Nordrhein-Westfalen Düsseldorfer Altstadt

"Dommech emmol en Kölsch!" Betont lässig schiebt der Düsseldorfer sein Glas Richtung Zapfer. Der schaut nicht mal auf, und das Alt zischt hinein. Der Gast grinst - sein Ritual im "Kreuzherren Eck", Altestadt 14 an der Ecke Ursulinengasse. Eine Kneipe wie ein Wohnzimmer. Seit dem Eröffnungsjahr 1954 hat sich nicht viel geändert: 30 Quadratmeter mit Tresen, Schnapsregal, Barhockern und Fässchen. Was will man mehr? Hier füllt der Mensch den Platz. An so einem Ort beginnen die ausschweifenden Monologe über die Welt und was sie zusammenhält mit der Ankündigung: "Isch red' mal aus der Kneipe ..."

In der Ratinger Straße sind Generationen aufgewachsen, die hier weit mehr lernten, als Bier zu trinken. Im "Kreuzherreneck" trafen sich die Künstler, und im "Ratinger Hof" tobten in den achtziger Jahren die Punks. "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Es geht voran", grölte die Szene, wenn im "Hof" die Gruppe "Fehlfarben" spielte. Oder die "Toten Hosen" oder "Mittagspause".

Perdu! Den "Hof" gibt's nicht mehr. Dafür findet die wirkliche Mittagspause im "Ohme Jupp" gegenüber statt. Auch hier ist die Gastwirtschaft eine großzügige Bühne für die vielen Gäste, die mittags echte Hausfrauenküche essen, also Stielmuskartoffeln mit Frikadellen oder Möhreneintopf mit Mettwurst. In der Küche stehen handfeste ältere Frauen, die sich nicht vor einer anständigen Mehlschwitze scheuen.

Es lohnt sich, die Düsseldorfer Altstadt tagsüber zu besuchen. Ab 10 Uhr fließt das erste Altbier aus den Hähnen der Brauereigaststätten. Sperrstunde kennt hier keiner. Es gibt nur die sogenannte Putzfrauenstunde zwischen 5 und 6 Uhr morgens. Öffnungszeiten sind ansonsten Ermessenssache. Vormittags sind hier die Bummler unterwegs.

Man braucht um diese Zeit nie länger als fünf Minuten zu warten, bis der typische Altstadt-Ureinwohner vorbeikommt, und meistens ist er nicht allein. Heute sind es zwei entspannte Herren mittleren Alters, mit leicht rötlichem Gesicht und breitem Lächeln, von denen der eine mit lauter Stimme tönt: "Wie juut, dat isch Rheinländer bin." Da weiß man sicher, wo man gelandet ist. Die Herren kommen aus dem "Füchschen", genau die richtige Adresse für das erste Bier am Tag. Hier wird selbst gebraut. Wer einen der blankgescheuerten Stehtische in der Schwemme ansteuert, muss am "Beichtstuhl" vorbei. Aus diesem verglasten Kasten gaben Wirt und Wirtin Zigarren und Schnaps aus. Heute dient das Kabuff als Kiosk, in dem man sich die herrlich altmodischen Bügelflaschen für zu Hause kauft.

Ein verspätetes Frühstück oder schon Aperitif: Das erste Alt kann alles sein. Wer in der Altstadt arbeitet oder flaniert, geht mittags gern in den "(Q)Stall", Kurze Straße 3. Draußen vor der kleinen Küche von Julia Wenzel sind bei gutem Wetter Tische aufgebaut, drinnen aber steht man in dem kleinen Raum, der an einen Imbiss erinnert. Drei Suppen, Salate und Butterbrote gibt es hier, alles ist herrlich frisch und unkompliziert. Und gut muss es sein, denn hier essen auch die Köche aus anderen Altstadtlokalen. Das Brot kommt von der Bäckerei Hinkel um die Ecke in der Mittelstraße 25 - dem Kultbäcker für Röggelchen, die glänzenden, runden Roggenbrötchen, die es nur im Doppelpack gibt. Zwischen die Röggelhälften bettet sich gern ein Stück mittelalter Gouda, scharfer Düsseldorfer ABB-Senf und so wird auf "Halve Hahn" - eine Spezialität der Brauhäuser. Danach schmeckt ein richtig guter Espresso auf dem Carlsplatz-Markt bei "Kaffee Reich", Stand D 2.

