Südamerika Öko-Tourismus in Ecuador

In Celestinos Welt muss man Fallen bauen können, aus drei Stöckchen, ein paar Blättern und einer Liane. In Celestinos Welt muss man Frösche fangen können, blitzschnell und mit hartem Griff. In Celestinos Welt muss man Häuser errichten können, ohne einen einzigen Nagel zu verwenden - aus Stamm und Blättern einer Palme. Man muss Hunderte von Pflanzen kennen, mit dem Blasrohrpfeil aus 40 Meter Entfernung einen turnenden Affen treffen und barfuß durch den Dschungel laufen.

In Celestinos Welt hätte der durchschnittliche Europäer keine Chance zu überleben. Celestino, 31, der eigentlich Owakai heißt, gehört zum Stamm der Achuar, die ganz im Osten des Landes am Río Pastaza, im Grenzgebiet zu Peru leben. Rund 5000 Achuar gibt es, in 64 Gemeinden, auf einem Territorium von mehr als 5000 Quadratkilometern verteilt.

Anfang der siebziger Jahre hatten die Achuar noch keine nennenswerten Kontakte zur Welt außerhalb des Amazonas-Dschungels. Die ersten Missionare erreichten die Dörfer ein paar Jahre vor Owakais Geburt. Sie tauften Celestino auf seinen himmlischen Zweitnamen, brachten ihm Spanisch bei und überzeugten seinen Vater, der Junge sei intelligent, er müsse in die Stadt, zur Schule, Abitur machen. Anschließend kehrte Celestino zurück nach Kusutkau, in sein winziges Dorf im Dschungel.

Er hätte gern studiert, doch dann wurde sein Bruder von einer Schlange gebissen, das Bein musste amputiert werden, 2500 Dollar kostete die Operation. Celestino nahm einen Kredit auf. Das war 1993, im selben Jahr, als Carlos Pérez Pedrasso, einer der bedeutendsten ecuadorianischen Journalisten und Gründer der Tageszeitung El Universo die "Kapawi-Lodge" gründete: 20 Hütten für bis zu 50 Gäste, in der traditionellen Bauweise der Achuar, oval, aus Palmholz, mit Blätterdächern, zwölf Tagesmärsche oder 48 Motorkanu-Stunden von der nächsten Stadt entfernt.

4200 Dollar Grundstücksmiete gehen pro Monat an die Achuar-Organisation NAE, außerdem zehn Dollar Besuchergeld pro Gast. Bis zum Jahr 2011, das ist der Plan, soll die Lodge komplett den Achuar übergeben werden. Bis dahin müssten sie einen kompetenten Manager aus ihrem Kreis benennen. Im Moment sind 70 Prozent der Angestellten Achuar, einer davon ist Celestino, der Guide. Für ein paar Tage jeweils zeigt er den Gästen seine berauschend schöne, ihnen völlig fremde Welt.

Mit einer winzigen Cessna reisen die Touristen an, 50 Minuten Flugzeit von Coca, über endlos scheinendes grünes Dschungelmeer, durch das braun und träge die Zuflüsse des Amazonas mäandern. In der Lodge hat jede Gruppe zwei Führer, einen Ecuadorianer, der Englisch spricht, und einen Achuar, der sie lehrt, dass der Dschungel für sein Volk "Supermarkt, Baumarkt und Apotheke zugleich ist".

Die Gruppe marschiert im Gänsemarsch durch den Wald. Celestino geht voraus, er hat sein langes, schwarzes Haar mit einem bunten Stirnband gebändigt, das flächige Gesicht mit den hohen Wangenknochen und breiten Nasenlöchern ist schwarz tätowiert, mit Rauten, Strichen und Punkten. Mit einer riesigen Machete schlägt er den Weg frei, hört alles, sieht alles, riecht alles und erklärt alles: den süßlich-kotigen Geruch, den vorbeiziehende Affen hinterlassen haben, das Geräusch eines Wespennests, das streng getaktet klingt wie ein Metronom, und all die Früchte, Kräuter und Pflanzen, die dem Menschen nützlich sind.

