegs, holde Maid? Hat der edle Recke neben Euch auch alles für Euer Wohl getan?" Dann lässt Esslingen vor seiner grandiosen Altstadtkulisse noch einmal das Mittelalter lebendig werden - oder das, was sich kleine und große Jungs darunter vorstellen.

Während die Welt auf unsichtbaren Datennetzen zum globalen Dorf zusammenrückt, wächst offenbar die Sehnsucht nach alten Zeiten, die zwar hygienisch und kulinarisch bescheiden waren, aber eben auch übersichtlich und handfest. Von dieser Sehnsucht zeugen Fluten historischer Romane und eben eine Million Besucher des Esslinger Weihnachtsmarkts, die eigentlich ganz fest im Hier und Jetzt stehen, aber gerne mal für einen Tag ins Säkulum der Ritter und Burgfräuleins eintauchen.

Ein Schild an einem bunten Zelt verspricht "Märchen für mutige Mädchen", und die Kleinen kommen in Massen, um sich wohlig zu gruseln. Die dampfenden Badeeimer der Zuberwölfin sind für Mutige beiderlei Geschlechts. In ihrem mobilen Badehaus steigt man weitgehend textilfrei in den Bottich - gerne auch zu mehreren. Badehäuser waren im Mittelalter eine frivole Angelegenheit, und daran knüpft Zuberwölfin Marita schamlos an: Wer wolle, könne sich nachher noch von ihr "flachlegen lassen", sagt sie lachend. Zur Lockerung der Nackenmuskeln auf der Massagebank natürlich, was sonst. Einen schmerzenden Backenzahn, den man früher vom Bader "reißen" ließ, lässt die Zuberwölfin im dritten Jahrtausend lieber in Ruhe. Mit Zahnschmerzen wäre man bei Miriam, der Kräuterfee, in besseren Händen. Die blonde Magd mit einer charmanten Zahnlücke hat allerlei Tinkturen und Auszüge im Sortiment. Die Kräuter destilliert sie vor den staunenden Marktbesuchern in einer Kupferapparatur zu Duftwässern und Kräuteressenzen.

Große Kulisse für eine großartige Zeitreise

Das wenigste hier ist historisch haltbar, schon weil das Mittelalter fast tausend höchst unterschiedliche Jahre umfasst. Aber es steckt auch ein wahrer Kern im Mittelaltermarkt: Kaum irgendwo sonst kann man heute alte, fast vergessene Handwerksberufe erleben, Filzer, Schmiede, Korbmacher und Kalligrafen. Der Kerzenzieher gewinnt seine Kerzen nicht aus Wachs, sondern wie damals aus einer Mischung aus Harz und Rindertalg.

Viele der Marktleute zählen sich tatsächlich zum fahrenden Volk: Jacek der Lederer etwa, der auch privat nicht aus den Pumphosen und dem Samtwams herauskommt. Er war gerade in Russland, wo er seine Gürtel angeboten hat. Oder André der Sattler, der seine Produkte so kunstvoll mit Silbernieten beschlägt. Er schläft auch bei der größten Kälte in seinem Stand, anstatt ins Hotel zu gehen.

Auch Kuno aus Witten, der Wirt vom "Wilden Hahn", ist das ganze Jahr unterwegs. Ein Seeräubertyp mit großem Ohrring und langen, strähnigen Haaren. An der Theke streiten sich die Marktleute manchmal wie die Kesselflicker, und irgendwann liegen sie sich dann lachend in den Armen. Die Macht des Hypocras, grinst Kuno. Der französische Würzwein, nach einem Geheimrezept gebraut, hat wundersame Kräfte.

"Die Mittelaltermärkte sind so eine Alt-Hippie-Sache", sagt Didi aus Landau. Er ist ja selbst so einer. 51Jahre alt, runde Nickelbrille, schwarzes Seeräubertuch und Stoppelbart. Seit Jahren wartet er auf eine Stelle als Lehrer. Und bis das was wird, zieht er über die Mittelaltermärkte in Süddeutschland, erzählt Märchen und singt mit den Kindern alte Weisen. Er genieße die Gemeinschaft mit den Kollegen von den anderen Ständen, sagt er. Die Marktleute sind eine verschworene Gemeinschaft, man trifft sich auf Veranstaltungen in ganz Europa. Sehr menschlich gehe es unter den Marktleuten zu, ohne viel Konkurrenzdenken, sagt Didi.

Abends um halb neun schließen sie dann ihre Stände ab, die Besucher gehen heim in ihre zentralgeheizten Wohnungen. Das Mittelalter macht Feierabend. Fast. Denn die Nacht ist noch jung, und so ziehen die Leute vom Markt weiter in "Siggis Weinstub". Didi, der Geschichtenerzähler, Kuno, der Wirt, und Miriam, die Kräuterfee. Einer packt die Laute aus, es kommen welche mit Trommeln und Pfeifen dazu, und irgendwann singt die ganze Weinstube derbe Landsknechtslieder. Draußen vor dem Lokal prustet Jens der Feuerspucker taghelle Flammen in den Nachthimmel. Nein, ganz so kalt und finster kann das Mittelalter nicht gewesen sein.

Autor:
Benno Stieber