Bath Kurort der Könige

Von hier also sprudelte der Mythos Bath in die Annalen: aus einem Steinbecken, nicht sehr groß, am Rande Taubenexkremente. Der Inhalt eher grünlich als kristallklar. Wasser gurgelt hoch aus 46 Grad heißen Quellen, seit Ewigkeiten schon. Die Sage geht, es habe bereits König Bladud Glück gebracht, lange vor Christus. Der König litt an Aussatz, wahrscheinlich Lepra, seiner Pusteln und Geschwülste wegen wurde er zum Schweinehirten degradiert und seines Reiches verwiesen. Als seine Schweine sich in Bath im Wasser suhlten und selig dabei quiekten, tat es Bladud ihnen nach, gesundete und kehrte heim ins Königreich. Dort zeugte er seinen Sohn, den späteren König Lear.

Alte Geschichten, wunderbar. Bath hat viele davon. Gelegen am Fluss Avon in der Grafschaft Somerset, knapp 90.000 Einwohner, die Kulisse georgianisch, mehr oder weniger komplett. Soll heißen: Eigentlich ist man in einem Freilichtmuseum unterwegs. Sogar die Unesco hat ihr Label "Welterbe" an Bath vergeben, 1987 war das, und es schürt den Stolz bis heute, lockt die Leute an, sehr viele, nicht nur an den Wochenenden. Jüngst wurde wieder Hollywood gesichtet, Nicolas Cage nebst Gattin, früher Johnny Depp samt Familie.

Promis gaben sich, quer durch die Jahrhunderte, immer wieder die Ehre: Lord Nelson, Jimi Hendrix, Yehudi Menuhin. Auch sie beflügelten das historische Ambiente. Als Bath-Neuling heute allerdings befürchtet man, der Zutritt würde einem nur gewährt in angemessener Kleidung, in Kleid und Haube für die Dame, Gehrock für den Herrn. Durch eine Stadt zu laufen, die wie festgefroren wirkt in guten alten Dandy-Zeiten, als Etikette noch was galt, das scheint in Tagen, da es eisig zieht durchs Weltenrund, besonders gut zu trösten. Börsencrashs, Globalisierung, Armutskonjunktur - in Bath verblasst das alles zu einer Randnotiz aus einem Universum weit, weit weg. Herrschaften wie die Locke-Nobles aus Fullerton, Kalifornien, werden hier nicht als Spinner angesehen. Gewandet in altenglischen Roben inspizieren sie die feucht-muffigen Katakomben der "Roman Baths", fünf Meter unterhalb der Straßenebene; ihnen folgen Gelhaar-Teens in Baggy Pants und Japaner-Schlapphut-Gruppen.

Alle zusammen halten den Riesenhörer wie ein Telefon ans Ohr gepresst - den Audioguide. Über den gibt's Fakten und Anekdoten zum Planschbecken der Römer, von oben her, dem "Pump Room", plätschert Klaviermusik ins unterirdische Museum. Teile ihrer Kostümierung, lässt Mrs. Locke-Noble in der Attitüde einer Duchess wissen, sind von ihr selbst genäht, sie liebt die alten Zeiten, alles vor 1930 hatte Stil, die Zeit Jane Austens ganz besonders. "Andere machen Barhopping, wir hoppen durch die Vergangenheit."

In die taucht man in den "Roman Baths" tief hinab. Vor 2000 Jahren saßen hier die Römer im warmen Wasser, ihr Baderitual klingt weniger nach Wellness-Urlaub als nach Alltagsroutine: Man spielte, wettete und machte Geschäfte. Nach den Römern geht es mit Bath und dem Baden mal auf, mal ab, nach oben geht es meist, wenn Könige kommen. Nach Besuchen von Prinzessin Anne, Königin in spe, ab 1688 avanciert die Stadt zu Englands "höchstklassigem Erholungsort für Mode und Frivolität".

Ein Dr. William Oliver preist 1707 das Quellwasser nicht nur für die Anwendung von außen, sondern auch für den Trinkgebrauch, und er entwickelt ein Biskuit dazu. Beides zusammen - Keks und Wasser - gilt bei Snobs und Dandys als Digestivum gegen Völlerei. Um 6 Uhr früh erwachen und den Tag mit diesem kargen Mahl beginnen, das macht fit fürs Dinner und allabendliche Bälle.

Nach 1820 dann ist erst einmal Schluss mit feinen Festen, den amtierenden Regenten George IV., prunksüchtiger Prince of Wales, zieht es nach Brighton, nicht nach Bath, er steht auf Meer- und nicht auf Quellwasser, die feine Gesellschaft trottet ihm nach. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs nimmt man noch Tee auf den Roman-Baths-Terrassen, bald nach dem Ausbruch kurieren sich hier verwundete Soldaten aus.

Ein Meningitis-Fall im Jahre 1978 bringt das Baden für Jahre völlig aus der Mode. 2005 dann die Restauration der Tradition: Man baut die "Thermae Bath Spa", einen Wellness-Tempel. Von denen gibt es viele auf der Welt, aber nach Bath passt er wie die Sauna zu Finnland. Heiße Steine, Heukammer oder ein Moor-Modder-Kokon - auf Entspannungsuchende warten mehr Wohlfühl-Behandlungen, als der Tag Stunden hat. Und dazu ein atemberaubender Blick über die Stadt, vom Freiluftpool auf dem Dach.

