Ecuador Die Stadt Cuenca

Sonntags, nach der Messe, gleicht Cuenca einer unbespielten Historienfilmkulisse. Verwaiste Balkone, stumme Arkaden, kein Mensch in Jeans und Turnschuhen, der Gegenwart demonstriert. Im besten Fall bringt der Tag des Herrn die Übertragung eines Fußballspiels im Radio, lässt sie im Gemischtwarenladen an der Ecke aus Lautsprechern poltern, das einzige Lebenszeichen weit und breit. Dann fällt ein Tor im Stadion. Gooool! Der Schrei des Kommentators verhallt ungehört in den Gassen, die so viel mehr sind als nur Kulisse. Cuenca ist schön, wenn die Nachmittagssonne Schatten aus steinernen Blumen und Rosetten zeichnet und die weißen Fassaden gegen einen dunkelblauen Himmel leuchten, der nach Regen riecht.

Cuenca ist schön, wenn der Zufall eine alte Indianerin auf die oberste Stufe einer steilen Treppe am Fluss zaubert und sie mit einem letzten Zahn im Unterkiefer auf den letzten Metern aufwärts lächelnd sagen lässt: "Gut so! Sie kommen voran!" Cuenca ist schön, wenn die blauen Kuppeln der Kathedrale über der Stadt schimmern wie Muschelberge. Und wenn alles zusammen passiert, dann ist Cuenca so unfassbar schön, dass es weh tut, wenn man weiß, dass man nicht für immer bleiben kann.

Am Montag kehrt das Leben zurück in die Kulisse. Gustavo Jiménez läuft durch die Straßen seiner Stadt wie ein Verliebter, der mehreren Mädchen gleichzeitig den Hof macht. Er schaut vorbei im Atelier von Carlos Bustos Fernández, wo die Morgensonne auf Spiegel und Bilderrahmen aus Blech blinzelt, in die der alte Kunsthandwerker, sein Leben lang schon, tief über die Arbeitsplatte am Eingang gebeugt, mit Nadeln und Messerspitzen Ornamente treibt, Lack über gestanzte Papageien, Sonnen und Wellenkämme verteilt. Gustavo erkundigt sich, wie die Geschäfte der Chola stehen, einer Indianerin mit langen Zöpfen, Hut und weitem Rock, die ein paar Häuser weiter im Schatten eines Hutladens darauf wartet, dass auf dem Trottoir das Stroh ihrer Hüte unter der Sonne bleicht. Er lenkt den Blick in Werkstätten von Schreinern und Schustern, die gegenwartsvergessen zwischen Gerätschaften arbeiten, deren Bezeichnungen sich nur mühsam ins 21. Jahrhundert gerettet haben.

Und obwohl er in der Calle Gran Colombia, wo sich wie zu Gründerzeiten Gold- und Silberschmiede an der Straße reihen, vor Taschendieben warnen muss, sagt Gustavo, seine Stadt, Cuenca, sei die schönste in ganz Ecuador. Nun ist es nicht so, als wüsste er es nicht besser. Der Mann in den Vierzigern arbeitet seit Jahren als Guide, fliegt mehrfach im Monat nach Quito, um Touristengruppen abzuholen und Rundreisen zu begleiten. "Und wenn wir am Schluss nach Cuenca kommen, fragen sie: Gustavo, warum hast du uns nicht schon viel früher hierher gebracht?" Er lächelt, mit mildem Stolz. Gustavo liebt die entspannte Geschäftigkeit, die in Cuenca den Rhythmus des Lebens prägt und Raum für den kleinsten Händler lässt, der in einem Hauseingang hockt und Nüsse röstet. In der Calle Tarqui grüßt er Alberto Pulla, den Huthändler, der stumm lächelnd in der offenen Tür seines Ladengeschäfts steht - eine Koryphäe seiner Zunft, dem chemische Bleiche bei der Arbeit die Stimmbänder zerstört hat. Keine Zeit für einen ausgedehnten Besuch. "Du hast noch längst nicht alles gesehen", sagt Gustavo.

Bühne der Zeitlosigkeit

Seinem historischen Zentrum verdankte Cuenca 1999 die Aufnahme ins kulturelle Erbe der Unesco. 25 Jahrhunderte Geschichte haben auf 200 Hektar Fläche ihre Spuren hinterlassen. Wo das alte weicht, macht es Neuem Platz, das die Tradition ablöst, aber nicht ohrfeigt.

