Dublin Die irische Hauptstadt im Wandel

Frühmorgens gefällt mir Dublin am besten. Wenn sich der nächtliche Schleier langsam auflöst, die Sonne über dem Hafen aufgeht und das Kreischen der Möwen die Kaimauern entlang hallt. Tagsüber geht der spröde Charme der alten O'Connell Bridge im Chaos unter. Fußgänger hetzen bei Rot über die Kreuzungen, Doppeldeckerbusse hupen, Radfahrer bleiben stoisch unbeirrt.

Die O'Connell Bridge ist das Entree zur O'Connell Street, Brücke und Boulevard bilden den Dreh- und Angelpunkt der Stadt. Hier kommt jeder vorbei, ob er in einer der alten Arbeitersiedlungen im Nordteil oder einem viktorianischen Stadthaus auf der Südseite wohnt. Die Liffey, der Fluss, der sich mitten durch Dublin zieht, teilt die Stadt; die Brücken verbinden. Im vergangenen Jahrzehnt wurden weitere Brücken gebaut. Die schönste ist die kühne, elegante Samuel Beckett Bridge im neuen Hafenviertel, erbaut vom Stararchitekten Santiago Calatrava.

Tagsüber kann Dublin plötzlich wie verwandelt sein. Wenn sich Sonnenstrahlen an den Wolken vorbeidrücken oder gar Sommerhitze die Stadt in gleißend helles Licht taucht. Leider verschwindet die Heiterkeit meist genauso schnell wieder. Der Wind, der fast nie ruht, kreiert ein aufregendes Licht- und Schattenspiel und treibt einem bald den nächsten Schauer über den Rücken. In Dublin ist nicht nur das Wetter unvorhersehbar. Das Leben in der irischen Metropole, die sich seit Mitte der neunziger Jahre, dem "Sprung des keltischen Tigers", rasant verändert hat und doch irgendwie die alte geblieben ist, birgt Überraschendes, Fremdes, Gegensätzliches, Widersprüchliches.

Dublin ist in Bewegung, denn diese Stadt ist jung, außergewöhnlich jung für eine westeuropäische Hauptstadt. 2006 zur Hochzeit des Wirtschaftsbooms war ein Drittel der Dubliner zwischen 20 und 34 Jahre alt. Nicht wenige der Jungen haben die Stadt verlassen, seit die Rezession begann, dennoch wird Dublin niemals langweilig. Auch weil die Iren so gern reden. Ihr Sprachwitz, der skurrile Humor und ihre Diskussionsfreude schließen jeden mit ein. Überall wird man angesprochen, an der Ampel, im Bus, im Pub. Das macht den Alltag angenehm.

Allerdings birgt die irische Beredsamkeit auch Tücken, von denen ich als frisch eingewanderte Deutsche nichts ahnte. Am Tag nach meiner Ankunft saßen mein Freund Alex und ich im "Café en Seine", das Pariser Etablissements der vorletzten Jahrhundertwende imitiert, als uns Ian ansprach. Er war einige Wochen zuvor nach 14 Jahren in London nach Dublin zurückgekehrt. Nun saß er hier allein beim Bier und fragte sich und uns, ob das noch seine Stadt sei. Die in den letzten Jahren des Booms entstandene Architekturlandschaft der Docklands im alten Hafengebiet nur wenige Minuten von der City sei ihm vollkommen fremd. Ich verfügte noch nicht über die nötigen Kenntnisse, beschränkte mich also aufs Nicken, trank süffigen Cider und überließ Alex, der immerhin seit drei Wochen in Dublin arbeitete, Anteil nehmende Bemerkungen wie sure und great.

Vom Dorf zur Multikulti-Metropole

Ian spannte einen weiten Bogen von seinem Leben in London zum Dasein im Küstenort Bray südlich von Dublin, wo er gerade das Haus seiner Eltern renovierte. Irgendwann stellte er die Frage, die eine wundervolle Freundschaft zwischen ihm und Alex einläuten sollte: "Du verstehst nicht zufällig was von Elektrik, oder?" Ich traute meinen Ohren nicht: Jemand, der fast nichts über uns wusste, lud Alex zum Heimwerken ein. Am Nachmittag waren wir schon von unseren irischen Nachbarn zum Pub-Quiz eingeladen worden. Wenn es so weiterginge, dachte ich damals, dann hätten wir in einem Monat jede Menge irischer Freunde und das Gefühl, nie woanders gelebt zu haben. Wochen später war aus dem gemeinsamen Pub-Quiz und dem Heimwerken immer noch nichts geworden. Nach ähnlichen Erfahrungen mit irischen Kolleginnen begann ich zu begreifen, dass man nicht alles wörtlich nehmen sollte, was Iren aus Höflichkeit oder einem plötzlich aufwallenden Gemeinschaftsgefühl heraus äußern.

