Ecuador Land der Vulkane

Die Bäume stecken schwarz verkohlt im Geröll. Auf Kniehöhe ragt ein vom schwefelsauren Regen zerfressenes Wellblechdach hervor. Den Hang hinunter ins zerklüftete, üppig grüne Tal zieht sich ein mehrere hundert Meter breiter Streifen aus Asche, Staub und Steinen. Ein dumpfes Grollen kommt aus dem Inneren des Berges, sonor und unheimlich. Doch aus dem Krater zischt nur eine freundliche, schneeweiße Dampfwolke in den blauen Nachmittagshimmel.

"Ungewöhnlich ruhig", findet Patricio Ramón den Vulkan Tungurahua* nahe der Stadt Baños heute. "Das ist kein gutes Zeichen", sagt er, "gerade vor größeren Ereignissen ist der Berg besonders still." Der Vulkanologe vom Geophysikalischen Institut der Polytechnischen Hochschule in Quito (IGEPN) stapft durch die braune Mondlandschaft, es sind Ablagerungen eines pyroklastischen Stroms, der im August 2006 mit 150 Stundenkilometern aus dem Krater des gut 5000 Meter hohen Tungurahua zu Tal raste. "Nubes ardientes", brennende Wolken, nennen die Einheimischen die glühende Mischung aus Asche, Gas und Gestein, die alles zerstört, was sie berührt. Keine Frage: Dieser Berg lebt. Die Flanken des Vulkans sind von Blumenrabatten, Gemüsefeldern und Obstplantagen bedeckt. Auf den steil aufragenden Höhenrücken balancieren unverputzte Steinhäuschen, die sich mal um einen betonierten Sportplatz, mal um eine kleine Kirche drängen. Viele Dächer sind neu. Ihre Vorgänger sind unter der Last der Asche eingebrochen oder wurden vom Schwefelregen zerfressen.

Es ist die sagenhafte Fruchtbarkeit der Vulkanasche, die den Boden an den steilen Hängen des gigantischen Tungurahua so attraktiv macht, dass die Menschen nicht aus der Gefahrenzone weichen wollen. Schon zwei Wochen nach einem Ascheregen grünt es wieder. Die Ablagerung des pyroklastischen Stroms ist jedoch in zwei Meter Tiefe noch eineinhalb Jahre nach dem Ausbruch heiß. Es dauert lange, bis hier wieder etwas wächst. Mehr als die Hälfte der 13 Millionen Ecuadorianer lebt in ständiger Bedrohung durch einen Vulkan.

73 Feuerberge drängen sich in dem kleinen Land - das ist die höchste Vulkandichte weltweit. 17 davon gelten als aktiv. Die meisten, ebenmäßige Kegel, reihen sich in den Anden aneinander, sie umschließen eine fruchtbare Hochebene, für die Alexander von Humboldt den Namen "Straße der Vulkane" erfand. Ein solches "Kettengebirge" ist typisch für Gebiete, in denen sich Platten der Erdkruste zusammenschieben: An der Westküste Südamerikas quetscht sich die ozeanische Nazca-Platte unter die leichtere Südamerikanische Kontinentalplatte. Mit ungeheurer Kraft heben sich Gesteinspakete heraus, faltet sich die Erde auf.

Im Graben zwischen den Erdkrustenstücken ist der Druck so gigantisch, dass die Temperatur immer weiter steigt und das Gestein schmilzt. Es entsteht zähflüssige Magma, die sich im sogenannten "pazifischen Feuerring" sammelt und immer wieder in Vulkanschloten nach oben steigt. Mit nur 700 bis 900 Grad Celsius ist diese Lava relativ kalt. Gleichzeitig enthält sie viele Gase. Die typischen Vulkanausbrüche der Anden sind deshalb explosiv, Fachleute nennen das strombolianisch, nach den typischen Ausbrüchen auf der italienischen Vulkaninsel Stromboli. Meist schleudern solche "Schichtvulkane" abwechselnd lockeres Material wie Bimsstein und Asche in die Luft und ergießen anschließend zähe Lava darüber. Wenn diese Ablagerungen erkalten, entstehen die charakteristischen, namensgebenden Schichten.

Gefährliche Riesen im Tiefschlaf

In Ecuador prägen wunderbar ebenmäßige Kegel der Schichtvulkane die Silhouette des Landes: Der Chimborazo, der höchste frei stehende Vulkan der Erde, ist eine erhabene Erscheinung. Wer am Krater des seit Millionen Jahren unter Eis schlafenden, 6310 Meter hohen Riesen steht, ist weiter vom Erdmittelpunkt entfernt als ein Bergsteiger auf dem Mount Everest - die am Äquator bauchige Erdform macht's möglich. An klaren Tagen strahlt die Gletscherkappe des Chimborazo kilometerweit. Sie schmilzt von oben her, weil sich der Krater erwärmt.