Ein Alt ist ehrlich, lecker und vor Ort gebraut

Schon biegen wieder zwei Düsseldorfer Lebemänner um die Ecke. Sie sind schon etwas lauter, formulieren aber noch gefühlvoll rhei-nische Satzeinleitungen wie "Und isch sach noch ...". Sie kommen gerade aus dem Brauhaus "Uerige" - und werden später wie ein Bumerang wieder dort auftauchen. Das ist kein Wunder, denn alles trifft sich im "Uerige", man muss nur der Nase nach gehen. An der Ecke Berger Straße/Rheinstraße liegt ein hellbrauner Berg, der dampft und duftet. Jeden Tag nach dem Brauen wird der Treber, das, was vom Braumalz übrigbleibt, auf die Straße geschüttet. Dann knattert langsam ein Traktor mit Anhänger über das Altstadtpflaster. Ein Bauer aus der Umgebung schippt den Treber auf und verfüttert ihn später an Schweine und Kühe. So beschaulich kann das Leben rund ums "Uerige" sein. In dem Komplex aus vier Häusern steckt ein Mikrokosmos aus Gaststuben und Brauerei, der jeder Stimmung und Generation Platz bietet.

"Wir leisten an einem Abend mehr an Verständigung als eine Familienministerin in einer Legislaturperiode", sagt Wirt Michael Schnitzler in rheinischer Resolutheit. Stimmt! Man sitzt und steht durcheinander, trinkt in den späten Nachmittag auf der Straße im milchigen Licht und fühlt sich geborgen. Die Köbesse, so heißen hier die Kellner, sind immer präsent, die Melodie des rheinischen Monologs spült in die Ohren, und das Bier ist lecker - klar, natürlich, ohne Chichi - wie die Frikadelle, die Schnittchenplatte mit Flönz (Blutwurst) und Leberwurst oder die Tellersülze vom Metzgermeister, oben in der Küche selbst gemacht. Alles ehrlich! Und Samstagmittag gibt es Erbsensuppe - eine flüssige, aber feste Größe im Leben der Düsseldorfer.

Es gibt keinen Grund, hier nicht noch ein Alt zu trinken. Das finden auch die beiden Herren mit den jetzt leuchtend roten Gesichtern. Gerade sind sie wieder um die Ecke gebogen, stützen sich auf einen Stehtisch und schweigen genüsslich einen Moment.

Den Blick auf den Rhein in seiner ganzen schönen Breite darf man an einem solchen Tag nicht versäumen. Bis 18 Uhr ist das Café "Laterne" hoch oben im alten Schlossturm auf dem Burgplatz geöffnet. Der ideale Ort für einen Aperitif. Zum Essen geht's dann ins "Weinhaus Tante Anna". In der einstigen Kapelle von 1593 sorgen alte Stiche, glänzendes Messing und holzvertäfelte Wände für rheinische Gediegenheit. Man isst "Himmel on Ähd", also Apfel, Kartoffelpüree und Gänsestopfleber. Die Weine sind es wert, auf ein Alt zu verzichten - aber nur für die Dauer eines Essens.

Ein Altstadtbesuch wäre unvollständig ohne den Absacker im "Et Kabüffke" gegenüber vom "Uerige": ein Gläschen Killepitsch, der Düsseldorfer Kräuterlikör, der wie Öl durch die Kehle rinnt. Die Gäste stehen eng gedrängt. Das ist praktisch, niemand kann umfallen, und tatsächlich zahlt der, der sitzt, im Kabüffke mehr als der, der steht. Man kommt sich näher, und das lohnt sich.

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Autor:
Sabine Knappe