England Isle of Wight

Es ist der 1. Oktober, 11.15 Uhr. Philip kommt aus dem Wasser gelaufen, schüttelt die nassen Haare aus und lässt sich in den feinen Sand fallen, um sich von der Sonne trocknen zu lassen. Er blinzelt durch die Wimpern und klettert dann mit der Bemerkung, diese Hitze und das grelle Licht seien unerträglich, ein Stückchen die Steilküste hoch, um sich in den Schatten einer Palme zurückzuziehen.

Notizen aus dem Tropen-Tagebuch? Nix da, wir sind in der angeblichen Heimat von Nebel und Niesel - England. Und zwar - das sei geschworen bei God, Queen and Country - nicht in einer ehemaligen karibischen Kronkolonie. England also, ganz ohne Tricks und doppelten Boden. Na ja, fast. Die Isle of Wight liegt im Ärmelkanal, eine halbe Stunde mit der Autofähre vom "Mainland", wie sie hier Rest-Britannien nennen, entfernt. Eine halbe Stunde von Portsmouth aus nach Süden, über das türkis schimmernde Wasser des Solent, der Meerenge, die auch jetzt, Anfang Oktober, noch gespickt ist mit weißen Segeln. Eine halbe Stunde bis ins Paradies.

Philip ist Ende 30, ein waschechter Londoner, der knapp drei Autostunden vor der eigenen Haustür eine Woche Urlaub genießt. "Ich war schon als Kind mit meinen Eltern jedes Jahr in den Ferien hier. Später bin ich dann lieber nach Spanien gefahren, aber eigentlich haben wir das alles und noch viel mehr ja auch auf der Isle of Wight. Ach ja, und meine Eltern haben sich hier zur Ruhe gesetzt", sagt er.

"Das alles und noch viel mehr" ist ein dem Golfstrom zu dankendes, mediterranes Klima und die Miniaturausgabe von allem, was Englands Süden so reizvoll und unverwechselbar macht: neben Steilküsten und Stränden ein immergrünes Inselinneres, durchzogen von Rad- und Wanderwegen, niedliche Dörfer mit normannischen Kirchen und reetgedeckten Cottages aus grauen Feldsteinen, eingesäumt von uralten Brombeerhecken. Und eines der schönsten Segelreviere, mit versteckten Buchten und Marinas, in denen Yachtclubs residieren, die so alt scheinen wie das Segeln selbst.

Die Engländer wissen all das. Haben es schon immer gewusst. Seit Generationen kommen sie aus dem vom Wetter wenig verwöhnten Norden hierher in die Sommerfrische. Aber anscheinend verraten sie es niemandem: Die Schönheit der Isle of Wight hat sich jedenfalls auf dem Kontinent noch nicht herumgesprochen. 2,5 Millionen Besucher reisen jedes Jahr an; 2,4 Millionen davon sind Engländer - wie Philip. Der mag neben Strand und einem gepflegtem Pint Lager in seinem Lieblings-Pub, dem Blenheim in Ventnor, auch "die vielen alten Häuser und Burgen hier. Aus der Zeit, als England noch groß war. So Ritter und das ganze Zeug. Das ist history, verstehst du? History!"

Philip hat recht. Geschichte gibt es hier auf Schritt und Tritt. Großartige Geschichte. Römer und Franzosen, Normannen und Sachsen, Könige und Puritaner - alle haben sich auf der Isle of Wight in Stein gemeißelt.

Künstler, Kings und Kriegsgewinner

Geschichte erzählt sich gern in Geschichtchen: Die von King Charles I. etwa, den die von Cromwell geführte Parlamentspartei 1648 in Carisbrooke Castle, auf einer Anhöhe fast in der Inselmitte gelegen, einsperren ließ, und der mit Unterstützung einiger getreuer Insulaner beinahe geflohen wäre. Beinahe. Wäre das Fenster nicht zu schmal gewesen. Oder der König zu dick. Jedenfalls blieb Charles erst mal stecken; zwischen den Gitterstäben vor seinem Fenster und den massiven Feldsteinen der Burgwände. Steckte fest wie ein anderer berühmter Engländer, Winnie-the-Pooh, im Kaninchenloch. Während der sympathische Bär einfach ein paar Tage wartete, bis er abgenommen hatte und so wieder frei kam, ging die Sache für Charles nicht ganz so glimpflich aus. Natürlich entdeckten ihn seine Bewacher, wie er da im Fenster hing - das rettende Meer und sein Königreich in Sichtweite, aber unfähig, irgendetwas davon zu erreichen. Verlor die nahe Freiheit wegen ein paar Pfund zu viel auf den Rippen - und später dann auch den Kopf. Das von Oliver Cromwell schwungvoll unterschriebene Todesurteil hängt in Carisbrooke Castle an der Wand. Gleich neben dem Fenster.

