Oman Impressionen der Halbinsel Musandam

Kaum wirft die Sonne ihre Strahlen aufs Wasser, kommen die Boote. Wie dünne Striche ziehen sie übers Meer, erst zwei, drei, dann immer mehr. Dröhnend nähern sie sich dem Ufer. Krumm hocken Männer an den Steuerrädern, die Augen gerötet. Vom Fahrtwind, von der Müdigkeit. Hinter sich gelassen haben sie die Nacht, den Persischen Golf, ihre Heimat Iran.

Die Männer sind Schmuggler. Ihr Ziel: der Hafen von Khasab, Küstenoase am Rande der Welt, 17000 Einwohner, Provinzhauptstadt der Halbinsel Musandam. Zwei Kais, vier größere Hallen. Möwen stürzen sich hungrig ins Wasser, auf einer Baracke flattert die Flagge des Sultanats Oman. Der Zoll. Im Türrahmen lehnt ein Polizist. Die Staatsmacht hat nichts gegen die Männer, solange ihre Papiere in Ordnung sind. Die Iraner kaufen, die Omanis liefern. Steuerfrei.

Abbas schwitzt. Die Sonne hat Falten in sein Gesicht gebrannt, die Haare wirken grau. Er ist 28 Jahre alt. Das Wort Schmuggler hört er nicht gern. Händler gefällt ihm besser. Heute handelt Abbas mit Motoren, die im Matsch des Hafens liegen. Mit alten, ausgedienten, die aus Maskat kommen, Omans Hauptstadt. Zehn hat der Bauch seines Schnellboots schon geschluckt, "noch zwei, drei", sagt er, "dann ist Schluss." Für heute.

Der Gestank von totem Fisch zieht herüber und mit ihm wehen Angebote durch die Luft: "20, 15, 10, kommt schon, 10, das ist ein guter Preis." Auf dem Kai nebenan verkaufen Fischer ihren Fang, doch Abbas und seine Freunde interessieren keine Zackenbarsche und Barrakudas, keine Thunfische oder Haie, jetzt nicht. Sie haben nur Augen für wasserdicht verpackte T-Shirts aus Dubai, Handys aus China, Zigaretten von sonst woher, billige Uhren, die nach Rolex aussehen.

Die ersten Schmuggler kamen 1979, nach der iranischen Revolution. Anfangs waren es nur ein paar Boote am Tag, heute kommen 50, manchmal 80. Ihr Begehr: Telefone, Kleidung, Tee, Ersatzteile für Autos, Fernseher, Zigaretten. Meist tolerieren die iranischen Küstenwachen den Handel. Manchmal nicht. Dann schießen sie. Oder halten die Hände auf. Abbas reibt mit dem Daumen über den Zeigefinger: "Bakschisch." Bezahlen rettet Leben. Was wäre schon der Wert eines Menschen da draußen, im weiten Golf? Lohnt sich die Angst? Achselzucken. Verdienst du gut? Er schweigt. Für einen Moment senkt er den Kopf. "Viel bleibt nicht übrig."

Immerhin aber mehr, als er auf der anderen Seite des Golfs verdienen würde, im Basar oder in einer Werkstatt. Drüben, in Bandar-e Lengeh, seiner Stadt. Aber reich werden? Abbas deutet auf seine Kleidung. "Sieht so ein reicher Mann aus?" Das Salz des Meerwassers hat weiße Streifen um seine Hosenbeine gezogen. Das Hemd hat Löcher. Das Geld machen andere. Ein Kleinlaster rollt ans Ufer. Auf der Ladefläche stapeln sich Pakete, wasserdicht verklebt. "Zigaretten, Uhren, Klamotten", sagt Abdallah, 20 Jahre alt, die Arme verschränkt. Er hat einen Laden in der Stadt. Import, Export. Die Iraner sind seine besten Kunden. Der Polizist grüßt herüber. Einer der Schmuggler drückt ihm ein Bündel Geldscheine in die Hand. Wie viel bekommst du, Abdallah? Er blinzelt. "Genug." Am kleinen Finger glitzert der Siegelring.

