London London: Stadtteile in East End

Samstagnacht in Shoreditch? Selbst wer sich beim Alkoholgenuss kontinentaleuropäisch zurückhält, wird hier binnen Minuten unweigerlich zum echten Briten - zumindest, was die außerordentliche Fähigkeit angeht, halbe Ewigkeiten mit stoischem Gleichmut Schlange zu stehen.

Seit Ende der neunziger Jahre haben rund um die Old Street charmant angeranzte Klubs und Bars eine junge, billigere und vor allem unprätentiösere Alternative zum West End geschaffen, hat sich das Zentrum der Londoner Nächte so stark ostwärts verlagert, dass man manchmal Angst haben muss, die Stadt könnte rechts über in die Themse kippen. Das Hauptproblem der Klubs ist es heute, die Hundertschaften von Einlasswilligen vor der Tür dazu zu bringen, nicht die Straßen zu blockieren.

Im schnelllebigen London gehen ganze Viertel schon mal an ihrer Popularität zugrunde. Shoreditch aber bleibt vorndran, weil dort kontinuierlich die (zumeist elektronische) Musik von morgen wummert, hinter jeder Wandritze im Minutentakt eine interessante Bar aufmacht und sich selbst in den ganz normal anmutenden Pubs wie "The Old Blue Last" Abend für Abend so viele unrasierte, sorgfältig verlottert angezogene DJs und Designer versammeln, dass der kondensierte Schweiß von den Fenstern tropft.

Manchmal spielen Stars wie Lily Allen im ersten Stock geheime Gigs, manchmal auch nicht. Egal: Die Gäste selbst sind sowieso die wahre Hauptattraktion. Später, wenn es darum geht, frische Luft und einen Imbiss zu schnappen, zieht die Hipster-Karawane zehn Fußminuten weiter zur Brick Lane, um sich in der "Beigel Bake" an heißem salt beef zu verköstigen. Der 24-Stunden-Laden ist eine Institution, nein: eine Oase in der kulinarischen Wüstenlandschaft nach 23 Uhr.

Tagsüber ist es hier etwas leiser, aber nicht minder hektisch. Nach Klubs und Galerien siedelten sich viele Internet- Start-ups an. So viele, dass der Kreisel über der "Old Street"-U-Bahn-Station im Volksmund mittlerweile als Silicon Roundabout firmiert, in Anlehnung an Kaliforniens Silicon Valley.

"Shoreditch ist wie ein kleines Dorf, das vor kreativer Energie aus den Nähten platzt", sagt Stefan Baumschlager vom hier ansässigen Internet-Radio last.fm, "die Gegend beschleunigt sowohl die Geschäfte als auch die Ideen." "Shoreditch ist perfekt", findet auch Matt Webb, der Chef der Design-Beratungsfirma "Berg": "Wir sind nahe am Zentrum der Stadt, aber nicht zu nahe." Verglichen mit dem nicht nur von Touristen überlaufenen West End sind die Büromieten deutlich billiger, das ist ein wichtiger Faktor: In der ersten Start-up-Welle verpulverten viele Firmen Millionen für Räume in der Stadtmitte und mussten diese nach dem Crash entsprechend schnell wieder räumen.

Natürlich muss die Kreativ-Industrie auch ernährt werden. Die Restaurantdichte ist zwar deutlich geringer als in der Innenstadt, aber die Küche in den besten Adressen kann es mit den Etablierten aus der City durchaus aufnehmen. Der "Great Eastern Dining Room" war das erste "richtige" Restaurant, das den Sprung wagte, ihm folgten das "Hoxton Hotel & Grill" und das wie im Drogenrausch eingerichtete "Les Trois Garçons", ein vor ausgestopften Tieren und feinstem Ramsch an den Wänden überbordender Franzose.

Schmerzhaft trendy

Die Kommandozentrale des Viertels versteckt sich hinter der schnöden Fassade einer ehemaligen Keksfabrik. Im Juni 2007 besiegelte die Eröffnung des "Shoreditch House" offiziell den In-Status der Gegend: Es gehört zur Soho-House-Gruppe, die Privatklubs in Londons Soho, New York, Los Angeles, Miami und Berlin betreibt.

"Das war das Gütesiegel für den Osten", sagt Filmregisseur Asif Kapadia. Er sitzt auf dem Pool-Dach des Klubs und nippt an einem Orangensaft. Um den gebürtigen Ost-Londoner herum rekeln sich die Smarten, Schönen und bald Reichen der Londoner Popkulturelite, aber natürlich nicht vor der Kamera der Fotografin - das "Shoreditch House" legt größten Wert auf Diskretion. Die Warteliste für Möchtegernmitglieder erstreckt sich der Legende nach über mehrere Telefonbücher; "keines unserer Häuser ist derart überbucht ", sagt Dan Flower, der Manager der Soho Gruppe, nicht ohne Stolz.