Zum Beispiel die "laufende Palme", die Wurzeln hat wie Beine, mit denen sie ihren Standort, dem Licht folgend, bis zu zwei Meter im Jahr verlagern kann. Die Achuar-Frauen nutzen die groben Stacheln ihrer Wurzeln, um Maniok oder Kokosnuss zu reiben. Aus den Blättern einer anderen Palme werden reißfeste Fasern geknüpft, und die Wedel einer dritten Art dienen zum Dachdecken. "Achuar", erklärt Celestino, bedeutet wörtlich übersetzt "Palm-Menschen" und ja, es stimme, sagt er, ohne die Palmen könne sein Volk nicht überleben.

Vor allem nicht ohne die Sorte "Palmíl", deren Holz stark genug ist, um Häuser und Möbel zu bauen. Und auch das Blasrohr. Die Achuar benutzen es noch zur Jagd. Aus ganz praktischen Gründen sind sie nicht auf Gewehre umgestiegen: "Das Blasrohr ist leise, damit kann ich drei oder vier Tiere erlegen. Mit dem Gewehr nur eines, denn nach dem Schuss sind alle anderen geflohen", sagt Celestino. Ob man selbst mit einem Blasrohr treffen würde? "Ausprobieren", findet Celestino und führt seine Gruppe in das Dorf Ishpingo.

Alle Gemeinden, die an der Lodge beteiligt sind, werden reihum besucht, was zur Folge hat, dass jedes Dorf höchstens zweimal im Jahr fünf bis zehn Touristen für ein paar Stunden, einen ganzen Tag oder, wenn die Gäste sehr mutig sind, auch über Nacht empfängt. Die Regeln sind streng: Fotos, aber auch allzu schamlose Blicke sind untersagt. Der Gruß winjahai, der vorher geübt wird, gehört genau wie maketai, Dankeschön, zur Etikette. Und an der chicha, dem Maniokbier, das serviert wird, muss jeder Gast zumindest nippen. Alles andere wäre grob unhöflich, obwohl es die meisten Touristen vor Ekel schüttelt, weil sie wissen, dass sie ein Gebräu aus vorgekauten, eingespeichelten und später fermentierten Maniokwurzeln trinken.

Eitrig-gelb schwappt die Flüssigkeit in der Schale, es riecht säuerlich - aber zwei, drei Schluck Ekel sind ein fairer Preis dafür, dass all die Peinlichkeiten erspart bleiben, die Touristen dort erleben, wo Eingeborene von der Folklore leben. In Kapawi wird weder gebettelt, noch treten die Kinder an, um für ein paar Dollars zu singen oder zu tanzen. Nur wer ausdrücklich nachfragt, bekommt Handarbeiten zu sehen, die zum festgelegten Spottpreis verkauft werden - entwürdigendes Handeln um ein paar Cent ist also nicht nötig.

Weitgehend läuft ein Besuch im Achuar-Dorf so ab wie ein Besuch bei Verwandten in Europa. Man sitzt zusammen und unterhält sich. "Sie dürfen alles fragen, und sei es noch so persönlich", hat Celestino angekündigt, "aber wundern Sie sich nicht, wenn ähnlich intime Gegenfragen kommen. "Denn für die Achuar ist die Tatsache, dass eine 36-jährige Deutsche keine Kinder hat, mindestens so bizarr wie es für die Besucherin der Brauch der Achuar ist, ihre Toten im Haus, und zwar unter den Betten der noch Lebenden, zu bestatten. Oder die Angewohnheit, das gesamte Dorf jeden Tag um halb vier Uhr morgens zu versammeln, um Wayusa-Tee zu trinken, ein Brechmittel, damit sich anschließend alle gemeinsam übergeben. Körperliche Reinigung eben - alles klar?

Zwei Stunden lang folgt Frage auf Gegenfrage, es geht um Traditionen, Alltagsprobleme und Legenden. Und es ist, ganz ehrlich, nicht einfach, 30 neugierigen Dschungelbewohnern zu erklären, was ein Kreuzfahrtschiff ist oder gar eine Meerjungfrau. Nach dem Gespräch dürfen die Weißen die Blasrohre ausprobieren. Das faustgroße Gefäß mit dem Pfeilgift Curare, das unter der Decke hängt, haben sie schon eine ganze Weile mit neugierigem Schauer betrachtet. Santiago, der Dorfchef, zeigt, wie das Blasrohr funktioniert: Er zielt auf eine Banane, die 40 Meter entfernt an einem Baum hängt - und trifft natürlich. Dann stellt er nur zehn Meter entfernt eine riesige Papaya auf einen Baumstumpf. Keiner der Weißen trifft auch nur annähernd. Die Kinder klopfen sich vor Lachen auf die Schenkel, den Erwachsenen gelingt es kaum, das Kichern zu verbergen.

