Dresden Zwischen Prachtbauten und Punks

Wahlkampf 2005. Auf der Alaunstraße sehe ich das Plakat zum ersten Mal. Ein grinsender Milchbart mit Topffrisur und Brille, darüber die Frage: "Warum wollen eigentlich alle mehr Arbeit?" Ganz unten ein Kreuzchen neben dem Spruch "Nur Lolli bringt's". Die Polizei diagnostiziert eine Straftat, weil Parteiplakate überklebt wurden, die Zeitungen rätseln an Lollis Identität herum.

Schon zu DDR-Zeiten versammelten sich im lebendigsten Dresdner Viertel die Künstler und Aussteiger. Die Wende kam gerade noch rechtzeitig, ein Teil der maroden Bausubstanz war bereits zum Abriss freigegeben. Die Äußere Neustadt wurde Dresdens erstes Sanierungsgebiet, und heute strahlen die meisten Häuser wieder im einstigen Glanz: klassizistische Fassaden und Jugendstil, auch noch ältere Häuser sind erhalten geblieben.

Die Äußere Neustadt lernt am besten kennen, wer sich Zeit nimmt, Augen und Ohren aufsperrt, die kleinen Wege geht. Das Kerngebiet erstreckt sich zwischen der murmelnden Prießnitz, der Bautzner und der Königsbrücker Straße, nördlich wird es vom Bischofsweg begrenzt. In den Hofdurchgängen und Treppenhäusern sind farbige Deckenmalereien und Stuck erhalten geblieben, und mancher Hinterhof entpuppt sich als dörfliches Idyll.

Das Viertel schafft den Spagat zwischen den Prachtbauten und dem bunten Leben, das sich heute in und zwischen ihnen abspielt. Von Fenstern und Balkons hängen bemalte Bettlaken. Wirklich jedes Haus ist mit Graffiti bedeckt, die Kreativeren schneiden Figuren und Blumen aus und kleben sie an die Fassaden und Holztüren. Von einer Hauswand linst eine papierne Überwachungskamera.

Ein Kneipenviertel, sagen die einen, ein Szeneviertel, die anderen. Detlef Pflugk von der Interessengemeinschaft Äußere Neustadt hebt abwehrend die Hände. Wenn schon, sagt er, dann ein Szenenviertel. Und wirklich: Hier haben alle Platz. Auf einen reichlichen Quadratkilometer verteilen sich 12.000 Balkonbegrüner und Weltverbesserer, Freunde durchsoffener Nächte, Anarchisten und Yuppies, junge Familien, die Punks vor dem Supermarkt, und hier und da eine ältere Dame mit Hund. Die Bandbreite der Lokale reicht vom Wohnzimmercafé, in dem es keine zwei gleichen Tassen gibt, bis zur durchgestylten Bar. Die Geschäfte bieten von Hanfbriefpapier über Strickjacken mit Totenkopfmuster bis zu teuren Designerturnschuhen alles an, was das Herz begehrt. Zwar werden die Räume der Improvisation kleiner, aber es gibt sie noch.

Auf der Königsbrücker Straße kommt mir ein Mann im Schottenrock entgegen, an der Hand ein kleines Mädchen, beide suchen sie barfuß ihren Weg zwischen ein paar Glasscherben. Neulich wurde ein Punk gesehen, der seinem einjährigen Baby einen blauen Irokesenschnitt verpasst hatte. Über die Äußere Neustadt weiß jeder eine Geschichte zu erzählen, und wenn es die von dem Mann ist, der im Handstand Fahrrad fuhr. Über einem Tattoo & Piercing Shop verrät ein Schild: Ja - es tut weh! Wer hier wohnt, hat kein Kommunikationsproblem.

