Europop Zwischen Lager, Lads und McAloon

Die nordenglische Doppelstadt Newcastle/Gateshead funktioniert so: Man betritt einen modernen Großraum-Pub im poshen Stadtteil Jesmond, der mit seinen Vorgärten und Privathotels ganz und gar nicht nach abgewrackter Working Class ausschaut.

An der lang gezogenen Theke herrscht pralle Happy-Hour-Stimmung. Man bestellt ein Pint und wird vom Kellner aufgefordert, den "Knopf" zu drücken. Knopf? Na, das rote Ding neben der Zapfanlage eben. Nach dem Drauftatschen macht es "Bing" - und ein zweites Bierglas wandert über den Tresen. "Two for One - gewonnen, mate!" Verkaufsförderung am River Tyne.

Umgeben von stattlichen Oberweiten feiert hier das gute, alte UK-Klischee mit zu kurzen Röcken, zu hohen Absätzen, Fußballtrikots und Umbro-Trainingshosen fröhliche Urstände. Und mein deutscher Akzent verhilft mir recht bald zu einem Gespräch mit einem Englischlehrer, der auch Spielervermittler oder Panzerknacker sein könnte.

Es ist ein freundlich-rustikaler Menschenschlag, den man in einem der unzähligen Pubs begegnet: etwa im urigen , dem oder dem am Flussufer gelegenen , das im Sommer wegen seiner Außengastronomie zusätzlich punktet.

Auch außerhalb der Fußballsaison trägt man hier vielerorts das schwarz-weiß-gestreifte Jersey des gerade in die zweite Liga abgestiegenen Heimteams Newcastle United. Wie eine Trutzburg thront der 52.000 Zuschauer fassende St. James Park über der Innenstadt. Der unterhalb der Tribünen liegende Gasthof führt das Trikot der "Magpies" im Pub-Wappen.

Paddy McAloon, inzwischen 52 Jahre alt, genialer Songschreiber und Sänger der 1977 gegründeten Prefab Sprout, hat mit derartigem Lokalpatriotismus eher wenig am Hut. Genauso, wie er den gutturalen "Geordie"-Akzent längst durch einen gepflegten, ironisch-hochbritischen Tonfall ersetzt hat. "Schon aus traditioneller Abgrenzung zum arroganten Süden kultivieren die Leute hier den britischen 'Lad'. Nicht jedermanns Sache. Aber wenn man damit keine Probleme hat, kann man in Newcastle sehr lustige Abende verbringen", erzählt er.

Das neue Newcastle lebt von einer leicht prolligen Mischung zwischen Laptop und Lager-Glas. Nach Jahren der Krise wurde die "Tyneside" in den vergangenen Jahren komplett umgekrempelt. Sir Norman Foster errichtete das schneckenartige Musikzentrum Sage auf dem Gateshead-Ufer. Die riesige Baltic Flour Mill nebenan ist zur Kunsthalle für aufwendige Wechselausstellungen umgewandelt und die emblematische Millennium Bridge öffnet sich wie ein blinzelndes Auge, wenn ein größeres Containerschiff von der nahen Küste einläuft. Selbst das örtliche Chinatown hat man akribisch saniert.

McAloon hat dem hohen Norden Englands stets die Treue gehalten. Anders als sein Kollege und ebenfalls geborener "Gordie" Sting ist McAloon nicht in die Musikmetropole London umgesiedelt. Er ist einfach in der ländlichen Idylle des Vororts Durham wohnen geblieben. Für den, der noch das traditionelle Newcastle erleben will - was einem übrigens am besten zu Fuß gelingt -, dem empfiehlt der Popheroe die imperiale Grey Street mit der Ehrensäule für den Namensgeber des Earl-Grey-Tees, einen ehemaligen britischen Premier.

"In der Markthalle dort gibt es bei Jayz II das beste Fish & Chips der Stadt", erklärt McAloon, der kurz darauf zugibt, dass er die englische Working-Class-Nationalspeise auf den Tod nicht ausstehen kann. Als echter "Geordie" aber weiß McAloon auch, was er seiner wieder auferstandenen Heimatstadt schuldig ist. Und: Die Fish & Chips im Jayz II sind, natürlich, erstklassig.

Prefab Sprout haben am 4. September ihr lange verschollenes Album "Let's Change The World With Music" veröffentlicht.

Autor:
Ralf Niemczyk