Esslingen Die Altstadt

Das Haus steht seit 666 Jahren am Kopf der Apothekergasse. Es überstand den Dreißigjährigen Krieg, den großen Stadtbrand von 1701, Napoleon und zwei Weltkriege. Aber Thomas Böhmerle, der Hausherr, sagt: "Es ist noch längst nicht fertig." Böhmerle steht zwischen den dunklen Holzbalken, die den Wohnraum unter dem Dach teilen. Rechts das Sofa, links die stahlblitzende, offene Küche. Zwischen dem luftigen Wohnraum und dem Dach ist noch Platz für eine Galerie, die soll aber erst später kommen. Auch das Bad unten im zweiten Stock, das genau genommen mitten im Flur steht, wartet noch auf den letzten Schliff. Und unten im Laden, wo Thomas Böhmerle sein Büro einrichten will, ist der Marmorino-Putz gerade erst trocken.

"Eigentlich wird so ein Haus nie richtig fertig", sagt Böhmerle. Schließlich hat es sich seit dem Bau 1341 ständig verändert. Was sind da schon anderthalb Jahre Sanierung. Böhmerle ist Autodidakt. Seit er ein Maschinenbaustudium aufgab, brachte er sich vieles selbst bei. Jedenfalls alles, was man braucht, um ein Bauunternehmen zu gründen und in Thüringen zehn Jahre lang erfolgreich Wohnhäuser zu bauen. In seiner Heimatstadt Esslingen fand Böhmerle dann das Haus, das ihn zum Altbauexperten machte.

In Wirklichkeit hat es Dagmar gefunden, seine Frau. Als sie im Internet auf Wohnungssuche war. "Ich steh' ja gar nicht so auf Fachwerk", sagt Dagmar Böhmerle. Die blonde, große Frau kann sich nicht für Hexenhausromantik begeistern, ihr liegen mehr die klaren, modernen Linien. Schließlich hat sie früher als Fotografin die neuesten Modelle von Daimler und Porsche ins rechte Licht gerückt. Doch dass das Haus an der Apothekergasse ein Fachwerkhaus ist, war damals nicht ohne weiteres zu erkennen. Die Holzbalken, die heute in warmem Ockergelb leuchten, waren noch unter Beton und Raufaser versteckt. Im Parterre lag Müll herum, Reste einer Videothek.

"Im Dachstuhl wateten wir knöcheltief im Taubendreck", erinnert sich Dagmar. "Und da sollten Wohnzimmer und Küche hin?" Doch ihr Mann lüftete wortlos einen Dachziegel, und das Licht fiel in den dunklen Dachstuhl. Plötzlich lagen da die Weinberge und die Burg, und Thomas fragte Dagmar: "Kannst du dir das als Wohnzimmerblick vorstellen?" Dann machten sich beide an die Arbeit. Wie das Ehepaar Böhmerle haben viele Häuslebauer, die nicht in Reihenhaus und Neubaugebiet wohnen wollten, Esslingens mittelalterliche Innenstadt zu ihrer Heimat gemacht. So haben sie ihren Traum von einem eigenen Haus verwirklicht.

Sie sind eigentlich Häusleumbauer, kratzen vorsichtig den Lehm zwischen den Fachwerkbalken heraus und lösen ihn mit Wasser aus seiner jahrhundertelangen Erstarrung. Dann verputzen sie die Gefache damit neu. Sie suchen im Stadtarchiv nach Bauverordnungen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, um zu erfahren, wie ihr Haus ursprünglich aussah. Und sie legen sich auch mal mit dem Denkmalamt an, wenn es die Stahlkonstruktion für die neue Dachterrasse nicht genehmigen will. Oder sie umgehen die Vorschriften elegant wie der Bildhauer Matthias Kunisch. Sein Atelier liegt in einer denkmalgeschützten Werkhalle. Weil das Denkmalamt keinerlei Umbauten erlaubte, baute er kurzerhand einen dreistöckigen Wohnturm aus Holz in die Halle. "Wenn es Probleme gibt, sage ich einfach, das ist ein Schrank", erklärt Kunisch trocken.

So gut lebt man in einem Denkmal

Rafael Treite ist Besitzer eines Hauses in der Heugasse. Drei Stockwerke, ein riesiger Dachstuhl, 600 Quadratmeter Wohnfläche, dazu ein großer gotischer Gewölbekeller. "Eigentlich haben wir nur eine größere Wohnung gesucht", erzählt er, "doch bezahlbare Wohnungen für eine vierköpfige Familie waren rund um Stuttgart nicht zu finden. Dann stießen wir auf dieses Fachwerkhaus. Wir sahen es nur von außen und wussten gleich: Das ist es." Man kann sich Rafael Treite, 35, nur schwer in fleckigen Latzhosen und mit einer Maurerkelle bewaffnet vorstellen. Auf der Nase hat er eine orangerote Plastikbrille. Die Brille, sagt er, sei sein Markenzeichen. Treite moderiert Werbe-Events und Galas. Auf Werbeplakaten ist er als "Maultaschen-Typ" anzutreffen. Aber wenn er anfängt, über die Vorteile der "Aufsparrendämmung" gegenüber der "Zwischensparrendämmung" zu dozieren, zeigt sich der Fachmann.

