Mit Stil Zumutung Düsseldorf

Freies Bildmaterial von Merian Heft 06 - 2009 Duesseldorf Seite 74-81

Februar und Juli sind dunkle Monate im Leben eines deutschen Moderedakteurs. Dann steht die Modemesse CPD an, und die findet bedauerlicherweise immer noch in Düsseldorf statt, was für die Kollegen etwa gleichbedeutend mit einem Trip in die sibirische Tundra ist. Wochen vorher wird bereits gejammert, womit man das bloß verdient habe: Mittelmäßige Kollektionen anschauen, Anzeigenkunden abklappern, Rumstehen in der stilistischen Peripherie Deutschlands, wo doch die große Mode, der echte Glamour, in Paris, Mailand, London stattfindet.

Man könnte jetzt argumentieren, dass ein Großteil der deutschen Moderedakteure im internationalen Vergleich ja auch nur Kreisklasse spielt und damit in Düsseldorf ganz gut aufgehoben ist, aber natürlich haben sie grundsätzlich vollkommen Recht. Während die Abwasser von London oder Mailand mit feinstem Koks durchsetzt sind, ließe sich in Düsseldorf allenfalls die höchste Dichte an Wasserstoffperoxid nachweisen, von all den blondgefärbten Mittelstands-Gattinnen, die das halbe Monatsgehalt ihres Mannes in der Boutique "Jades" lassen. Die kleine Georgia May Jagger - als Tochter von Jerry Hall und Mick Jagger ohnehin für ganz Deutschland überqualifiziert - muss Ähnliches gefühlt haben, als sie dort kürzlich ihre Jeanslinie vorstellte und eine Reporterin von BILD die wirklich entscheidenden Fragen stellte: 1.) "Have you been to Düsseldorf before?" 2.) "Have you eaten a sausage already?" Das ist Metropolen-Talk vom Feinsten, ich weiß.

Aber da ich (meine Motive sind absolut durchschaubar) ursprünglich aus Düsseldorf komme (und jetzt nicht mehr dort lebe, ich habe also leicht reden), muss ich wenigstens ein paar Dinge zur Ehrenrettung dieser Stadt anführen. Es muss ja niemand gleich dauerhaft ins Rheinland ziehen (obwohl auch das geht, einige meiner Freunde sind dort sehr glücklich, und die stammen nicht mal aus Düsseldorf) und drei Tage sind durchaus zu schaffen.

Abends zum Beispiel sollte man eben nicht in dieses Restaurant direkt am Medienhafen gehen, das den Slogan "sehen und gesehen werden" für sich reklamiert; ohne Ironie. In Hafennähe ist eigentlich nur "Roberts Bistro" zu empfehlen samt der dazugehörenden Bar, die gleich daneben liegt. Oder wie mein Freund Christoph zu sagen pflegt: "Alles andere ist mehr so Eskort-Service-Terrain." Ebenfalls ein Klassiker: das "Olio" auf einem alten Gewerbehof in Pempelfort. Da habe ich einmal die besten Algen-Spaghetti meines Lebens gegessen. Wer aber lieber Prominente sieht, geht vielleicht in das neue badische Restaurant "Dorfstube" in Oberkassel. Da ist die Wahrscheinlichkeit, Raúl oder Magath zu treffen überproportional hoch. Beide wohnen bekanntlich nicht in Gelsenkirchen-Schalke, sondern in Düsseldorf-Oberkassel, und so viel schlechter als Boris Becker und Barbara Schöneberger sind die jetzt auch nicht. Wer lieber Andreas Gursky und Julia Stoschek treffen möchte, stellt sich samstags beim Metzger "Breuer" an. Dort gibt es - mein Freund Atze schwört darauf - den besten Fleischsalat der Stadt, den die Kunstszene ebenfalls schätzt.

Weggehen kann man in Düsseldorf leider tatsächlich nicht besonders gut, es sei denn, man mag die alten Privat-Brauereien wie das Füchschen und das Uerige in der Altstadt, aber Altbier steht in der Mode-Szene eher selten auf dem Getränkeplan. Für einen Drink geht man also lieber in die Bar des K21, wo man sich tagsüber natürlich schon die aktuelle, eigentlich immer gute, Ausstellung angeschaut hat. Dort gibt es meines Wissens auch Champagner, sogar den Guten.

Denn Düsseldorf mag ja stellenweise etwas prollig sein, trotzdem ist dort mehr Geld vorhanden als im Großraum Berlin. Und im Gegensatz zur Hauptstadt, wo höchstens die Touristen die Wirtschaft ankurbeln, wird es dort auch ausgegeben. An einem Samstag auf der Kö ist eine Schienbeinfraktur durch den Zusammenstoß mit einer prall gefüllten Tod's Tüte durchaus eine reelle Gefahr. Deshalb lassen vorausschauende Damen lieber die Limousine zu den Boutiquen "Apropos" oder "Jades" fahren, um die Wochenration abholen zu lassen. Soll mal einer sagen, am Rhein gäbe es nichts zu sehen. Was diese Frauen nach einer Saison nicht mehr brauchen, geben sie in den Vintage-Laden "Couture 2nd" in der Hohestraße, der so viel Chanel auf einem Haufen dort hängen hat, wie man es nicht mal in Paris findet. Und jetzt denken wir mal scharf nach: Nach drei Tagen in Düsseldorf, dieser tiefprovinziellen Zumutung - da versteht doch jeder, dass man sich als Ausgleich erst einmal das dunkelblaue Neckholder-Kleid aus Boucléstoff für 495 Euro kaufen musste. Nicht wahr?

Dann also bis zum nächsten Mal dann, im schönen Düsseldorf.

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Autor:
Silke Wichert