Schwäbische Alb Holzmadens Museum Hauff

O diese Seelilien! Sie wiegen ihre zarten Körper, Blüten gleich, im warmen Wasser, schweben heran, eine Wolke aus federleichten Wesen. Sie treiben an einem Baumstamm und ihre Kelche, rosa und hellgrün schimmernd, überlassen sich der Strömung. Eine tropische Meereswelt auf einer fremdartigen Erde unvorstellbar lang vor unserer Zeit.

Heute haben die Seelilien ihre Farbe verloren, aber nicht ihre Form, noch immer verzaubert ihre Anmut. Die Kolonie ziert eine 18 Meter lange Wand im , sie ist in Größe und Erhaltung einzigartig auf der Welt. Die auf dem Holz sitzenden Tiere, Verwandte der Seesterne, scheinen noch immer zu leben. Aber die Seelilien starben, der zwölf Meter lange Baumstamm mit der Kolonie sank auf den Meeresboden, beide wurden von feinem Schlamm bedeckt und zu einer flachen Schicht gepresst.

So lagen die Schönheiten 180 Millionen Jahre, pflanzliche Reste in den Sedimenten verwandelten sich allmählich in Öl. Dann schoben sich die Kontinente übereinander, der Meeresboden hob sich um tausend Meter, und das Wasser floss ab. Farn- und Nadelwälder wuchsen über dem öligen Schlamm, der nun zu Schiefer gepresst war, Saurier stapften umher und starben aus, Blütenpflanzen, Säugetiere und Vögel tauchten auf, und in der erdgeschichtlich allerletzten Minute dieser langen Zeit erschien der Mensch und begann den Ölschiefer abzubauen.

Einer von ihnen war Alwin Hauff. Das war im 19. Jahrhundert. Der schwäbische Chemiker wollte Öl aus Schiefer gewinnen, er war der Begründer der Holzmadener Schieferindustrie, später stellte er Baumaterial und Schieferplatten her. Ein gutes Geschäft. Und nebenbei befreiten seine Arbeiter mit jedem Brocken, den sie ans Licht holten, Fossilien aus ihrem unterirdischen Dasein. Immer wieder waren an den Bruchflächen Formen zu sehen, die Skelette oder Gehäuse unbekannter Lebensformen andeuteten. Das weckte die Neugier seines Sohnes Bernhard. Er begann, die Platten zu präparieren, baute sich spezielles Werkzeug und legte ein Skelett nach dem anderen frei.

Die damaligen Forscher waren begeistert von seiner Arbeit, und als es 1892 dem 26-Jährigen gelang, dem Schiefer auch Weichteile und damit die Lebenskonturen eines Fischsauriers zu entlocken, war er mit einem Schlag berühmt.

Nicht alle Fossilien aus dem Holzmadener Schiefer sind so spektakulär. Klaus Nilkens kramt in der Tasche seines Overalls und zieht einen Ammoniten hervor. Der Urzeit-Kalmar ist aus Gummi und zappelt daher heftiger, als es seine lebenden Vorbilder getan haben, wenn sie in die Zähne eines Sauriers gerieten. Die Kinder um Herrn Nilkens sind wenig beeindruckt von dem handtellergroßen Spielzeug, schließlich haben sie schon im Garten des Museums einen Supersaurier namens Diplodocus ausfindig gemacht, und der ist mit fast 30 Metern so lang wie ein schwäbisches Einfamilienhaus mit Wintergarten. Auch das Modell eines Schiefersteinbruchs, das sie umstellen, ist für sie weniger spannend als die blutrünstigen Deinonychen, Raubsaurier, die draußen ihre Krallen in die Schulter eines Iguanodons schlagen.

Die Freiluftmodelle von einzigartiger Präzision sind eine Reminiszenz an den Saurierhype der letzten Jahre, der eine ganze Generation an die Paläontologie heranführte. Aber es sind nicht diese Tiere, die das Museum Hauff, seine Präparate und die Ölschiefer von Holzmaden zu einer der ergiebigsten Fundstellen aus der Erdgeschichte gemacht haben. Jene mächtigen Tiere lebten an Land, und wo heute die Schwäbische Alb liegt, er streckte sich vor 180 Millionen Jahren ein flaches Meer. Jurassic Park war mindestens 100 Kilometer entfernt, hier war Jurassic Seaworld.

