Nordrhein-Westfalen Die Igedo in Düsseldorf

Jede Straße ist ein Laufsteg. Zumal in einer Stadt, die sich, hoffentlich mit mehr Selbstironie als Größenwahn, Klein-Paris nennen lässt. Selbst in den prekärsten Stadtteilen geht man nicht im Jogginganzug zum Aldi, sondern in Stretchjeans und bordeauxroter Kunstlederjacke. Allerdings verlieren sich die regelmäßig von der Igedo und ihren Modenschauen ausgehenden Richtungsweisungen bereits auf der kurzen Strecke bis in die Altstadt. Dort kulminieren alle möglichen Moden und unmögliche: künstliche Verschleißspuren, roter Kroko, nackte Bauchfalten; Frauen im Tarnanzug, in silbernen Tüllwolken, mit Lichterketten als Gürtel. Insbesondere auf der Bolkerstraße und der Rheinuferpromenade zeigen Wochenendgäste, was bei ihnen zu Hause in Krefeld, Dormagen und besonders in Eindhoven als schick gilt.

In diesem Panoptikum ziehen Bürger Blicke auf sich, die selbstbewusst die Mode der Fünfziger oder der Siebziger tragen: er mit Pullunder unterm Jackett, sie in vegetativ gemusterter Bluse mit Doppelmanschetten. Die Endstufe des alltäglichen Laufstegs und wahrlich eine Einrichtung von internationalem Rang ist die Königsallee. Hier reicht die Damenmode vom zauberhaften apricotfarbenen Etuikleid einer 23-jährigen Anlageberaterin bis zum 99.000-Euro-Zobel, den sich eine Düsseldorferin für ihren Auftritt beim Juwelier gerade mal übergeworfen hat.

 

Am Anfang stand die Idee. Düsseldorf war nach 1945 schnell wieder auf die Füße gefallen und hatte die Nordwestdeutsche Ausstellungsgesellschaft gegründet. Dort schlüpften vor allem Textilhersteller aus dem zerstörten und isolierten Berlin unter und erfanden 1949 die "Interessengemeinschaft Damenoberbekleidung", die Igedo. Als ersten Hingucker ließen sie ihre Vorführfräuleins auf der Königsallee stolzieren - eine Idee, die mittlerweile alljährlich vom "Tuntenlauf" parodiert wird, einer karnevalistischen Laufstegveranstaltung, bei der die Damenoberbekleidung von Herren auf Stöckelschuhen getragen wird.

Bei aller Zeigefreudigkeit in der Stadt ist die Igedo - seit 1972 auf dem weitläufigen Ausstellungsgelände am Rhein - eine Messe nur für Fachleute der Branche. Das war bei ihrer Gründung ein neues Konzept.

Die Fachleute verstehen hoffentlich auch die diversen Um- und Neubenennungen: Die heutige Igedo Company ist eine Modemessen-Veranstaltungsgesellschaft. Ihr traditionelles Kerngeschäft, die Damenoberbekleidungsmesse, heißt "Collection Premieren Düsseldorf", CPD. Der gemeine Düsseldorfer, um zu erklären, warum man kein Taxi bekommt und Hotelzimmer das Doppelte kosten, sagt freilich nach wie vor: "Is Igedo."

Zweimal im Jahr werden weit über tausend Kollektionen aus mehr als 40 Ländern knapp 25.000 Kunden präsentiert. Es geht um Themen und Trends, Märkte und Impulse, Design und Style, doch am Ende steht der konkrete Abschluss von Hersteller und Händler. Deshalb werden in Katalogen oft "Minimum Orders" vorgegeben: Wer bei der Firma Bogazici Socks weniger als 5000 Paar bestellen will, braucht sich gar nicht erst zum Beratungskaffee hinzusetzen.

Ins Paradies passt keine Mode. "Wenn man durch eine Einkaufspassage in Düsseldorf spaziert, stößt man auf massenhaften Lebensersatz", befand der Schriftsteller Heiner Müller. "5000 rosa Slips bejahen nicht das Leben." Hier irrte Müller insofern, als es nicht typisch für eine Modestadt ist, wenn Slips nur in einer einzigen Farbe lieferbar sind; so etwas deutet eher auf Planwirtschaft. Außerdem sind Slips in Düsseldorf nicht rosa, sondern pink. Recht hatte Müller eher damit, dass Mode den Stand der Zivilisation und des Bewusstseins spiegelt und somit alles andere kennzeichnet als ein Paradies, in dem man irgendwann ja mit allen Kleidern auch jede Mode ablegen wird.

Bis dahin dient Mode als Ausrufezeichen, besonders in einer Stadt, deren Hauptbeschäftigung professionelle Kommunikation ist: Verwaltung, Politik, Werbung, Geld, Kunst. Man spricht mit- und natürlich auch übereinander. Eine Spezialistin des Deutschen Mode-Instituts stellte in einem Trendseminar für die Herrenmode des Herbstes 2008 "smarte Anzüge" in Aussicht, "für die dynamischen Manager, die die Finanzkrise bewältigen bewältigen wollen". Gelächter im Auditorium. Dass die Anzüge smart sind, bezweifelt niemand.

Vamp oder Neo-Hippie

Wer sich im Bankenviertel fühlt wie im Dschungel, findet auf der Messe das passende Survival-Outfit. Etwa die "Edición Che": für den Herrn die Lederjacke Ernesto mit Guevara-Porträt, für die Dame das Modell Maria mit kubanischer Flagge am Oberarm.