Bürgerengagement wird groß geschrieben, man kennt sich untereinander, fühlt sich für sein Viertel verantwortlich und informiert sich entsprechend. Als Pläne für ein Parkhaus in der Kamenzer Straße bekannt werden, gründet sich sofort eine Bürgerinitiative. An einer Hauswand prangt seitdem "Spielen statt Parken", darunter kleben die Köpfe und Namen der Stadträte, die für den Bau gestimmt haben. Und all das geschieht immer einen Tick lauter als anderswo, einen Tick überdrehter, und jede Initiative beschwört ihre Gegeninitiative herauf.

Eine Zentrale für Initiativen, Vereine und soziale Projekte bildet das Stadtteilhaus in der Prießnitzstraße. Hier wird bei Fragen zum Viertel gern weitergeholfen, und wenn der Kopf dann voll ist, der Bauch aber leer, steigt man in den Keller hinunter und isst sich im Oosteinde an internationalen Spezialitäten satt. Im Sommer sitzen die Gäste draußen an langen Holztischen mit Blick auf die Priesnitz und murkelige Kleingärten.

Der weitläufige Alaunpark wird zur Oase in einem Stadtteil, der sonst nicht viel Grün bietet. In einem Vorgarten in der Prießnitzstraße entdecke ich Hopfen, und in der Pulsnitzer Straße schaue ich durchs Gittertor auf den schattigen Alten Jüdischen Friedhof, den ältesten erhalten gebliebenen in Sachsen. Die Äußere Neustadt braucht diese Ruhepunkte, denn mehr als andere Dresdner Viertel wird sie als Insel begriffen, als Kiez, aus dem sich mancher Bewohner wochenlang nicht herausbewegt. Warum auch, es ist ja alles da. Das historische Nordbad nennen die Neustädter ihre Badewanne, den Abenteuerspielplatz Panama ihren Zoo. Hier können kleine Stadtindianer Schäfchen, Ziegen und Meerschweinchen streicheln, sich zwischen selbstgezimmerter Hütte, Panjewagen und kuscheltierbesetztem Kletterbaum austoben.

An Ideen ist das Viertel reich, Kunst und Kultur warten an jeder Straßenecke. Das Geschehen reicht von etablierten Häusern wie der Galerie Gebrüder Lehmann in der Görlitzer Straße bis zur kleinen Werkstatt im Hinterhof, Schmuckgestalter finden sich neben Modeateliers wieder. Das Projekttheater hat über Jahre Impulse in die Dresdner Theaterlandschaft ausgestrahlt, in der Blauen Fabrik gibt es neben Ausstellungen auch Tanz und Musik zu erleben. Mit der Kunsthofpassage zwischen der Alaunstraße und der Görlitzer Straße wurde ein Ensemble von Themenhöfen geschaffen, an einer der bunten Hauswände bewundere ich das Regenwasserspiel, eine komplizierte Trichteranlage, die mir das Nass direkt vor die Füße spuckt.

Nach Einbruch der Dunkelheit beginnt ein übermütiges Straßenleben, Gruppen sind unterwegs zwischen diesem und jenem Club, dieser und jener Kneipe. Gehen wir nachher tanzen in Katy's Garage, essen wir noch eine Schale Jägertopf in der Suppenbar? Oder trinken wir was im Hebedas, zwischen roten Lampen und plüschbezogenen Stühlen? Zebraplüsch, der Tresen stammt noch aus DDR-Zeiten. Vor den Spätshops, die Spätschicht oder Holfix heißen, bilden sich Trauben von Leuten, die lieber direkt aus der Flasche und gleich auf der Straße trinken. Und ab und zu rutscht jemand aus, ruft: Scheiße!, und darum handelt es sich dann auch. Dabei hat der Abend erst angefangen.

Übrigens: Wer Lolli ist, wird mir klar, als ich in der Görlitzer Straße das Hostel Lollis Homestay entdecke. Presse und Polizei brauchen länger, bis der Groschen fällt. Und die Neustadtbewohner? Wussten die ganze Zeit Bescheid.

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Autor:
Franziska Gerstenberg