Als "schmerzhaft trendy" bezeichnete der Daily Telegraph das Klubheim. Aber viel schmerzhafter wäre es, die im Glamour der Laufsteg-Kundschaft glänzenden vier Stockwerke (Bar, Restaurant, Kegelbahn, Spa, Pool) nicht zu erleben. Aufregender wird London nach Sonnenuntergang selten. Touristen sind übrigens ausnahmsweise im Vorteil: Sie können eines der 26 Hotelzimmer buchen, Einlass in die Klubräume ist im Preis inbegriffen. Abgesehen von dieser Hintertür in den Palast der Coolness ist eine Übernachtung im "Shoreditch House" für alle sinnvoll, die Londons bunten Osten näher erforschen wollen. Der Klub grenzt an Bethnal Green, ein aufstrebendes Einwandererviertel, das vor ein paar Jahren von der künstlerischen Avantgarde kolonialisiert wurde.

"Es ist kaum zu glauben, wie stark sich die Gegend verändert hat", sagt Kapadia, der hier als Sohn indischer Einwanderer aufwuchs. "In den Achtzigern gab es regelmäßig Straßenschlachten mit der Polizei, die meisten Läden waren verbarrikadiert", erzählt er. Ultraorthodoxe Juden und strenggläubige Muslime bestimmten das Straßenbild: "In meiner Grundschule waren von 25 Kindern nur zwei weiße Engländer." Wie fast überall im armen, verwahrlosten Osten der Stadt, der den Großteil der deutschen Fliegerbomben abbekam und nach dem Krieg großflächig mit lieblosen Betonburgen zugepflastert wurde, herrschte damals ein irres Gemisch aus Sprachen und Kulturen und dennoch ein guter Schuss Lokalpatriotismus.

"Das East End ist in geografischer Hinsicht nicht eindeutig definiert, aber es gibt eine klare Identität", sagt Kapadia. Buchläden und Jazzklubs in der Church Street bahnten den Weg für die langsame Gentrifzierung, noch vor fünfzehn Jahren galt Hackney manchen Londonern als gemeingefährliche No-go-Area. Die Lower und Upper Clapton Road trug gar den Spitznamen Murder Mile, die Mordmeile. Kreative Geister wie der Stuhldesigner Martino Gamper waren allerdings froh über die schlechte Publicity. Sie fanden in den leer stehenden Lagerhäusern und Fabriken billige Studioflächen. "Die niedrigen Mieten brachten mich nach Hackney. Bald kamen immer mehr Künstler nach, und es entstand eine Gemeinschaft", sagt der Südtiroler, der sein Atelier heute in einer ehemaligen Schneiderei hat.

Die horrenden Grundstückspreise in den besseren Gegenden der Stadt führten dazu, dass junge Familien Hackneys viktorianische Reihenhäuser und Parks für sich entdeckten. Öko-Cafés machten neben den Galerien auf, der Broadway Market (Mode und Secondhand-Krimskrams) wurde zum Publikumsmagneten, und die Overground Line, eine neue S-Bahn-Linie, verbesserte die Anbindung enorm. Mitunter reicht ein einziger neuer Betrieb aus, um ein Nirgendwo zur gefragten Adresse zu machen.

"Wir hangeln uns so durch."

Dalston, der südwestliche Ausläufer Hackneys, hatte außer ein paar türkischen Grill-Restaurants und dem afrikanischen Straßenmarkt nichts zu bieten, bevor im April 2009 der "Dalston Superstore" eröffnete, ein rund um die Uhr geöffnetes Diner-Restaurant mit Tanzfläche. "Ich arbeitete früher in der Stadt und danach in Shoreditch in mehreren Bars", erzählt Manager und DJ Dan Beaumont. "Irgendwann merkten wir, dass immer mehr Freunde und Bekannte nach Dalston zogen und überlegten, einen Laden für sie aufzumachen."

Der "Superstore" brachte Dalston fast im Alleingang auf die Ausgehkarte Londons. Um ihn herum entstand eine völlig neue Szene, die mittags im "Cafe Oto" speist, abends Jazz im "Vortex" hört und danach auf einen Drink im "Dalston Roof Park" auf dem Dach einer ehemaligen Druckerei vorbeischaut.

