Nordrhein-Westfalen Karneval in Düsseldorf

Der Karneval, diese Erkenntnis verdanken wir Jacques Tilly, ist im Grunde seines Wesens Zen. Sicher ist Ihnen Zen schon mal begegnet. Einige Lifestyle-Produkte wie MP3-Spieler haben neuerdings dieses Wort im Namen - und sicher kann man den Karneval ebenso als Lebensstil auffassen wie als konsumierbares Produkt. Aber wir meinen hier tatsächlich die fernöstliche Lehre: den Zen-Buddhismus. Was das ist, muss man nicht verstehen. Soll man auch nicht, denn Zen beinhaltet Rätsel, die sich nicht ganz auflösen lassen. Zen will narren - was in Asien wie in Düsseldorf gleichbedeutend sein kann mit erleuchten. Der Zen-Schüler also soll lernen, dass alle Theorie einfach nur Praxis sein will.

Und zu diesem Zweck gibt der Meister ihm Rätsel auf, die meist zwei Lösungswege anbieten, die aber beide unmöglich sind. Zum Beispiel: Eine Gans steckt in einer Flasche - und wie bekommst du sie jetzt heraus, ohne die Flasche kaputt zu machen oder die Gans zu verletzen? "Die Aufgabe des Schülers besteht nun darin", erklärt Jacques Tilly, "einen dritten Weg zu finden. Er muss die irdischen Trampelpfade der Logik verlassen." Und das ist doch ein sehr rheinisches Anliegen.

 

Jacques Tilly also ist Rheinländer, und er ist der Wagenbaukünstler des Düsseldorfer Rosenmontagszuges. Als solcher ist Tilly auch Karikaturist und wandelt permanent zwischen zwei Unmöglichkeiten: dem Bedürfnis nach Polemik und dem nach politischer Korrektheit, zwischen gewünschter Schärfe und drohenden Klagen, zwischen Karneval und Niveau. Und wenn der Grat zu schmal wird, denkt Tilly an Zen. Wo es eine fünfte Jahreszeit gibt, muss sich auch ein dritter Weg finden. Zum Beispiel 1994, als er Bundeskanzler Helmut Kohl als halbnackten Indianerhäuptling mit "kleinem Pimmelchen" auf den "Zoch" schicken wollte. Der anatomisch korrekte Entwurf fand in der Presse eine gewisse Beachtung, und Kohls Anwalt drohte mit einer einstweiligen Verfügung: "Das Ding muss ab!" Die Lösung war eine vorgeschobene Topfpflanze aus dem Gartencenter - die leider nicht sehr gut befestigt wurde und während des Zugs umkippte.

Solche und deutlich härtere Schelmereien haben dem Düsseldorfer Rosenmontagszug den Ruf eingebracht, der frechste der Republik zu sein. Als die Kölner Narren 1997 beim Bund Deutscher Karnevalisten ein Busenverbot durchsetzten, da schickten die Düsseldorfer einen Wagen mit überdimensionierten Möpsen los. Typisch! Die Kölner sagen den Nachbarn nicht von ungefähr Wadenbeißerei nach - aber wer hier den Minderwertigkeitskomplex hat, ist nicht eindeutig zu klären. Denn es ist ja zugegeben so: Größer ist der Karneval in Köln und medienstärker der in Mainz (weil hier das ZDF mitsingt und -lacht); das Alleinstellungsmerkmal von Düsseldorf aber ist Tilly. Oder besser: die Narrenfreiheit, die er genießt.

Seit 1983 baut Tilly Wagen in Düsseldorf, noch bevor er in Essen Kommunikationsdesign studierte und politische Kampagnen designen wollte. Ein Freund holte den Zwanzigjährigen mit dem Künstlerimage zum Karneval. Er baute einen birnenhaften Kanzler, der mit Sonnenbrille und Colaflasche aussitzt, dass hinter ihm ein Krake namens Wirtschaftskrise aus den Untiefen steigt - sein Professor an der Essener Universität entwarf zu dieser Zeit Wahlkampfideen für die CDU.

