Düsseldorf Studium an der Kunstakademie

"Am liebsten bin ich unter Bankern", sagt der Künstler, "mit denen kann man wenigstens über Kunst reden." Und ergänzt: "Die Künstler reden ja immer nur über Geld." Ein alter Witz, aber aktuell. Denn über Kunst zu reden ist wichtig. Was Kunst ist und was nicht, muss immer neu ausgelotet werden, und auch der weiteste Kunstbegriff schließt nicht aus, dass irgend etwas womöglich dann doch keine Kunst ist. Und die zweite große Frage ist: Was kostet Kunst?

Beide Fragen stellen sich beim jährlichen Rundgang in der Akademie in Düsseldorf. Dort ist der Kunstbegriff so erweitert, dass einmal im Jahr, für fünf Tage, alle Türen offen stehen. Dann kann jeder von Mittwoch bis Sonntag, und zwar umsonst, anschauen, was an der Kunstakademie so alles verfertigt wird. Demokratisch, aber nicht ganz, denn zwei Tage vor Eröffnung kommen erst mal die geladenen Gäste, gut 300 Freunde des Hauses: solvente Sammler, Prominenz aus Kirche und Kultur, Politik und Wirtschaft.

 

Sie sind die Vorhut jener 30.000 Besucher, die sich in fünf Tagen durch die Akademie schieben werden und sie kommen nicht nur zur Eröffnungsfeier, sie kommen auch, weil es hier womöglich etwas zu sehen gibt, was demnächst für viel Geld in den feinsten Galerien hängen könnte. Da muss man schon urteilen können, und das können, siehe oben, besonders Banker. Auch die sind natürlich dabei, und sie dürfen schon mal schauen, und sie dürfen schon mal kaufen, aber das alles geschieht ein bisschen unterm Ladentisch, denn offiziell ist der Rundgang weder eine Ausstellung noch eine Verkaufsaktion.

Offiziell ist dies die Präsentation derer, die "im Meer des Ideellen, im Tal des Unsinnigen und im Himmel des Genialen zu Hause sind", denn so wünschte sich der scheidende Rektor Markus Lüpertz seine Schüler. Lüpertz hat die Akademie in 21 Jahren geprägt wie kaum ein anderer vor ihm in der langen Geschichte des Hauses. Seit 1773 dient es der Lehre, der Kunst, den Künstlern, denn die sind das Herz des Instituts, einer "Schule der Ausnahmen, der Einmaligen, des poetischen, idealistischen Wettstreits", wie Lüpertz es den neuen Studenten in seinem Begrüßungsbrief schreibt, und er warnt sie auch gleich: "Kunst ist nicht lehrbar."

Soweit zum Ideal, das Leben aber lehrt gleichwohl, wie sehr Kunst den Mammon braucht, und deshalb haben auch die Studenten des Rundgangs keine Scheu, außer Visitenkarten auch Preisverhandlungen anzubieten, auch gern mit dem Hinweis, schon am Montag seien Interessenten da gewesen.

Dass Kunst und Kommerz Hand in Hand gehen, hat Sarah Schleich auf den Punkt, beziehungsweise auf 7,2 Quadratmeter gebracht. "La dette" (Schulden) nannte sie ihr Gemälde. Das Bild zeigt etwas wie Börsenkurse und ein Parkett, auf dem leere Hosentaschen zu sehen sind. Das aber ist nur ein Teil des Kunstwerks, der Preis ein anderer. Schleich bietet das Bild für 18.306,19 Euro an, das ist der Betrag ihrer Bafög-Schulden. Wenn keiner kauft, muss sie selbst zurückzahlen, entsprechend billiger wird das Werk: Es kostet immer so viel, wie die Restschulden ausmachen. Schleich läuft also Gefahr, dass der Preis bei Null steht, aber das ist Teil der künstlerischen Aktion, und dafür, nicht fürs Bild, hat sie den Akademiebrief bekommen. Und schon kommt wieder die Frage ins Spiel, was Kunst ist, denn wenn die Aktion das Kunstwerk ist, kann ein Teil - das Bild - ein eigenes Kunstwerk sein? Zumal wenn es irgendwann nichts kostet?

