Mallorca Die Geschichte und Karriere von Arenal

Das "Brünnchen des Kuhhirten" - so ein Name taugt nicht für Reisekataloge und Ansichtskarten. Als aber Francisco Berga Oliver um das Jahr 1915 sein Hotel "Términus" beim Pouet d'en Vaquer eröffnete, dachte der Fischer aus Palma auch noch nicht an Massentourismus und Charterflüge. Dennoch erahnte Berga Oliver das Potenzial des Grenzstreifens zwischen Wasser und Erde. Obwohl er zu nah am unberechenbaren Meer lag und zu sandig und salzig war, als dass er für die Grundbesitzer einen nennenswerten Nutzen gehabt hätte. Küstenland war auf Mallorca wertlos, also wurde es immer dem Jüngsten vererbt.

Das änderte sich, nachdem ebenjener arme Überseefischer Berga Oliver die Strände von Kuba und Jamaika gesehen hatte, ausgestattet mit Strandkörben und Badeschaluppen für den europäischen Adel. Er wusste: Das können wir auch. So stellte er ein einstöckiges Haus an den menschenleeren Strand von Palma - in die Einöde, zwischen flach abfallende Felsplatten, seegrasbedeckte Sandflächen und Gestrüpp. Entlang der Meereslinie pflanzte er nordafrikanische Dattelpalmen und wartete auf die ersten Sommerfrischler. Ihnen präsentierte er die Karibik vor der Haustür.

Heute nennt sich die Gegend der Einfachheit halber Arenal, Sandstrand, 40.000 Betten sind dort für die Besucher gemacht. Die Bucht ist der Prototyp eines Urlaubsmodells, das sich selbst schon mehrmals überlebt hat: Sol y Playa, immer wieder in Verruf geraten, doch nicht totzukriegen.

Warum? Weil es nichts Schöneres gibt als einen Nachmittag im warmen Sand zu verbringen. Keine andere Naturerfahrung ist so sehr mit Entspannung verbunden, alle anderen Outdoor-Freizeitaktivitäten fordern Muskelarbeit und treiben Schweiß. Beim Sonnenbad schwitzt man zwar auch, aber das gibt nur Anlass zum Bad in den Wellen. Warmer Sand und kühles Wasser - die beste Wellness-Idee der Natur und die perfekte Einladung zum Nichtstun. Faul sein, das dürfen wir heutzutage nur noch am Strand.

"Deine Spuren im Sand ... die ich gestern noch fand ...", sang 1975 Howard Carpendale. Damals verknüpfte man in Deutschland den Strand bereits mit Idylle, Urlaub, brauner Haut. Und Mallorca war gleichbedeutend mit Strand. Wer kannte schon das Inselinnere? Wer wusste von den possessions, den riesigen Landgütern, auf denen bis in die fünfziger Jahre gewinnbringend gewirtschaftet wurde? Wer wusste schon von den Bauernfamilien, die ihre Selbstversorgerhöfe nur alle heilige Zeit einmal verließen, vielleicht, um eine Totenwache auf dem Nachbarhof anzutreten? Palma? Das lag von manchem Ort eine mehrtägige Reise weit entfernt. Das Meer? Leute starben, ohne es jemals aus der Nähe gesehen zu haben. Die Strände? In Sa Ràpita holte man mit dem Ochsenkarren angeschwemmtes Seegras zum Düngen der Felder. In Ses Salines sammelte man Salz. In Estellencs schoss man Seehunde, in der Cala des Camps tauchte man nach pops, Kraken, nach raors, Schwertmesserfischen, nach llagostas, Langusten. Bei Son Real pflückte man fonoll marí, Meerfenchel, der so wunderbar zum mallorquinischen Brotzeitteller pa amb oli passt. Aber schwimmen? Baden? Sonnenbaden?

Bei Ankunft der ersten Touristinnen im Zweiteiler hätten die Mallorquiner eigentlich ihre Blicke abwenden müssen - noch in den fünfziger Jahren verbot die Regierung in Madrid, außerhalb des Wassers Schwimmkleidung zu tragen. Musste man sich im Badehaus umziehen. Hielten sich Männer und Frauen an getrennten Strandabschnitten auf. Am Sonntagnachmittag scherzten sie dort miteinander, tranken geeiste Mandelmilch, sangen. In voller Bekleidung. Bikini, wozu denn? Braun werden, warum?

