London Regional-Lokale Küche im Gastropub

Gastropub ist in London dieser Tage ein Schimpfwort. Was auch daran liegen mag, dass es in der Stadt der schnell wechselnden Hypes einem gastronomischen Todesurteil gleichkäme, wenn man einen Trend weiterverfolgen würde, dessen Ursprung nahezu 20 Jahre zurück liegt. Damals übernahmen zwei Jungs im Londoner Stadtteil Clerkenwell nördlich des Finanzdistrikts einen stinknormalen Pub namens "The Eagle", addierten zu Lager und Ale die traditionelle englisch-deftige Küche hinzu und waren plötzlich ungeheuer angesagt.

"Wir sind kein Gastropub", Scott Malaugh betont seine Aussage mit einem besonders selbstsicheren Blick. Nicht nur wirbt das von ihm geleitete Fox & Anchor auf der eigenen Webseite mit dem Unwort, noch dazu ist der Laden in Clerkenwell beheimatet - da kann man ja schon mal auf die Idee kommen, beim Fox & Anchor handele sich um eine Kopie.

Eine lebhafte Existenz wie den 30-jährigen Scott Malaugh allerdings ficht das nicht an. Der gebürtige Nordire ist eine jener Typen, wie sie London wie keine andere europäische Metropole in Serie zu produzieren scheint: jung, fix, großmäulig und mit einem ausgemachten Hang zum Geldmachen ausgestattet. "Wir sind kein Gastropub", wiederholt Malaugh, "wir sind das Comeback des Inns". Dazu muss man wissen, dass das Inn, also die Pension, wie wir das in Deutschland wohl nennen würden, auch im Vereinigten Königreich bevorzugt außerhalb großer Städte anzutreffen ist.

Die Leistung und der Erfolg des Fox & Anchor allerdings beruht weniger auf dem geglückten Transfer des Inns in die Innenstadt, sondern ist Ergebnis einer mit Bedacht ausgewählten Lage. Das Pubboutiquehotel liegt in der "comfort zone", wie Malaugh das nennt, am Rande der City, jenem zweieinhalb Quadratkilometern kleinen Teil Londons also, in dem seit jeher der Reichtum der Stadt besorgt und entsprechend gut verdient wird.

Dort hat man gleichwohl nicht auf einen weiteren schön renovierten Pub, dessen köstliches Bier und solides englisches Essen gewartet. Aber die niveauvolle Mischung aus Gastropub und sechs Luxusräumen, die oberhalb der Kneipe zu finden sind und in denen Gäste übernachten können, die ist wirklich neu in der Gegend. "5-Sterne-Luxus", betont Scott und zwinkert, als würde er gerade ein besonders unsittliches Angebot unterbreiten. Ein gleichwohl nicht besonders preiswertes, wie man sich beim Betreten des Fox & Anchor und der großen Anzahl an Champagnerflaschen auf den umstehenden Regalen und Ablagen schon denken kann.

210 Pfund kostet eine Übernachtung upstairs während der Woche, 150 Pfund am Wochenende. Und dafür gibt es nicht mal Zimmerservice. "Wir sind kein Hotel", erklärt Scott. Für die kommenden drei Monate, informiert er, sei das Fox & Anchor ausgebucht. Hauptsächlich an Leute, die "ein gewisses Maß an Wohlstand haben". Wie etwa eine Frau aus Neuseeland, die alle sechs Wochen anreist, um in der City die Vorstände großer Unternehmen zu coachen. Die Leute kommen weil sie den Mix mögen. Schicke Luxusräume über einem Pub, in dem keine Gläser an der Wand zerdeppert werden, wenn Englands Nationalmannschaft mal wieder vorzeitig von einer Fußball-WM heimreisen muss. Im Fox & Anchor wird erst gar kein Fußball gezeigt.

Darüber freut sich an diesem Abend auch die Gruppe von Geschäftsleuten, die aus der nahen City auf ein Pint und ein bisschen was zu essen vorbei schaut. Einer von Ihnen deutet beim Betreten des Pubs voller Vorfreude auf die "Tankards" genannten Blechtrinkbecher, in die hier Bier eingeschenkt wird. "Auf die müssen wir immer aufpassen, die Leute klauen hier", verrät Scott. 15 Pfund, sagt er, koste so ein Becher im Einkauf. Auch gekaufte Tradition hat ihren Preis.

Dafür sind die historischen Fotos, die im auf alt gestylten Schankraum an den Wänden hängen, echt. Genauso wie das schwere Silberbesteck aus Birmingham. Der Senf, Colman's Mustard - established since 1814, stammt aus Norwich und das wirklich köstliche Bier nicht aus einer der großen Brauereien, sondern von Meantime, einem kleinen Unternehmen aus dem Stadtteil New Charlton. Beim Zubereiten der Hausmannskost, versichert Scott, greife man auf das qualitativ hochwertige Fleisch des nahe gelegenen Smithfield Meat Market zurück: "Das schmeckt dann exakt so, wie du das von Oma am Samstagabend kennst. Extrem lecker, schwer und am Ende willst du dich nur noch mit der Fernbedienung in der Hand aufs Sofa legen." Scott grinst.

Seine Liebe zur Gastronomie hat Scott Malaugh in den Irish Pubs seiner Familie in Florida entwickelt, auch das Fox & Anchor ist als Kette angedacht. Acht Filialen sieht der Plan allein im Stadtgebiet von London vor, augenscheinlich ist die Unternehmung jedoch etwas ins Stocken geraten. "Es ist nicht ganz einfach, die richtige Location zu finden", sagt Scott. Was vor allem am Preis liegt. 1,9 Millionen Pfund soll der Besitzer des Fox & Anchor allein dafür gezahlt haben, den Pub Brauerei-frei zu bekommen. Weitere 1,2 Millionen Pfund soll die Renovierung verschlungen haben. Da muss man, um in die Gewinnzone zu kommen, schon einiges an Übernachtungen, gebratenen Rindernieren und Pints absetzen.

Fox & Anchor: 115 Charterhouse Square, London, Smithfield EC1M 6AA, Tel +44 (0)20 7250 1300
Nächste Tube-Haltestellen: Barbican, Farringdon, Öffnungszeiten Pub: 11-23 Uhr (Mo-Do), 11-01 Uhr (Fr/Sa)

Autor:
Thomas Lötz