Zum Häuserkampf setzten diverse Modemacher in den neunziger Jahren an: Um ihre Exklusivität zu beweisen und sich von den engen Vorgaben der Messe zu befreien, wichen sie in Hotels, Wohnungen und Büros an der Kaiserswerther Straße aus. Diese Installation der "Showrooms" konnten weder die Igedo noch der trickreiche Oberbürgermeister Joachim Erwin verhindern. Zahlreiche Premiummarken sind nun ganzjährig präsent, haben ihre wichtigsten Ordertermine gleichwohl just während der Igedo, von deren Werbemaßnahmen und Anziehungskraft sie profitieren, während sie in den Messehallen durch Abwesenheit glänzen. Showrooms gibt es mittlerweile auch im Trendquartier Medienhafen und - back to the roots - im Interconti auf der Kö.

 

Wie üblich einigte man sich nach großem Palaver auf einen Modus Vivendi, auf Düsseldorferisch: "M'r moss och jönne könne." Neuerdings sitzen Showroomer, Messe und Stadtverwaltung im Fashion Net e.V. an einem Tisch, zwecks gemeinsamer Vermarktung der Modestadt Düsseldorf. Denn als hätte man mit lokalen Querelen und globalen Schieflagen nicht genug zu kämpfen, knurrt permanent die Konkurrenz: Kaum wurde, Ehrensache, die Messe Köln in die Schranken gewiesen, meldet sich der wiedererstarkte Modestandort Berlin. Um neben den Wettbewerberinnen bestehen zu können, möchte die Igedo - naheliegend - schlanker werden. Zur Ausstellungskosmetik werden etwa mehrere Tonnen Sand aufgeschüttet, um Strandleben zu simulieren. Oder man hängt sich ein sogenanntes Premium-Segment um. Die Igedo selbst ist halt ein spätes Mädchen, das sich in immer neue Fummel wirft - und weil sie das tut, rostet die alte Liebe nicht.

Gerede gehört auch zum Geschäft. Viele Aussteller und Einkäufer kommen seit Jahrzehnten immer wieder nach Düsseldorf; es ist das Familientreffen der Branche. Es summt der Insider-Small-Talk: "Sailing und Safari sind Keylooks." - "Der Casual-Auftritt wird durch Richness aufgewertet." - "Die Taille rutscht nach oben." - "Übrigens: Beige ist das neue Schwarz!" Vielleicht fühlen sich die Modeleute hier so wohl, weil sie sprechen wie Rheinländer: souverän, informiert - und nie ernst. Deshalb empfiehlt es sich, auch rheinisch auf alles gefasst zu sein: Wenn ein harmlos aussehender Halbglatzen- und Brillenträger erzählt, seine Stilikone sei Amy Winehouse, dann kann er Chefdesigner bei Gerry Weber sein oder ein cleverer Scherzkeks - oder beides.

Zwar entstünde einem Aussteller kein direkter wirtschaftlicher Schaden, wenn er eine Igedo versäumt, sagt der Geschäftsführer einer Bademodenmarke. Die Abschlüsse könne man auch anderswo tätigen. "Aber hier werden Kontakte gepflegt und Ideen gesät. Es wäre eine Schande, diesen Hot Spot verkommen zu lassen."

Energiequelle des Hot Spots ist das gewachsene Know-how, nicht nur der Messestrategen, sondern aller Beteiligten: Standbauer, die ein Umkleidekabuff von einem Quadratmeter vorsehen. Transportarbeiter, die Schaufensterpuppen zu behandeln wissen. Catering-Personal, das auf dem Abendempfang 300 Portionen Currywurstscheiben im Cocktailglas mit Holzgäbelchen serviert, praktisch und schick. Auch die speziell zur Igedo zugezogenen Assistenzkräfte rekrutieren sich größtenteils aus Stadt und Umland: Beleuchter, DJs, Visagisten, Friseure. Und die Anziehhilfen: gesetzte Damen, die oft früher selbst Mannequins waren und hinter der Bühne in Windeseile aus Bohnenstangen Keylooks machen. Und wenn es mit einem Zwirn ist! Denn die Igedo ist eine Naht zwischen Design und Realität.

Zu jeder vollen Stunde kommen auf den Laufstegen der Igedo die neu erfundenen Kollektionen heraus. Lightshow und Surroundsound veredeln Hemd und Rock. Die Choreografie der großen Schritte kommt daher, als ginge es um mehr als Jacke und Hose. 20-jährige Models mit Idealmaßen spielen die Rollen ihrer Kostüme: "Chefsekretärin", "Neohippie", "Klassefrau", "Vamp". Sie lächeln nicht. Dafür lächelt das Publikum, mit seiner etwas anderen Konfektionsgröße und geballten Lebenserfahrung. Sie, die Einkäuferinnen der Boutiquen, Modeketten und Kaufhäuser, wissen: Nur wenn sie eine der Schnapsideen oder einen der genialen Einfälle der Igedo für tragbar halten und tausendmal ordern, wird Mode daraus. Und nächstes Jahr ist alles von gestern.

Kleine Umfrage unter den Profis, die am Abend die Messehallen verlassen: "Kriegen Sie eigentlich auch von Düsseldorf was mit? Wo gehen Sie denn jetzt hin?" - "Auf die Kö. Leute gucken."

Schlagworte:
Autor:
Kai Metzger