England Literatur und große Gefühle im Südwesten

Was ist das eigentlich für ein Landstrich, der den Reisenden auf solche Abwege schickt? Von der A35, die nichts weiter tun soll, als durch Dorset Richtung Westen zu führen, weisen plötzlich Schilder nach Puddletown und Piddlehinton, Piddletrenthide, Tolpuddle, Piddles Wood, Affpuddle und Briantspuddle. Sind wir hier bei den sieben Zwergen? Hat sich eine Kind diese Geografie ausgedacht oder eine literarische Dame wie Jane Austen, die als kleines Mädchen verrückte Geschichten kritzelte, die an phantastischen Orten wie Pammydiddle und Crankhumdunberry spielen?

Sicher, Englands Südwesten hat auch glatte Überlandstraßen für den rasch Reisenden, doch wer Umwege fährt, findet Dörfer, die ein bisschen aus der Welt gefallen sind. In den Armbeugen der Hügel liegen Cottages aus grauem und rotem Stein, schwarzem Fachwerk und weißem Putz, die Mauern vom Alter leicht ausgebeult, die Reetdächer so hübsch frisiert wie Buchs und Eiben, die sie umgeben, und mit Gärten voller Rosen und Geißblatt. Hier möchte man sich den Kopf am Türbalken stoßen und seinen Cream Tea auf der Bank vor dem Haus trinken. Kein Möbelmarkt und kein Hundefuttergroßhandel in Sicht. Stattdessen Grün, alte Eichen, Hecken, die wie wollige Säume die Weiden eingrenzen, hoher Himmel, in dem die Lerchen trillern, und hier und da das Meer.

Jeder, der einmal durchgerollt ist - Jane Austen in der Kutsche, Sir Arthur Conan Doyle in der Eisenbahn und Ian McEwan vermutlich mit dem Auto - hat das poetische und dramatische Potential der Landschaft gespürt. Somerset, Dorset, Devon und Cornwall sind Schauplätze großer Literatur und Lieblingsplätze großer Literaten. Thomas Hardy musste nur aus seiner Cottagetür in Higher Bockhampton treten und dem unweit verlaufenden Flüsschen Piddle folgen, der Am grünen Rand der Welt wirklich durch die Wiesen pieselt und den Anrainern seinen Namen gegeben hat. Agatha Christie aus Torquay machte ihr Ferienhaus in dem verwilderten Garten von Greenway bei Brixham zum Schauplatz mehrerer Romane; Sherlock Holmes jagte den Hund der Baskervilles über das grimme Dartmoor. Am Strand von Chesil Beach, der endlosen Kiesbank westlich von Portland, ließ Ian McEwan ein junges Paar nach seiner desaströsen Hochzeitsnacht auseinandergehen.

Entlang der Küste liegen im Schutz von Klippen und Buchten die alten Seebäder, die vom diskreten Charme ihrer unerschrockenen Klientel geprägt sind. Auch unter einem stahlgrauen Himmel werden Schultern entblößt, stürzen und steigen bunte Drachen durch den Luftraum. Die Hotels heißen "Ocean View" oder "Prince Regent" und tragen weiße und mintgrüne gusseiserne Spitzen auf dem Dach. Alte Damen in Liegestühlen sitzen mit dem Rücken zum Strand. Was auf der Promenade vor sich geht, ist ihnen sehenswerter als das Meer. Seit dem 18. Jahrhundert galt es als gesund, im salzigen Wasser unterzutauchen - vorzugsweise im Winter, wenn die Kälte tüchtig kniff, denn danach fühlte man sich besonders stark. Seit König Georg III. jedoch am 9. Juli 1789 in Weymouth unter den Klängen einer Streichkapelle ("God save the King") aus seinem Badekarren ins Meer geschritten war, galt auch die Sommerfrische als schick. "Der Gedanke, dass es elegante Badeorte in Mecklenburg geben sollte!", schrieb Jane Austen mit kaum geheucheltem Entsetzen an ihren Bruder Frank, der als Kapitän der Royal Navy über die Ostsee segelte. "Glauben die Leute dort allen Ernstes, sie seien auf der Höhe der Zeit? Außerhalb Englands zu baden!"