Die Frage bleibt offen. Und da jeder hereindarf, könnten in der Akademie auch jene Ignoranten auftauchen, die sie gar nicht beantworten wollen, weil sie das alles sowieso für Verschwendung von Steuergeldern halten. Aber die sind dann doch nicht auszumachen, diese "Und-das-soll-Kunst-sein?"-Leute. Vielmehr gehen hier die Düsseldorfer umher und zeigen außer ihren metallicfarbenen, wattierten Jacken auch echtes Interesse. Da kann die Nonne im eindeutigen Outfit schon mal neben der Nutte im zweideutigen zu stehen kommen. Man weiß dann nicht, was man glauben soll. Nächste Woche ist Karneval, die Nonne ist wahrscheinlich echt und die Nutte ein Teenager, der auf Nutte macht, und beide schauen einträchtig auf ein Gebilde, das aussieht wie eine Rauchsäule, wie ein bulleriges, graublaues Blubberding, zwei Meter hoch. Kommt man näher und gibt ihm einen Stipps, dann merkt man, es ist aus Stoff.

Die Frage, was Kunst ist, stellt sich hier nicht, aber es zeigt sich bald die Bandbreite des möglichen Zugangs zu ihr. Denn da sagt die Nonne zur Nutte: "Das muss doch von einer Frau sein", vermutlich meint sie das wegen des handwerklichen Umgangs mit Stoff, den nur Frauen beherrschen, und tatsächlich: Das Werk mit dem Titel "Tamm" stammt von Aleksandra Polonskaja. Wenige Minuten später kommt eine geführte Gruppe in den Raum, und der Sachverständige äußert sich ganz praxisorientiert: Man könne dieses graublaue, schwer wirkende Ding auch leicht emporheben (er tut es), transportieren (er tut es) und "durch den Raum rollen" (er verzichtet darauf).

Ein Kunstwerk, das nichts kostet

Was Kunst ist und wie sie entsteht, beantwortet jedoch womöglich Michail Pirgelis, dem es gelungen ist, bei den Airbuswerken den zehn Meter langen Heckflügel eines Fliegers zu leihen und ihn in die Akademie zu verfrachten. Da liegt er nun und ist Kunst. Nicht, dass der Künstler das Metallteil bemalt oder sonstwie behandelt hätte, er hat es auch nicht in Zusammenhang mit anderen Dingen gestellt - nein, die Kunst entsteht durch die Tätigkeit des Künstlers, und die erschöpft sich im Transport. Oder anders gesagt: Weil der Flügel in der Akademie liegt, ist er ein Kunstwerk. Die Frage ist nur: Bleibt er es auch, wenn er wieder fort oder gar an einem Airbus montiert ist?

Aber auch wenn das Kunstwerk keines mehr sein sollte, ist der Akademiebrief immer noch gültig. Er ist ein hochwertiger Abschluss, etwa wie ein Diplom, und mit ihm beginnt, ganz ähnlich wie bei Zahnärzten oder Rechtsanwälten, ein Leben als "freischaffender Künstler" auf dem Kunstmarkt. Dort muss man sich verkaufen, muss investieren, in Räume und Material, in PR-Arbeit und Internetauftritt, muss Kontakte pflegen und Galeristen und Sammler kennen.

 

So etwas lernt man auf der Akademie höchstens neben bei, Geschäft steht nicht auf dem Lehrplan. Heiko Räpple hat dennoch gute Chancen. Er entspricht schon mal nicht dem Bild des Lebenskünstlers, er tritt gepflegt auf, als wolle er todsichere Geldanlagen verkaufen. Seine Objekte - Reliefs und Kombinationen aus Beton, eigenartig deformiert, gespalten, gequetscht - sind sehr rhythmisch im Raum arrangiert. Er ist auskunftsfreudig und bei seinen Werken präsent, und doch fürchtet auch er sich ein wenig vor der Selbständigkeit.