Der Name der Stadt, der im Spanischen eine Flussebene bezeichnet, weist auf ihre ideale Lage hin, die 500 v.Chr. das Volk der Cañari zur ersten Siedlung veranlasste. Als die Inka die Stadt im 15. Jahrhundert erobert hatten, planten sie, Cuenca zu polieren. Dann kamen die Spanier. 1557 wurde die Stadt erneut gegründet, offiziell, als Kolonialposten. Die europäischen Herren lebten von der Agrarwirtschaft und dem, was sich an Profit aus den Minen der Umgebung schlagen ließ. Vier Flüsse sichern Cuencas Trinkwasserversorgung. Oben, auf der Ebene des Stadtzentrums, erreichen die Villen des Barranco-Viertels gerade mal ein Stockwerk Höhe, um an ihrer Rückseite, zum Fluss, vier Ebenen in die Tiefe zu fallen.

Der Tomebamba, der das Zentrum touchiert, ist ein klarer Strom, der mit der Ausgelassenheit eines Gebirgsbachs über sein wildes, steiniges Bett springt. Früher wurde der Tomebamba regelmäßig getauft, um Hochwasser zu verhindern. Dennoch trat er über die Ufer, immer wieder. 1950 riss eine Flut zwölf Brücken der Stadt mit sich. Die Reste einer dieser Ruinen, Puente Roto, die "Kaputte Brücke", die das Schicksal der Zerstörung im Namen trägt, ragen bis heute über den Strom. Wenn alles nach Plan läuft, wird am südlichen Flussufer ein Vergnügungsviertel entstehen, stilvoll und kulturell ambitioniert, mit Promenaden, Museen, Kinos und Bibliotheken.

Von den Kolonialbauten der Conquistadores sind nur 16 im ursprünglichen Zustand erhalten. Gustavo steuert sein Lieblingshaus an, im Westen von Cuenca, das heute ein Museum beherbergt. Lange Zeit war es das erste und einzige Hotel der Stadt, einziger Schmuck der schlichten Fassade sind die gedrechselten Streben der Balkonbrüstung aus dem Holz von Ananaskirsche und Nussbaum. "Mach ein Foto", sagt Gustavo, "hier aus dem Fenster, das sieht gut aus", während er im Hintergrund Geschichte referiert.

Simón Bolívar erklärte 1820 die Unabhängigkeit der Provinz Cuenca von Spanien. Zehn Jahre später löste sich Ecuador aus dem Bund Großkolumbiens. Alles Spanische, das bisher das Stadtbild geprägt hatte, galt jetzt als rückschrittlich, finster, passé. Viel lieber hielten sich die Cuencanos an die Franzosen, die erstmals 1736 ins Land gekommen waren, um den Äquator zu vermessen. Befeuert von den Errungenschaften der Französischen Revolution, gab sich Cuenca ab Mitte des 19. Jahrhunderts très français. Ornamente wuchsen aus den Fassaden, überwuchert von Weinreben, ziselierte Zinn- und Messingplatten schmückten Treppenaufgänge. Im Inneren blieb die Struktur der Häuser dem Kolonialprinzip verpflichtet. Ein Patio mit Innengarten, manchmal noch ein zweiter mit angrenzenden Zimmern für die Bediensteten. In manchen Adobewänden, sagt Gustavo, werden bei Renovierungen noch heute Knochenstücke gefunden: Überreste verstorbener Bediensteter, die beim Bau als Glücksbringer eingelassen wurden. Einige der Stadthäuser sind heute als Hotels bewohnbar, andere stehen als Museen und Läden offen.

Eine Kathedrale - so groß wie der Glaube

In einem Antiquariat lebt Doña Laura zwischen Puppen und Heiligen, Topfpflanzen und Wellensittichen, geklöppelter Spitze und Schnittmustern an der Straße La Condamine. Gespräche über die Teile ihres Mobiliars, die zum Verkauf stehen, ziehen sich über mehrere Tassen Kaffee hinweg bis in den Nachmittag. Gustavo sagt, dass er das Geschäft nicht zusammen mit seiner Frau betreten kann, weil sonst erhebliche Teile des Mobiliars innerhalb weniger Stunden die Besitzerin wechseln.

Wer tief Luft holt und über die Dächer der Stadt steigt, blickt auf ein Meer rotbrauner Ziegeldächer. Das reglose Wogen des von Moos und Witterung melierten Panoramas wirkt harmonisch. Es heißt, dass die indigenen Handwerker die Dachschindeln auf ihren Oberschenkeln formten. Immer wieder bleibt der Blick am beeindruckendsten Gebäude der Stadt hängen: Die Neue Kathedrale, der Unbefleckten Jungfrau geweiht, mit ihren Bögen aus braunem Stein und den blauen Mosaikkuppeln, ist die größte Kirche des südamerikanischen Kontinents. Womöglich auch die Schönste. Auf jeden Fall eine der Ungewöhnlichsten, was auch mit ihrer Entstehungsgeschichte zu tun hat. Ihre Präsenz macht süchtig, und wer sich so unglücklich in den Gassen der Stadt verläuft, dass die Kathedrale vom Horizont verschwindet, beginnt unwillkürlich, nach ihrer Silhouette zu suchen. Um diesem Entzug vorzubeugen, verbietet ein Gesetz den Bau von Häusern, die die 55 Meter hohen Kuppeln überragen.