Zweimal verbrachte "Englands Jane" ihre Ferien in Lyme Regis. Sie stieg ins Wasser und fand es herrlich. Aber das Schönste an dem Ort ist nicht der Strand, sondern der Cobb, "der prachtvollste Wellenbrecher der ganzen englischen Südküste", wie John Fowles 160 Jahre nach Austen schreibt, "primitiv und doch kompliziert, massig und doch zart, voller feiner Rundungen und Schwellungen wie ein Werk von Henry Moore oder Michelangelo; dabei rein, sauber und salzig, ein Muster der Baukunst". Fowles stellt Die Geliebte des französischen Leutnants an die äußerste Spitze des Cobb - in der Verfilmung ist es Meryl Streep mit wild wehenden roten Locken -, und Jane Austen stürzt in Überredung die kokette Louisa Musgrove die Stufen der großen Kaimauer hinunter und lässt sie statt in Kapitän Wentworths Armen auf dem Pflaster landen. Heute umarmt der Cobb einen kleinen Bootshafen und das westliche Ende des Badestrands. Zwei Bürschchen schliddern mit einem selbstgebastelten Surfbrett über den Wassersaum; weiße Schulterblätter, blaue Lippen; im Sand liegen ihre Handtücher wie nasse Lumpen. Wie kalt? Sixty-four degrees - 18 Grad Celsius.

Das aber ist natürlich nicht der ganze englische Sommer. Ilfracombe in Nord-Devon prangt um diese Zeit in allen Farben: Geranien, Petunien, Lobelien wallen über Hängekörbe und Tröge. Die kleine Stadt zwischen Meer und Steilküste weiß, was sie ihrem Ruf schuldig ist; sie war mehrfach Siegerin im "Britain in Bloom"-Wettbewerb. 1856 hat hier ein Paar Urlaub gemacht, dessen Zusammenleben die Zeitgenossen skandalisierte: Mary Ann Evans, die sich George Eliot nannte, und der Allroundgelehrte und anderweitig verheiratete George Henry Lewes. Eliot, die große Realistin und Moralistin der viktorianischen Literatur, teilte mit Lewes sein Hobby der Meeresbiologie, und so zogen die beiden Georgies mit Austernmesser und Brieföffner bewaffnet an den Strand von Ilfracombe, um beträchtliche Unordnung in der Meersfauna zu schaffen, aber auch um einen köstlichen Sommertag zu genießen. "Mit den Füßen in einem Tümpel paddelnd, bringt meine Begleitung eine Feldflasche mit Sherry und eine Tüte Kekse zum Vorschein. Bald zieht die träge blaue Rauchfahne einer milden Havanna in die warme Luft empor und macht die Behaglichkeit wunschlos-vollkommen."

Richtung Westen wird das Land karger, grauer Fels stößt durch das Gras, Ginster glänzt wie Gold. In Cornwall heißen die Mauern entlang der Straße Hecken, weil sie grün von Moos und Efeu sind, bunt von Blumen und gekrönt von Bäumen, die sich über der Fahrbahn zusammenneigen. Das "Schwanzende Englands" ist Daphne-du-Maurier-Terrain. (Na, schön, Rosamunde Pilcher gilt auch. Sie hat enorm viel für den kornischen Fremdenverkehr getan.) Du Maurier fand in Cornwall die lang ersehnte Freiheit, "zu schreiben, spazieren zu gehen, zu wandern, die Freiheit, Hügel zu erklimmen, ein Boot zu rudern, allein zu sein". Am Hafen von Fowey steht ihr Haus. Das "Jamaica Inn" auf dem Bodmin Moor, die Schmugglerkneipe aus Gasthaus Jamaika, wird heute auch von anständigen Leuten betreten. Neben dem großen Schankraum - "Busgesellschaften willkommen" - ist ein Daphne du Maurier Room mit ihrem Sheraton-Sekretär, der Schreibmaschine, einem schwarzes Telefon und den bevorzugten Pfefferminzbonbons (Fox Glacier Mint) lebensnah eingerichtet.

Schöner als im "Jamaica Inn" rastet man jedoch in Cotehele, einem Herrenhaus aus dem 15. bis 17. Jahrhundert über dem Fluss Tamar, wo Cornwall und Devon sich treffen; Blumen auf der Fensterbank und Kampferduft aus den Gobelins. In der Kapelle tickt die älteste funktionierende Uhr Englands, 1480 konstruiert. Alle Stunde schickt sie ein zartes Bimmeln über die Dächer. Signal für einen Cream Tea. Später, am Abend, futtert alle Welt Cornish Pastry aus der Tüte, mit Fleisch und Zwiebeln gefüllte Blätterteigtaschen, eigentlich köstlich, oder? Agatha Christie mahnte zur Vorsicht: "Die kornischen Pasteten sind gefährlich - in der Ferienzeit verwenden die Menschen hier alles, was ihnen unter die Finger kommt, für die Füllung - aber auch alles."

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Autor:
Elsemarie Maletzke