England Bio-Delis in London

Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, jetzt eine deutsche Städte-Serie zu starten, um einmal auszutesten, ob die Hamburger, Wuppertaler oder Bayreuther genau so empfindlich sind, wie die Düsseldorfer, die sich offensichtlich gänzlich falsch verstanden fühlten. Die Zuschriften reichten von "dumme Schreiberlinge" bis "neidische Hauptstadtzicke" (fürs nächste Mal wünsche ich mir bitte etwas kreativere Beschimpfungen), weshalb wiederum ich mich vollkommen falsch verstanden fühle. Aber die Bayreuther sind als eigentlich so stolze Universitätsstadt vielleicht schon genug gebeutelt, und über Hamburg streiten sich schon so viele - also lassen wir das lieber.

Außerdem muss ich dem Piloten der British Airways noch danken, der uns Dienstag trotz eines Hydraulikschadens an der Maschine wieder sicher auf den Boden gebracht hat. Am psychologischen Feingefühl bei den Durchsagen - "Cabin Crew immediately to the captain!" - könnte man vielleicht noch arbeiten, weil spätestens das meinen Herzschlag auf Kaninchenfrequenz brachte, aber ansonsten hat er einen wirklich fabelhaften Job gemacht. Auf den Schreck gab es dann zurück im Terminal einen Verzehrgutschein über fünf Pfund, den die meisten Passagiere dann auch umgehend einlösten - natürlich bei Pret A Manger.

Ich kenne eigentlich niemanden, der während eines London Aufenthalts nicht mindestens dreimal bei "Pret" einkehrt. Das liegt zum einen daran, dass man keine zwei Blocks laufen kann, ohne an einer Filiale vorbeizukommen, zum anderen daran, dass es diese Art Fast Food Kette bei uns nicht gibt. Sandwiches, Wraps, Salate, Frühstück, und alles angeblich ganz gesund, ohne Konservierungsstoffe. Über die "nutritional value" von Mayonnaise könnte man jetzt streiten, aber zumindest wird alles frisch zubereitet, was man bei mancher zum Bistro erweiterten Bäckerei in Berlin nicht immer behaupten kann.

Den entscheidenden Unterschied aber machen die Namen. Die ganze "Verkaufe" wie die Werber sagen. "Pret A Manger" klingt schon mal etwas schmissiger als Kamps oder Balzac Coffee. Dann klebt an der Fensterfront ein riesiger Becher, der "Our award winning Porridge!" ankündigt. Haferschleim ist eine große Sache in UK, und der von Pret ist tatsächlich etwas besser als der bei der Konkurrenz EAT, aber davon mal abgesehen - kann in Großbritannien eigentlich jeder Brei und Wrap irgendeinen Preis gewinnen?

Die Sandwiches heißen "Cracking Egg Salad", "Chicken & Pesto Bloomer" oder "Slim Pret - Pole & Line Caught Tuna Baguette". Bei den meisten Sachen versteht man nur die Hälfte, aber es klingt irgendwie interessanter als "Mehrkornbrötchen mit Salami".

Noch besser, in jeder Hinsicht, wird es bei "Daylesford Organic", einer Mini-Kette von schicken Bio-Delis in London. Die Deutschen konsumieren doppelt so viele Bio-Lebensmittel wie die Briten, aber dass etwas, das gut tut, auch gut aussehen und verpackt werden kann, das muss den Deutschen erst noch jemand beibringen. Das Motto von "Daylesford Organic" ist "straight from our farm to your fork", auch kein neues Konzept, aber bei uns nennt es halt keiner so. Und hier streicht seinen "Farm Shop" auch niemand komplett weiß an und arrangiert die Körbe wie Schaukästen. Ich will ja gar nicht sagen, dass jeder "viv Bio Frischemarkt" oder die LPG jetzt zur Bio-Boutique werden muss, aber das Daylesford Konzept funktioniert jedenfalls. Wer in München ist, unbedingt dort Mittagessen und das "Pad Thai", das es hoffentlich auch dort gibt, essen - die Seite london-eating.co.uk nennt es schlicht "mind blowing".

Aber Vorsicht, man kommt aus diesem Laden nie raus, ohne noch ein paar hübsch verpackte Schokoladen, Shortbread Cookies oder Käse zu kaufen. Natürlich ein Stück des "Daylesford Cheddars", ausgezeichnet mit 2x Gold bei den "Great Taste Awards" und 1x Silber bei den British Cheese Awards.

Autor:
Silke Wichert