Ecuador Reisebericht von der Küste

Wie ein Fanal lodern die Flammen über den Schornsteinen der Raffinerie von Esmeraldas im Nordwesten Ecuadors am Ausgangspunkt der Reise. Als wären sie das Startsignal für einen Trip entlang der Pazifikküste, von Norden nach Süden, von oben nach unten, fast tausend Kilometer mit Vierradantrieb auf einer schmalen Schneise zwischen grünen Hügeln und dunkelblauem Wasser, durch das unbekannte Ecuador.

Bisher verirren sich nur wenige ausländische Besucher an die Strände des Landes, was damit zu tun haben mag, dass die Straßen, die zu ihnen führen, sehr oft Schlammschlaglochpisten gleichen. Viele Dörfer, all die Holzhütten mit der aufgemalten Werbung längst entschiedener Wahlen am Rande der Route, sind bisher auf keiner Landkarte verzeichnet. Behutsam und nachhaltig soll die Küste jetzt für den Tourismus erschlossen werden. Bis es soweit ist, wartet am Ende jeder holperigen Tagesreise mindestens ein kleines Paradies.

Kilometer 000: Atacames

Eine staubige Uferpromenade säumt das Meer. Bambushütten mit Palmendächern, Salsa und Reggae, Ladenlokale und Bars, die "Tsunami" heißen, Zöpfchenflechter, Temporary Tattoos, Sonnenbrillen, natürlich, und - ja, auch das - dein Name auf einem Reiskorn. Wer den Strand betritt, wird von Händlern belagert, die mit laminierten Ausflugsbroschüren wedeln. Sonnenliegen, Bananenboote, Volleyballfelder. Mopedtaxis verstopfen die löchrigen Gassen der Innenstadt. Elf Männer und sieben Frauen konnten sich retten, als im Jahr 1533 ein spanisches Schiff mit afrikanischen Sklaven an Bord vor Atacames Schiffbruch erlitt.

70 Jahre lang erwehrten sie sich als Guerilla-Gruppe den Angriffen indianischer Einwohner und spanischer Conquistadores. Es heißt, dass sich die morenos, die farbigen Ecuadorianer, diesem Erbe bis heute verpflichtet fühlen. Und sie prägen das Bild dieses Landstrichs, nicht nur in Atacames. So vollständig fehlen indigene Gesichtszüge im Nordwesten, dass Ecuador hier wie ein verirrter karibischer Satellit wirkt. An der Zufahrtsstraße zum Strand von Atacames steht die Skulptur einer skurrilen Figurengruppe: ein Schwarzer, der gut gelaunt eine Angelschnur über die Reeling wirft, hinter ihm im Kahn ein Mann und ein Kind mit gringoesken Zügen.Wir sitzen alle im selben Boot?

Kilometer 056: Muisne

El Niño hat in der Region gewütet, el fenómeno, sagen sie, das Phänomen. Stürme haben Teile der Fahrbahn weggerissen, die seitdem weder erneuert noch beschildert worden ist.Wo Erdrutsche die Straße auf eine Spur verengen, wuchert Unkraut am Rande des Abgrunds. In Muisne kündet ein ambitionierter Grünstreifen mit Laternen von besseren Tagen, die der Ort gesehen haben muss. Man sagt, dass es hier wunderbare Strände gibt. Mein Blick wandert über das braune Mangrovendickicht auf der anderen Seite des Flusses, über tote Tankstellen, Müll und Schlamm. Ich will weg. Dann tritt Arcadio ans Auto. Er sagt: "Komm mit, ich bring dich zum Strand."