Im "Pump-Room", früher Trinkhalle und heute Teesalon der "Roman Baths", kostet das Glas Wasser für die Reinigung von innen 50 Pence, und immerhin: 43 Mineralien sollen darin ihre heilsame Wirkung entfalten. Doch die meisten Besucher bevorzugen es lieber "very british", sie ordern Tee. Lauschen dem "Pump Room Trio", knabbern an "Bath Buns", einer Art süßen Semmel, bestellen Scones, serviert auf einer Etagere. Danach jubeln sie im Gästebuch: "Delightful!" oder "Awesome yummy!"

Manchmal streift ihr Blick auch die Marmorstatue eines Herrn, dem Bath viel zu verdanken hat: Richard "Beau" Nash. 1703, nachdem er Armee und Anwaltsberuf quittiert hatte, reist er nach Bath. Anne, inzwischen zur Queen gekrönt, promotet die Quellen, Beau Nash rüstet die Stadt zu einem Kurbad auf - ohne das Amüsement zu dezimieren. Allerdings verbietet er das Duellieren, auch das Säbeltragen, und diktierte als Zeremonienmeister - Showmaster würde man heute sagen - das bunte Bather Treiben. Ihm verdankt die Stadt etliche ihrer opulenten "Circuses" und "Crescents", Rondelle und Renommierbauten im Halbrund. Und auch die Pulteney Bridge, Bathens Antwort auf den Ponte Vecchio in Florenz.

Wer sich an einem Samstag hinauswagt auf den "Abbey Church Yard", dem Platz gleich vis-à-vis der Roman Baths, der wird sich einem bunten Menschenzirkus gegenüber sehen: Girls mit Luftballontrauben fräsen sich durch die Menschenmassen, hier drummt ein Rastaman, dort fidelt ein Punk, und um die Ecke spreizen sich zwei Jungs in Leopardentangas: "It's acrobatics!" Von der Balustrade der "Grand Parade" richten Schau-lustige den Blick hinab aufs Rugby-Spiel im Bather Stadion oder auf andere Müßiggänger in blau-weiß-gestreiften Liegestühlen. Himmel und Menschen, jeden Tag bis sechs, dann fällt der Vorhang. Und nur noch eine Handvoll Pubs und Restaurants sind für die Nimmersatten da.

Trotz aller Lieblichkeit: Es gab auch Leute, die Bath hassten, Queen Victoria etwa. 1830, gerade elf Jahre alt, kommt sie nach Bath, um einen Park auf ihren Namen zu taufen. Ein Gazettenschreiberling sieht abschätzig auf die Prinzessin, beschreibt ihr Kleid als "ohne jeden Schick". Das nimmt sie krumm und schwört, Bath nie mehr zu betreten, wählt später als Sommerresidenz lieber die Isle of Wight. Selbst als sie 80-jährig Bristol besucht, das nur 20 Kilometer von der Stätte ihrer Scham entfernt liegt, müssen die Diener im Zug die Vorhänge zuziehen, als es an Bath vorbeigeht.

Auch Bathens berühmteste Lady hatte Kritisches in petto, wenn es um die bessere Gesellschaft ihres Wohnortes ging, da fühlte sie genau wie Charles Dickens oder William Thackeray. Nur fünf Jahre lebt Jane Austen samt Familie in Bath, 1801 bis 1806, der Vater soll sich hier auskurieren und Jane, schon 25 Jahre alt, unter die Haube kommen - der Bather Heiratsmarkt gilt als vorzüglich. Doch beide Ansinnen scheitern, der Vater stirbt alsbald, Jane bleibt bis zu ihrem Tod mit 41 Jahren Single. Und schreibt erinnernd 1808: "Morgen ist es zwei Jahre her, dass wir Bath verließen, mit wunderbaren Fluchtgefühlen." In zweien ihrer Bücher finden Bath und seine feinen Leute dennoch statt, in "Northanger Abbey" und in "Persuasion" (Überredung). Seitdem die BBC und Hollywood die Bücher Austens für zahlreiche Romantik-Movies adaptierten, gibt Bath noch mehr mit der scheuen Jane an, die ihre Bücher unter Pseudonym veröffentlichte - "by a lady".

Das "Jane Austen Centre" versammelt viele Damen, die sich zum Austen-Festival jährlich im September verkleiden und in dieser Kluft auch Bälle und Paraden zieren. Ein Museum ist das Centre nicht, eher eine Devotionalien-Sammlung. Briefe von Emma Thompson hängen hier aus, die in "Sense and Sensibility" mitspielte, und Glenys Hale, 61, seit zehn Jahren Bathens Austen-Fachfrau, gibt zum Besten, dass Jane vor allem gern spazieren ging und Schokolade kaufte. Ob das ihre Abneigung gegenüber der Bath-Society schwächte, kann Glenys nicht sagen. Sie hält sich lieber an das Positive, das Austen Catherine Morland, ihrer Protagonistin aus "Northanger Abbey", in den Mund legte: "Oh! Wer könnte Bath je überdrüssig sein?"

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Autor:
Tobias Gerber