England Grusel-Burg "Chillingham Castle"

Nachts kann man langsam schlurfende Schritte im Schlossgarten hören. Wer mit der Geschichte des Orts unvertraut ist, würde fußlahme Touristen oder schwer tragende Hotelbedienstete vermuten. drängt seine schreckliche Vergangenheit seinen Besuchern aber von ihrer Ankunft an auf. Darum besteht für den nachts wachliegenden Gast keine Frage, wer da durch die Rabatten humpelt: Es ist der Geist von John Sage, der ebenfalls keine Ruhe findet. Er ist keiner der traurigen, aber freundlichen Burggespenster, denen im Leben Unrecht angetan wurde. John Sage hat Kinder ermordet und Menschen bei lebendigem Leib verbrannt. Mit der Nachtruhe ist es jedenfalls nun für beide vorbei.

Chillingham Castle einen morbiden Charme zu unterstellen, wäre selbst mit britischem Understatement deutlich zu kurz gegriffen. Die Burg in Northumberland, im Norden Englands an der Grenze zu Schottland, hat eine Geschichte des Folterns und Abschlachtens, die den Horror anderer Spukhäuser im Vergleich wie Nasenbluten wirken lässt: Mit wohligem Grusel und schusseligen Schlossgespenstern, die für schreckhafte Hotelgäste in Vollmondnächten mal eben im Gebälk knarzen oder Bücher umwerfen, hat dieses Schloss nichts zu tun.

Die Geschichten, die aus seiner 800 Jahre zurückreichenden Historie kolportiert werden, genügen bereits, um das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Stimmt auch nur ein Teil dessen, was man sich über den ehemaligen Herrschaftssitz von Edward I. erzählt, müssen selbst Zeitgenossen ohne Sinn für das Paranormale dem Ort eine enorme negative Energie zugestehen - dagegen würde auch alles Feng Shui der Welt nicht helfen. Und was machen die Engländer? Sie bauen ein Hotel hinein. Im Herkunftsland des schwarzen Humors schläft man auch über Folterkellern wie ein Baby.

Schuld am üblen Leumund, den Chillingham Castle bis heute eisern verteidigt, ist der ehemalige Foltermeister der Burg. Einst stand John Sage als Soldat für Edward I. auf dem Schlachtfeld. Ein Speer ins Bein machte die kampferfahrene Tötungsmaschine zum Veteranen wider Willen - seinem schleppenden Gang hernach verdankte er den Beinamen "Dragfoot". Um seinen Lebenszweck fürchtend, flehte Sage seinen Herrn, Edward I. an, ihn in irgendeiner Stellung in seinen Diensten zu halten. Sage wurde daraufhin zum obersten Folterer der Burg Chillingham bestellt.

Was sich Anfang des 13. Jahrhunderts innerhalb dieser Mauern abspielte, lässt Daumenschrauben und Streckbank wie raue folkloristische Bräuche erscheinen: Die blutrünstigen Quälereien erinnern eher an Gore- und Splatterproduktionen enthemmter Untergrundfilmer. Instrumente zum Augenausstechen oder ein im Inneren mit Nägeln versehenes Fass, in dem die Gefangenen umhergerollt wurden, lassen sich noch heute besichtigen. Fragt man, warum der Boden in diesem Raum etwas abschüssig ist, bereut man seine Neugier umgehend: damit das Blut besser abfließen kann. Der Führer, der der Reisegruppe den Kerker zeigt, sagt, dass er niemals alleine hier herunter kommt. Eine Handvoll Abgebrühter betrachtet das Bekenntnis als Teil der Gruselshow. Der Rest kann es einfach sehr, sehr gut nachvollziehen.

Ausreichend Material für Albträume

An Opfern für sein Handwerk fehlte es Sage nicht. Chillingham Castle stand an der ersten Gefechtslinie gegen die Schotten, deren Versuche England zu überfallen hier blutig niedergeschlagen wurden. Nach dem Ende der Kampfhandlungen zwischen England und Schottland stand Sage vor der Wahl, eine große Anzahl Kriegsgefangener freizulassen - oder sich ihrer anderweitig zu entledigen. Die Erwachsenen verbrannte er. Die Kinder, die die Schreie der Eltern mit anhören mussten, ermordete er aus Angst vor Rache mit einer Axt. An einem Treppenaufgang ist das Mordinstrument bis heute ausgestellt.

Bis zu 50 Menschen soll der Folterknecht pro Woche ins Jenseits befördert haben - sein Verderben besiegelte er allerdings mit nur einem Opfer. Der Legende nach würgte er unbeabsichtigt seine Freundin Elizabeth Charlton beim Beischlaf zu Tode. Deren Vater war Mitglied der Border Reivers: einer mächtigen Söldnerarmee aus Engländern und Schotten. Um einen Vergeltungsangriff auf Chillingham zu verhindern, unterschrieb Edward I. das Todesurteil seines Foltermeisters. Innerhalb der Burg wurde Sage gehängt - und noch vor seinem Tod von der rasenden Meute grausam verstümmelt.

Dass sich die Betreiber von Chillingham Castle bei soviel Material für Albträume noch um die Pflege der anderen Mythen bemühen, wirkt enorm fleißig. So hören manche Besucher nachts den "blauen Jungen" weinen, der im 16. Jahrhundert wegen Verrats bei lebendigem Leib eingemauert wurde. Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts fand man seine Überreste - in blauer Kleidung und mit abgeschabten Fingerknochen, da er sich selbst hinauszukratzen versuchte. Aus Gemälden sollen in vergangenen Jahrhunderten die Figuren herausgetreten sein, in manchen Räumen verlieren elektronische Geräte urplötzlich Energie. Und kommen Sie nur nie auf die Idee, Ihre Knöchel in dem malerischen See des Anwesens zu kühlen. Die Toten, die hier auf Grund liegen, werden Sie unter die Wasseroberfläche ziehen.

Warum in aller Welt will man hier Urlaub machen? Nun, vielleicht weil alles nur ein großer Hokuspokus ist. Die meisten Geistersichtungen sind auf einen Text der phantasiebegabten Gräfin von Tankerville zurückzuführen, die im 20. Jahrhundert mit ihrer Familie hier residierte. Und dass in den Bibliotheken des Landes kein wirklich stichhaltiger Nachweis für die Existenz eines John Sage zu finden ist, lässt zumindest Zweifel an der Selbstdarstellung des angeblichen Folterschlosses aufkommen. Was genau sich hier zutrug, lässt sich nicht mehr nachprüfen - aber absurd genaue Zahlen wie "50 Tote pro Woche" sollten selbst für Gutgläubige ein harter Brocken zu schlucken sein.

Vielleicht aber auch nicht. Auf der Facebook-Seite der Burg tauschen Besucher Tipps für die gruseligsten Räume, entschuldigen sich, dass man auf ihren Fotos die Geistererscheinungen nicht so gut erkennen kann, und freuen sich auf den nächsten Besuch. Sind die nun unerschrocken oder unbelehrbar? Wer jemals nachts in einem Spukhotel wachlag, weil ein Witzbold vorm Fenster den Fuß etwas nachzieht, zeigt jedenfalls nicht so schnell mit dem Finger auf sie.

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Autor:
Michael Weiland