Arcadio behauptet, 40 Jahre alt zu sein und ledig. Wahrscheinlich ist er eher 55 und achtfacher Vater, aber das macht nichts. Sein brauner Kahn zuckelt vorüber an Mangroven, zwischen denen Männer nach Muscheln wühlen. Reiher ziehen an unansehnlichen Shrimp-Farmen vorbei. Es riecht nicht gut. Ich überlege, was ich Arcadio über den Kopf ziehen könnte, sollte er hinter der nächsten Kurve versuchen, über mich herzufallen. Dann öffnet sich der Fluss zum Meer. Auf der linken Seite erscheint der riesige, zimtzuckerweiße Strand der Isla Bonita wie eine Fatamorgana. Wir legen an. Einsiedlerkrebse jagen unseren Schritten voraus, mit denen wir einsame Spuren hinterlassen. Kein Haus, kein Mensch in Sicht. Ein schmaler Streifen weißer Brandung trennt den grauen Himmel vom Sand. "Kaum jemand kommt hierher", sagt Arcadio, "das ist schade. Schreib darüber, schreib wie schön es hier ist." Das ist es.

Kilometer 121: Salima

Die Abfahrt nach Mompiche habe ich verpasst, bin viel zu weit nach Süden gefahren, bis nach Salima. Die Abfahrt ist, das muss man sagen, unglaublich schlecht ausgeschildert, genau genommen sogar gar nicht. Zwei Jungs, denen ich auf meinem Irrweg an einer Tankstelle begegne, fahren mir unaufgefordert im Kleintransporter voraus, setzen den Warnblinker an der Stelle, an der ich abbiegen muss, um zurück nach Mompiche zu kommen, weisen armrudernd die Richtung und winken, ehe sie weiterfahren. Ich weiß nicht, welche Farbe die Engel in Ecuador haben, aber es gibt sie.

Kilometer 155: Mompiche

Die Sandpiste kurvt um einen Hügel, ehe der Panoramablick durch die Hecken bricht. Die untergehende Sonne gleißt am Horizont auf dem Wasser, davor das dunkle Grün der Pflanzen, die Silhouetten der Berge gefiltert in diesigen Schattierungen. Einer der zahllosen Momente dieser Reise, die einen Reflex im rechten Bein auslösen, der den Wagen zum Stillstand bringt, ein heiseres Wow! auf die Lippen und einen warmen Schauer der Dankbarkeit durch den ganzen Körper schickt. Die Jugend des Dorfs stellt das Fußballspiel ein, Kneipengespräche verstummen und der Abend bekommt Schluckauf in Mompiche, wenn ein fremdes Fahrzeug am Ortseingang auftaucht. Ob die Halbwüchsigen ihr Haar absichtlich in filzigen Dreadlocks tragen, bleibt ungewiss. Es gibt keine Shops, nur tiendas, Ladenminiaturen mit Dosen, Nudeln und ein paar Rollen Klopapier. Der Sand in den Straßen zwingt zum langsamen, gedehnten Gang und schluckt alle Geräusche.Am Strand liegen mehr Fischerboote als Surfbretter, entspannte Einsamkeit. Wenn ein Ort auf dieser Welt bleibt, an dem man Hippie sein kann, ohne dass es augenblicklich zur Pose gefriert, dann dieser.

Bei José am Strand kosten zwei Lobster zwölf Dollar, frisch gegrillt. Vor seinem Balkon lenken Kinder Fahrräder durch den nassen dunklen Sand. José vertreibt eine Henne, die sich auf einen der Esstische verirrt hat, während sein Sohn Küken wie Tennisbälle in die Luft wirft, die im Fall mit panischem Flügelschlag nach Halt suchen. Ein Internetcafé? "Gibt's hier nicht", sagt José, "wir sind im Dschungel, meine Liebe. Möchtest du ein Bier?" Und die Fotos von seinen Söhnen, wie sie ihre sandschwarzen Füße von den schweren weißen Terrassenstühlen baumeln lassen, während der orangerote Sonnenuntergang auf ihren Kinderwangen glänzt, wohin kann ich die schicken? "Wir haben keine Adresse", sagt José, "wir sind im Dschungel, mein Herz. Bring sie mit, wenn du das nächste Mal hier bist." Die Nacht, schwarz wie selten, ist Meeresrauschen.

