Nordrhein-Westfalen Medienhafen Düsseldorf

Unter der größten Dezimaluhr der Welt recken sich die Hälse der Schaulustigen. Sie prangt am Rheinturm, der ist 234 Meter hoch, wurde entworfen von Harald Deilmann und 1982 fertiggestellt. 62 Lichter leuchten hier, wer sie richtig zu zählen weiß, kann herausfinden, wie spät es ist: Kurz nach halb drei, der Himmel über dem Strom fährt seine unschuldigsten Wolken auf.

Darunter entfaltet sich das ganze Faszinosum einer postmodernen Mikrowelt. Nicht weniger als das ist in den vergangenen 20 Jahren auf dem Areal des alten Industriehafens aus dem Boden gestampft worden. Und nun ist diese urbane Landschaft aus ambitionierten Stadtplanervisionen und architektonischen Entwürfen der amtliche Megastar unter Düsseldorfs Vorzeigevierteln. Aus aller Herren Länder, Vororten und dem Umland strömen die Neugierigen nach Unterbilk, um zwischen neuen Bürogebäuden und denkmalgeschützten Verladekrähnen zu flanieren.

 

Gleich hinter dem Turm ragen die dunkel verkleideten Bögen auf, die sich nahe der Rheinkniebrücke wie riesige Baumkuchenstücke zum neuen Landtag addieren. Weiter im Südwesten, von der majestätisch aufragenden Doppelfassade des Stadttors über das Landesstudio des WDR bis weit ins alte Kaigebiet hinein, haben internationale und ansässige Architekten ihre Federn an kopfsteingepflasterten Straßen gespreizt, fast immer mit Bezug zum Thema Hafen. Das ist nicht in jedem Fall einen Preis, doch zumindest eine Erläuterung wert.

Zum Beispiel das "Grand Bateau" von Claude Vasconi: Ein steinerner Dampfer, der sich mit kühnem Schwung über der Einmündung in den Zollhof erhebt. Oder das "Haus vor dem Wind" von Günter Zamp Kelp: ein mittelgroßer Quader, dessen vorgewölbte Fassade am Handelshafen wie ein Großsegel anmutet. Oder Norbert Wanslebens "Wolkenbügel" am Ende des Hafenbeckens: ein wuchtiger Containerbau, der - obwohl selbsttragend - auf einem ehemaligen Maschinenhaus zu liegen scheint. Derartig kühne Projekte hätten ohne die Flexibilität der Denkmalschützer und kürzeste Entscheidungswege nie so konsequent umgesetzt werden können, die Landesbauvorschriften wurden hier auf ihre Dehnbarkeit getestet.

Die unbestrittenen Hauptakteure aber sind nach wie vor jene drei windschiefen Gebäudekomplexe, die der amerikanische Architekt Frank O. Gehry an der repräsentativen Stelle des alten Zollhofs errichten ließ: Ein freches Ensemble ohne rechte Winkel, das in den wenigen Jahren seit dem Erstbezug 1999 alle anderen markanten Punkte dieser Stadt an Attraktivität überholt hat. Das Reiterstandbild von Jan Wellem, Schlossturm, Hofgarten, Königsallee: Alle nur noch also starring auf den jüngeren Postkarten und Prospekten, die Düsseldorf als innovative Mini-Metropole im Aufbruch propagieren.

Es war auch eine Frage des Marketings, dass der Initiator dieses ehrgeizige Bauvorhaben Ende der achtziger Jahre zu seiner persönlichen Kampagne machte. Der Werber Thomas Rempen dachte damals an einen neuen Sitz für seine aus den Nähten platzende Agentur, wollte aber auch ein spektakuläres Ausrufezeichen für das Erscheinungsbild der etwas selbstzufriedenen Landeshauptstadt stiften. Das fand nicht auf Anhieb die einhellige Zustimmung im Rat, wie mitunter gern behauptet wird. Doch passte die Vision gut zu den offiziellen Plänen für eine Umnutzung des stadtnahen Hafengebiets. Wo seit Ende des 19. Jahrhunderts Schiffsgüter gelöscht wurden, herrschte mittlerweile weitgehend tote Hose - von ein paar Lagern und vor sich hin malmenden Getreidemühlen abgesehen.

So durfte Rempen als Treuhänder der Stadt einen Ideenwettbewerb initiieren, den zunächst die Londoner Architektin Zaha Hadid gewann - nur wurde man sich nicht über die Durchführung ihres Entwurfes einig. Da zog der gewiefte Werber in letzter Sekunde mit Gehry einen neuen Hasen aus dem Zylinder, damit der Zauber endlich beginnen konnte. Es brauchte diese erste Marke, um den Quantensprung "vom Industriehafen zur Meile der Kreativen", so das offizielle Motto, plastisch werden zu lassen. Von da an sollten weitere Meilensteine das Gebiet schnell in einen Architekturpark verwandeln - angemessene Kulisse für ein Dorado neuer Medien, IT-Start-ups und Agenturen.

