Dubai Kölner Schokolade

Martin van Almsick ist ein echter Kölner. "Das ist meine Heimat", sagt er. "Und das wird sie immer bleiben." In seinem neuen Zuhause vermisst der 43-Jährige vieles. Seine Freunde, die Kölner Altstadt, den Karneval und den 1. FC Köln. Für den Fußballclub spielte van Almsick einst sogar in der Jugend - unter Trainer Christoph Daum. Seit zwei Jahren lebt der kölsche Jung nicht mehr am Rhein, sondern am Golf, in Dubai. Hierher ist er gekommen mit seiner Familie und einer zugegebenermaßen verrückt klingenden Idee. Van Almsick kam in die Wüste, um Schokolade herzustellen. Schokolade aus Kamelmilch.

Seine neue Heimat ist eine riesige Kamelfarm mit 3000 Tieren mitten im staubigen Nirgendwo. Ein Wachmann hütet die Einfahrt zu der weitläufigen Anlage mit Argusaugen. Besucher gibt es nur selten und werden dementsprechend argwöhnisch betrachtet. Vor dem Verwaltungsgebäude steht die Plastik eines lila Kamels. "Camelicious", der Markenname der Milch, steht schwungvoll darauf geschrieben. Anscheinend eine arabische Interpretation der berühmten lila Kuh. Eine kleine Wohnstraße gibt es ebenfalls auf dem Gelände. In direkter Nachbarschaft zu den Kamelen. Hier wohnt van Almsick mit seiner Frau und drei Kindern. Weit weg von Köln, weit weg von allem. Auch wenn es nach Dubai nur knapp 30 Autominuten sind.

2004 sah van Almsick im Fernsehen, wie Kamele gemolken wurden. Der damalige Marketingchef des Kölner Schokoladenmuseums kam ins Nachdenken, daraufhin ließ er sich Kamelmilch einfliegen und entwickelte zusammen mit dem österreichischen Chocolatier Johann Georg Hochleitner einen Schokoladen-Prototypen. Sechs Monate später begaben sie sich auf die Suche nach arabischen Investoren, fündig wurden sie in Dubai, wo sie auch eine passende Molkerei auftaten (Spitzenprodukt: "Camelicious"). Drei Jahre brauchte man bis zur Serienreife der Schokolade, die Entwicklung in dem Joint Venture verschlang einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag. Das Produkt heißt nun "Al nassma", zu Deutsch etwa: "Erfrischende Brise, die ein Lächeln aufs Gesicht zaubert".

Draußen sind es 40 Grad Celsius und Martin van Almsick - übrigens nicht verwandt mit der ehemaligen Weltklasseschwimmerin gleichen Nachnamens - steht stolz in seinem kleinen "Al nassma"-Laden. Den hat sich der Exil-Rheinländer direkt am Eingang zu seiner Kamelfarm einrichten lassen. Unzählige Pralinen, Tafeln, Geschenkkörbe und riesige, in Gold eingewickelte Schoko-Kamele sind hier zu besichtigen. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren - den Dienst versagen, darf sie nicht.

Umgerechnet fünf Euro kostet eine 70-Gramm-Tafel "Al nassma". Trotz des hohen Preises erfreut sich die Kamelmilchschokolade großer Beliebtheit im Emirat. Zahlreiche Luxushotels wie das Burj al Arab bieten sie ihren Gästen zum Kauf an und auch Scheich Mohammed Bin Raschid al-Maktum, der Herrscher von Dubai, gehört zu den regelmäßigen Konsumenten. "Man ist hier stolz darauf, eine eigene neue Spezialität entwickelt zu haben", erklärt van Almsick den Erfolg der Marke. Unterdessen betritt ein Araber mit seinem Chauffeur den Laden und kauft für knapp 200 Euro Schokolade ein. "Ich komm hier immer rein, wenn ich vorbeifahre", sagt der Mann und freut sich über seine neuen Süßwaren. Van Almsick sucht das Gespräch. Visitenkarten werden ausgetauscht. Der Kunde ist ebenfalls im Kamelmilchgeschäft tätig. Bei der Konkurrenz. Van Almsick grinst.

Der Gastarbeiter vom Rhein schwört auf Kamelmilch: "Unser Tierarzt sagt immer: 'Martin, trink so viel du kannst davon'." Die Milch habe nicht nur halb so viel Fett wie Kuhmilch, erklärt van Almsick, sondern vor allem reichlich Vitamin C. "Seitdem ich das hier mache", sagt der Kölner, "habe ich mir keinen Infekt mehr eingefangen." Geschmacklich sind beide Milchtypen nur schwer zu unterscheiden. Im Vergleich zur deutschen Vollmilch schmeckt die Kamelmilch eine Spur salziger.

Bis zu 14 Stunden arbeitet van Almsick täglich. "Das ist hier ein hartes Brot", sagt er. "Zu Hause denken viele, wir würden in Dubai nur Urlaub machen." Daran, wann er das letzte Mal am Strand war, kann sich van Almsick nicht erinnern. Die wenige Freizeit verbringt er mit seiner Familie, besucht Freunde oder engagiert sich im Elternverein der hiesigen Deutschen Schule. Trotz der vielen Entbehrungen liebt van Almsick seinen Job: "Ich bin ein Schokofreak."

Der Kölner hat große Pläne mit seiner Schokolade. Die Kamelfarm soll eine Touristenattraktion werden: Gastronomie, Showmelken, Fabrikbesichtungen und einen größeren Shop, davon träumt van Almsick. Noch ist die Produktion der Schoko-Rohmasse nach Österreich ausgelagert. In Zukunft soll auch diese in Dubai stattfinden. Wobei der Geschäftsführer längst mit der Expansion ins Ausland liebäugelt - USA, Kuwait oder gleich Deutschland. Dorthin will van Almsick ohnehin wieder zurückkehren. "Irgendwann gehe ich mit meiner Familie wieder zurück nach Köln." Zum Karneval, zu den Heimspielen des 1. FC Köln und in die Altstadt. Ganz ohne Kamele.

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Autor:
Denis Krah