Angeblich werden Tag für Tag Waren im Wert von 250 000 Dollar über den Golf geschmuggelt. Manche sagen, es seien 500 000. Für Omanis ein lohnendes Geschäft. Denn die Iraner kaufen alles, was in ihre Boote passt. Hinterm Hafenzaun hält ein kleiner Bus, dem ein paar Urlauber entsteigen, ihre Kameras im Anschlag. Nirgends lässt sich der Gesetzlosigkeit gefahrloser ins Antlitz blicken. Für Touristenführer sind die Schmuggler eine spannende Zugabe. Schaut, das ist der Orient! Eine leichte Brise weht über Khasab hinweg, sanft zieht sie weiter über die zerklüftete Halbinsel: Musandam, Etappenziel der Portugiesen auf ihrer Suche nach Gewürzen, Besitz der Briten, Piratenversteck, seit 1970 omanisches Hoheitsgebiet, militärisches Sperrgebiet bis 1990. Sindbad, der Seefahrer aus "Tausendundeine Nacht", soll hier vorbeigesegelt sein.

Unterwegs. Vom Land aufs Wasser, Gischt umschäumt den Bootsbug. Rasch versinkt Khasab im Dunst des Tages, vermischen sich die weißen Häuser mit dem Grün der Dattelpalmen. Hinein ins Khor ash-Shamm, den größten Fjord der Halbinsel. Rötlich schimmernd erheben sich die Felsen, gestreift vom goldgelben Licht der Sonne. Vorbei ziehen winzige Fischerdörfer. Vorbei zieht die kleine Insel, auf der die Briten 1864 eine Telegrafenstation errichteten, finster beäugt von den Einheimischen. Delfine tauchen aus dem kristallklaren Meer auf, Schwärme von fliegenden Fischen schwirren übers Wasser. Ein weißes Boot rast heran, Marke "Sindbad", der Kapitän grüßt, sein weißes Gewand ist vom Fahrtwind aufgebläht, winkend rast er weiter, ans äußerste Ende des Fjords. Nach Sibi, dem Fischerdorf. 100 Einwohner.

Am Ufer liegen Boote, Fischernetze, Kinder spielen im Sand. Mahbub, längst am Ufer, streckt die Hände aus und sagt: "Ahlan wa-sahlan!" Seid willkommen! Sein Gesicht ist schmal, vielleicht ist er 40 Jahre alt, vielleicht auch 50. Mahbub al-Thuhuri, der Fischer. Sein Haus, flach und grau, liegt direkt am Ufer, wie alle Häuser hier, 16, 17, mehr sind es nicht, der Putz bröckelt. Ein Mädchen trägt ein Tablett herein, Datteln darauf und süße Joghurtsuppe. "Meine Tochter", sagt Mahbub, er streichelt ihren Kopf.

"Setzt euch, bitte, setzt euch." Der Boden ist mit Teppichen bedeckt, die sich wie Plastik anfühlen. Kissen lehnen an den Wänden, goldene und rosafarbene, in der Ecke steht ein Regal, darin ein Fernseher, der grünstichige Nachrichten in den Raum schickt. An der Wand: ein Bild von Sultan Qabus, Omans Herrscher seit 35 Jahren. Und Fotos: die Thuhuris als Großfamilie. Elf Kinder haben sie, er und seine Frau, sagt Mahbub und zieht die Stirn kraus, als sei er sich plötzlich nicht mehr sicher. Dann zählt er mit den Fingern nach, doch, es stimmt, er muss lachen, elf Kinder, fünf Mädchen, sechs Jungen."Was wäre wichtiger als die Familie?" Ohne Familie, sagt er, würde es das Dorf nicht mehr geben, würde es sie nicht mehr geben, die seit Jahrhunderten hier leben und dem Meer den Fisch abjagen.

Doch langsam dringt die neue Zeit in den Fjord ein, ankern immer wieder Boote vorm Dorf, glänzend lackierte Dhaus, diese jahrhundertealten Transportschiffe, an Bord Touristen, die gucken und fotografieren. Mahbub, im Schneidersitz, wiegt den Kopf. "Die Ruhe gehört nicht mehr uns." Irgendwann werde Musandam aufhören zu existieren. Alles werde sich verändern. Sibi, sein Dorf. Khor ash-Shamm, sein Fjord. Khasab verändert sich ja schon. Weit hinter der lehmverputzten Festung, von den Portugiesen im 17. Jahrhundert erbaut, weiter noch hinter den Dattelpalmenhainen, erstreckt sich Khasabs Neustadt. Verwaltungsgebäude, Banken, dreistöckige Häuser, breitere Straßen. Zwei Schulen, eine für Mädchen, eine für Jungen.

