Fast Lane Das große Flughafen-Fiasko

Das Ende der vergangenen Woche verlief nicht ganz so, wie ich es in meiner angekündigt hatte. Zum einen kann man sich offensichtlich auf keinen einzigen Bereich des Transportwesens im Vereinigten Königreich (und in Teilen Europas) wirklich verlassen. Zum anderen ist dies die Zeit im Jahr, in der gerne an allen Ecken Bilanzkosmetik betrieben wird - selbst wenn man dadurch Gefahr läuft, Tausende von Kunden zu verärgern und zu verlieren.

Die Sitzung unseres Verwaltungsrats, die eigentlich letzten Freitag in Zürich stattfinden sollte, wurde vorsichtshalber abgesagt. Das ist zwar nicht die beste Art, ein Geschäft zu führen, aber wir trafen die Entscheidung, den Round Table zum Jahresende auszulassen, da wir schon ahnten, dass dann jeder über das Wochenende irgendwo anders stranden würde. Und tatsächlich wurden die meisten Flüge, die wir von den verschiedensten Orten in ganz Europa gebucht hatten, gestrichen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, seit wann moderne Flugzeuge und finanziell gut ausgestattete Flughäfen allergisch auf Schnee und Frost reagieren. In den vergangenen Jahren hat aber bereits die bloße Möglichkeit, dass das Quecksilber unter Null sinken könnte, die Bosse der Airlines und die Pressesprecher der Flughäfen in Panik versetzt. Ein Kälteeinbruch vor einigen Wochen diente als eine perfekte Entschuldigung dafür, schlecht ausgelastete Flüge zu bündeln und die Zahl der Flüge von London-Heathrow aus soweit wie möglich zu reduzieren. Und angesichts des Fiaskos, das sich auf Europas meistgenutztem Flughafen jüngst abspielte, sollte dem Betreiber und einigen seiner größten Kunden die Zulassung entzogen werden.

Für die großen Fernsehsender wäre das mal eine Chance gewesen, ein wenig an ihrer Glaubwürdigkeit zu arbeiten und die Quoten an den Feiertagen zu verbessern. Stattdessen wurde das Ganze in aller Schnelle wie jede andere arktische Kaltfront präsentiert. Klar, das Wetter war teilweise wirklich miserabel, trotzdem sollte es nicht gleich eine G8-Wirtschaft zur Vollbremsung nötigen. Der Großteil der Medien stellte nun jedoch nicht die naheliegende Frage, warum eine hochentwickelte Wirtschaftsmacht wie Großbritannien unter einem Kälteeinbruch und einer Schneedecke (in einigen Regionen lediglich eine Staubschicht) gleich zusammenbricht. Sie brachten Geschichten über gestrandete Passagiere, das Chaos auf den Straßen und das überforderte System. Was in der Berichterstattung meist fehlte war gerade das alles Entscheidende: "Warum versagt das Land in dieser Situation, und welche Folgen hat das für die Marke Großbritannien?"

Einfach nur "typisch UK"

Aus meinem ursprünglichen Plan, von Zürich aus nach Tokio zu fliegen, wurde ein Abflug von Heathrow am Freitagabend. Es lag nur wenig Schnee und der Himmel war klar. Trotzdem war am Flughafen nur eine einzige Start- und Landebahn geöffnet, und man konnte förmlich spüren, dass die ganze Schose jeden Moment kollabieren würde. Als wir uns für den Abflug bereitstellten, konnte ich schon all die Entschuldigungen auflisten, die über das Wochenende ausgesprochen werden würden.

Während wir die Startbahn herunterrollten und über Windsor rumpelten, sah die englische Landschaft friedlich und gemütlich aus. Ich konnte mir aber vorstellen, wie viele arme Seelen dort unten gerade in schlecht isolierten Häuser mit Boilern herumhantierten, die scheinbar darauf ausgelegt waren, gerade dann zu implodieren, wenn die Menschen am meisten auf sie angewiesen waren.

Als ich Japan elf Stunden später erreicht hatte, bestätigten sich meine schlimmsten Befürchtungen - British Airways hatte die meisten Flüge gestrichen. Falls Sie zu diesem Zeitpunkt gerade in Sapporo, Calgary oder Chicago festsaßen, dachten Sie wahrscheinlich, dass in Heathrow die Arbeiter mit meterhohem Schnee und arktisähnlichen Bedingungen kämpfen würden. Das Problem bestand aber eher in minderwertigen Ausstattungen und schlechter Planung - ein bekanntes Thema, wenn es um Transport und die Infrastruktur in Großbritannien geht.

Nicht das Sinken des Quecksilber ist der Hauptgrund für die Unfähigkeit des Vereinigten Königreichs, mit solchen Bedingungen zurechtzukommen, sondern das Sinken der Service-Standards. Ein internationaler Flughafen in einem Land, in dem es in der Tat (trotz Beschwerden, dass dies nicht der Fall sei) gelegentlich auch mal schneit, sollte in der Lage sein, genügend Enteisungsmaschinen, Schneepflüge, Streufahrzeuge und Personal zur Verfügung zu stellen, um einen Wintersturm zu bekämpfen. Leider sind die Bedingungen laut einigen Fluggesellschaften so schlecht, dass man nicht um den Eindruck herumkommt, Heathrow wähne sich in tropischen Breiten statt im nördlichen Atlantik.

Ich verbrachte den Anfang der Woche damit, die Ausfälle mit Freunden zu diskutieren, deren Angehörige an Flughäfen festsaßen. Kollegen waren der Meinung, das Fiasko sei "typisch UK". Als Abgeordnete anfingen, mit dem Finger aufeinander zeigen, als es um das Thema mangelnde Vorbereitung ging, fragte ich mich, wie hoch der tatsächliche Imageverlust für die Marke Großbritannien zu bemessen sei. Würde ein Geschäftsführer aus Seoul seine Meinung über Investitionen im Vereinten Königreich ändern, wenn er mitbekäme, wie seine Kinder behandelt wurden, während sie in Heathrow festsaßen? Wäre er noch so erpicht darauf, sich für den Bau eines Logistikzentrums in Slough statt in München einzusetzen, wenn das die Art und Weise ist, wie der Flughafen funktioniert? Wie würde eine Delegation aus Kuala Lumpur über Investitionen in Großbritannien nachdenken, nachdem sie eine Nacht eingewickelt in Decken auf dem kalten Fußboden von Terminal 5 verbracht hat?

Ich bin mir sicher, dass ein auf Marketing spezialisiertes Genie irgendeine Formel besitzt, die den Schaden, den solche Vorfälle für das Ranking eines Landes in der Welt bedeuten, in Dollar ausrechnen kann. Und ich bin mir auch sicher, dass die Summe viel, viel höher ist, als es die Kosten für ein paar extra Hilfskräfte mit Enteisungsflüssigkeit, eine Flotte Kipplaster, Schneepflüge und einen Berg Streugut und Salz wären.

Autor:
Tyler Brûlé