Das mit Charles mag ja der eine oder andere früher mal in der Schule gehört haben. Aber die Isle of Wight hat noch viele andere, nahezu phantastische Geschichtchen zu bieten: Wer weiß schon, dass der Zweite Weltkrieg auf der Isle of Wight gewonnen wurde? Das behauptet jedenfalls Philip. Und wer hatte bisher auch nur eine Ahnung davon, dass England von dieser Insel aus den Weltraum eroberte? Das behauptet Philip ebenfalls und da ist sogar etwas dran. Ach ja, und ganz nebenbei erfand eine bemerkenswerte Frau hier, in Freshwater Bay, die Porträtfotografie. Zu all diesen erstaunlichen Geschichtchen später mehr.

Denn jetzt heißt es: Queen first! Um noch einen draufzusetzen, auf all die historischen Großtaten: 55 Jahre lang herrschte auf dieser beschaulichen Kanalinsel quasi die Weltregierung. In Gestalt einer kleinen, etwas dicklichen, meist schwarz gekleideten Matrone - Queen Victoria. Sie liebte die Isle of Wight und residierte vorzugsweise hier, ab 1846 bis zu ihrem Tod 1901. Auf ihrem Landsitz, Osborne House. Ein Herrenhaus für die mächtigste Frau ihrer Zeit, bescheiden zwar, verglichen mit Buckingham Palace, aber groß genug offenbar, um von hier aus nicht nur die prächtige Gartenanlage, sondern gleich die ganze Welt nach ihrem Willen zu gestalten.

Eine Besichtigung von Osborne House ist ein Besuch bei "Königs". Jill, die seit 15 Jahren Touristen durch die Gemächer führt, unterscheidet "our guests" in zwei Kategorien: "Die einen schreiten, sie stellen sich wahrscheinlich vor, sie seien Prince Albert, der Gemahl der Königin; die anderen schleichen über die dicken Teppiche und flüstern, als gehörten sie zur Dienerschaft und hätten Angst, die gestrenge Queen Victoria könnte jederzeit um die Ecke biegen und sie wegen Unbotmäßigkeit zur Rede stellen." Philip gehört zu denjenigen, die schreiten. Mit dem Stolz des königstreuen Briten übernimmt er die Führung durch Billardzimmer, Küche und Dienstbotentrakt, erklärt, wo Prince und Queen im Arbeitszimmer saßen (er immer an ihrer linken Seite) und faltet im Schlafzimmer der Queen, vor "dem Bett, in dem sie verstarb", die Hände und senkt andächtig den Blick. Jills Erklärung, die Queen sei nicht im Bett, sondern auf der Chaiselongue verschieden, überhört er - ganz aristokratisch.

Aber auch Kontinentaleuropäer lässt Osborne House nicht kalt. Zu authentisch ist das Interieur, zu nahe der Blick auf Privates - etwa das königliche Badezimmer mit einer für die damalige Zeit ungeheuerlichen Modernität: einer Dusche! Die Fliesen unten an der rechten Wand sind abgenutzt - ob Victoria sich unter der Brause gern hingesetzt hat? Davon will Philip nichts wissen, auch das äußerst freizügige und damit wenig viktorianische Fresko an der Wand des Bads von Prince Albert gefällt ihm nicht. Es zeigt einen nahezu unbekleideten Herakles, der sich einer nicht wesentlich schamvoller gewandeten Königin Omphale als Sklave anbietet.

"Die Queen hat es für Albert anbringen lassen, manche glauben, in Anlehnung an ihre Beziehung", erklärt Jill. Philip outet sich endgültig als Konservativer, er findet das Kunstwerk schlicht "shocking". Hat aber auch gleich eine Erklärung parat: "Kein Wunder, Prince Albert war ja Deutscher." Britischen Humor versprüht auch Jill, die auf die Frage, ob man in Osborne House denn ebenso viele Genehmigungen wie in anderen englischen Museen brauche, um fotografieren zu dürfen, knochentrocken antwortet: "Nein, nein, hier reicht eine Erlaubnis völlig." Pause. Und? Wo bekommen wir die? "Im Buckingham Palace, bei Queen Elizabeth. Der gehört das nämlich alles hier." Ohne eine Miene zu verziehen. Großartig, diese Engländer!