Kilometer 185: Wieder in Salima

Hinter Salima teilt sich die Straße. Der Weg wird zum Camel-Trophy-Parcours, mit knietiefen Schlaglöchern, durch saftige grüne Wälder, die kaum genießen kann, wer sie am Steuer passieren muss, weil die Strecke alles an Aufmerksamkeit absorbiert. Der Boden spritzt, die Achsen ächzen. Über Feldwege, durch kniehohes Gras kommen Kinder in Schuluniformen zur Straße gelaufen, stehen verschlafen an Bushaltestellen, marschieren die Landstraße entlang, halten sich auf den Ladeflächen von Pick-ups, im kalten Fahrtwind des Morgens.

Kilometer 242: Pedernales

Ärmlich und betriebsam liegt die Stadt am Hang. Am Strand die üblichen Hütten aus Bambus, Schaukeln, die von Dachbalken hängen, und Plastikstühle. Dazu der Einheitsmedley aus Reggae, Salsa, Merengue und Motorradtaxis. Ein paar Leute haben aus Süßwasserduschen in Verschlägen eine Geschäftsidee entwickelt. Müllwagen fahren vorüber. Die Männer stehen hüfthoch im Abfall auf der Ladefläche. Man muss nicht in Pedernales halten. Es sei denn, man braucht dringend ein Internetcafé (was nicht heißt, dass die Verbindung funktioniert, wenn man sie braucht). Wenige Kilometer weiter südlich plötzlich ein gelbweißer Streifen auf der Straße. Auf einem Schild steht: Äquator. Einfach so. Zurückhaltender als kreuzende Kälber. Wer hat, der hat. Es gibt viel Äquator in Ecuador.

Kilometer 263: La Cabulla

Das Nest am Straßenrand zählt 80 Einwohner. Zwei Männer sitzen unter einem Baum, einer von ihnen winkt mich zu sich."Willst du unseren Strand sehen? Komm, ich zeig ihn dir." Ich lasse den Wagen an der Hauptstraße stehen, froh um ein paar Meter Fußweg. Wir laufen die schiefen Treppen zum Strand hinunter. Unten am Wasser flicken Fischer ihre Netze, sortieren den Fang. Die meisten Einwohner von La Cabulla sind Fischer. Wer nicht mehr fischt, hat es früher getan. "Das Tier hier sieht lustig aus, komm, fotografier' mich mit dem. Und jetzt noch ein Bild von den Langusten, ja? Gefällt's dir bei uns?" Ein Arbeitsstrand, nicht zum Sonnen gesäubert, und dabei so viel einladender als die aufgeräumte Ödnis der Stadtstrände. Eine Mutter kommt mit ihrer kleinen Tochter den Hang herunter und lächelt mich freundlich an, wie einen Gast in ihrem Wohnzimmer, ganz so, als habe sie mich erwartet.

Kilometer 349: Canoa

Am Abend sitzt die übergewichtige Familie des Restauranteigentümers um den Fernseher und schaut eine Telenovela. Ich betrete das Lokal, nehme Platz, warte, eine lange Weile, bis der Vater unwillig aufsteht, mir schwerfällig die Menükarte rüberschiebt und mich dann wieder minutenlang vergisst, ehe er zurückschlurft, um die Bestellung aufzunehmen. Dann schiebt er den Zettel seiner Frau zu, wie einen Schwarzen Peter. Nur die Tochter darf sitzen bleiben. Bald wird sie alt genug sein, um einzuspringen. Die Szene wirkt nicht unfreundlich. Eher so, als sei man bei Freunden am Sonntag zur "Tatort"-Zeit zu Besuch gekommen, würde nun stumm auf den herangezogenen Sessel verwiesen und mit einer Schüssel Chips auf den Knien ruhig gestellt. Canoa ist Mompiche für Fortgeschrittene, weniger versunken, dafür ein paar Zentimeter über der Wirklichkeit schwebend, ein Ort wie eine Tüte Gras am späten Nachmittag, ein Ort für Menschen, die es ruhig, aber nicht hardcore ruhig wollen. Am Ende der sandigen Hauptstraße, hinter der Apotheke, kleinen Lebensmittelgeschäften und Restaurants, verschwindet der Weg wie ein Rinnsal zwischen den Holzhütten der Einheimischen. Am anderen Ende öffnet sich die Straße zum endlos langen, tiefen Strand, wo die Surfer am Abend Capoeira üben oder auf den letzten Wellen in den Sonnenuntergang reiten. Wenn es dunkel ist, leuchten in den Hütten am Hang die Glühbirnen wie dicke Sterne.