Zehn Jahre später machte sich Tilly in einem alten Straßenbahndepot selbstständig (im Sommer baut er Figuren für Messen oder Discos), doch seine Sonderstellung im Karneval sollte er erst 2000 erringen. Davor wurden alle Entwürfe für Karnevalswagen in Ausstellungen gezeigt, von Wirtschaft und Medien am Runden Tisch mit Punkten bewertet und über die Presse öffentlich diskutiert. Doch dann wurde ein Motiv zum Politikum. Es zeigte die ehemalige Oberbürgermeisterin Marlies Smeets (SPD) mit einem Dolch im Bauch. Kurz zuvor war sie ihrem Rivalen Joachim Erwin (CDU) knapp in einer Stichwahl unterlegen. Smeets geißelte den Wagenentwurf als "geschmacklos, menschenverachtend und noch dazu frauenfeindlich". Zumindest der letzte Vorwurf ist ungerecht. Tilly hätte auch Erwin so dargestellt. Smeets aber war nicht zu besänftigen, auch nicht durch den Vorschlag, den Dolch durch eine Biene zu ersetzen. Der Wagen wurde gestoppt. Und im selben Jahr wurde die Diktatur eingeführt.

"Jetzt ist Schluss. Wir zeigen nix mehr vorher", sagte der Geschäftsführer des Comitees Düsseldorfer Carneval, Jürgen Rieck. Seine Gremien musste er nicht groß überzeugen. Welcher Büttenredner verteilt denn vorher ein Flugblatt mit seinen Witzen? Das sieht jeder Jeck ein. Und richtig demokratisch war die Findungsmethode vorher auch nicht, höchstens medienoligarchisch. "Man hat immer schon mit der Schere im Kopf gezeichnet", sagt Tilly. Aber das ist nun vorbei. Über den Künstler Tilly wacht nur mehr ein Triumvirat aus Rieck, dem Karnevalsvereinspräsidenten Engelbert Oxenfort und Zugleiter Hermann Schmitz, der immer noch gern sagt: "Beschwerden nehmen wir erst Aschermittwoch an." Sie alle wollen scharfe Satire und ja, auch Wirkung. Der Wille zur Wirkung, das ist vielleicht auch etwas typisch Düsseldorferisches, oder wie Tilly sagt: das Prinzip "Kawuppdizität".

Das ist so erfolgreich, dass die Kölner nicht umhin konnten, ebenfalls Geheimwagen einzuführen, allerdings nur zwei. Und 2007 startete man gar den verzweifelten Versuch, Tilly abzuwerben. Aber Architekten bauen wohl am liebsten in Diktaturen. Und warum sollte Tilly auch "kantenfreien Karneval" machen wollen? "Köln ist ein über die Jahrhunderte durchpfaffter Boden", sagt er. "Der Dom wirft seinen Schatten, die Wagen werden zum Teil vom Weihbischof eingesegnet mit Wedel und Wasser." Nein, dazu ist es noch nicht gekommen in Düsseldorf. Auch wenn engagierte Christen wie Präsident Oxenfort in Führungspositionen sitzen.

Aber Düsseldorf ist ja auch nicht reinrassig katholisch, weshalb die Teilnahme am Karneval hier eine freiwillige Entscheidung bleibt. Nicht vorstellbar wäre in Köln wohl ein Wagen, der Kardinal Meisner zeigt, wie er eine Frau, die abgetrieben hat, auf dem Scheiterhaufen anzündet. Überschrift: "Traditionspflege". Brachial, auch aus Tillys Sicht. Aber hatte nicht Meisner die Wahl der Waffen, als er 2005 abtreibende Frauen mit den Mördern des Naziregimes verglich?

Die Schärfe soll wirken

Wir müssen an dieser Stelle noch klarstellen, dass Tilly keineswegs Buddhist ist - und auch nicht katholisch, wie es sich für einen Rheinländer gehörte. Die Düsseldorfer haben ihren Zoch einem aktiven Agnostiker anvertraut! Einem philosophisch Interessierten, der "der Sekte der Ungläubigen" angehört (und deshalb in der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung aktiv ist). Zen ist für ihn kein Glaube, sondern eine Übung: Opposition gegen das eigene Vernunftdenken. Mein Gott, ist das kompliziert. Und eigentlich ganz einfach: Tilly ist eben Zen-Nichtbuddhist. Ein nach eigenem Bekunden "sehr diesseitsorientierter Lustmolch", der sich daran stört, "wenn man das Diesseits diskriminiert, um das Jenseits besser leuchten zu lassen". Nun, wahrscheinlich ist es sogar folgerichtig, dass Heines Heimatstadt einen Humanisten als Karikaturisten beschäftigt - denn diese Satire ist ein Kind der Aufklärung. Und der Satiriker nach Tucholsky nichts anderes als ein gekränkter Idealist.

