Nordrhein-Westfalen Kunststadt Düsseldorf

Kein Schild weist vom Oberkasseler Belsenplatz hinein in die Schanzenstraße, keine Hinweise in der Einfahrt zum Hinterhof. Es ist eben eine richtige Privatangelegenheit, ihre Sammlung zu finden, weiß Julia Stoschek. Und vermutlich ist es gerade so am Besten: Etwas von ihrer Freude am Entdecken soll auch der Besucher mitbringen. "Man muss einfach kommen wollen", sagt sie mit angedeutetem Schmunzeln, "das funktioniert doch super."

Einwände wären jedenfalls zwecklos. Mehr als 4000 Menschen haben während der ersten Ausstellung, die im Juni 2007 eröffnet wurde, an den offenen Samstagen hierher gefunden. Auch zur zweiten Ausstellung kommen nun bis zu 150 Menschen pro Öffnungstag. Die Julia Stoschek Collection könnte es mühelos mit manch öffentlich gefördertem Museum aufnehmen. Es ist aber "ein privates Ausstellungshaus, das meine private Sammlung zeigt", sagt sie - und "nicht in Konkurrenz, sondern beabsichtigt als Bereicherung einer hervorragenden Museumslandschaft".

Die Kunststadt Düsseldorf hat also eine Attraktion mehr im prallen Portfolio, für die sie keinen Cent aufbringen muss. Was immer das überzeugend renovierte Haus für mediale Kunst benötigt, wird aus der Schatulle einer 33-jährigen Unternehmertochter entrichtet, die selbst einem grellen Clip entlaufen sein könnte. Julia Stoschek hat laut Selbstaussage "immer schon versucht, Sachen desselben Genres zusammenzutragen". Das begann bereits während einer beschützten Kindheit in Coburg mit dem Sammeln von Aufklebern und Schuhschachteln - und hat sich bereits während eines internationalen Betriebswirtschaftsstudiums zu ersten Kunstankäufen gesteigert.

Damals in New York wechselte die kesse Praktikantin eigenmächtig vom Finanz- ins Kulturmanagement eines deutschen Bankhauses. Dabei entdeckte sie ihre Liebe zu jenen medial gestützten Kunstrichtungen, die man international time-based media art nennt - also Video, Performance und Installation. Das ist für sie "die Kunst meiner Generation", die mit MTV und Homevideos aufwuchs - in ihrem Fall von der Einschulung bis zur bayerischen Meisterschaft im Dressurreiten.

Heute überschlägt sie die Zahl der Arbeiten, die sie seit dem Kauf dreier Videos von Aaron Young erworben hat, auf rund 400. Darunter sind Klassiker von Pionieren wie Bruce Nauman, Bill Viola und Marina Abramovic, ebenso Arbeiten von Walead Beshty oder Cheryl Donegan. "Ich trage eben lieber zusammen und gebe nicht so gern ab", sagt sie mit deutlichen Bremsspuren von Koketterie. Eine Art von Abgeben findet allerdings jeden Samstag statt, wenn ihre Mitarbeiter den vorangemeldeten Besuchern für fünf Stunden die Türen öffnen. Eintritt frei.

Dann wandern neben den schon immer von zeitgenössischer Kunst Begeisterten auch Kleingruppen von unvorbelasteten Zaungästen durch die beiden Ausstellungsetagen. Exakt 54 Videos, Installationen und Fotoarbeiten zum Thema Körperlichkeit sind in der aktuellen Ausstellung "Number Two: Fragile" zusammengestellt. Und nur zu gern mischt sich die Hausherrin gelegentlich mit Sonnenbrille oder sonst einer Mimikry unter die Menge, wenn die auf Hannah Wilkes Selbstentblößungen aus den siebziger Jahren oder Terence Kohs Installation "Snow White" prallt - einer neonweißen Märchenlandschaft mit Porzellan-Chrysanthemen und verspiegeltem Sarg und dem Video einer Performance mit Künstler und Mäzenin.

Jägerin und Sammlerin

"Ich bin schon mit Stolz erfüllt, wenn ich erlebe, wie sich wildfremde Menschen meine Sammlung ansehen", erklärt sie. "Wenn die dann den Eindruck haben, die zwei Stunden waren keine Zeitverschwendung, hat dieses Haus voll seinen Zweck erfüllt."