Kilometer 373: San Vicente

Eine Beton-Kirche aus den siebziger Jahren, geschmückt mit Mosaiken aus bunten Fliesen, aber sie sind es nicht, die die Aufmerksamkeit vom Gebet ablenken. Es ist der Blick, den in der Kirche von San Vicente keine Wand verstellt. Nur ein weiß lackiertes Metallgitter zerschneidet die Sicht auf das Delta des Rio Chone, weit über den Altar hinaus. Vor 40 Jahren noch war der Fluss hier 30 Meter tief, gesäumt von dichten Mangrovenwäldern, Heimat von mehr als 60 Vogelarten. Dann wurden die Mangroven abgeholzt, um Platz für die Shrimp-Farmen zu schaffen. Die Vögel sind selten geworden, und der Sand, der früher im Wurzelgeflecht der Mangroven hängen blieb, verstopft heute den Fluss. Die Sandbänke reichen bis in die Mitte des Deltas. Man kann sie sehen, durch die offene Kirchenwand. Die Gläubigen beten: "Und vergib uns unsere Sünden." Auf der Fähre nach Bahía de Caráquez klopft ein blinder Bettler mit seinem Stock an die Fenster der Autos. Das grüne Meer stinkt unter einem suppigen Himmel. Die Fahrt dauert zehn Minuten, ehe die Ladefläche am anderen Ufer auf den Strand kippt.

Kilometer 374: Bahá de Caráquez

Vor 50 Jahren war der Strand die einzige Verkehrsverbindung zwischen Bahía und Manta, ein verwittertes Stück Mauer der Schutz, hinter dem sich Autofahrer vor der Flut in Sicherheit brachten, wenn das Wasser sie unterwegs überraschte. Heute spazieren junge Freiwillige den Strand entlang, die für Wochen und Monate aus dem Ausland kommen und dafür bezahlen, dass sie helfen dürfen, Bahías Status als Öko-City zu erhalten. Den Titel hat sich die Stadt selbst verliehen. Die selbstgesetzten Auflagen sind schwammig und wirken banal im internationalen Vergleich - ein bisschen Mülltrennung, ein bisschen Verkehrsberuhigung, ein bisschen Andere-Welt-ist-möglich. Aber auch: Mangrovenaufforstung. Die Isla Corazón in der Flussmündung des Río Chone glich früher aus der Luft betrachtet einem Herz, was ihr den Namen gab. Seit ihr ursprünglicher Mangrovenbestand wiederhergestellt ist, ist zwar das Herz verschwunden, dafür verliebt und paart sich Jahr für Jahr Ecuadors größte Kolonie von Fregattvögeln in den Baumkronen der Insel.

In einer Barkasse gleiten wir lautlos auf olivgrünem Wasser durch einen Tunnel zwischen den Bäumen. Männer aus dem Dorf bieten diese Touren seit ein paar Monaten an, unbeholfen noch und sehr schüchtern. "Die Insel", sagt Julio, der in meinem Rücken sitzt und paddelt, aussteigt, schiebt und dabei bis über die Knie im braunen Schlamm versinkt, wo Wurzeln in die Fahrrinne ragen, "die Insel ist unser Zuhause, unser Kapital. Wenn sie kaputt geht, müssen wir gehen, deshalb pflegen wir sie." Fregattvögel knattern balzend am Himmel, blähen ihre Hälse zu roten Ballons und fliegen so tief über unser Boot, dass man das Rascheln ihrer Federn hören kann.

Kilometer 550: Zwischen Bahía und Manta

In den Bergen, hinter einer Wolke, wird das Land plötzlich karg, braune Hügel und aschgraue Baumgerippe, die bestürzen, solange man nicht weiß, dass kein Feuer die Umgebung verwüstet hat. Drei Monate lang regnet es im trockenen tropischen Regenwald, und alles wird grün. In der neun Monate währenden Dürrezeit werfen die Bäume ihre Blätter ab, um Wasser zu sparen.Wie nackte Clowns stehen die mächtigen Ceibos dann auf ihren dornigen Stämmen in der Erde, fuchteln reglos mit ihren Astarmen. Es braucht Zeit, um sich an diese Programmänderung zu gewöhnen, von dem üppigen Regenwaldgrün der vergangenen Tage auf Grauschattierungen umzuschalten.