Denn braun waren die Gesichter der Fischer, der Schmuggler, der Steineklopfer. Sie waren es, die die Strände bevölkerten - in den Abend- und Morgenstunden, nie von 13 bis 17 Uhr, niemals nachts. Mallorcas Fischer waren ein Völkchen mit geringem sozialem Ansehen und noch weniger Einkommen. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten sie auf Provisionsbasis - verdienten nur, wenn die Netze voll waren. Guten Fang gab es im tiefen Wasser entlang der Tramuntana- Kette. Die Fischer lebten im Sommer zum Beispiel im Hafen von Valldemossa, in Hütten, ohne ihre Familien. Der Abstieg dorthin zu Beginn der Saison glich einer Prozession: Säcke voll mit Proviant, Segnungen und Abschiedslieder charakterisierten das Auswandern auf Zeit. "Oh mar blava que ets de trista!" (Oh du blaues Meer, wie bist du traurig!) sangen die, die am Strand zurückblieben.

Mallorcas Schmuggler nutzten jahrhundertelang die Abhängigkeit der Insulaner vom Festland. Während Coco Chanel im Sommer 1930 wegen ihres sonnengebräunten Teints Paris in Aufruhr versetzte, herrschte auf Mallorca Hungersnot. Es fehlte am Lebenswichtigen: Getreide wurde aus Barcelona oder Valencia gebracht und auf dem Schwarzmarkt teuer verkauft.

Schmugglerkönig Joan March - später einer der reichsten Männer der Welt - kaufte in den zwanziger und dreißiger Jahren lange Küstenstreifen, um dort ungestört seine Ware löschen zu können. Am besten ging das an Sandstränden wie dem unberührten Es Caragol: Lautlos liefen dort die Kutter auf, wortlos verluden Helfer die Ware auf Karren, brachten die Säcke und Ballen weg, ins Zentrum der Insel, dorthin,wo das Leben spielte. Im Sand zurück blieben Schnurreste, Zigarettenkippen, Fuß- und Reifenspuren.

Oder die Steineklopfer: Am Morgen erklang ihr eintöniges Klopfen, unterbrochen vom Knall einer Sprengung, der im offenen Meer verhallte. Die trencadors verluden die Felsblöcke an der Küste und brachten sie dorthin,wo erste Mehrfamilienhäuser und Manufakturen gebaut wurden - nach Palma, Inca, Manacor. Zurück blieben gerillte Felsplatten, Kanten, Löcher.

Mallorca erkannte den Mehrwert seiner 159 Sandstrände erst, nachdem es ihn anderswo entdeckt hatte. Berga Oliver war der Pionier unter den Hoteliers, viele andere folgten. Palmenpromenaden und Sandstrände sind heute die Goldminen der Insel, wenngleich sie ein gewachsenes Idyll nur vortäuschen - Dattelpalmen haben an Mallorcas Stränden so wenig zu suchen wie der Mexikanerhut im Souvenirladen: Araber haben die Bäume vor rund tausend Jahren mitgebracht und sie als weithin sichtbares Symbol für Gastfreundschaft und Wohlstand gepflanzt - vor ihre possessions im Inselinneren.

Trotzdem ist das Stranderlebnis auf der Insel keine Mogelpackung. Denn was bislang noch kein Hotelier vermarktet hat: Mallorcas Sand ist besonders weich. Er besteht nämlich nicht wie etwa die Körnchen an den karibischen Traumstränden aus zerriebenen Steinen, sondern aus Muscheln und Krustentieren, die die Wellen in Jahrhunderten zu feinsten Körnchen zermahlen haben. Das Ergebnis ist der perfekte Strand, weich und anschmiegsam. Der Sand, das ist Mallorcas feines, gut gehütetes Erfolgsgeheimnis.

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Autor:
Brigitte Kramer