Nordrhein-Westfalen Kulturstadt Essen

"Zwischen Köln und Dortmund gibt es viel Fußball. Und viel Kultur." Kürzlich sagte das ein Essener Urgestein. Kaum war der Übungsleiter Otto Rehhagel in Griechenland Nationaltrainer der Fußballer geworden, da teilte er der Presse mit, nein, er ziehe vorerst nicht nach Athen, sondern: "Wir haben eine Wohnung in Essen gekauft." Grund: siehe oben.

Im Ruhrgebiet "viel Kultur"? Schwer vorstellbar für Menschen in München oder Berlin, denen die Realitäten im deutschen Energiezentrum fern sind und Essen eine Erfindung des industriellen 19. Jahrhunderts ist. Einsichtige Leute versichern, eine Stadt, die städtisch, die "urban" sein will, benötige Kultur, und zwar nicht nur als Ruf oder Image, sondern als real-ökonomischen Standortvorteil, und dies mysteriöse Wesen "Kultur" entstehe dort, wo krasse Kontraste Spannungen und Entladungen möglich machen, den immer wieder so gern genossenen Gewitterzauber der Künste.

Wenn Kultur tatsächlich zwischen Extremkontrasten zündet, dann ist Essen als Ort unvereinbarer Gegensätze ein idealer Kulturstandort. Diese uralte Siedlung an Ruhr wie Emscher liegt zwischen topografischem wie soziologischem Oben und Unten, zwischen Ästheten und Proleten, zwischen Dienstleistungen und Montan-Relikten, zwischen imposanter Geschichte und nervender Gegenwart. Und in der Tat überrascht in der "Innenstadt des Ruhrgebiets" Kultur in Vielfalt und als Höchstleistung.

Aus einem schwerindustriellen Zentrum wurde eine Stadt der tausend Außerordentlichkeiten, und dabei verblüfft die nördliche Hälfte dieser Stadt mit ihren Altlasten der Industriezeit mehr noch als die südliche mit dem idyllischen Baldeneysee und dem klassisch schönen Ruhrtal.

Die Neuerungen im Norden sind auffallender, die Emscher-Region, vormals gezeichnet von Abwasser und Abraum, von Fettkohle und Kohlechemie, hat nicht nur den Emscherpark, sondern hat mit den klaren und starken Linien des Welterbes Zeche Zollverein einen internationalen Treffpunkt. Aus einem Ort hochtechnisierter Kohleförderung wurde und wird ein Monument der Widersprüche und Denkwürdigkeiten dieses größten Ballungsraums in Europa.

Eine Stadt, die sich unter anderem "Waffenschmiede des Reichs" nennen konnte und wenig später "Die Einkaufsstadt", bietet ihre größten Überraschungen in einer beispielhaften Geschichte. Sie erscheint wie ein Konzentrat und Spiegel mitteleuropäischer Machtkonflikte, von den archaischen Anfängen bis zum aktuellen globalen Liberalismus.

In Essen tauchten immer mal wieder Kaiser auf, um sich Waffen zu besorgen, die Hohenzollern ebenso wie tausend Jahre zuvor ottonische Kaiser. Aus dieser Stadt kamen aber auch Visionäre, die in Essen das Scheitern des Versuchs, schon 1848 eine deutsche Republik zu gründen, als besonders bitter erlebten, so etwa der Arbeiter Franz Schwenniger: "... sie machten eine Räuberhöhle draus", so zitiert ihn der Stadthistoriker (und Arbeitersohn) Ernst Schmidt.

Und rund um den März 1920 wüteten in Essen und drumherum die blutigen Kämpfe einer "Roten Armee", einer Arbeiteroder Ruhr-Armee gegen den faschistischen Putsch des Herrn Kapp, und von 1933 bis 1945 zeigte sich auch in Essen die Willfährigkeit der Geldmächtigen und gab es auch an diesem Ort, ohne dass es je besonders bekannt geworden wäre, todesmutigen Widerstand einiger Ohnmächtiger, gab es "Lichter in der Finsternis", wie Ernst Schmidt sein Hauptwerk nannte.

Außenstehende, die sich orts- und sprachkundig glauben, halten die Stadt für einen Ort der "Essen", der rauchenden Kamine, für eine Ausgeburt der Schwerindustrie. Essen ist aber älter als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, hieß im ersten Jahrtausend Asnidhi, war ein Ort der Esche, und die Esche ist bekanntlich in der nordischen Mythologie der Weltenbaum. Aus dem Eschen-Ort wurde eine kirchenchristliche Residenz und aus Asnidhi wurde über Assind - lateinisch Assindia - der Ort Essend, erste Zeitungen verbreiteten noch "Neueste Essendische Nachrichten", und rund um das Gründungskloster der adeligen Äbtissinnen wuchs eine protestantische Bürgerstadt mit all jenen Konflikten zwischen geistlichen und weltlichen Interessen, die jahrhundertelang die Historie Europas so bunt wie blutig werden ließen.