Jungsaurier zum Anfassen

Die Gören maulen und quietschen, aber Herr Nilkens hat eine Engelsgeduld. Er erklärt, dass Ammoniten zwar aussähen wie Schnecken, aber keine gewesen seien, sondern Tintenfische. Und dass die Schieferplatten nichts anderes seien als zusammengepresster Meeresboden. Einer der Kleinen gibt später seine Erkenntnisse weiter: "Das ist wie das Zeug an der Nordsee", sagt er über eine feuchte Schieferplatte und meint wohl das Watt vor Wangerooge. Gar nicht schlecht. Herrn Nilkens' Geduld hat sich gelohnt.

Klaus Nilkens setzt sie nicht nur bei Führungen ein, sondern vor allem bei seiner Arbeit als Präparator. Mit feinstem Gerät lässt er die Umrisse von Fischsauriern, Krokodilen und Seelilien hervortreten, die die Äonen auf Millimeterdicke zusammengepresst haben. Wo heute Holzmaden liegt, hatte das Meer eine Senke, in der sich sauerstoffarmes Wasser über dem Schlamm des Grundes sammelte, eine lebensfeindliche Welt, aber ein Segen für die Urweltforscher. Denn die Kadaver, die auf den Boden sanken, wurden weder von Aasfressern noch von Würmern oder Bakterien angegriffen, die hier nicht leben konnten. Sie wurden von Faulschlamm bedeckt und sanken im Lauf der Zeit unter dem Druck der Sedimente zusammen, die sich über ihnen aufbauten.

Die Formen von Knochen sind gut erhalten, die der Weichteile oft nur ein dünner Hauch zwischen schweren grauen Platten. Beim Abbau des Schiefers werden sie sichtbar, und ihr ungestörtes Lagern hat sie in faszinierendem Detailreichtum erhalten. Schon 1749 wurde hier ein Fischsaurier mit einem Embryo im Leib gefunden, und die Mageninhalte von Ichthyo- und Plesiosauren erzählen uns vom Schicksal kleiner Kalmare, die die Saurier in Mengen verspeist haben.

Die Präparation der Schieferskelette ist gleichwohl schwierig. Das tote Material trennt sich nicht vom einst lebenden, es gibt keine deutlichen Grenzen zwischen Relikt und Stein. Im Schiefer hat feinster Schlamm die Hohlräume der Knochen und Weichteile ausgefüllt, anderer, ebenso feiner, hat den Körper bedeckt. Das Fossil und seine Umgebung unterscheiden sich nicht in der Substanz, sondern allein in der Farbe: Die Reste der Tiere sind etwas heller, manchmal aber auch dunkler. Der Präparator muss sich mit feinem Stichel und Meißel an sein Ziel herantasten. Eine langwierige Arbeit unter Lupe und Mikroskop. An der Freilegung der großen Seelilienkolonie haben zwei Generationen von Präparatoren 18 Jahre lang gearbeitet.

Das geschieht ganz in der Tradition des Bernhard Hauff, der sein Leben den Fossilien widmete, vom württembergischen König mit der Goldmedaille für Kunst und Wissenschaft bedacht wurde und schließlich 1921 den Doktor h.c. der Universität Tübingen erhielt. Zu dem Zeitpunkt hatte er das Schieferwerk längst verkauft, seine Präparate hingen in Museen und Forschungseinrichtungen. Als er 1937 sein eigenes Museum baute, konnte er das gemeinsam mit seinem Sohn tun, der ebenfalls Bernhard hieß, aber schon ein promovierter Geologe war, genau wie Rolf Bernhard Hauff, der heute in dritter Generation das Privatmuseum in seinem Neubau leitet. Sie alle haben eine Fülle von Tieren der Jurameere zur Anschauung gebracht, die weit mehr sind als wissenschaftlich interessant, sie sind auch von großem ästhetischen Reiz: Die Ichthyosaurier, manche von ihnen groß wie Pottwale, die sich mit der Eleganz von Delfinen bewegten und wie diese ihre Jungen lebend zur Welt brachten. Die Plesiosaurier, die mit vier großen Gliedmaßen durchs Wasser taumelten wie Schildkröten. Die Krokodile, die schon damals eine uralte Lebensform darstellten und deren Anatomie sich bis heute kaum verändert hat: die erfolgreichsten Jäger aller Zeiten. Die Flugsaurier, die den langen Weg vom Festland auf sich nahmen, um hier nach den ersten echten Knochenfischen zu tauchen, und die Menge der Ammoniten und Belemniten, Tintenfische, die in der Nahrungskette einen ziemlich schlechten Stand hatten.

