Wells St. Andrew's Cathedral

Zaghaft nimmt die Kathedrale im morgendlichen Dämmerlicht Gestalt an. Je nach Jahreszeit und Wetterlage kann es Stunden dauern, bis sie in den Honigfarben des örtlichen Kalksteins erstrahlt, dem nachgesagt wird, er habe das Sonnenlicht von Jahrhunderten gespeichert. Wie ein Spitzengewebe überzieht die dem Gestein abgerungene Feingliedrigkeit des Dekors im Morgenlicht die dem Westen zugewandte Doppelturmfront. Die ziselierten Säulchen, Vierpässe, Wimperge, Fialen und wie die mannigfaltigen Bauformen der Gotik alle heißen strotzen vor Ornamentfreude, doch sie sind kein ästhetischer Selbstzweck. Sie gliedern ein riesiges Bildfeld, das die Weltsicht des Mittelalters präsentiert. Wer sich die Zeit dazu nimmt, kann hier annähernd 300 skulptierte Figuren betrachten. Heerscharen von Heiligen, Königen, Bischöfen und Rittern bevölkern, in mehreren Etagen angeordnet, die gesamte Fassade. Über den unteren Blendarkaden reihen sich Szenen aus dem Alten und Neuen Testament aneinander, von der Erschaffung des Menschen bis zur Passion und Himmelfahrt Christi. In der Arkatur im oberen Teil der Front schließt sich der Kreis: Man sieht die Toten am Jüngsten Tag aus ihren Gräbern auferstehen. Im Giebelfeld, über Reihen von Engeln und Aposteln, erwartet sie Christus als zwischen zwei sechsflügeligen Seraphim thronender Weltenrichter.

Aus der Ferne wirkt es manchmal, als würden sich die steinernen Gestalten bewegen. Von Nahem stellt man fest, dass sich unter den Figurenbaldachinen tatsächlich Leben regt. Es sind gurrende Tauben, die sich über den würdevollen Häuptern eingenistet haben. Die dreckschleudernden Ratten der Lüfte sind mit dafür verantwortlich, dass von einem Teil der Statuen, die schon unter der zersetzenden Kraft der Witterung genug zu leiden haben, nur noch amorphe Stümpfe übrigbleiben. Andere sind schon vor Jahrhunderten dem Vandalismus oder auch bilderstürmerischem Fanatismus zum Opfer gefallen. Noch immer aber bietet die Schaufront der Kathedrale von Wells eine der größten Freilichtsammlungen gotischer Skulptur in Europa. Im Mittelalter diente diese "Bildschirmfassade", wie sie heute genannt wird, als illustrierte Heilsgeschichte für die schriftunkundigen Massen. Sie bot sich ihren Augen noch prachtvoller dar als den unsrigen: Wie Originalbefunde zeigen, waren die Figuren mit grellen Farben bemalt und mit strahlenden Hintergründen unterlegt. Eine Buntheit, die so gar nicht zur verbreiteten Vorstellung vom steinsichtigen Mittelalter passt.

Die damaligen Gläubigen, über die sich noch keine massenmedialen Bilderfluten ergossen, dürften die Bilderwelt der Fassade als Wunderwerk bestaunt haben. Das gilt für die gesamte Kathedrale, den verschwenderischen Luxusbau zu Ehren Gottes, der in denkbar krassem Gegensatz zu den Holzbehausungen stand, in denen im Mittelalter die große Mehrheit der Menschen wohnte. In der Kirche sollten sich die Gläubigen dem Himmel am nächsten fühlen - und ebenso der Hölle, an die sie nicht nur die Darstellungen des Weltgerichts, sondern auch die furchteinflößenden Predigten erinnerten.

Die Kirche war aber nicht nur ein Ort der Belehrung und Ermahnung, sondern ein visuelles Universum, das auch Bilder aus der Lebenswelt und dem Alltag der Gläubigen einschloss. Die Kathedrale von Wells bietet dafür viele Beispiele. An einigen Kapitellen im Inneren etwa erregen schmerzverzerrte Gesichter Mitleid. Die geschwollenen Wangen und aufgerissenen Münder deuten auf Zahnschmerz hin - eine so qualvolle wie lebensgefährliche Krankheit angesichts der damaligen Möglichkeiten der Medizin. An einem Pfeiler im Südquerhaus wird gar in Comicmanier die Geschichte eines Obstdiebs erzählt, der von einem Zeugen verpfiffen und vom wütenden Bauern durch einen Hieb mit der Mistgabel bestraft wird.

Während die Skulpturen der Fassade einem strengen Bildprogramm folgen, konnten die Bildhauer im Inneren des Baus immer wieder ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Davon zeugen nicht nur die Alltagsszenen, sondern auch die vielen grotesk überzeichneten Köpfe, die als Konsolsteine aus den Mauern ragen, oder die Fabelwesen, die einigen der Blattkapitelle entwachsen. Es gibt aber auch realistisch gearbeitete Köpfe: Bischöfe, Päpste und Könige ebenso wie einfache Männer und Frauen aus dem Volk - ein Spiegel der mittelalterlichen Gesellschaft, einschließlich der Armen und Debilen, der durch harte Arbeit und frühes Altern Gezeichneten, von denen es damals in Stadt und Land wimmelte.