Büros in der Schwebe

Die Blase des Neuen Marktes platzte wenige Jahre später, doch der Medienhafen wuchs unbeirrt - obwohl es bis heute zu wenig Parkplätze gibt und die Anbindung ans Straßenbahnnetz erst Anfang 2010 erwartet wird. Über 700 Unternehmen beschäftigten hier Ende 2008 etwa 8200 Mitarbeiter, ein Viertel kam aus dem Sektor Medien, Information, Kommunikation und Werbung. Die "hochwertige Mischklientel" habe sich wechselseitig angezogen und dabei "Cluster" erzeugt, freut sich Hafenkoordinator Hans-Dieter Jansen in bestem Planer-Deutsch, der in seinem dezenten schwarzen Tuch fast wie ein Geistlicher wirkt.

Als von der Kommune eingesetzter Koordinator ist Jansen das Kugelgelenk zwischen den Investoren beziehungsweise Nutzern und der Stadt, die ihnen ziemlich entgegenkommt: Das Dezernat für Planen und Bauen wurde früh an den Ort des Geschehens versetzt, gleich bei dem von Günther Uecker und Thomas Beucker gestalteten "Platz der Medien". Die kurzen Wege haben mit zu der Erfolgsstory beigetragen, von der das Stadtsäckel über diverse Steuereinahmen gleich mehrfach profitiert. Gut drei von vier angesiedelten Unternehmen haben hier ihren repräsentativen Hauptsitz - und nehmen dafür sportliche Büromieten von bis zu 23 Euro pro Quadratmeter ohne Murren in Kauf.

 

Rund eine Milliarde Euro wurde bisher aus privater Hand investiert, und noch immer stehen hier die Kräne nicht still. An der Holzstraße ist 2006 das weit ausladende Capricornhaus fertiggestellt worden, in dem nun ein Energiekonzern sitzt - Nachbar der gläsernen Likörfabrik von Findeisen & Wächter. Gleich davor wird Anfang 2010 die "Casa stupenda" von Renzo Piano errichtet und bis Ende 2010 das 20-geschossige Bürohochhaus "Sign" der Chicagoer Architekten Murphy/Jahn hochgezogen. Außerdem wurde an der Spitze der Speditionstraße schon der Bau zweier ziemlich plumper Zwillingstürme begonnen; die werden sich 2010 65 Meter hoch über der Landzunge erheben und als Hotel und Bürohochhaus fungieren.

An diesen Anblick wird Helge Achenbach sich erst gewöhnen müssen. Der umtriebige Kunsthändler und Investor hat von seinem Büro im obersten Stockwerk des Gebäudes an der Kaistraße 18 eine grandiose Aussicht auf die Landzunge, wo er bis vor drei Jahren einstweilen das populäre Strandcafé Monkey's Island betreiben durfte. Dann wiesen ihn die Stadtoberen an, das Gelände zu räumen - und zwar lange bevor das für den Bau der Zwillingstürme zwingend nötig war, wie er betont. Den maßgeblichen Herren, die sonst so gern ein lebendiges Quartier anpreisen, war der allabendliche Umtrieb offenbar des Guten zu viel - und das will der Impresario symptomatisch verstehen. "Die Poesie ist hier dem Profit geopfert worden", sagt Achenbach und verweist auf die immer dichter stehenden Neubauten.

Wieviel Leben darf es denn sein im Schatten der Kolosse, die längst auch Einnahmemaschine sind? Gregor Bonin, Leiter des Dezernats für Planen und Bauen, möchte hier ausdrücklich "keine Kirmesmeile" zulassen. Andererseits würde ein bisschen mehr natürliches Gewimmel helfen, die immer noch halbsterile Szenerie aufzulockern. Manchmal wirkt das Publikum doch wie bestellt, das sich da nach der Rushhour zwischen Multiplexkino, Italiener und mongolischem Barbecue tummelt: kleine Rudel von Anzugträgern in den Kulissen multikultureller Erlebnisgastronomie. Man darf straffrei Kölsch trinken und einen Seeteufel mit Blick aufs Wasser sezieren, findet aber nirgends einen Gemüsestand - ganz zu schweigen von einem Supermarkt.

Die Bezirksregierung aber hat die Änderung des Flächennutzungsplans, Voraussetzung für den Bau mehrerer Wohnblöcke im Bereich Kesselstraße, vorläufig gestoppt, obwohl gerade diese Bauten ganz normales Leben ins Areal pumpen könnten. Der Grund: Man fürchtet die Beschwerden der künftigen Anwohner, die sich von den Emissionen der angrenzenden Mühlenbetriebe behelligt fühlen könnten. Dagegen haben die Stadtoberen vor dem Oberlandesgericht Feststellungsklage eingereicht. "Wir werden Wohnen im Hafen kriegen", gibt sich Bonin überzeugt, der nur zu gern "die Monostruktur aufbrechen" möchte.

Wer in Düsseldorf auf Wohnungssuche geht, sollte sich nicht allzusehr darauf verlassen: In spätestens zehn Jahren soll die letzte Stufe der Umgestaltung abgeschlossen sein; bis dahin bleibt das neue Prunkstück Flaniermeile - und eine berühmte Baustelle.

Autor:
Bertram Job