"An der Westflanke kommt man seit dem Frühjahr 2007 eisfrei zum Gipfel, das ist neu", berichtet Patricio Ramón, der allmonatlich über den Vulkan fliegt und ihn mit der Wärmekamera porträtiert. Sollte bei einem Ausbruch der Kubikkilometer Eis der Gletscherkappe schmelzen, wäre allein der Schlammstrom eine Katastrophe. Die seismische Aktivität des Kolosses nimmt seit dem Jahr 2001 zu, doch noch ruht der Riese im Tiefschlaf. Als gefährlich gelten derzeit die Vulkane Tungurahua*, Cotopaxi und Pichincha.

Im Geophysikalischen Institut der Polytechnischen Hochschule in Quito werden diese drei, außerdem der Cayambe und der Reventador kontinuierlich überwacht. Von elf weiteren Vulkanen funken Überwachungsstationen ihre Messdaten. Im Kontrollraum des Instituts drehen sich mit Dieselruß geschwärzte Walzen urtümlich anmutender Trommelseismographen. Ihre zitternden Nadeln ritzen krakelige Kurven auf das Papier, die für Windböen am Cayambe stehen, für Gaseruptionen am Reventador und den friedlichen Schlummer des Pichincha. Doch längst werden die Messdaten auch elektronisch verarbeitet. Neben den archaischen Seismografen stehen aus Japan und den USA gespendete Computer, über deren Bildschirme bunte Zackenlinien wandern. Noch bevor Erschütterungen messbar werden, deuten andere Anzeichen darauf hin, ob ein Magmakessel sich regt. "Wenn Magma aus der Tiefe aufsteigt, schwillt der Berg an. Das können wir an einer veränderten Neigung seiner Flanken messen", erklärt Patricio Ramón. "Außerdem zeigen Wärmebilder, die wir aus der Luft machen, ob sich der Krater erhitzt, und ein spezielles Spektrometer analysiert, ob sich die Zusammensetzung der Gase verändert." Wenn der Tungurahua im üblichen Halbschlaf dämmert, entweichen ihm tausend Tonnen Schwefeldioxid am Tag. Bei einem Ausbruch ist es die 30-fache Menge. Zum Vergleich: Die Bundesrepublik Deutschland pustet im Jahr 560.000 Tonnen des Atemgiftes in die Atmosphäre.

Die Forschung am Tungurahua ist international organisiert: Eine hawaiische Universität hat Infraschall-Sensoren installiert. Auch Satellitenbilder und Temperaturfühler geben Auskunft über den Zustand des Bergs. Und trotzdem sorgt der unberechenbare Riese immer wieder für böse Überraschungen: "Im Juli 2006 ging es unheimlich schnell", erinnert sich Patricio Ramón, der damals im Observatorium des Tungurahua Dienst schob. Die Außenstelle des IGEPN liegt zwölf Kilometer vom Gipfel entfernt, mit Blick auf den Vulkan, im Ferienhaus eines reichen Hühnerzüchters im Dorf Guadelupe. Dort arbeiten vier Trommelseismographen auf schlichten Holztischen, daneben stehen Telefon und Funkgerät. "Ich schickte meine Warnung raus, und 40 Minuten später rasten schon die ersten pyroklastischen Ströme die Hänge herunter." Verletzt wurde niemand. Mehr als 20 per Funk benachrichtigte freiwillige Helfer des Zivilschutzes sorgten für Straßensperren und Evakuierungen. Der harmlose Ausbruch war eine gute Katastrophenübung: Einen Monat später schossen 20 pyroklastische Ströme in die schmalen Täler, löschten fünf Dörfer aus und zerstörten 20.000 Hektar Ackerland. "Die Evakuierung der Häuser ging schnell", sagt Patricio Ramón, "und die, die blieben, hatten Glück. Nur sieben Menschen starben."

*Anmerkung der Redaktion: Der Tungurahua brach zuletzt am 6. Februar 2008 aus. Mindestens fünf Menschen kamen dabei ums Leben.

Schlammlawinen rasen ins Tal

Am Tungurahua gefährden vor allem Schlammlawinen, sogenannte Lahars, die Menschen rund um den Vulkan. Sobald es regnet, verwandelt sich die lockere Masse aus Asche und Staub zu einer rasanten Lawine, die Straßen und Häuser wegreißt, ganze Berghänge fortspült und die Täler mit schnell aushärtendem Vulkanschlamm betoniert. 300 Lahars haben Ramón und seine Kollegen seit 1988 registriert. Wenn die darauf eingestellten Seismographen Alarm geben, bleibt eine halbe Stunde, um Straßen sperren und Menschen in Sicherheit bringen zu lassen - genug für die routinierten zivilen Helfer und die Polizei. Nicht immer klappte die Zusammenarbeit von Vulkanologen und Bevölkerung so gut.