Gleichzeitig bot das Kathedralinnere eine Bühne für die Selbstdarstellung einzelner Würdenträger der hohen Geistlichkeit. So ließ sich etwa Bischof Thomas Bekynton, der sich im 15. Jahrhundert wie kein anderer um Wells verdient machte, in einer Chorkapelle sein Grabmal als schauriges Memento mori für die Nachwelt errichten. Zweigeschossig im Aufbau, zeigt es den im kostbaren Ornat aufgebahrten Toten und unter ihm, in Stein gehauen, ein verwesendes Skelett. Lasse dich nicht von Klunkern blenden, sondern gedenke der Vergänglichkeit alles Irdischen - lautet das Vermächtnis des seligen Bischofs.

Mehrere Tage könnte man hier verbringen, ohne alle Bildwerke gesehen zu haben. Mit ihrem Skulpturenreichtum ist die Wellser Kathedrale unübertroffen. Und dies, obwohl sich Englands mittelalterliche Kirchen generell nicht gerade in Bilderfeindlichkeit üben. Allein der südwestliche Teil des Landes bietet dafür mit seiner enormen Dichte an Kathedralen genügend beeindruckende Beispiele, etwa in Salisbury oder in Exeter.

Wells beansprucht jedoch architekturgeschichtlich eine Sonderstellung. Denn hier kam, nach einem Vorspiel am Chorbau der Kathedrale von Canterbury, erstmals in England die aus Frankreich importierte gotische Bauweise zur vollen Entfaltung. Der Rundbogen wird nun durch den nach oben strebenden Spitzbogen ersetzt, die Gewölbe werden fortan von schlanken, profilierten Kreuzrippen getragen, die dem Innenraum Leichtigkeit und Rhythmus verleihen, durch vergrößerte Fenster wird der Bau von Licht durchflutet. Allerdings treten in Wells auch bereits jene frühen, eigenständigen Anverwandlungen der Gotik zutage, die man in der englischen Architekturgeschichte unter dem Begriff "Early English" zusammenfasst. Der Höhendrang wird gebremst, dafür entsteht durch die Betonung der Horizontalen im Innenraum ein starker Tiefenzug, der beim Anblick des Langhauses an einen Tunnel denken lässt. Auf die für die französische Gotik charakteristischen, skelettartigen Strebebögen am Außenbau wird weitgehend verzichtet. Die Schaufassade ist breit gelagert, die Türme erreichen keine himmelsstürmenden Höhen. Bereits um 1175-1185, mehrere Jahrzehnte, bevor die Gotik in Deutschland Einzug hält, wird mit dem Bau begonnen. Eigentlich war Wells für diese Pioniertat keineswegs prädestiniert. Zwar wird im Jahr 909 der Ort zum Bischofssitz erhoben. Doch Ende des 11. Jahrhunderts verlegt der aus Frankreich stammende Bischof Johann de Villula seine Residenz kurzerhand in die nahegelegene Abtei von Bath. Dennoch wird die degradierte Ex-Kathedrale durch einen großzügigen Neubau ersetzt. Eine Entscheidung in weiser Voraussicht, wie sich später zeigt, denn im 13. Jahrhundert erlangt Wells den Rang eines Bistumssitzes zurück.

Studium in der 600 Jahre alten Bibliothek

Der von Bischof Reginald de Bohun begonnene Neubau, bestehend aus Langhaus, Querhaus und Chor, wird 1239 geweiht und um 1260 fertiggestellt. Doch wie so oft bei Kathedralprojekten des Mittelalters, dauert es noch Jahrhunderte, bis er seine heutige Gestalt erhält, erst 1508 endet die letzte Bauphase. Generationen von Steinmetzen und Bildhauern haben sich an der Kathedrale die Hände wundgemeißelt, unzählige Maurer den Rücken ruiniert. Wer waren sie? Was bedeutete es für sie, an einem heiligen Gesamtkunstwerk zu arbeiten, dessen Fertigstellung sie nicht erleben konnten? Man weiß zwar einiges über die Bauleute des Mittelalters - über ihre strenge Ausbildung, die straffe Hierarchie auf der Baustelle, die harten Arbeitsbedingungen und primitiven Geräte wie Seilwinden oder durch ein Laufrad betriebene Kräne. Manchmal sind auch die Namen einiger Meister überliefert. Ihre Persönlichkeiten bleiben aber im Dunkeln.