Auf der Fahrt zurück in die Lodge erzählt Celestino, dass es nur noch ein paar Monate dauert, bis er seinen Kredit abbezahlt hat. Vom Studium träumt er immer noch, und vielleicht kann er es sich ja bald leisten, trotz dreier Kinder, die er mittlerweile versorgen muss. Öko-Tourismus würde er studieren, am liebsten per Fernkurs, den die Universität Quito anbietet. Dann könnte er weiter als Guide arbeiten und endlich Englisch lernen. Womöglich ist er dann ein Kandidat für den Managerposten von Kapawi.

Mehr Information finden Sie auf der der Kapawi-Lodge.

Das Nebelwald-Reservat Bellavista

Es erinnert an das Kinderspiel "Ich sehe was, das du nicht siehst!" Hier aber spielen acht Erwachsene, morgens um halb sieben, die Sonne ist gerade aufgegangen. "Da in dem kleinen Ast, zwischen den beiden großen", flüstert Iris, die Naturführerin. "Ein Grüner!" Und da, "Ein Roter! In dem kleineren Baum, rechts!" Dumm nur, dass da rechts mindestens fünf kleinere Bäume sind. Ein Morgenspaziergang mit Vogelbeobachtern im Nebelwald ist ein sehr spezieller Spaß. Denn die Vögel sitzen in hohen, dicht belaubten Bäumen.

Ohne Fernglas beobachtet, sehen alle irgendwie grau aus. Und sie mit dem Fernglas zu finden, ist nicht so einfach. Umso größer die Freude, wenn doch ein Piepmatz vor die Optik kommt: Tatsächlich, es gibt knatschgrüne, knallrote und azurblaue. Sich Namen zu merken, scheint aussichtslos, denn in den Nebelwäldern des Choco, nordwestlich von Quito, leben rund 330 Vogelarten. Es gibt dicke Bücher voller Namen und Zeichnungen, in denen passionierte Birdwatcher ankreuzen, welche sie gesehen haben. Viele dieser Birdwatcher kommen in die Bellavista-Lodge, um tage-, ja wochenlang nichts anderes zu tun als Vögel zu beobachten, denn hier im Tandayapa-Tal gibt es ganz besonders viele.

1991 hat der Brite Richard Parson 55 Hektar dieses Landes gekauft, ein wenig Urwald stand noch darauf, große Flächen jedoch waren gerodet worden. Das fand Parson jammerschade, er hatte sich in den Nebelwald verliebt, wollte ihn wieder aufforsten. Inzwischen ist sein privates Reservat, das er mit Hilfe von Freunden zusammengekauft hat, 700 Hektar groß und fast überall dicht bewaldet. Seit 1995 refinanziert Parson das Reservat und eine biologische Forschungsstation mit Hilfe von Touristen: Er hat auf 2300 Metern über dem Meer eine Lodge aus Bambus bauen lassen, einfach, aber wunderschön gelegen.

Wenn nicht gerade der typische Nebel über den Bergen liegt, sieht man von der Terrasse aus die Rückseite des Vulkans Pichincha. Neben der Terrasse tummeln sich hunderte Kolibris, bunt und schillernd, die schönsten haben weiße Federbällchen an den Füßen, wie kleine Moonboots sehen sie aus. Die Kolibris brummen wie dicke Hummeln um die roten Futterblumen, wie bunte Clowns streiten sie sich, in der Luft stehend, und schlecken, einmal am Ziel, mit ihren blitzschnellen Zünglein den Nektar auf. Ja, Kolibris saugen nicht, sie schlecken, indem sie die Zunge aus den Schnäbeln herausstoßen.

Dreimal am Tag werden Wanderungen angeboten, auf 18 verschiedenen Pfaden, die 20 Prozent des Reservats erschließen. Man sieht Bambuswäldchen, in denen der Boden so weich ist, als sei er gefedert. Bäume voller Orchideen, riesige Bromelien, wunderliche Moose und bis zu 20 Meter hohe Farne. Iris, die Führerin, weiß zu jeder Pflanze eine Geschichte. Sie mahnt jetzt zur Stille, Tukane seien in der Nähe.