Kilometer 563 bis 685: Unterwegs zum Playa de los Frailes

Kilometer 563: Pacoche

Es gibt nicht viele Straßenschilder in Ecuador.

Kilometer 585: San Marianito

Vor der Schule spielen Schüler unter Beteiligung eines schwarz gescheckten Schweins Fußball, bis das Schwein quiekend das Spielfeld verlässt und schmollt.

Kilometer 598: Pacoche

Pacoche?? Mist.

Kilometer 685: Playa de los Frailes

Die Bucht im Nationalpark Machalilla ist der Strand, von dem viele sagen, er sei der schönste im Land. Der Weg vom Parkplatz führt durch ein kurzes Stück Dünen, dann breitet sich der Strand im weichen Bogen aus.Weißer Schaum und schwarz-beigefarbener Sand, direkt dahinter das aschfahle, fast violette Gestrüpp des Trockenregenwalds. Zwei Amerikaner spielen Frisbee im Wasser.

Es ist wunderschön. Aber nach mehr als 600 Kilometern entlang der ecuadorianischen Küste gerät der Enthusiasmus zur Gewohnheit. Wie ein ernst gemeintes Lächeln, das irgendwann anfängt, im Kiefer zu ziehen. Wie Schokolade, die nach der fünften Tafel an Geschmack verliert, so zahllos sind die Orte, an denen man aussteigen und bleiben könnte. Buchten, die zufällig und menschenleer am Straßenrand liegen. Perlen einer Kette, die kein Ende nimmt.

Kilometer 698: Puerto López

Wer aufs Meer fährt, um die Buckelwale zu sehen, muss schwarze Schollen auf dem Wasser als Rücken deuten lernen. Dann staunt er, ahnt nicht, dass er noch nichts gesehen hat. Erst wenn die Wale im Wasser halbe Purzelbäume schlagen, ihre riesigen Schwanzflossen aus der blaugrauen Oberfläche strecken, die später auf Bildern aussehen werden wie schwarze Schmetterlingsflügel, wenn sie beim Abtauchen mit Schlägen aufs Wasser dicke Tropfen spritzen, erst dann versteht man,warum es sich lohnt, einen Vormittag lang dem kalten Wind an Deck zu trotzen. Meeresbiologen an Bord dokumentieren die gesichteten Schwanzflossen fotografisch, um Bestand und Wanderbewegungen der Wale zu untersuchen. In ihrer Form, Größe und Pigmentierung sind sie so einmalig wie menschliche Fingerabdrücke. Schöner nur. Am Strand von Puerto López schaukeln Pelikane auf dem Wasser, schnappen nach Fischresten, die in sichtbaren Klumpen den Hals hinunterrutschen, während die Fischer auf ihren Booten in emaillierten Töpfen Essen kochen.

Kilometer 742: La Entrada

Benito hat sein Handwerk in Paris gelernt, er war Chefpâtissier im Hilton in Quito, und vor ein paar Jahren hatte er keine Lust mehr auf den Stress, den die Arbeit in einem Luxushotel mit sich bringt. Er kehrte zurück nach La Entrada und eröffnete eine Dorfbäckerei. Vor seinem Haus, wo Hühner am Rande der Landstraße im Staub picken, backt Benito weißes Brot und medialunas, süße Croissants. Die Hühner und ihre Eier braucht er für sein Hobby. Ebenso wie die zwei Meter hohe Kühltruhe mit der Glasfront, die absurd wirkt in seiner winzigen Hütte. Darin stapeln sich Sachertorte, Schwarzwälder Kirsch, Buttercreme, Zitronen- und Maracuja-Tarte. Er serviert sie auf einem Pappdeckel, ich sitze auf seinem winzigen Balkon, es schmeckt nach Paris, und Benito grinst mich an: "Hättest nicht gedacht, dass du so was Gutes hier bekommst, oder? Mitten im Nichts?" Stimmt.