Und wer hat den genialen Entwurf für das Bauwerk geschaffen? Das wollen Kunsthistoriker immer wissen. Doch die Schriftquellen geben darüber meistens keine Auskunft, auch nicht in Wells. Als einer der Architekten wird immer wieder der im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert tätige Werkmeister Adam Lock genannt, über seinen genauen Anteil am Bau lassen sich aber nur Mutmaßungen anstellen. Die Kathedrale behält ihre Rätsel für sich.

Als Quelle des Wissens über die Baukunst des Mittelalters ist die Kathedrale trotzdem unerschöpflich. Dank der langen Bauzeit bietet sie sich nicht nur als Denkmal des "Early English", sondern auch der späteren Stile der englischen Gotik dar. Die raffinierten Gewölbeformationen in Kapitelhaus und Marienkapelle etwa stehen für die formenreiche Verspieltheit des "Decorated Style", während beispielsweise die sparsamen Gliederungen in der oberen Zone der Westtürme von der vornehmen Disziplin des "Perpendicular Style" zeugen. Ihr eigentliches architektonisches Markenzeichen, die berühmten Scherenbögen in der Vierung, verdankt die Kathedrale aber einem Bauschaden: Als der ursprünglich nicht vorgesehene, etwas zu wuchtig geratene Vierungsturm bedrohliche Risse im Mauerwerk verursacht, werden die ihn tragenden Pfeiler Mitte des 14. Jahrhunderts mit den dynamisch geschwungenen Konstruktionen verstärkt, die eher an Futurismus als an Gotik denken lassen. Sie wecken Assoziationen, von einer geöffneten Schere bis zum Andreaskreuz, dem Attribut des Apostels, dem die Kathedrale geweiht ist. Auf keinen Fall aber lassen sie die Notlösung erkennen, die sie tatsächlich sind.

Als Architekturikone lockt der Bau Kunsthistoriker und Kulturtouristen aus der ganzen Welt in das Städtchen am Fuße der Mendip-Hügel. Fragt man Gemeindemitglieder, die sich nach dem Sonntagsgottesdienst zum Plaudern bei Kaffee und Kuchen im Querhaus versammeln, ob ihnen der Ruhm ihrer Kathedrale bewusst sei, erntet man ein beiläufiges Nicken, das höfliche Gleichgültigkeit verrät. Für sie ist etwas anderes viel wichtiger: dass das grandiose Gotteshaus noch immer ein Ort lebendigen Glaubens und die magische Mitte der Stadt ist.

Auch wenn in den Wirren der Geschichte, vor allem während der Reformation und des Englischen Bürgerkriegs, manche Heiligenstatue zertrümmert und manches Glasfenster eingeschlagen wurde, auch wenn zahllose Originalsteine im Zuge der seit dem 19. Jahrhundert laufenden Restaurierungskampagnen durch Kopien ersetzt werden mussten - die Kathedrale bleibt ein Hort der Tradition. Kaum irgendwo ist das Mittelalter noch so gegenwärtig wie hier. Während etwa von der einst so mächtigen Abtei im Nachbarort Glastonbury nur einige Mauerfragmente übriggeblieben sind, zeigt die Astronomische Uhr in der Wellser Kathedrale seit mehr als 600 Jahren ohne Unterbrechung den Lauf der Zeit an. Fast genauso lange schon dient die Kathedralbibliothek als Ort für Forschung und Kontemplation.

Im Vicars' Close, einem im 14. Jahrhundert errichteten, hinreißenden Reihenhausensemble für die Chorgeistlichen, wohnen immer noch vorwiegend Mitarbeiter der anglikanischen Kirche. Der Bischof residiert seit acht Jahrhunderten im festungsartigen Bischofspalast, auch wenn dessen Große Halle längst eine Ruine ist. In seinem Garten, der von den Wellsern als intimer Park genutzt wird, sprudeln wie eh und je die drei Quellen, die Wells ihren Namen gaben. Und seit immerhin mehr als 100 Jahren läuten die dressierten Schwäne im Wassergraben an einer Glocke, wenn sie Hunger haben.

Wie schon im Mittelalter schirmen drei Tore das "Cathedral Green" respektvoll vom Treiben der benachbarten Straßen ab. Zugleich ist die Kathedrale so geschmeidig wie kaum eine andere in die Landschaft eingebettet. Denn das nur 10.000 Einwohner zählende Wells, das für sich kokett mit dem Titel der kleinsten Stadt Englands wirbt, hat sich seit dem Mittelalter kaum ausgedehnt. Nur einen Steinwurf vom Kreuzgang entfernt wei-den glückliche Kühe.

Wenn man vom Wald des benachbarten Hügels aus zwischen den Baumkronen plötzlich den Vierungsturm aufragen sieht, fühlt man sich wie auf einer Zeitreise. An kaum einem Ort fällt es so schwer wie hier, sich der sehnsüchtigen Idealisierung des Mittelalters zu erwehren, mit der die Städter von heute auf die Unwirtlichkeit der Moderne reagieren. Wells ist eine Insel im Strom der Zeit.

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Autor:
Arnold Bartetzky