Der deutsche Geistliche Johannes Baptist Stiehle reiste 1873 nach Ecuador, beauftragt mit dem Bau einer vergleichsweise kleinen Kirche in Riobamba. In Cuenca erhielt der Autodidakt in Architektur, Ingenieurwesen und Bildhauerei den bischöflichen Auftrag, eine Kathedrale zu bauen, "so groß wie der Glaube der Cuencanos". 1885 begannen die Arbeiten, die erst 1967 abgeschlossen waren. Der Bau ist ein kunsthistorischer Ritt durch die Architektur der Jahrhunderte, ein imposantes Sample sakraler Kunst, dessen Bestandteile Gustavo referiert wie ein Kuchenrezept: Der Boden stammt aus Carrara, die Rotunden, Vorbildern aus Notre Dame und York nachempfunden, aus Belgien. Inspiration für den Altar bot der Petersdom. Romanische Bögen, dorische Säulen, rosafarbener Marmor, weißer Alabaster. Eine Marienfigur mit indigenen Zügen breitet die Arme über Sonne und Mond, die Götter der Inka. Am Eingang erinnert eine Disney-realistische Statue von Johannes Paul II. an den Papstbesuch von 1985. 400.000 Menschen nahmen damals an der Messe teil, die Kathedrale bietet Platz für knapp 10.000.

Kein Gebäude der Stadt reicht an ihren Glanz heran. An den eleganten Schwung der Portale, gekrönt vom blauen Funkeln der Kuppeln über der tonroten Dächerebene. Türme und Erker, die strenge Kanten aufziehen wie junge Novizen. Ein lautloses Donnern der schieren Größe. Ursprünglich waren noch zusätzliche Kuppeln und Glocken für die Haupttürme vorgesehen. Die allerdings hätten das Gotteshaus zum Einsturz gebracht. Ein Riss in der Front verweist auf die überraschende Fragilität der massiven Konstruktion. Hinge das Seelenheil einer Siedlung von der Anzahl ihrer Kirchen ab, Cuenca wäre eine Insel der Glückseligen. 52 gibt es im Stadtgebiet, 16 davon im historischen Zentrum. Welchen Stellenwert sie im Alltag einnehmen, lässt sich erahnen, wenn man die Kreuze beachtet, die an vielen der alten Mauern in Kniehöhe aufgemalt worden sind. Dass Priester damit dem Wildpinkeln Einhalt gebieten wollen, ist rührend. Dass die Maßnahme greift, grenzt an ein Wunder.

Gustavo hat sich verabschiedet, die nächste Reisegruppe wartet, touristische Pilger, die noch nicht wissen, dass sie auf der Suche nach Cuenca sind. Am Abend feiern Gläubige in der Kirche Carmen de la Asunción die heilige Messe. Von der Straße fallen zwei Jugendliche unvermittelt ins Vaterunser ein, verfolgen einander um die Bänke herum, zitternd vor Wut, aber gemessenen Schrittes, bis der Kaplan einen von ihnen zurück auf die Straße begleitet. Nebenan im Karmeliterinnen-Kloster leben 20 Nonnen hinter hohen Mauern. Es heißt, sie seien kahl geschoren und stets barfüßig, aber Genaues weiß kaum jemand. Die Nonnen leben abgeschieden vom Rest der Welt, und wer das Kloster einmal betreten hat, darf es bis zum Tod nie mehr verlassen. Kommunikation mit Angehörigen ist einzig durch ein dunkles Fenster möglich, das dem Austausch von Worten und Waren dient, aber die Sicht verhindert.

Vormittags passieren Orangenmarmelade, Zitronencreme zur Gesichtsreinigung oder Weihnachtsgesänge der Schwestern auf CD die Schleuse. Draußen, am Straßenrand, wird ein transparenter, übel riechender Sud verkauft, den die Nonnen brauen. Er soll Wunder wirken, vielleicht auch nur Gutes, eine Art Instant-Rosenkranz.

Gewalt und Glaube, Kolonialzeit und Republik, Geschichte und Gegenwart - in Cuenca scheinen die Gegensätze zu einem Waffenstillstand gefunden zu haben. Überall im historischen Zentrum sind Restaurateure am Werk, wird hinter Planen gehämmert und gestrichen, erhalten, erneuert und erweitert. Scharfe Kanten einer modernen Espressobar schneiden die weiche Wölbung eines Kirchenschiffs. Unter einer intakten Schale wandeln sich die Inhalte. Und selten hat das 21. Jahrhundert dabei besser ausgesehen.

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Autor:
Karin Ceballos Betancur