Leider aber wird die Stoschek immer häufiger erkannt, denn mit dem ersten Mediengewitter avancierte sie nicht nur in ihrer Wahlheimat zur Celebrity. Als "ebenso elegantes wie energisches Modell einer Mäzenin des neuen Jahrtausends" (Vogue Online) ist sie einfach zu spektakulär, um von Boulevard-Phantasien verschont zu bleiben. Da war es nur eine Frage der Zeit, wann die modebewusste Förderin auf die "Kunstsammlerin in Röhrenjeans und Stilettos" (Die Welt) verkürzt werden würde. "Solange ich noch nichts präsentieren konnte", ahnt sie heute, "war's auch gar nicht anders möglich."

Das Zerrbild der Millionenerbin, die mit ihrem üppigen Taschengeld in Ateliers und Galerien shoppt, hat ihr Entree nicht leicht gemacht. Sammler haben, wenn sie seriös wirken wollen, im Prinzip über 60 Jahre alt und in britischem Tweed gewandet zu sein. Die einzigen Ausnahmen sind Peggy Guggenheim, Barbara Gladstone oder Ingvild Goetz. Außerdem ist der Kunstmarkt "so etwas wie ein Kuchen, da war alles ganz gut verteilt - und plötzlich kam da noch jemand dazu." Was hatte sie in diesen ersten Jahren nicht für "wunderbare Erlebnisse", deutet sie grinsend an - "mit Menschen, die mich nicht ernst genommen haben und sich heute vor mir auf den Boden schmeißen."

Vielleicht musste Julia Stoschek also erst dieses Haus eröffnen, damit wirklich alle genauer hinsehen. Sie fand es im Herbst 2004 beim Spaziergang mit ihrem Hund durch das alte Industrieviertel hinter dem Belsenplatz. Weder die Auflagen von Behörden noch die Vorbehalte ihrer Familie konnten ihr das 1907 erbaute, denkmalgeschützte Gebäude ausreden, in dem zuletzt eine Rahmenfabrik arbeitete. Bei den Stoscheks, die von Coburg aus ein weltweites Autozulieferer-Unternehmen führen, war freie Kunst bis dahin kein größeres Thema.

Aber Einwände und Hindernisse spornen gewisse Charaktere erst recht an. "Ich mag Konflikte und schwierige Situationen", sagt Stoschek. "Und wenn ich mir was in den Kopf gesetzt habe, versuch' ich alles, um es umzusetzen." So folgten nach dem Erwerb der Immobilie "drei unglaubliche Jahre mit ganz viel Freude und Tränen", bei der das Architektur-Büro Kuehn Malvezzi Regie führte. Die Berliner Spezialisten für Ausstellungsarchitektur legten mit viel Respekt vor dem historischen Fabrikgebäude dessen klare Grundstrukturen wieder frei - und schufen einen variablen Ausstellungsparcours, der sich durch alle Stockwerke zieht - bis zu dem riesigen Loft mit Dachterrasse, in dem die Sammlerin lebt.

Rund 600 Gäste durften sich 2007 zur Eröffnung davon überzeugen, dass hier nicht einfach ziel- und stillos Geld verbrannt wurde. Seither gehört das schmucke Haus im Hinterhof auch international zu den ersten Adressen für mediengestützte Kunst. Dank der exzellent vernetzten Sammlerin, die auch in der Ankaufskommission des New Yorker Museum of Modern Art für media and performance art sitzt, behauptet sich die Sammlung immer besser auf dem globalen Markt. Ein Team aus drei Kunsthistorikern ergänzt sich im Sichten, Auswerten und Kontakten; es gilt schon heute auf die Jagd nach Namen zu gehen, die morgen in den Fachzeitschriften auftauchen.

"Früher waren wir für die guten Arbeiten oft ein bisschen zu spät", so Stoschek. "Inzwischen wissen wir schon vorher, welcher Künstler eine neue Arbeit produziert, und können diese begleiten - bis hin zur finanziellen Unterstützung. Sammeln heißt ja nicht einfach herumreisen und kaufen. Mit dem Erwerb geht's eigentlich erst los: Wie kann die Arbeit dokumentiert und archivarisch betreut werden, wie können wir sie präsentieren?"

In diesem Jahr wird auch wieder erweitert und gebaut. Dann soll im Keller des Gebäudes ein Depot mit Klimakammer fertig gestellt werden, in dem die Arbeiten optimal lagern können. Und zum Oktober werden die beiden Ausstellungsetagen getrennt. Im oberen Stockwerk werden Performances und andere Aufführungen für geladene Gäste stattfinden, im unteren wird eine öffentlich zugängliche, groß angelegte Ausstellung einen Überblick über die Entwicklung der Performancekunst in den letzten hundert Jahren geben. Das wird wieder "ein großes Experiment", freut sich Julia Stoschek: "Mal gucken, ob jemand kommt."

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Autor:
Bertram Job