"Wir sind in das Thema reingewachsen", sagt der Familienvater. Er hat sich belesen und den Nachbarn, einen alten Architekten, um Rat gefragt. Irgendwann nahm Treite, der Maultaschen-Typ, den großen Hammer und klopfte den Putz von den Wänden. Zuerst wurden die Wohnungen im ersten Stock saniert, damit sie schnell vermietet werden konnten, erst danach die eigenen vier Wände. Derweil wohnte die Familie in zwei kleinen Zimmern, die Kinder waren häufig bei den Großeltern. "Manchmal dachte ich, wir schaffen das nicht", sagt Treite, und seine Frau, eine resolute Sportlehrerin, sagt: "Das Gute ist, dass wir uns in unseren Krisen immer abgewechselt haben." Heute wissen beide, dass die Zeit sie zusammengeschweißt hat.

Das Wohnen im Altbau hat das Leben seiner Bewohner verändert. Die Treites machte es ungeplant zu Vermietern. Thomas und Dagmar Böhmerle verhalf es zu einer neuen Geschäftsidee. Überall in der Umgebung suchen sie jetzt nach sanierungsbedürftigen Altbauten, finden neue Besitzer und renovieren dann nach deren Wünschen das alte Haus.

So hat Thomas Böhmerle dem Pfarrer Manfred Scholl und seiner Frau Susanne zu einem Apartment in einem Haus von 1820 verholfen. Hier befand sich einst die Gaststätte, in der 1848 ein Esslinger Bürgeraufruhr gegen den Obrigkeitsstaat organisiert wurde. Pfarrer Scholl sagt: "Wenn ich mal alt bin, gründe ich hier wieder einen revolutionären Stammtisch." Bis dahin blasen er und seine Frau Tuba und Posaune, und niemanden der anderen Hausbewohner stört es.

"In einem alten Haus spürt man immer die Geschichte", sagt Ekkehard Weiß, der mit Böhmerle das Haus, in dem die Scholls wohnen, hergerichtet hat. "Man muss sich vorstellen, dass wir noch heute von der Körperkraft der Zimmerleute profitieren, die vor 700 Jahren hier gearbeitet haben." Weiß wohnt in einer Art Villa Kunterbunt in der Franziskanergasse. Ein Drei-Generationen-Haus. Hier leben er und seine Frau Claudia, die beiden Töchter Amoena und Florinda. Und oben unterm Dach Cornelia Hering. "Eigentlich sind es mir fast zu wenige Treppen", sagt die 56-Jährige, wenn man schnaufend in ihrer Dachgeschosswohnung angekommen ist. Die Wohnung ist in Wirklichkeit ein Zimmer von vielleicht 20 Quadratmetern. Aber das ist eine Frage der Sichtweise: Die enge Kochnische nennt Cornelia Hering ihre "Wohnküche", das Eck unter der Schräge, wo ihr Laptop steht, ist das "Büro". Und hoch über allem schwebend, unter dem Dach, liegt das Schlafzimmer. Das Bett da oben ist nur über einen schmalen Steg zu erreichen.

Cornelia Hering hat früher in viel größeren Wohnungen gelebt. Aber so wohl wie hier habe sie sich nie gefühlt." Wissen Sie", sagt die vitale Frau, "viele Quadratmeter sind ja beim Wohnen nicht alles." So sieht das auch Ekkehard Weiß, der gleich die Schriften eines japanischen Philosophen zitiert, in denen Enge und Schatten gelobt werden. "Im Winter ist unser Haus eben ein bisschen dunkel", sagt er dann. "Aber es hat Atmosphäre." Doch ganz wollten die Weißens nicht auf Licht und Sonne verzichten. Sie stritten mit dem Denkmalamt um eine Terrassenkonstruktion. Nach einer verfügten Baueinstellung und harten Diskussionen schwingt sich heute hoch über den Dächern der Stadt eine spektakuläre Dachterrasse.

"Es ist Unsinn, ein altes Haus im Urzustand erhalten zu wollen", sagt Thomas Böhmerle, der Autodidakt aus der Apothekergasse. In welchem Urzustand überhaupt? Die Häuser seien im Laufe der Jahrhunderte von den Menschen, die sie bewohnten, immer verändert und Moden angepasst worden.

Die Streitigkeiten sind inzwischen beigelegt. Beim Denkmalamt haben mit dem Personal auch die Ansichten gewechselt. Esslingen ist stolz, dass sein historisches Zentrum nicht wie anderswo zum Museum erstarrt ist, sondern bewohnt und gestaltet wird. "Das merkt man an den vielen Stadtführungen, die hier vorbeikommen", sagt Katja Lutz und kichert. Sie bewohnt das Erdgeschoss im Haus der Treites. Von außen sieht die Wohnung aus wie ein Laden. Die Tür und alle Fenster führen direkt auf die Gasse.

An einem Morgen hatte Katja die Wohnungstür zum Lüften offen stehen lassen und war kurz ins Bad verschwunden. Als sie zurückkam, stand um ihren Esstisch eine 40-köpfige Reisegruppe mit einer Fremdenführerin. Katja Lutz erinnert sich mit ein bisschen Stolz an die Eindringlinge: "Die konnten ihr Glück gar nicht fassen, mal hinter die alten Fassaden zu gucken."

Autor:
Benno Stieber