Großbritannien Vor Olympia besteht Handlungsbedarf

Im nächsten Jahr wird die Olympische Fackel in London erwartet - jetzt wäre also genau der richtige Moment, um die Marke Großbritannien noch rechtzeitig zu analysieren, aufzufrischen und ihr ein wenig neuen Glanz zu verleihen. Stattdessen wurde das elendige Juli-Wetter von einer Vielzahl prominenter Insolvenzen im Einzelhandel, einer Wirtschaft, die auf der Stelle tritt, und einem unappetitlichen "Die Werte der Politik treffen auf die der Medien treffen auf die der Gesellschaft"-Skandal begleitet, der nicht nur eine sehr unangenehme Lektüre ist, sondern einem wirklich die Schamesröte ins Gesicht treibt. Von den Auswirkungen des Hacking-Skandals auf den Aktienkurs der News Corp. war viel die Rede, über den in Bodenlose fallenden Kurs der Marke Großbritannien hingegen kaum.

Unter all den Aufnahmen, die im Zuge der Berichterstattung über diesen Skandal veröffentlicht wurden, befand sich eine, die nicht nur die Probleme rund um News Corp. symbolisierte, sondern gleichzeitig auch die des ganzen Landes. Es ist nicht das Video, in dem man sieht, wie Rupert Murdoch in einem Range Rover aus einer Tiefgarage herausrast. Auch nicht das, in dem Journalisten Murdoch Senior und Junior auf der Straße hinterherjagen. Es war die Luftaufnahme eines einsamen, runtergekommenen Rotklinker-Wachhäuschen in der Wapping-Zentrale mit den Logos der "Sun", "News of the World", "Times" und "Sunday Times" an der Fassade. Von Singapur, Sydney und Hongkong aus (wo ich diese Woche war) muss es gewirkt haben wie Archivmaterial aus den späten 1970er-Jahren.

Bei News International steht dieses Pförtnerhäuschen symbolhaft für ein Unternehmen, das viel einstecken musste, als es den Kampf mit den Gewerkschaften aufnahm, und in dem sich seitdem wenig bewegt hat. Der ganze Müll auf dem Dach (hat das eigentlich schon jemand weggeräumt?) war eine treffende Vorbereitung für all das, was später aus den Mündern der Unternehmensführer zu hören war - nicht einer von ihnen schien einen Blick für die feineren Details des Markenimages sowie verantwortungsvollen Managements zu haben.

Während Medienunternehmen aus offensichtlichen Gründen großen Wert auf Sicherheitskontrollen legen (der Empfang im Verlag dieser Zeitschrift ist auch nicht gerade gemütlich), wird doch immer wieder der Versuch unternommen, sich als modernes und transparentes Unternehmen zu präsentieren. News Internationals rote Backsteinhütte zeigt eine fatale Mischung aus Arroganz (Die Leute kommen eh zu uns, da müssen wir uns nicht darum bemühen, den Empfang herzlich zu gestalten) und Schlamperei. Wenn man sich jedoch nicht um die kleinen Dinge kümmert, dann gibt es meist ernsthafte Probleme innerhalb einer Organisation - und all das erinnert doch sehr an das Vereinigte Königreich Ende Juli 2011.

Zu einer Zeit, in der die britische Regierung mit großen Augen Richtung Deutschland starrt und nach einem Weg sucht, die eigenen Produktionsprozesse wieder anzukurbeln (nicht gerade etwas, das über Nacht gelingen kann, vor allem wenn es an Arbeitskräften mit der entsprechenden Ausbildung mangelt), bleibt nur noch der Finanz- und der Kreativbereich, um das Land bei Präsentationen oder einem Mittagessen in Istanbul, São Paulo und Kuala Lumpur in den Augen der Diplomaten und Medienagenturen attraktiv aussehen zu lassen. Zum Beispiel dann, wenn potenzielle Investoren plötzlich die Stirn runzeln, wenn britische Konsuln und Handelsdelegationen besondere Stärken wie eine korruptionsfreie Gesellschaft, die freie Presse, den sauberen Polizeiapparat und die Rechtsstaatlichkeit hervorheben. Wie die Diplomaten reagieren, wenn ihre Gastgeber an dieser Stelle einfach loskichern oder sich gar den Bauch vor Lachen halten, kann man nur vermuten.

Eine jämmerliche Show

Wenn die Marke GB zuletzt auf wackligen Füßen stand, dann sind ein paar davon in den letzten Wochen ganz umgeknickt. Wer die Ressourcen hätte, um eine Veränderung herbeizuführen, ist die ganze Zeit damit beschäftigt, die schlimmsten Wunden zu verarzten und kann sich nicht mehr als Spezialist der Suche nach einem langfristigen Heilmittel widmen.

Großbritannien ist gut darin, anderen Unternehmen und Geschäften ein Branding zu verleihen und die Werbeagenturen des Landes nehmen mit ihren Betrieben von beträchtlicher Größe sowie hunderten weltweit agierender Tochterunternehmen eine wirtschaftliche Schlüsselrolle ein. Auch die internationalen Medienunternehmen gelten als hochrespektable Aktiva, wenn es darum geht, den USA ein englischsprachiges Gegengewicht entgegenzusetzen und gelegentlich auch einen etwas weltlicheren Blick. Das Pförtnerhaus von News International verkörpert viel von dem, was den öffentlichen und privaten Bereich in Großbritannien immer noch ausmacht: ein bisschen struppig, ein bisschen billig und nicht besonders inspirierend.

Ich frage mich, warum nicht mehr getan wird, um diesen Eindruck in den Hauptstädten und Vorstandsetagen zu korrigieren. Ist irgendjemandem in der Downing Street oder im Außenministerium eigentlich bewusst, was die Welt über England denkt?

Selbst der Rasiercreme-Tortenwurf auf Rupert Murdoch war ein PR-Desaster. Die Tatsache, dass es jemandem gelang, nicht nur mit einem fragwürdigen Behältnis ins Zimmer zu gelangen, sondern dann auch noch direkt vor Murdoch zu landen, beweist, was für eine jämmerliche Show das Land gerade bietet.

Dies könnte der Beginn eines großen Warm-ups sein, um die Welt willkommen zu heißen und für sich zu gewinnen, man hat aber den Eindruck, dass die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung verläuft. Ein gut vernetzter Freund erzählte mir, dass das Beste erst noch kommt und dass der Herbst in den Regierungs- und Mediengebäuden Großbritanniens ein besonders widerlicher und zerstörerischer werden würde. Könnte es sein, dass es höchste Zeit wäre, ein Casting zu organisieren, um frische, neue Talente zu akquirieren?

Autor:
Tyler Brûlé