Denn in der Akademie hat der noch nicht Freischaffende alles, was die Kunst bei der Entstehung an Materiellem und Immateriellen braucht: Archiv und Bibliothek einerseits, aber vor allem Gipsformerei, Holzwerkstatt, Kunstgießerei, Metallwerkstatt, Steinbildhauerei, Video- und Filmwerkstatt - mehr als hundert Mitarbeiter stehen den rund 500 Studenten zur Seite, und mehr als hundert hohe, helle Räume stehen ihnen als Ateliers zur Verfügung - und mit dem Akademiebrief ist das alles weg.

Dafür ist die Chance da, eines Tages in einer Reihe mit denen genannt zu werden, die diese Akademie zur Legende gemacht haben. Nicht die Malerschule des 19. Jahrhunderts, sondern Rückriem! Polke! Uecker! Richter! Immendorff! Beuys!!! Die wilden Rebellen, die die Akademie benutzten wie eine Kommune, die Kunst machten ohne Rücksicht auf irgendeine vorgegebene Ordnung, die der zeitgenössischen Kunst ein neues Fundament der Freiheit und der Zukunft gegeben haben - einzigartig weltweit. Weswegen heute Düsseldorf eine "Kunstakademie der fünf Kontinente" mit Lehrern und Schülern aus aller Welt ist. Die Künstler der Akademie repräsentieren die Szene von New York bis Tokio. Peter Doig etwa, international gefeierter Star, Maler und Schotte mit Wohnsitz in der Karibik, fliegt jeden Monat an den Rhein, um seiner Klasse beizustehen. Er findet, es sei "die wichtigste Kunstakademie der Welt".

Zwar beklagen sich manche Studenten, dass sie zu wenig betreut würden, aber Lüpertz hat sie gewarnt. Von manchen Professoren sagt man, sie ließen sich kaum in der Akademie blicken, aber bevor nun Erbsenzähler wach werden: Kunst braucht jede Art von Freiheit und auch jede Art von Unverschämtheit. Deswegen leistet es sich ein reiches Land, das Meer des Ideellen, das Tal des Unsinnigen und den Himmel des Genialen zu finanzieren, denn es geht auch um die Freiheit aller.

Und was dabei herauskommt, wird Kunst sein. Aber wie sie erkennen? In der Ecke eines Raumes steht ein heruntergekommenes Wohnzimmerlabor: ein dreckiger Teppich, ein zerfetztes Tier, beunruhigende Geräte, eine Säureflasche neben einem Glas Rotwein. Ghuls, die an ihresgleichen experimentieren, monströse Untote, die mit geschundenen Tieren eklige Sachen anstellen und sich dabei offenbar mehr als einmal übergeben mussten. David Wagner heißt der Künstler dieser Installation, er sitzt schüchtern auf der Fensterbank, und muss immer die gleiche Frage hören: Was er sich dabei gedacht habe, er beantwortet sie nie, er nennt nur den Namen seiner Installation: "Und lebt und scheißt für immer". Er findet, sein Werk sei zu eindeutig, dabei schlägt es einen Bogen vom Totentanz des Mittelalters bis zum Horrormovie und ist mit Sicherheit provokativer als etwa der Mensch, der "I love my cunt" auf die Leinwand geschrieben hat und damit rund anderthalb Generationen zu spät kommt. Darauf reagiert niemand. Wagners Besucher aber ekeln sich, wenden sich ab und schütteln den Kopf, wie sie ihn einst bei Beuys geschüttelt haben, als wollten sie sagen, dies sei nun aber doch keine Kunst.

Auf dem Flur hängt ein wildes Bild von Vittorio Zambardi, das "David und Goliath" heißt und einen Mann zeigt, der eine abgeschlagenem Kopf herumträgt. Ganz üppig, ganz alter Stil. Davor, auf dem Boden, liegen stabile Stahlplatten, zwischen denen Licht hervordringt. Eine alte Dame fragt den Fachmann, der sie durchs Haus führt, was das solle, und erhält zur Antwort, da könne man ins untere Stockwerk blicken. Und dann - endlich - stellt sie die Frage aller Fragen: "Und das soll Kunst sein?" Und der Fachmann antwortet: "Nein."

Autor:
Roland Benn