Wandern, Weltraum und warmes Wasser

Nun will uns Philip zeigen, wo und wie der Zweite Weltkrieg gewonnen wurde. Unweit des Badeortes Shanklin beginnt direkt neben dem Parkplatz der Dschungel. Zwei Schritte nur, und eine andere Welt umfängt den Besucher. Shanklin Chine heißt die tiefe, schmale Schlucht, die das Wasser hier vor 10.000 Jahren in den Sandstein geschnitten hat. Ein Wasserfall rauscht gleich am Eingang 14 Meter steil abwärts, die Felswände sind von Moosen dicht bewachsen, alles schimmert in unzähligen Grüntönen, die Luft ist so feucht wie am Amazonas, schnell klebt das Hemd am Rücken. Einst schleppten Schmuggler hier ihre Konterbande durch die kaum einzusehende Schlucht. Der Chine hat ein auf der Insel einzigartiges Mikroklima, in dem rund 150 Pflanzenarten gedeihen. Wilder Knoblauch wuchert neben goldenem Steinbrech, Japanischer Staudenknöterich streitet mit roten Fuchsien um den besten Platz an der Sonne. Dazu zirpt's und zwitschert's wie zur Vogelhochzeit - kurz: ein kleiner Garten Eden.

Für den Philip kein Auge hat. Er strebt auf schmalen Wegen und über schwankende Brücken talwärts, als warteten dort die Kronjuwelen. Nach einer Dreiviertelstunde sind wir unten. Vor uns das Meer und daneben einige Meter unschöner Reste eines dicken Rohres. "That's it!", strahlt Philip und zeigt triumphierend auf die Röhre. "That's PLUTO, that's why we won the war!" Um es kurz zu machen: PLUTO steht für Pipe-Line under the Ocean, ein Projekt, welches die Briten 1944 verwirklichten, indem sie von Shanklin aus eine 70 Meilen lange Pipeline quer durch den Ärmelkanal verlegten und so die Invasion der Alliierten in der Normandie mit Treibstoff versorgen konnten. Insofern hat Philip nicht ganz unrecht mit seiner kühnen Behauptung - allerdings muss man wohl Brite sein, um sich angesichts der Schönheiten von Shanklin Chine für ein altes, rostiges Rohr zu begeistern.

Immerhin: Das Angenehme an Philips militärischen Sehenswürdigkeiten ist, dass sie direkt in den landschaftlich reizvollsten Gebieten liegen. Das trifft auch auf die "Eroberung des Weltraums durch England" zu. Wer entlang der Südküste gen Westen wandert, wird mit atemraubenden Ausblicken von der hier steil abfallenden Kreideküste belohnt. Und irgendwann, wenn es nicht mehr weitergeht, sieht er das Wahrzeichen der Isle of Wight: "The Needles". Der Name ist trefflich gewählt, bezeichnet er doch eine Gruppe weit ins Meer reichender nadelspitzer Felsen, unfreiwillige Endstation für manches Schiff, das sich hier den Bauch aufschlitzte.

Doch Philip interessiert sich weder für die Nadeln noch für die in vielen Farben schillernde Steilküste von Alum Bay. Wie ein Setter bei der Fuchsjagd stromert er aufgeregt um eine in die Steilküste eingelassene, komplett nichtssagende Betonplattform herum. "Hier muss es gewesen sein, von hier aus sind die Schwarzen Ritter gestartet", murmelt er. Ein paar Meter weiter erklärt eine kleine Ausstellung in einem ehemaligen Bunker die "Sensation": Tatsächlich betrieben die Engländer zwischen 1955 und 1971 hier eine Weltraumraketenstation. The Needles waren damals so etwas wie das britische Cape Caneveral. Insgesamt 26 Raketen mit den schönen Namen "Black Knight" und "Black Arrow" wurden ebenso erfolgreich ins All gejagt wie Prospero, der erste (und einzige) britische Satellit, der von einer britischen Rakete ins Weltall gebracht wurde, wo er immer noch kreist. Ein Modell von Prospero, das an einen metallenen Medizinball erinnert, ist in der Ausstellung zu bewundern. Philip glotzt ihn hypnotisiert an, wie ein Hund den Vollmond.

Wahrhaft Großes gibt es hinge gen in der Dimbola Lodge zu sehen, einem reizenden alten Haus mit Blick auf Freshwater Bay. Hier lebte und arbeitete Julia Margaret Cameron (1815-79). Die Großtante von Virginia Woolf hatte sechs Kinder und ließ sich 1860 mit ihrer Familie auf der Isle of Wight nieder. Erst mit Mitte 40 begann sie sich dem gerade entstehenden Medium der Fotografie zu widmen. Sie muss eine unglaublich faszinierende Frau gewesen sein und war mit vielen Künstlern und Literaten ihrer Zeit befreundet: Alfred Tennyson, Charles Darwin und Lewis Carroll gingen in Dimbola Lodge (die Camerons benannten das Haus nach ihrer alten ceylonesischen Kaffeeplantage) ein und aus. Eine trubelige Künstlerkolonie entstand, deren Mittelpunkt Julia Margaret darstellte. Seit 1993 ist ihr altes Haus ein liebevoll im Stil des 19. Jahrhunderts eingerichtetes Museum. Die an den Wänden hängenden Fotografien, hauptsächlich Porträts - von Bekannten und Unbekannten, von Künstlern und Kindern, Fischern und Schauspielern - haben auch heute noch eine Intensität, der sich kaum jemand entziehen kann. Viele der großen Fotografen des 20. Jahrhunderts, Robert Mapplethorpe zum Beispiel, haben Julia Margaret Cameron als ihr Vorbild und ihre Inspiration bezeichnet. Nur Philip langweilt sich, kann mit den alten Porträts nicht viel anfangen. Mag er keine Fotos? "Klar mag ich Fotos, aber mehr so was", grinst er und schlägt die "Sun" auf Seite drei auf.