Hackney selbst wurde in den vergangenen Jahren so angesagt (und teuer), dass viele Künstler noch weiter nach Osten, in die postindustrielle Ödnis von Hackney Wick auswichen. "Hackney ist multikulturell, voller Widersprüche und ein sich ständig verändernder Ort, an dem es Spaß macht zu leben", sagt Francesca Panetta. Die Halbitalienerin arbeitet in der Multimedia- Abteilung des linksliberalen Guardian und produziert in ihrer Freizeit den Hackney Podcast, ein preisgekröntes Audioprogramm für ihr Heimatviertel. "Immer wenn ich das Gefühl habe, dass es jetzt nicht mehr hipper geht, passiert wieder etwas", lacht sie, "erst gestern Abend war ich in einer interaktiven Spontan-Oper. Typisch Hackney. Aber diese Entwicklung sorgt natürlich auch für Spannungen. " Die Gangs, die in den Sozialwohnungen Revierkämpfe austragen, würden nicht vom Aufstieg der Gegend profitieren, und obwohl Hackney vorwiegend junge, tolerante Menschen anzieht, gibt es so gut wie keine Berührungspunkte mit der Unterschicht.

Ähnliche Widersprüche muss man auch in Hackney Wick aushalten. Die letzten in London verbliebenen Industriebetriebe sind hier angesiedelt, umgeben von leer stehenden Baracken und Parkplätzen. Neben Arbeitern in Blaumännern trifft man jedoch zunehmend Jungs in engen Jeans und mit asymmetrischen Frisuren auf den staubigen Straßen. Oder Mädchen wie Bean, die mit einem Pack Bier unter dem Arm barfuß aus ihrem weißen Bus springt, auf dem in Blutrot "Performance Space" geschrieben steht. So heißt der Platz für Performance-Kunst, Vernissagen und wüste Partys, den Bean mitten in einer kleinen Industrieanlage aufgemacht hat; um sie herum werden unter anderem Autos lackiert und Hühnchenfilets zugeschnitten. Die 26-Jährige hat ihre gesamten Ersparnisse in das Unternehmen gesteckt, der "Performance Space" kämpft ständig ums Überleben. Bean selbst schläft, um Miete zu sparen, in ihrem Bus. "Wir hangeln uns so durch", lacht sie. Aber es gebe keine Alternative: "Man muss in Hackney Wick sein."

Tatsächlich wuchern hier an allen Ecken Galerien aus dem grauen Asphalt. "In Hackney Wick gibt es die größte Künstlerdichte der Stadt, wenn nicht ganz Europas", behauptet Darren Ellis, Chef der im Frühjahr 2011 eröffneten "See"-Galerie. Man glaubt es ihm. Jeder zweite Passant ist ein Künstler, bleibt stehen und erzählt atemlos von sich und seinen Werken oder von Dingen, die man unbedingt gesehen haben muss. Wie das Kinoboot, das im Sommer über den Kanal schippert. Oder "Folly for a Flyover", die gigantische Installation mit Theater, Film und Party, die sich 2011 unter den Brücken der Autobahn A12 ausbreitete.

Der "Stour Space" von Neil McDonald und Freundin Rebecca steht stellvertretend für das heillose Durcheinander. Die ehemalige Regenschirmfabrik beherbergt ein Café, Ausstellungsräume, Büros und hübsche Ecken zum Nichtstun. Etiketten verrutschen, Schubladen bersten, aus Nachmittagen werden Nächte, und das alles passiert mit einer für London nicht ganz typischen Freundlichkeit.

Mit Enthusiasmus erzählen Neil und Rebecca, wie sie die Gegend eines Tages nach passenden Räumlichkeiten absuchten und ihr Haus mittlerweile als Anlaufstelle fungiert. "Viele Künstler leben hier ohne Mietverträge und bekommen Probleme, weil die Stadtverwaltung die Gebäude räumen will", sagt Rebecca, "wir helfen ihnen."

Unter dem Eindruck des rapiden, mit bloßem Auge erkennbaren Wandels hat selbst die alteingesessene Lachsräucherei "Forman's" ein hippes Restaurant mit Galerie eröffnet. Alles wird - ganz plötzlich - anders. Die ganze Gegend ist von sich selbst beschwingt und permanent damit beschäftigt, die sagenhafte Hässlichkeit der Umgebung mit der Schönheit von frischen Ideen zu bekämpfen. London entsteht hier neu und ist doch gerade in diesem überdrehten, ständig changierenden Wirrwarr des Ostens ganz bei sich. Ob Tag oder Nacht, trotzig unewig ist diese Stadt, mit sich selbst nie zufrieden. Und das ist ihr Glück.

Autor:
Raphael Honigstein