London Das Savoy Hotel kehrt zurück

Für einen Mann, der doppelt so viel Geld ausgegeben hat wie geplant und eine Premiere um mehr als zwei Jahre verschoben hat, wirkt Kiaran W. MacDonald gelassen. Statt 100 Millionen hat der General Manager bereits 220 Millionen britische Pfund in die Komplettsanierung des Londoner The Savoy stecken müssen. Eröffnet werden sollte das Spitzenklassehotel bereits im Sommer 2008. Ach so, und natürlich ist es für den gebürtigen Engländer, die erste Hoteleröffnung - nein, nicht die einer solchen Größenordnung, sondern die erste Hoteleröffnung überhaupt. "Schreiben Sie das alles nicht", sagt MacDonald und lacht. Laut.

Heute ist ein Tag Ende Juni 2010, und vor kurzem hat MacDonald seinem spärlich gefüllten Blog auf der Website des Savoy eine bahnbrechende Mitteilung anvertrauen können. Am 10.10.2010 wird die Hotellegende endlich wieder eröffnen, knapp drei Jahre wird die Renovierung dann gedauert haben, seit Mitte Dezember 2007 ist das Savoy geschlossen. Wenn man heute durch die Baustelle geht, die das Hotel noch ist, muss man Bauhelm, Schutzbrille, Hand- und klobige Arbeitsschuhe tragen.

"Es gab eine unrealistische Erwartungshaltung", sagt MacDonald. Selbstverständlich waren umfangreiche Messungen und Bestandsaufnahmen der Bausubstanz des 1889 eröffneten Hauses durchgeführt worden, aber erst beim Öffnen der Wände und beim Herausnehmen der alten Leitungen und Rohre habe sich dann offenbart, so der Manager, dass die Sanierung sowohl in terminlicher als auch finanzieller Hinsicht deutlich mehr Spielraum benötigen würde.

100 Tage bevor die ersten Gäste hindurch schreiten können, wirkt die von Chefdesigner Yves Pierre Rochon entrümpelte Eingangshalle des Savoy wie im Prinzip fertig, weiter oben sind sogar ein paar der insgesamt neun Etagen schon begehbar. Nachdem man sich durch enge Treppenhäuser bewegt und schließlich Plastikgamaschen über die Schuhe gezogen hat, stapft man durch den weichen tiefen Teppich eines Hotelflurs, an dessen Wänden flächenfüllend in Quadrate gestanztes, beiges Leder aufgebracht ist. Zimmertüren werden nicht geöffnet; das Aufschließen erfolgt im Savoy übrigens künftig stillos mit Karte, statt mit Schlüssel.

Im Thames Foyer hängen schon all die schweren Kristalllüster von der Decke, ein Wintergarten steht unter einer gläsernen Dachkuppel. Hier kann der 5-Uhr-Tee eingenommen werden. In der überraschend klein wirkenden American Bar sollen wie einst die aufregendsten Cocktails der Stadt gemischt werden, während die Firma des schottischen Sternechefs und Gastrounternehmers Gordon Ramsay die Bewirtung des legendären Savoy Grill übernehmen wird, der sich links in der nicht weniger legendären Hotelzufahrt findet, der einzigen Straße Großbritanniens mit Rechtsverkehr.

Wird sich die Investition auszahlen?

Und nicht zuletzt die Royal Suite, die prominenteste aller 268 Übernachtungsoptionen des Savoy. Sie zieht sich über die komplette fünfte Etage des Baus am Strand. Beim Besichtigungstermin wuseln hier noch Handwerker über Boden und Wände, aber der Blick aus dem staubverschmierten Fenstern lässt erahnen, wie ungeheuerlich diese Flucht mit ihren zwei Schlafzimmern und den dezenten Butlern einmal sein wird. Unten blickt man auf Victoria Embankment Gardens, einen kleinen öffentlichen Park, rechts sieht man das Riesenrad "London Eye" und Westminster, links kann man bis in Docklands hineinblicken.

