Düsseldorf Neandertal in Mettmann

Pünktlich um 13 Uhr trifft die Gruppe ein, auf die Christian Hildebrandt schon wartet. Der Archäologe und Museumsführer nimmt die Gäste freundlich in Empfang, versorgt jeden einzelnen mit Kopfhörern. "Herzlich willkommen im Neandertal! Können mich alle verstehen? Gut!"

Mit großen Schritten marschiert er voran, an der zweispurigen Landesstraße 403 vorbei hin zum Pfad der Menschenspuren. Gefolgt von zwei Dutzend Besuchern, erzählt er von der ursprünglichen Schönheit des Tals und von der Düsseldorfer Malerschule, die hier rauschende Feste feierte. Dann verfinstert sich sein Gesicht und die Tonlage wechselt von Dur auf Moll, wenn er schildert, wie seit Mitte des 19. Jahrhunderts der industrielle Kalkabbau einsetzte und die bizarre Hügelformation nach und nach weggesprengt wurde, bis vom ursprünglichen Tal fast nichts mehr übriggeblieben war als der bloße Name. Und selbst Namen sind vergänglich, denn bis in jene Zeit hieß das enge Tal der Düssel einfach Düsseltal, bis es im Gedenken an den Kirchenlieddichter Joachim Neander umbenannt wurde, der hier zu spazieren pflegte.

 

Wo heute weiß-rot gestreifte Metallstangen mitten im satten Grün des Rasens stehen, schaufelten Steinbrucharbeiter im August 1856 den Lehm aus der "Kleinen Feldhofer Grotte" hin. Die Grotte lag damals hoch, heute ist der Berg längst abgebaut. Aber genau dort haben sie ihn gefunden, "den berühmtesten Deutschen", Mister Neandertal oder Mister N., wie die Marketing-Experten des ihn nennen und dabei von ihm als Global Player sprechen, der sich internationaler Beliebtheit erfreut. Etwa 42.000 Jahre lagen seine sterblichen Überreste in der Erde. Die Arbeiter, die sie entdeckten, hielten sie für Bärenknochen. Der Elberfelder Realschullehrer Johann Carl Fuhlrott wurde hinzugerufen, um den Fund zu begutachten. Geschult durch stetige Naturforschungen und seine Leidenschaft für Tierknochen, erkannte er sofort, dass er die Reste eines Urmenschen in den Händen hielt.

Seine Erkenntnis brachte ein jahrhundertealtes Weltbild ins Wanken. Die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments wurde zu jener Zeit noch von den meisten Gelehrten wörtlich genommen. Erst drei Jahre später veröffentlichte Charles Darwin seine Abstammungslehre mit der These, dass sich Pflanzen und Tiere und damit auch der Mensch aus Urformen entwickelt haben. Ein Sturm der Entrüstung brach daraufhin los.

Heute wissen wir, dass schon vor 1856 Knochen von der Art des Neanderthalers in Belgien und auf Gibraltar gefunden wurden. Doch die wurden im Gegensatz zum namengebenden Fund im Neandertal zunächst nicht beachtet. Nach der Entdeckung geriet die Position der Fundstelle in Vergessenheit. Erst im Jahr 1997 gelang es den beiden Archäologen Ralf W. Schmitz und Jürgen Thissen, den Ort wieder aufzuspüren, der 1856 unterhalb der Fundstelle gelegen haben muss. Und die beiden trauten ihren Augen kaum: Sie fanden in den alten Sedimenten nicht nur die Überreste eines zweiten Skeletts, sondern auch ein Schädelstück, dass genau zu Fuhlrotts berühmtem Schädelteil passte.

Nur vierhundert Meter vom einstigen Grab des Neandertalers entfernt steht seit 1996 das Neanderthal Museum. Aus Aluminium und Glas, schmucklos und karg ist es, außen jadegrün, mit einer Rampe wie ein Raumschiff. Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, Realität gewordener Traum des Architekten Günter Zamp-Kelp aus Berlin, eingebettet zwischen Düssel, Märchenwald und Landesstraße. In einer Spirale schraubt sich der Bau empor und bahnt dem Besucher den Weg durch die Entwicklung des Menschen.

Wer durch einen grünen Torbo gen das Innere des Museums betritt, gelangt in einen Zeittunnel der Menschheitsgeschichte. Wie in einer Quizshow wird der Besucher selbst zum Akteur und sieht sich mit brennenden Fragen der menschlichen Existenz konfrontiert: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Der Blick fällt auf eine gigantische Sanduhr, in der winzige Sandkörner unaufhaltsam herunterrieseln. Der Zeittunnel ist Symbol für den Auftrag des Museums: Historie hautnah erlebbar zu machen, und zwar vom Anfang des ersten Vormenschen bis hin zu den aktuellen Problemen der Menschheit. Um die Reise durch die Zeit mit allen Sinnen begreifbar zu machen, arbeitet das Museum nicht nur mit Exponaten, sondern auch mit eindrucksvollen Hörtexten, Filmen und interaktiven Computersimulationen, die Erwachsene und Kinder faszinieren.

In der Sanduhr verrinnt die Zeit. Jedes Korn, das hier fällt, steht für ein Jahr. "Um die Spanne abzuwarten, die seit dem Ende der Neandertaler bis heute verstrichen ist, müsste man fünf Minuten vor der Sanduhr stehen bleiben", verkündet eine Stimme über die Kopfhörer. Doch noch bevor sich die Besucher in den Dimensionen der Zeit verlieren können, reißt sie eine Frauenstimme aus ihren Gedanken: "Aber was sind fünf Minuten gegen elf Stunden! So lange bräuchte es, bis die Zeit abgelaufen ist, die der Mensch und alle seine menschlichen Vorläufer auf der Erde leben."

