Dubai Fischmarkt der besonderen Art

Der Gestank trifft uns unvorbereitet. Gerade noch waren wir in einem schmalen Gang voller Obst, Gemüse und Kräuter. Nur kurz abgebogen, jetzt stehen wir hier, mitten auf dem Fischmarkt von Dubai. Die Luft riecht zu intensiv nach Seegetier und von rechts weht eine Brise frisch geschlachteten Schafsfleischs aus einem nahen Kühlhaus herüber. Eine Mixtur, die den Magen mangelt. Der Atem stockt. Es ist sieben Uhr früh, es ist verdammt schwül, knapp 40 Grad Celsius. Im Schatten.

Im Vergleich zu den gigantischen Bauprojekten, die das Stadtbild prägen, nimmt sich der Fischmarkt von Dubai geradezu winzig aus. Es dürften in Dubai nicht wenige Swimmingpools gebaut worden sein, die größer sind als dieser Handelsplatz im Stadtteil Deira. Wände gibt es nicht, nur ein Blechdach. Die offene Konstruktion soll die Frischluftzufuhr befördern und die intensive Geruchswelt damit für alle Beteiligten erträglicher machen. Im Moment herrscht Windstille.

Die Stände der Verkäufer sind in Reihen angelegt. Ordnung muss sein, auch wenn sie streng riecht. Auf kleinen Tischen bieten die Männer ihre Ware fein sortiert an. Krabben, Thunfische, riesige Welse und kleine Haie. Alles, was Golf und Dubai Creek hergeben. Ausländern wird die Ware besonders euphorisch angepriesen, weil jeder Fremde ja der neue Chefkoch eines der zahlreichen Luxushotels oder edlen Restaurants sein könnte.

Fast alle Händler tragen die gleiche blaue Einheitskluft, die mehr nach Pyjama als nach Berufskleidung aussieht. Hauptsächlich Iraner, Inder und Pakistanis sind hier bei der Arbeit, die bei steigender Hitze immer hektischer wird. Keine Zeit für Pausen. "Jalla, jalla", schnell, schnell. Wer seinen Fisch nicht zeitig abverkauft, bleibt auf vergammelter Ware sitzen.

Ahmed kommt aus dem Iran. Seine großen Hände sind vernarbt, die blaue Kleidung ist fleckig und der Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Gerade hat der 30-Jährige zwei japanischen Damen einen ordentlichen Batzen Fisch verkauft. Mit seinem Messer und brachialer Gewalt hat er die Ware in bratfertige Scheiben geschnitten. Der nächste Kunde wartet schon. "Ein Knochenjob", sagt Ahmed, während er neue Ware auf den Tisch wuchtet. "Die Hitze, der Gestank, die Feuchtigkeit - das macht dich fertig." Allein das Geld stimmt. Ahmed holt ein Bündel Dirham aus der Tasche und hält es mit seinen geschundenen Händen stolz vor unsere Augen. "In meiner Heimat würde ich nie so viel verdienen."

Direkt neben dem Markt kommt es kurz zu einem Menschenauflauf. Ein paar Fischer bieten ihren Fang an. Drei Körbe voll blauer Schalentiere. Die Händler versammeln sich, begutachten die Ware und geben ihre Gebote ab. Für ein paar Euro gehen die Krebse schließlich weg. Satrio beobachtet die Szene. Der Indonesier arbeitet als Koch im Hukama, einem Restaurant im Luxushotel The Adress Downtown. Für ihn sind die Schalentiere uninteressant. Er winkt ab. "Die beste Zeit, um hier einzukaufen, ist gegen fünf Uhr. Dann ist die Ware noch frisch", sagt er. "Jetzt sollte man eigentlich nichts mehr kaufen. Die Hitze ruiniert alles." Eis wird auf dem Markt nur spärlich zur Kühlung verwendet.

Ein paar Meter weiter findet sich der Cutting Room. Hier kann man den gerade erworbenen Fisch oder die Schalentiere fachmännisch ausnehmen und in handliche Stücke schneiden lassen. Gezahlt wird pro Kilo und nach Größe der Ware. Kleine Fische kosten 1,50 Dirham, große nur einen Dirham. Für Krebse und ähnlich unhandliches Getier müssen gar drei Dirham gezahlt werden. Auf Bänken vor dem Tresen wartet die Kundschaft, während im hinteren Teil der kleinen Halle die Messer geschwungen werden. Auf beiden Seiten wird geschwitzt. Eine Kühlung gibt es auch hier nicht.

Wir schlendern weiter über den Markt. An den Gestank haben wir uns inzwischen gewöhnt. Unsere Kleidung hat ihn ebenfalls angenommen. Ein Junge, vielleicht 15 Jahre alt, schiebt eine Schubkarre hektisch an uns vorbei. Wir sollen ihm aus dem Weg gehen. Und zwar schnell. Er ist auf dem Weg zum Lager der Fischhändler. Auf einem kleinen eingezäunten Gründstück stehen zahlreiche stählerne Container in der prallen Sonne. Sie sind voll mit Eis und Fisch. Der Junge greift mit bloßen Händen hinein, füllt seine Schubkarre mit Eis und legt ein paar riesige Königsmakrelen hinein. Dann hetzt er zurück zum Stand seines Chefs. Ein paar Fische fallen aus der Karre. Hastig hebt er sie vom Boden auf und setzt seinen Weg fort. Und von hinten tönt es schon wieder: "Jalla, jalla!"

 

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Autor:
Denis Krah