Lägen da nicht noch ein paar Bretter, hinge hinten nicht irgendwo noch eine Plastikplane von der Wand und würden sich zwei der insgesamt 1000 Arbeiter nicht gerade auf Polnisch unterhalten - nein, man braucht derzeit einfach noch zu viel an Vorstellungsvermögen, um das Savoy als Gesamtereignis fassen zu können. Zahlen funktionieren besser, sie sind abstrakt. So hat der "Evening Standard" neulich vorgerechnet, dass der das Savoy betreibenden Fairmont-Gruppe knapp 100.000 Pfund an Einnahmen pro Tag entgehen - die laufenden Kosten für die Sanierung jetzt mal kurz nicht drauf geschlagen. Dazu kommt die Aussicht auf einen Markt, einen hoch kompetitiven und die Frage: Wird sich die Investition auszahlen?

"Wir treten in London gegen eine überschaubare Ansammlung von Hotels an", sagt Kiaran MacDonald und wirkt nicht so, als sorge ihn das in irgendeiner Weise, "wir sprechen von insgesamt etwa 1700 Zimmern, einer sehr kleinen Anzahl also." In diese Liga der, wie er das nennt "Top luxury Hotels", zählt MacDonald neben seinem Savoy das The Dorchester, das Claridges, das Connaught, das Mandarin Oriental, das Four Seasons London (soll ebenfalls Ende 2010 wiedereröffnen) und das The Berkeley. "Welchen Platz wir einnehmen werden, das wird die Zeit zeigen. Wir haben jedenfalls die besondere Möglichkeit, das Savoy neu zu positionieren und wieder eines der größten Hotels der Welt zu werden."

Dafür sollte vor Eintritt irgendeiner Dienstleistung die Arbeit von Pierre-Yves Rochon sorgen. Der französische High-End-Innenarchitekt gilt nicht unbedingt als Visionär. Er ist der Mann, der großen klassischen Häusern, wie etwa dem George V. in Paris, eine souveräne Zeitlosigkeit verleihen kann. Vor allem ist Pierre-Yves Rochon eins nicht: billig. Und er ist insofern die perfekte Wahl für das Savoy, weil es zwei Dinge zueinander zu bringen und zu bewahren galt, die keineswegs zusammen gehören - außer im Savoy.

Denn bei seiner Eröffnung im Jahr 1889 präsentierte sich das Haus noch ganz im Edwardianischen Stil, später, in den 1920er und 1930er Jahren kamen die damals angesagten Art-Déco-Einflüsse hinzu, heute noch unschwer am Logodesign des Savoy abzulesen. Es war auch in dieser Zeit, dass nicht nur auf jedem der Badezimmer Telefonapparate eingebaut, sondern auch ausschweifende Tanzfeste in den Restaurants des Hotels gefeiert wurden. Um es kurz zu machen: Rochon ist es in einer sehr angenehmen, unaufdringlichen Weise gelungen, beide Stile für das Savoy in unsere Zeit zu retten und damit die Unverwechselbarkeit des Hauses zu garantieren.

Wir sind im , einem zum Savoy-Gebäudekomplex zählenden, von der Sanierung indes nicht betroffenen Haus, das Anfang des 19. Jahrhunderts als Kaffeehaus und Schachclub gegründet wurde und dessen derzeit eingerüsteter Eingang sich links der Vorfahrt zum Hotel befindet. Hier kann man in sehr gediegener, sehr traditioneller Umgebung frühstücken, lunchen und dinieren. Kiaran MacDonald schaut, als habe er die Frage nicht verstanden. Wie, glauben Sie, Herr MacDonald, werden Sie sich am Morgen des 11.10.2010 fühlen? - "Nach der Eröffnung, meinen Sie?" - Genau. - "Nun, hoffentlich bin ich dann noch am Leben."


Strand
London
WC2R 0EU

Autor:
Thomas Lötz