"Zuerst hört man das Klappern der großen Schnäbel, dann die langsamen Flügelschläge." Lauschend steigt die Gruppe bergauf. Plötzlich lösen sich aus einer Baumkrone ein paar Blätter. Acht Ferngläser wandern vors Gesicht. Und da sind sie: Vier Bergtukane mit leuchtend blauer Brust und schwarz-weiß-rotem Schnabel. Sie fliegen zwei Baumkronen weiter, sitzen, fressen, hüpfen von Ast zu Ast, fressen wieder, fliegen eine Baumkrone weiter. Zwei Stunden lang verfolgen die Touristen jede Bewegung der großen Vögel. Und in einem winzigen Bestimmungsheftchen, das es in der Lodge zu kaufen gibt, machen sie abends die ersten Kreuze, diskutieren, was sie denn nun alles gesehen haben: Bergtukane, Kolibris, was noch? Zu ärgerlich, dass keiner bei den Namen aufgepasst hat. Und: wirklich erstaunlich, dass man innerhalb eines Tages zum Vogelfanatiker werden kann.

Mehr Informationen finden Sie auf der des Bellavista Cloud Forest Reserve.

Die Ökofarm Rio Muchacho

Don Darío stürzt ein brennender Haufen Blätter in eine mittlere Depression. Das Schlimme ist, dass in Ecuador ständig irgendwo ein Haufen Blätter brennt. Oft erkennen Reisende ein nahes Dorf nicht etwa am Ortsschild, sondern an den Rauchsäulen brennender Blätterhaufen. In der ecuadorianischen Landwirtschaft hat sich der feste Glaube durchgesetzt, dass Pflanzenabfälle verbrannt werden müssen. Gegen diesen Glauben kämpft der 54-jährige Don Darío.

Seit 18 Jahren betreibt er eine ökologische Farm im tropischen Küstenwald, nördlich von Canoa. Seit zwölf Jahren tragen Touristen dazu bei, dass Río Muchacho wirtschaftlich arbeitet - was Don Darío ermöglicht, auf breiterer Front zu kämpfen. "Es ist kompletter Unsinn, Pflanzenabfälle zu verbrennen", sagt er. Unsere Böden sind extrem nährstoffarm - wir müssen sie ständig füttern. Aber wozu Kunstdünger, wenn wir doch Pflanzenabfälle ausstreuen können? Und den Mist der Tiere.

Auf Don Daríos Farm gibt es Kühe, Schweine, Hühner und Pferde nur aus einem einzigen Grund: Sie machen Mist! Niemals würde der strenge Veganer ein Tier schlachten - aber ihre Exkremente sammelt er ein, vergärt sie in Tanks und bringt sie als natürlichen Dünger auf seine Felder. Paprika, Bohnen, vier Sorten Basilikum, Ingwer, Kakao, Chili, Tomaten, Yukka und Kohl - gegen die landesweit üblichen Monokulturen setzt Don Darío Multikultur. Rund um die Beete stehen Blumen, "die verwirren die Schädlinge", sagt er. Und so schräg das alles klingt - es funktioniert.

Dank Don Daríos faszinierender Ausstrahlung graben Urlauber seine Beete um, misten aus - und bezahlen noch dafür! Dafür, dass der Chef sie am zweiten Tag des Urlaubs in seine Öko-Schule führt und ihnen zeigt, wie er den Kindern der Region sein Lebenskonzept vermittelt: "Jedes Kind muss zehn Bäume im Jahr pflanzen. Und zwar aus den Samen der Früchte, die es gegessen hat. Um die Bäume zu ernähren, muss es außerdem einen Kuhfladen mitbringen." Klingt wirklich einfach, wenn Don Darío es sagt.

Später am Tag, nach der Gartenarbeit, basteln die Urlauber mit Tagua-Nüssen und lernen, wie man aus Kakaobohnen Schokolade macht. Am dritten Tag wird ausgeritten und Unkraut gejätet und ausgemistet. Don Darío sagt, es sei noch keiner abgereist, ohne zu beteuern, wie gut er sich erholt habe. Am ersten Abend, als man halbtot ins Bett sank, hätte man geschworen, dass er lügt. Am dritten Abend, zur Abreise aber beteuert man selbst: "Selten habe ich mich in drei Tagen so gut erholt! Bis zum nächsten Mal, Don Darío!"

Mehr Informationen finden Sie auf der der Rio Muchacho Organic Farm.

Autor:
Anja Haegele