Europop Zwischen Trinkhalle und Ausdruckstanz

Es ist so, wie man sich das vorstellt im neuen, Struktur-gewandelten Ruhrgebiet. Die zum "stadtbauraum" umrenovierte Schachtanlage Oberschuir in Gelsenkirchen steht neben einem transluzenten Glasklotz für Büros und mit Foyer. Ein multifunktionales Veranstaltungszentrum, über dem ein antiker Stahlturm thront. "In Verbindung mit dem grundsanierten Maschinenraum", heißt es im ausliegenden Prospekt, "bietet das Schachtgerüst ein ungewöhnliches, atmosphärisches Ambiente für Veranstaltungen im Freien."

An diesem Abend, als die Europäische Kulturhauptstadt 2010 ihren Programmpunkt "Metropole gestalten" vorstellt, fallen weitere Phrasen aus dem Satzbaukasten des gehobenen Marketings. Da ist von "Landmarken" und "Lichtwerken" die Rede, die zu "Hochpunkten" zwischen dem Gasometer in Oberhausen und der ehemaligen Union-Brauerei in Dortmund werden sollen. Projektleiterin Katja Aßmann vertraut auf die Kompetenzwirkung ihrer strengen Designerbrille und beschwört die "Strahlkraft künstlerischer Interventionen". Damit das Ganze nicht zu abgehoben und schlaumeierisch daher kommt, gibt es zum Abschluss des kleinen Symposiums Sahnehering mit Pellkartoffeln. Schließlich sind wir immer noch im Kohlenpott.

Das offizielle Programm von "RUHR.2010" beginnt am 9. und 10. Januar unter dem Motto "Tausend Feuer" mit Pyrotechnik und allerlei Bühnen-Brimborium auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen. Der Startschuss eines in vielerlei Hinsicht gewagten Experiments - schließlich wollen 2500 Veranstaltungen koordiniert und die Eitelkeiten von 53 Städten unter einen Kulturmetropolen-Hut gebracht werden. Schon im Vorfeld wurde darüber spekuliert, ob etwa Bochum, das mit einer rigiden Haushaltssperre belegt ist, zum großen Verlierer des polyzentrischen Gerangels um Events und Etats werden kann. Schließlich schimmert die Wirklichkeit im Ruhrgebiet jenseits künstlerischer Würfe weiterhin grau in grau. Da klatscht Bildungsbürger-Prosa dann auf Pommes-Schranke.

50 Millionen Euro für ein "U"

Insbesondere der Themenkreis "Kreativwirtschaft stärken" wirkt vor dem Hintergrund einer zerbröselnden Struktur in der Branche von Medien und Musik wie eine heillos verspätete Subventionsmaßnahme. Ab Juni 2010 soll nun im für knapp 50 Millionen Euro hochgejazzten Dortmunder "U" der Gründungsmythos der 1990er-Jahre aufleben, während draußen im Bundeslande die kleinen Labels, Verlage und Produktionsfirmen gleich reihenweise in die Pleite stolpern. Da hilft auch die Wiederbelebung der 2009 ausgesetzten und musikalisch überholten "Love Parade" in Duisburg nicht. Die Kulturhauptstadt 2010 wird mit solchen konzeptionellen Ungereimtheiten leben müssen.

Zum gesicherten Terrain der "Programmfelder" gehören dagegen die Eröffnungen und Erweiterungen im Ruhr Museum, Kunstquartier Hagen, Museum Folkwang (ab 30. Januar) oder in der Duisburger Küppersmühle (ab Herbst). Die Hochkultur zieht ihre klassischen Bahnen.

Auch die eher volkstümlichen Spektakel werden ihre Wirkung nicht verfehlen. Mitte Mai werden 400 ehemalige Stätten der Arbeit Postkartenmotiv-tauglich mit knallgelben Heißluft-Ballons in 80 Metern Höhe markiert. Und am 18. Juli darf unter dem Motto "Still-Leben Ruhrschnellweg" auf der zentralen Pütt-Autobahn gegrillt, gefeiert und getrunken werden. 20.000 Tapeziertische auf 60 Kilometern. Da mutet der absurde Streit um die anfallenden Reinigungskosten an wie eine außerplanmäßige "Intervention" zum vielbeschworenen Metropolen-Mythos.

Am besten lässt man die Vermarktungs-Rhetorik außen vor - sie passt eh nicht zum Ruhrgebiet - und lässt das Ganze auf sich wirken. Atmosphärisch spielerisch zwischen Trinkhalle und Ausdruckstanz-Theater.

Im Gegensatz zu den handlichen Kulturhauptstadt-Vorgängern wie Luxemburg oder Linz ist allerdings eine ausgeklügelte Routenplanung unabdingbar. Sonst steht man irgendwann 2010 am halbrenovierten Essener Hauptbahnhof und verzettelt sich fernab jeglicher Kultur zwischen Fußgängerzone auf der einen und Stromkonzern-Hochhäusern auf der anderen Seite.

Schlagworte:
Autor:
Ralf Niemczyk