 

Kardinal Meisner ist also neben dem verflossenen US-Präsidenten George W. Bush Tillys liebster Punching Ball, obwohl er ihn gar nicht so oft haut, wie er vielleicht möchte. "Der Rosenmontagszug", zügelt er sich selbst, "darf niemals eine ideologische Ein-Mann-Show sein. Anstand ist, wenn man weiß, wie weit man zu weit gehen darf." Über seinen Bush, der ein Kreuz als Maschinengewehr benutzt, hat sich jedenfalls keiner so aufgeregt wie damals über die drei Jecken aus Pappmaché, die er ans Kreuz nagelte, als 1996 der Streit um Kruzifixe in bayerischen Klassenzimmern Wellen schlug. Tilly musste sich Gotteslästerung vorwerfen lassen (Jesus als Clown), Antisemitismus (Christus, ein Jude) und wie so oft Menschenverachtung.

Dabei ging es Tilly wie so oft um das Recht auf Meinungsfreiheit - mehr noch: Narrenfreiheit - und um weltanschauliche Bescheidenheit. Als darauf "die Kirche massiv daran ging", so schreibt der Chronist Udo Achten, "dem Karneval auch noch die Sponsoren abspenstig zu machen, wurde die Situation für das Comitee Düsseldorfer Carneval allmählich existenzbedrohend." Der Wagen wurde nicht weitergebaut. Und wieder: eine typische Tilly-Lösung. Bedeutsam verhüllt in Christo-Manier gingen die Kreuze dennoch auf den Zug - an letzter Stelle und mit der Aufschrift: "Ersatzlos gestrichen".

Immer wieder läuft es auf das eine Tabu hinaus, und immer wieder besteht Tilly darauf: "Ich nehme es in Kauf, dass einige Menschen glauben, durch meine Wagen seien ihre religiösen Gefühle verletzt worden. Ich sehe nicht ein, warum diese religiösen Gefühle mehr geschützt werden müssen als andere menschliche Gefühle. Es wird eben niemand ausgeschlossen - auch nicht, indem er verschont wird." Tatsächlich wurde Tilly oft vorgeworfen, dass er bei Christentum und Islam mit zweierlei Maß draufhaut. Darstellungen des Propheten Mohammed oder des Korans sind tabu. Zur Verteidigung aber sagt er, die moderaten Muslims sollen seine Kritik annehmen können, den Reformern unter ihnen will er nicht in den Rücken fallen.

Und man muss sehen, dass er 2006 auf dem Höhepunkt des Karikaturenstreits der einzige war, der das Thema karnevalisierte. Fast täglich starben Menschen, Karikaturisten wurden bedroht und mussten sich verstecken. Tilly ließ zwei Narren einen Sarg tragen, in dem ein blutiger Krummdolch steckte, und auf dem Sarg stand "Meinungsfreiheit". Er wurde auf Titelblättern und bis in die Tagesschau gezeigt. Im folgen-den Jahr legte er noch einen drauf mit zwei identischen turbantragenden Selbstmordattentätern: "Klischee" und "Wirklichkeit".

Tilly liebt das Plakative, bewusst hat er sich gegen die freie Kunst entschieden. Dabei ist er im Stadtteil Oberkassel mit Blick auf die Kunstakademie aufgewachsen. Aber Bronze und Beton? Lieber Ex und Hopp! Die Leichtigkeit entspricht seinem Wesen - so wie er den Zen-Buddhismus auch als Wind be-greift, der über die Landschaft fliegt, sich überall anpasst, aber nirgendwo stehen bleibt. Zen ist die Kunst, jedem Augenblick frisch zu begegnen. Und danach ist Tilly süchtig: schnell Wirkung, dann Neues. Er macht eigentlich nichts anderes. "Mein Name ist Jacques Tilly, ich bin Workaholic" - die anonyme Runde klatscht (und darunter wohl auch seine Partnerin und die zwei Söhne).

Klar, dass so einer sich nicht ins Vereinswesen pressen lässt. Die Düsseldorfer akzeptieren das. Vielleicht, weil sie spüren, dass Tilly um so mehr das rebellische Element des Karnevals verkörpert. Die Fähigkeit, die Verhältnisse umzudeuten. Der Narr ist Herrscher. Mehr ist Weniger. Und Saufen ist die neue Nüchternheit. So wie der Düsseldorfer Erzschelm Hoppeditz jedes Jahr aufs Neue aufersteht, weil der Tod per Akklamation zum Leben wird, so geht es auch der Gans, die noch immer in ihrer Flasche auf die Freiheit wartet. Da der Schüler in dem alten Zen-Rätsel nach langem Grübeln nicht weiterweiß, klatscht der Meister einfach in die Hände und erklärt: "Sie ist bereits draußen."

Autor:
Thomas Mader