Als der Tungurahua 1999 nach mehr als 80 Jahren aus dem Tiefschlaf erwachte, deuteten alle Daten auf einen unmittelbar bevorstehenden Ausbruch hin. Gleichzeitig blies der Guagua Pichincha eine bedrohlich wirkende Rauchwolke über die Hauptstadt Quito, so dass die Regierung beschloss, die Umgebung beider Vulkane zu räumen. Das idyllische Städtchen Baños am Nordhang des erwachenden Giganten Tungurahua wurde komplett geräumt und vom Militär abgeriegelt. Zwei Monate lang blieb die Stadt verwaist - ein Vulkanausbruch hätte kaum verheerender für die örtliche Wirtschaft sein können. Als sich der Berg wieder beruhigte, versuchten die Bürger mit Gewalt zu ihren Häusern zurückzukehren. Aus den blutigen Zusammenstößen hat man gelernt.

Heute weisen Schilder in der ganzen Stadt die nächste Zufluchtszone aus, in die man sich schnell in Sicherheit bringen kann. Seit acht Jahren grollt der Tungurahua jetzt in Alarmstufe orange: Das heißt: "Eruption jederzeit möglich". Nachts lassen dumpfe Schläge die Fensterscheiben der Häuser in Baños erzittern - dann explodieren die heißen Gase und schleudern glühende Felsbrocken auf den nur noch wenig vergletscherten Kraterrand. Auch der Cotopaxi gilt zurzeit als gefährlich. Von seinem Krater liefert eine Kamera alle zehn Minuten neue Bilder. Der gewaltige Kegel ist einer der höchsten aktiven Vulkane der Welt und gleichzeitig einer der meistbestiegenen Berge Südamerikas. Gipfelstürmer werden mit einer feinen Schwefelnote belohnt, manchmal bläst ihnen der Berg auch eine Rauchwolke ins Gesicht.

Seit 1738 ist der Cotopaxi mehr als 50 Mal ausgebrochen. Immer wieder schmolzen Eruptionen den Gipfelgletscher, besonders dramatisch 1877: Das Wasser stürzte mit einer Schlammlawine bis an die Küste und zerstörte die Stadt Latacunga komplett. Alexander von Humboldt war fasziniert von dem Verderben bringenden Naturphänomen: "Der Cotopaxi [ist] der gefürchtetste unter allen Vulkanen ... Im Jahr 1738 erhoben sich die Flammen ... 900 Meter über den Rand des Kraters. ... Im Hafen von Guayaquil, 52 Meilen in gerader Linie vom Rande des Kraters, hörten wir Tag und Nacht das Brüllen des Bergs." Heute versuchen die Vulkanologen, aus der Geschichte zu lernen: Der Cotopaxi bricht im Schnitt alle 117 Jahre aus, sagt Patricio Ramón. Zuletzt spuckte er 1877 Feuer. Er ist also "dran."

Dramatischer für Ecuador wäre ein heftiger Ausbruch des Pichincha, der nur elf Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt Quito entfernt liegt. Der Pichincha hatte seine große Zeit im 16. Jahrhundert. 1660 ließ er dann noch einmal die Dächer der Stadt unter einer 30 Zentimeter starken Aschedecke einstürzen und schickte pyroklastische Ströme bis weit ins Tal. Heute bedroht vor allem Ascheregen die Anrainer. Als der Vulkan 1999 erwachte, begrub er die Stadt unter einer dicken Ascheschicht. Öffentliches Leben und Flugverkehr waren mehrere Tage lahmgelegt. Seit 2005 nimmt eine Gondelbahn den Quiteños jedoch jegliche Scheu vor ihrem Hausvulkan. Der teleférico schafft Sonntagsausflügler auf eine Höhe von 4000 Metern. Von da fehlen nur noch knapp 600 bis zum Gipfel.

Ein weiteres beliebtes Ausflugziel ist Puluahua, der einzige bewohnte Krater der Welt. Der einst wohl 6000 Meter hohe Vulkan 25 Kilometer nördlich von Quito, nahe der Äquatorlinie, wurde von enormen Eruptionen auf gut 3300 Meter gekappt. Heute liegt eine fruchtbare Ebene im acht Kilometer durchmessenden Krater. Neben einigen kleinen Höfen mit Kühen, Schweinen, Mais- und Kartoffelfeldern leben hier 53 endemische Pflanzen- und 21 endemische Tierarten wie der Schwarzbauch- Höschenkolibri in ihrem runden Riesenterrarium mit launischem Mikroklima. Die indianischen Ureinwohner hielten den gigantischen Vulkankessel für den Nabel der Welt.

Autor:
Jutta von Campenhausen