Für die Meeresfauna des Erdmittelalters ist Holzmaden die bedeutendste Fundstätte der Welt, in Deutschland nur vergleichbar mit dem Unesco- Welterbe der Grube Messel bei Darmstadt, aber deren Urpferdchen sind 130 Millionen Jahre jünger. Präparate aus Holzmaden finden sich im Smithonian Institute in Washington, im Tokioter Nationalmuseum oder im Natural History Museum Chicago. Selbst der in der Evolutionstheorie nicht besonders profilierte Vatikan besitzt mehrere Ammoniten, und auch Boris Becker hat sich einen zugelegt.

Es mag auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, dass jedermann die freigelegte Fauna kaufen kann. Die Irritation rührt aus der Annahme, dass Fossilien selten seien. Aber das sind sie nicht, in Holzmadens Schieferbrüchen liegen sie in Massen herum, von Rügens Kreidefelsen rieseln sie dem Wanderer entgegen, in den Dolomiten haben sich ganze Gebirge aus fossilen Muschelbänken auf- getürmt. Doch so weit braucht man gar nicht zu fahren, selbst in der Stuttgarter Innenstadt ist manches repräsentative Gebäude mit Platten verkleidet, aus denen Lebewesen von vor Jahrmillionen herausschauen. Auch in Holzmaden braucht es nur ein paar Schritte über die Straße, und schon steht man im Schieferbruch, zerbrechen die kleinen Platten unter den Schuhen, jenes Material, aus dem man früher Schultafeln und Dachschindeln machte und heute edle Fensterbänke und Tischplatten.

Nur der sogenannte Fleins, eine Schicht von 18 Zentimetern Stärke im etwa sechs Meter mächtigen Schiefergestein, eignet sich zur Verwertung im Bereich schönen Wohnens, alles andere wird abgeräumt, auch die Bergung der Platten wird maschinell betrieben, wodurch ein großer Teil der Fossilien verloren geht. Zwar haben die Arbeiter der Steinbrüche mittlerweile einen geschulten Blick für Fossilien. Aber den können sie auch nur in jener Fleinsschicht anwenden. Der Rest ist Abraum, den einige Brüche zugänglich machen. Gegen Eintritt kann jeder im Schiefer wühlen und hämmern und mitnehmen, soviel er tragen kann. Ein offensichtlicher Heidenspaß für viele junge Leute und einige ernsthafte Sammler.

Diese Schieferbrüche, grau und nass, sind keine Schönheiten. Aber sie können Plätze intensiver Imagination sein: Dort oben, wo das warme lichte Wasser war, streifte ein Schwarm Fische, durchstieß ein Flugsaurier die silberne Oberfläche des Jurameers. Vor unvorstellbar langer Zeit. Hier unten lagen die Körper gestorbener Tiere im feinen Schlamm.

Wer dann ein Stück Schiefer aufbricht und das silbrige Perlmutt eines winzigen Ammoniten nach 180 Millionen Jahren wieder der Sonne zeigt, kann sich eines Gefühls tiefer Ehrfurcht kaum erwehren. Und Geduld lohnt sich: Wer weitersucht, findet vielleicht den Wirbel eines Saurierbabys, und unter der nächsten grauen Scherbe könnte sich der anmutige Kelch eine Seelilie verbergen.

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Autor:
Roland Benn