Auf dem Pausenhof steht Mohammed, 17 Jahre alt, Sohn des Mahbub al-Thuhuri, Fischer aus Sibi. "Kommt", sagt er, läuft durch die Schule, blankgeputzte Flure, sein Zimmer, er reißt den Schrank auf, "seht!", seine Schätze: Plakate der Fußballglobalisierung, Ronaldinho, Ballack, Beckham. Mohammed liebt Fußball. Das Spiel ist fast der einzige Zeitvertreib für Khasabs Jugend. Deshalb will Mohammed weg. Nach Maskat, in die Hauptstadt, 500 Kilometer weit. Was willst du dort machen? "Studieren, Wissenschaften." Welche, Mohammed? "Mathematik, vielleicht Physik." Und deine Familie? Sibi? Die Fischerei? Mohammed greift an seinen schmalen Bart. Er sagt: "Vielleicht kehre ich danach zurück." Er hebt die Arme gen Himmel. "Insch' Allah." So Gott will.

Gelächter dringt herüber, es ist später Nachmittag, am Brunnen im Nachbarviertel hockt ein Mann, pudelnass. Ahmed lacht aus vollem Hals, er klopft seinem Nachbarn auf die Schultern. Ismail, sein Cousin, heiratet, also kippen sie Schüsseln voller Wasser über ihm aus; ein altes Ritual. Danach zieht die ganze Familie singend durch die Straßen. 300 Menschen, vorweg schwarz verhüllte Frauen, die Schüsseln mit Weihrauch tragen, gefolgt von weißgewandeten Männern, die Schwerter durch die Luft wirbeln. Ihr Gesang erhebt sich über die flachen Häuser, die Strophen wehen über eine Dattelplantage, sie hallen wider von den Wänden einer Moschee. Hinter dem Viertel ragt senkrecht der Fels des Hajar-Gebirges auf, das ein paar Kilometer landeinwärts, am Jebel Harim, noch 2087 Meter hoch ist.

Ahmed al-Shehi reicht seine Visitenkarte rüber: "Musandam Sea Adventure Tourism". Ahmed ist der Chef. Er macht sein Geld mit der Sehnsucht nach Abgeschiedenheit. Nach Ursprünglichkeit. "Die Welt ändert sich, wir ändern uns auch", sagt er. "Wir haben Computer und Autos." Sein Atem riecht nach Bier. "Aber wir heiraten nach uralten Überlieferungen." Kurz schweigt er in den Gesang der Männer. "Ist es etwa schlecht, wenn wir an unseren Traditionen festhalten?" Dann klingelt sein Handy.

Vor einer Moschee machen alle Halt. Die Männer wiegen die Oberkörper rhythmisch zu ihrem Singsang, bis riesige Tabletts gebracht werden, auf denen Reis und Schaffleisch dampfen. Das letzte Mahl. Drei Tage haben sie gefeiert, nun ist Hochzeitsnacht, und Ismail, der Bräutigam auf seinem Kissen, wartet. Auf seine Braut, die gerade herausgeputzt wird von den Frauen. Die Sonne verschwindet hinterm Gebirge. Auf der Straße hocken ein paar Inder und spielen Karten, Laternen tauchen die Stadt in gelbes Licht. Im Hafen rollen noch immer schwerbeladene Wagen ans Ufer, zurren die Iraner Pakete auf ihren Booten fest.

Aus der Stadt hallt der Ruf des Muezzins herüber, "kommt zum Gebet, kommt zum Heil". Schwach nur dringt die Aufforderung ans Ohr der Männer. Ihre Zeit drängt, denn zu Hause warten die Händler auf Ware. Mit der hereinbrechenden Dunkelheit verschwinden sie. Zwei Mann besteigen ein Boot, manchmal nur einer, je nachdem, wie viel sie geladen haben, wie gut der Kahn noch zu manövrieren ist. Die Motoren heulen auf, dann ziehen sie davon. Irgendwann verliert sich das surrende Geräusch ihrer Boote in der Ferne. Sacht schlagen die Wellen ans Ufer. Zurück bleibt der Persische Golf, schwarz und still. In Khasab beginnt die Nacht.

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Autor:
Franz Lenze