"Zeit verrinnt", das meint auch der Marketingchef des Museums, Roland Ebbing: "Nach zehn Jahren mussten wir das ursprüngliche Ausstellungsdesign von 1996 aktualisieren. Einige Ausstellungsbereiche haben wir komplett neu gestaltet. Und im vorher defizitären Museumsladen koppeln wir jetzt das Shoperlebnis mit dem Bildungseffekt und machen Gewinn. Sehen Sie hier", sagt Ebbing, zeigt auf eine Fruchtgummitüte "Süße Knochen aus dem Neandertal" und verkündet stolz: "Steinlollys, Neandertaler Landbier, Kräutertropfen, Mineralwasser und T-Shirts. Wir sind dabei, den Neandertaler als Marke zu etablieren."

Ein kluger Mensch in wilder Natur

Und Mister N. steht, in Silikon gegossen, schmächtig und ein bisschen verlegen im Foyer und blinzelt die Besucher an: Die lernen ihn quasi als Mitmenschen kennen, nicht als einen, der grunzend durch die Urzeit zog. Denn der Neandertaler war unser Nachbar, teilte sich Europa über Jahrtausende mit dem modernen Menschen, er pflegte und beerdigte seine Verwandten, er hatte die Fähigkeit zur Sprache und im Schnitt sogar ein größeres Gehirn als wir.

Diese Menschen lebten in Europa, im Nahen und Mittleren Osten und bis weit nach Sibirien hinein, sie jagten Moschusochsen und Mammut, aber sicher auch Kaninchen. Und dann verschwanden sie, und niemand weiß warum, sie starben aus, die letzten lebten vor 28.000 Jahren in Gibraltar. Und das war, entwicklungsgeschichtlich gesehen, erst gestern.

 

Das Leben und Sterben des Mister N. ist heute mehr denn je Gegenstand internationaler Forschung, an der das Museum in Mettmann einen großen Anteil hat. Die Originalrelikte des Neandertalers lagern hier hinter Sicherheitsglas, hier wird die Datenbank geführt, in der Wissenschaftler aus der ganzen Welt ihre Ergebnisse zusammentragen. Dies und die bahnbrechenden Forschungen am Max-Planck-Institut in Leipzig haben unser Bild vom fernen Verwandten drastisch verändert. Nicht nur, dass er uns in vielen Kuturtechniken keineswegs unterlegen war - er war offenbar auch nicht unser Vorfahr.

Genetische Analysen zeigen, dass er von Menschen abstammt, die vor mehr als einer Million Jahren aus Afrika nach Europa kamen, die des modernen Menschen aber kamen erst vor 35.000. Und daraus folgt, dass auch schon jener frühe gemeinsame Vorfahr aus dem schwarzen Kontinent die Anlagen gehabt haben muss, die wir lange als unsere alleinige Errungenschaft ansahen: soziales Verhalten, handwerkliches Geschick und vielleicht die Fähigkeit zur Sprache.

Rätsel und ungelöste Fragen ranken sich um den Neandertaler, dafür hat man aber klare Visionen davon, wie sein einstiger Lebensraum gestaltet werden soll. Mit den angrenzenden Gemeinden will das Museumsteam um Direktor Gerd-Christian Weniger das Tal stärker vermarkten und den stetig größer werdenden Touristenstrom umweltschonender lenken.

Bisher führt der Wanderweg nahe dem Museum direkt durch das Naturschutzgebiet. In Zukunft soll ein sogenannter Baumwipfelpfad, eine Art Hochweg in Baumkronenhöhe, helfen, die einzigartige Flora und Fauna besser zu schützen. Geht es nach dem Willen der Planer, soll auch das Naturschutzgebiet weiter ausgebaut werden. Schließlich halten sich hier Arten, die anderswo kaum noch auszumachen sind. Der Milzfarn, der in Deutschland auf der Roten Liste der gefährdeten Arten steht, ist hier genauso zu Hause wie das Gelbe Buschwindröschen und der Hirschzungenfarn. Auch seltene Tiere wie der Eisvogel, der Nördliche Kammmolch und die Geburtshelferkröte haben im Neandertal überlebt.

In Serpentinen bahnt sich die Düssel ihren Weg durchs Tal. Nebelschwaden bilden sich frühmorgens über dem Flüsschen und ziehen landeinwärts über die Auenlandschaft. Bald ist der Nebel meterhoch. Langsam legt er sich auch über die Wiesen der Gehege, in denen uralte Tierarten ihren Lebensraum haben. Die Tarpane mit ihren silbergrauen Rücken werden in der Morgendämmerung zu kaum noch sichtbaren Silhouetten. Der Hengst der alten Wildpferdrasse schnauft von Zeit zu Zeit, etwas weiter stehen die Auerochsen, eine Rückzüchtung des Rinds zu seiner Urform. Jetzt erreichen die Nebelschwaden das Gehege der Wisente. Ein Bulle mit seinen drei Kühen wirkt gefährlich, bis auch er im Nichts des milchigen Morgens verschwindet.

Vielleicht hat er es auch so gesehen, Mister N., der Global Player.

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Autor:
Christoph Otto