Kilometer 755: Montañita

Lukas, 31, Argentinier, verkauft Leinenfummel, die seine Freundin entwirft, näht und batikt. Er lebt seit sechs Jahren in Montañita und sagt, dass es ein guter Ort zum Leben sei. Einer, an dem die Menschen in den Straßen mehr schlurfen als anderswo, aber vielleicht kommt einem das auch nur so vor. Hippiepärchen kauern auf Treppenabsätzen, rauchend, trinkend. Ein junger Mann löst Surfer, Surfbretter und Wale mit einer Laubsäge aus einer dünnen Scheibe Balsaholz. Dein Name auf einer Tagua-Nuss, immerhin. Frauen in losen Klamotten, mit Bändern im Haar, Fußkettchen am Bein und Tätowierungen irgendwo schieben Kinderwagen durch die Strandwege. Die Frau vom Tarot-Shop schließt ihren Laden ab, klemmt sich ein Surfbrett unter den Arm und geht zum Strand. Montañita ist lässig, aber es weiß um seine Lässigkeit, das ist das Problem.

Kilometer 836: Salinas

Hochhäuser, Hotels und Apartments verstellen mit ihren breiten Rücken an der Promenade den Blick auf die älteren Gebäude mit hölzernen Jalousien. Tretboote ruhen im Sand wie gestrandete bunte Robben und ein paar Meter weiter bauen Männer kunstvolle Burgen, aber die Nebensaison hält nur wenige Augenpaare bereit, die sie zu würdigen wüssten. Ecuadorianer schwören auf Salinas. Aus Guayaquil fahren sie am Wochenende herüber, feiern in der zweiten Reihe, in kleinen Clubs hinter den Strandriesen, räkeln sich an den Pools klobiger Hotels und genießen das,was wohl als gutes Leben gilt. Orte verlieren ihr Gesicht, wenn der Tourismus in Massen einfällt. Der Unterschied zwischen Atacames und Pedernales? Pedernales und Salinas? Die Größe, vielleicht. Stören tut das nur diejenigen, die das Ursprüngliche suchen. Wer täglich gegen dessen Zumutungen kämpft, liebt anscheinend die global konfektionierte Sommerfrische.

Kilometer 974: Guayaquil

Im Seminario-Park lungern beinlange Eidechsen in den Baumkronen, wackeln mit ihren Halslappen, schleichen um die Statue von Simón Bolívar oder räkeln sich im Schatten der Kathedrale. Ein Ruhepunkt inmitten lauten Verkehrs, quirliger Kreuzungen und einer wilden Mischung architektonischer Seinszustände.

Guayaquil, wie es war, lässt sich zu Fuß vermessen. Ein Feuer zerstörte 1896 weite Teile der Stadt, wenig ist übrig geblieben. Wie Jahresringe folgen die Arkaden unterschiedlicher Zeitalter einander in den Straßen von Las Peñas, schmale Gassen winden sich um den Cerro Santa Ana, den Aussichtshügel der Stadt, wo seit ein paar Jahren Galerien wachsen, Bars und Cafés. Im Zentrum der Stadt wuchert der Zentralfriedhof bis an die Bürgersteige der Schnellstraßen. Guayaquil, wie es heute ist, wird von Sicherheitsdiensten geschützt, die Einkaufszentren und Passagen, der Malecón 2000 mit seinen modernen Stahlkonstruktionen und ordentlich abgegrenzten Unterhaltungsflächen. Wo es sicher ist, fehlt die Seele.

Was zu tun bleibt: Im Supermarkt eine Dose Bier kaufen, sich ans Wasser setzen, dem braunen Rio Guayas beim Fließen zuschauen, die langen Strände vermissen, die zwei Wochen lang selbstverständlich waren, und denken: Morgen tu' ich es wieder, verdammt. Von Süden nach Norden. Von unten nach oben. Und wieder zurück.

Autor:
Karin Ceballos Betancur