An meinem ersten Wochenende in Dublin war ich froh, dass Ian und unsere Nachbarn mir das Gefühl gegeben hatten, willkommen zu sein. Die Freude über die vielen jungen Polen, Chinesen, Nigerianer, Franzosen und Deutschen, die während des Wirtschaftsbooms kamen, mag sich abgeschwächt haben - ohne sie hätte sich das große irische Dorf jedoch nicht so schnell zur Multikulti-Metropole gewandelt. Es gibt heute Dinge in Dublin, die 1989, als ich zum ersten Mal mit einer Freundin durch Irland trampte, außerhalb jeder Vorstellungskraft lagen: polnische Lebensmittelläden und Gottesdienste, karibische Restaurants, afrikanische Hairdresser und jede Menge Teetrinker, die zum Kaffee konvertiert sind. Einige Iren sagen, das neue, vielfältige, raffiniert gewürzte Essen sei das, wofür sie Gott am meisten danken. Die Dubliner, die es sich noch leisten können, kaufen weiterhin auf den zu Boomzeiten entstandenen Wochenmärkten mit Bioware und Spezialitäten ein, wie man sie im Künstler und Touristenviertel Temple Bar findet.

Meine Lieblingsmärkte sind die fürs Volk. Obst und Gemüse bekommt man in der Innenstadt nirgends so günstig wie auf dem Moore Street Market. Dort, mitten in der Shoppingmeile der alteingesessenen Arbeiterschicht, lernt man ein Dublin kennen, das von den Anhängern des "authentischen" Irlands auch "real Dublin" genannt wird. Die Händlerinnen verkaufen vom Karren herunter, rufen mit rauer Stimme "Six apples a euro, love!" und pflegen das Dubbelin English der northsiders. Im irischen Englisch gibt es ohnehin oft schnalzende Laute, und Vokale werden gern gedehnt. Im Mund von echten Dublinern wird das "oo" der Moore Street zu einem langem O, "thanks" verliert sein "th" und wird zu "tänks", und "you" klingt wie "Jerr". Viele north siders haben auch die Eigenart, das "u" wie ein deutsches U aus zusprechen, gut zu hören in "Yer fucking idiot!".

Anfangs wohnten Alex und ich in einer Reihenhaussiedlung im nördlichen Stadtteil Artane. Am ersten Weihnachtsfeiertag war Schnee gefallen, nachmittags kam die Sonne raus, und ich fühlte mich wie der privilegierteste Mensch auf der Welt. Wir gingen im St Anne's Park spazieren, einem riesigen Park mit Golf- und Tennisplatz, Waldstücken, einem Bächlein und romantischen Ruinen, der sich zur Bucht hin öffnet und selbst unter Dublinern fast unbekannt ist. Am nächsten Tag waren wir bei Mary und Paul zum Tee eingeladen. Letztlich waren sie ebenso wie Ian gute Freunde geworden. Pauls Eltern und Marys Freundin Lisa waren auch da, die Kinder spielten oben. Alle außer uns hatten ihr ganzes Leben in Artane verbracht. Alex und ich erfuhren von den Verstrickungen von Kirche und Staat, von kürzlich aufgedeckten Missbrauchsfällen in ihrer Umgebung, von katholischen und protestantischen Sportarten und von der Artane Band.

Gemeinschaftsrausch im Pub

Ob wir wüssten, warum die Band so bekannt sei? Absolutely no idea. Die Artane Band, erzählte Pauls Mutter, sei eine irlandweit bekannte Marschmusikkapelle, die die Fans im Croke Park Stadium der Gaelic Athletic Association seit weit über hundert Jahren mit Songs wie "Dublin in the rare auld times" oder "Molly Malone" auf die Begegnungen im Hurling, Camogie oder Gaelic Football einstimme. "Larry Mullen, der Drummer von U2, war auch mal Mitglied der Band. Er wuchs in der Rosemount Avenue auf, ihr wisst schon, bevor man zum St Anne's Park kommt. Ein Onkel von ihm hat mit meinem Mann bei der Bahn gearbeitet. Stimmt's, Jack?" Jack wusste offenbar nicht, von wem die Rede war. "Meinst du den Buckligen oder den mit dem Klumpfuß?" Er lachte. Zu Paul sagte er: "An den Onkel von Larry Mullen erinnert sich deine Mutter, aber an unsere erste richtige Verabredung nicht." Seine Frau meinte, das sei ja nun kein Wunder. Schließlich hätten sie schon als Kinder miteinander spielen müssen, weil ihre Mütter befreundet waren.