Schon Essens Anfangsgeschichte liefert ein Feuerwerk der Überraschungen, einsehbar nicht nur im Domschatz und nicht nur wegen der ältesten aller katholischen Madonnen-Skulpturen, sondern auch wegen des frühesten Buches aller germanischen Bücher: Der "Codex Argenteus", die Silberbibel aus dem 6. Jahrhundert in der gotischen Übersetzung des Bischofs Wulfila, wurde aufbewahrt in Essen-Werden, und wahrscheinlich entstand ebendort, in Essen-Werden,im 9. Jahrhundert der "Heliand", die sprachgewaltige Übertragung des Neuen Testaments in die Stabreime des Altsächsischen, in das bildhafte heidnische und heldische Denken der zu bekehrenden Nachbarn im Osten, ein Text, mit dem vom Kloster Werden aus das noch nicht christianisierte Germanien missionierend erobert wurde.

Mit großer Wahrscheinlichkeit gehört zu Essens Besonderheiten auch - aus archaischen Zeiten sind mehr als Wahrscheinlichkeiten niemals zu gewinnen - jener junge Mann, der um 500 vom niederrheinischen Xanten auszog, um die Energiebeherrschung zu lernen, die archaische Grundausstattung aller Kulturen. Hat nicht der sagenhafte Nibelunge seine Stahl- und Feuerkünste am wahrscheinlichsten dort lernen können, wo beste Anthrazitkohle, Erz und Wasserkraft üppig vorhanden waren, im Ruhrtal?

Das sagt nicht nur ein besessener Essener, auch archäologische Forschungen belegen, dass an der Ruhr die Schmiedekunst schon in der Vorhistorie Tradition hatte, mehrfach heißen hier Burgreste Isenburg - Eisenburg - und eben dort praktizierte und residierte schließlich auch der mächtigste aller Schmiede des Planeten, der Panzer-, Kanonen- und Eisenbahnkönig Krupp - eine faszinierende Vorstellung: Krupps "Villa Hügel" stünde auf dem Gelände von Siegfrieds Lehrwerkstatt.

Reste von 27 Burganlagen liegen auf Essener Stadtgebiet. Essens Geschichte musste schon deshalb überraschungsreich werden, weil der Ort am Nordrand der Mittelgebirge seit je Durchgangszone war, strategisches Gelände für Militär, Mission und Handel. Auf dem "Hellweg", der Ost-West-Verbindung , an der auch Duisburg, Bochum und Dortmund liegen, in dieser Zone der Energien und unablässigen Konflikte waren Umbruch und Wechsel, war das Verändern Dauerzustand.

Überm Wechsel geriet und gerät Essen immer mal wieder in westliche Aufbruchs- und Umbruchsstimmungen, aber auch in grauenhafte Abgründe, ob im Dreißigjährigen Krieg oder zwischen totaler Bombardierung und Demontage. Zwischendurch zeigt sich die Stadt auf imposanten Gipfeln, nicht nur 1870/73 mit dem gründerzeitlichen Bau des Krupp- Schlosses oder hundert Jahre später mit dem höchsten aller Rathäuser, sondern neuerdings auch mit dem besten und schönsten deutschen Opernpalast, dem Aalto, oder mit dem generalüberholten Konzerthaus der Philharmonie, für Kenner nicht nur wegen seiner Akustik in Europa eine erste Adresse.

Und bei all dem bleibt einmalig das Großkino "Lichtburg" - im Stil der Fünfziger, im Stil der Adenauer-Jahre, und auch die Lichtburg steht im krassen Kontrast, steht am Burgplatz unmittelbar neben der Bischofskirche, neben wehrhafter Romanik, neben einem Bruder des Aachener Doms.

Die alte Glaubensbastion der frommen Äbtissinnen wurde 1958 Bischofsstadt und 1972 Universitätsstadt, noch unterm Regiment der Preußen wie unter dem der Nazis waren Universitäten in Arbeiterstädten undenkbar. Immerhin, die Stadt ist nach vorn gekommen auf dem Rettungsweg von der Industriegesellschaft in die Wissensgesellschaft, noch erfolgreicher aber behauptet sie jetzt ihren Ruf als Ort der Kultur, der Museen, der Medien, der Künste und der glänzenden Ruhrtriennale.

Ich gestehe, nie zuvor so bewegende Bilder gesehen zu haben wie 2005 in den nächtlichen Abgründen und Katakomben der Zollverein-Kokerei bei Andrea Breths "Nächte unter Tage", Bilder in Todesschwärze, Bilder vom Existieren und Vergehen. Essen war vor 40 Jahren noch größte Bergbaustadt Europas. Inzwischen aber ist sie nicht nur so etwas wie eine Hauptstadt der Energiewirtschaft, sondern engagiert sich auch auf dem Terrain des Phantastischen und Schöpferischen dermaßen energisch, dass die gelbblaue Leuchtschrift auf dem Hotel gegenüber dem Hauptbahnhof mit der Parole "Essen, die Einkaufsstadt" mit guten Gründen ersetzt werden darf durch die Mitteilung: "Essen, die Kulturstadt".

Autor:
Jürgen Lodemann