Wir sind im Garten von Dimbola Lodge mit Philips Eltern ver abredet, die seit fünf Jahren als Pensionäre auf der Insel leben, auf der sie früher nur den Urlaub verbringen konnten. Philip wollte diese Begegnung nicht, irgendwie scheinen ihm seine Eltern peinlich zu sein. "Mom und Dad sind ein bisschen anders. Ziemlich von gestern", hat er gesagt. Dann treffen wir ein entzückendes Rentnerehepaar, Mom Minnie im weit wallenden, blumenbestickten Kleid und hennaroten Haaren und Daddy Dave, der seine langen grauen Haare zum Pferdeschwanz gebändigt trägt. Sie umarmen ihren so gänzlich aus der Art geschlagenen Sohn, der das Begrüßungsritual nur widerwillig über sich ergehen lässt, und schwärmen dann vom Leben auf der Insel. Minnie erzählt, dass die Isle of Wight das englische Florida sei, viele Rentner schätzen das Klima. Dave ergänzt, das sei spätestens seit den Beatles so. Was die damit zu tun haben? Minnie und Dave fangen zu Philips Bestürzung an zu singen:

"When I get older, losing my hair / Many years from now / Will you still be sending me a valentine / Birthday greetings bottle of wine?  Every summer we can rent a cottage / In the Isle of Wight, if it's not too dear  Give me your answer, fill in a form / Mine for evermore / Will you still need me, will you still feed me / When I'm sixty-four?"

Paul McCartney habe das Lied damals während eines Urlaubs auf der Insel geschrieben, erklärt Dave. "Aber für uns war etwas anderes wichtiger", sagt Minnie geheimnisvoll. Und dann führen sie uns zu einer bronzenen Statue zwischen wildblühenden Wiesenblumen im Garten von Dimbola Lodge. Nach King Charles und Queen Victoria sei es an der Zeit, den letzten König der Isle of Wight kennenzulernen. Philip verdreht genervt die Augen, was haben seine spinnerten Eltern vor? Aber dann setzt er sich doch auf Geheiß seines Vaters ins Gras vor dem Denkmal, und Dave beginnt mit Märchenonkelstimme zu erzählen:

Rund hundert Jahre nach Queen Victoria und gut 300 Jahre nach King Charles kam noch einmal ein König auf die Insel. Diesmal nicht eingesperrt, sondern so frei, wie ein Mann nur sein kann. Bewaffnet mit einer Fender Stratocaster und in seinem Gefolge eine Armee von Langhaarigen, 500.000 Frauen und Männer, die gleich hier - Daves Arm schwenkt wie ein Kranausleger Richtung Osten - in der Dünenlandschaft rund um die East Afton Farm lagerten, soffen, kifften, tanzten, träumten und sich liebten, als gäbe es kein Morgen. Und nebenbei - wie sich später herausstellte - das größte Rockkonzert der Geschichte feierten. Dabei huldigten sie ihrem König, der seine Gitarre mehr liebte als sich selbst. Jimi Hendrix.

Dave zeigt mit großer Geste auf das Denkmal: Tatsächlich - das ist Jimi Hendrix, mit seiner Gitarre, in Bronze gegossen.

Am 30. August 1970 spielte Jimi hier beim dritten Isle of Wight Festival, dem europäischen Woodstock, zusammen mit den Doors, The Who, Joan Baez und weiteren Legenden. Minnie und Dave waren dabei. Wahnsinn. Philips Interesse an diesem Teil der Insel- und Familiengeschichte ist bemerkenswert gering. Von Jimi Hendrix habe er mal gehört, aber die Musik kenne er nicht. Zudem hält er es für "völlig unpassend, so einem Gitarren-Hippie ein Denkmal zu errichten. Was hat der denn schon geleistet?"

Minnie schnappt nach Luft, Dave beruhigt sie nur mühsam und wendet sich dann lächelnd seinem Sohn zu. "Shut up! Ohne Jimi wärst du gar nicht da. Hast du dir mal ausgerechnet, wann du gezeugt wurdest?"

Philips entsetztes Schweigen hallt in den Ohren wie ein Gitarrensolo des Königs.

Schlagworte:
Autor:
Thorsten Kolle