Dublin ist ein Dorf, jeder kennt jeden oder zumindest jemanden, der jemanden kennt, den man selbst auch kennt. Das Zentrum ist so klein, dass man es bequem zu Fuß erkunden kann. Die zweitbeste Art, um sich in dieser staugeplagten Stadt fortzubewegen, sind die neue Straßenbahn Luas und die Schnellbahn DART, die auch raus an die hügelige Küste von Bray und ins schöne Fischerstädtchen Howth fährt. Am meisten geschimpft wird auf die Busse.

Fürs Benutzen der Busse gibt es so viele Regeln, dass man Monate braucht, um sie herauszufinden. Besser ist, sich auf der Website der Betreibergesellschaft Dublin Bus mit den Richtlinien vertraut zu machen. Die wichtigsten Regeln: die Hand rausstrecken, damit der Busfahrer anhält; das Fahrgeld passend haben, weil die Fahrer kein Geld rausgeben können; und festhalten, damit man sich nicht verletzt. Wenn eine halbe Stunde lang kein Bus und dann drei auf einmal kommen, nicht aufregen! Es kommt auch vor, dass ein Fahrer unangekündigt eine andere Strecke fährt - weil er neu ist und die richtige Route vergessen hat. Ich habe auch erlebt, dass ein Fahrer Geld abheben musste oder seinen Kollegen abholte, der ihn ablösen sollte. Interessant ist auch die Reaktion der Fahrgäste: Es gibt keine. Man hofft, dass sich das Problem von selbst löst. Wenn es lange genug anhält, entwickelt sich eine Dynamik, die den ganzen Bus einbezieht. Alle rätseln, diskutieren, ziehen an einem Strang. So entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, wie die Iren es lieben.

Am liebsten gibt man sich dem Gemeinschaftsrausch im Pub hin. Ein irischer Pub ist nicht nur eine Kneipe, in der man mit Freunden etwas trinkt. Besonders im local pub, der Stammkneipe um die
Ecke, aber auch in großen traditionellen Pubs wie der "Porterhouse Temple Bar" in der Dubliner City mischen sich alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen. Dunkles Holz, gedämpftes Licht, verwinkelte Gänge und gepolsterte Sitzecken sorgen für eine heimelige Atmosphäre. Man fühlt sich unter Freunden, auch wenn man nur seinen Nebenmann kennt. Die Stimmung ist freudig aufgeladen: Man lobt, schimpft, lacht, singt, will die Welt umarmen. Viele Iren haben die Fähigkeit, sich einem Fremden so intensiv zuzuwenden, dass der gar nicht anders kann: Er muss sich als etwas Besonderes fühlen. Das fand ich von Anfang an umwerfend.

Kein Wunder, dass sich die meisten Ausländer spätestens beim ersten Pub-Besuch in Irland verlieben. In Dublin findet man neben klassischen Pubs mit oder ohne Livemusik eine Riesenauswahl an eleganten

Hotelbars, entspannten Café-Bars und hippen Club-Bars. Zur Boomzeit grenzten die Feierlaune, Shoppingwut und der Drogenkonsum nicht nur junger Dubliner an Vergnügungssucht. Das wurde durch die Krise rabiat gestoppt. Nun sind Schulden und Arbeitslosigkeit hoch, riesige Baustellen ruhen, Ernüchterung allüberall. Die Pubs sind trotzdem voll - und die Dubliner gesprächig wie eh und je. Ich sehne mich nach dieser unkomplizierten Art des Umgangs. Das ist es, was ich am meisten vermisse, seit ich wieder in Deutschland bin.

Sieben Dublin-Tipps zum Sitzen und Genießen

Bewley's: Kaffee trinken und beobachten. 78/79 Grafton Street, www.bewleys.com

Irish Film Institute Café Bar: Junge Atmosphäre, gut und günstig. 6 Eustace Street, www.irishfilm.ie

The Mermaid Café: Aufregende Atlantik-Küche. Günstig: die "Pre-Theatre Menus" (18-19 Uhr). 69/70 Dame Street, Tel. 01 6708236

Whelan's Pub: Konzerte von Singer-Songwritern. 25 Wexford Street, www.whelanslive.com

Café en Seine: Cocktails in Art-nouveau-Atmosphäre. 40 Dawson Street, www.cafeenseine.ie

The Temple Bar: Legendäre Bar. Täglich Livemusik. 47/48 Temple Bar, www.thetemplebarpub.com

Quelle:
Autor:
Jeannette Villachica