Sachsen Reisebericht Dresden: Die Stadt an der Elbe

Der Dresdner Stadtteil Wachwitz hat einen Zaubergarten, wohlverwahrt im jäh aufsteigenden Elbhang. Ich liebe ihn sehr. Schon am Eingang des Gartens sind erste Blütenbüsche zu sehen, man glaubt, eine leise Melodie zu vernehmen. Doch was man zu sehen bekommt, sobald man das Innere erreicht hat, übertrifft alle Erwartungen: rot, lila, blassrosa, tiefviolett, purpurfarben, schneeweiß - Blüten in allen nur denkbaren Schattierungen, so weit das Auge reicht. Wie ein Feuerwerk aus Blumen empfängt den Besucher eine prachtvolle Anpflanzung üppig wuchernder Rhododendren. Dazu gesellen sich Azaleen in leuchtendem Gelb und Orange. Jeder Busch scheint den vorangegangenen durch seine Schönheit noch übertreffen zu wollen.

Der Park ist eine Sinfonie, sorgsam zusammengestellt aus unterschiedlichen Melodien. Die Wege sind verwinkelt, und die Pfade schlagen enge Haken. Kaum hat man eine Kurve umwunden, offenbart sich ein neues Blütenmeer, eine noch gewaltigere Explosion an Farben und Formen. Jede Einheit spielt ein eigenes Lied, das desto stärker klingt, je mehr Blüten an einer Stelle vereint sind, desto schwächer, je zarter und verhaltener ihr Farbenspiel ist. Im Hintergrund glänzen die dicken, dunkelgrünen Blätter, die diesen Büschen zu eigen sind, kaum zu erkennen unter der überbordenden Fülle an Blumen. Rundherum bilden hoch aufragende Laubbäume eine Art Schutzwall um den verwunschenen Ort. 1970 entstanden und angelegt auf Initiative des Gartenbauingenieurs Karl Scholz, ist der Wachwitzer Rhododendronpark ein einzigartiges Geschenk der Natur. Zweihundert Sorten wachsen hier, nebst anderen Ziersträuchern und Bäumen. Ihre schönste Blütenkraft entfalten sie im Mai.

Dabei beginnt der Frühling in Dresden eigentlich am 1. Mai mit der traditionellen Dampferparade der weißen Flotte der Sächsischen Dampfschifffahrt. Die Kapitäne der mit neun Schiffen wohl weltweit größten und ältesten Raddampferflotte ziehen ihre Zulegebretter ein und lösen gemächlich ihre Ausflugsschiffe von den Anlegestellen im Inneren der Stadt. Frisch gestrichen und herrlich mit bunten Wimpeln geschmückt, pflügen die Dampfer dann in dichter Folge die Elbe entlang. An diesem Tag stehen die Dresdner an den Elbhängen, gerade dort, wo keine Rhododendrenbüsche wachsen, und winken den Kapitänen und Passagieren übermütig zu. Dumpf dröhnen die Schiffssirenen über das Wasser und scheinen dabei das Winken freudig zu erwidern.

Oft habe ich am Ufer gesessen und den Dresdner Dampfern nachgesehen. In den lauen Sommernächten sind sie hell erleuchtet, aus der Ferne und von Deck klingt leise Tanzmusik, Paare drehen sich dort langsam zu zärtlichen Weisen.

Von der Dampferanlegestelle im Zentrum von Dresden sind es nur wenige Schritte bis zur Augustusbrücke und hinauf auf die Brühlsche Terrasse, einst bekannt als der "Balkon Europas". Sie wurde nach Heinrich Graf von Brühl benannt, meinem Urahn, der sie im 18. Jahrhundert eigens neben seinem Palais anlegen ließ. Er war Geheimer Rat bei Sachsens mächtigem Herrscher August dem Starken und Premierminister unterdessen Sohn Kurfürst Friedrich August II., der ebenfalls in Personalunion als August III. König von Polen war. Da dieser gern früh zu Bett ging, übernahm Brühl dann das Ruder und hielt hochherrschaftlich Hof in seinem Palais, nicht weit von Terrasse und kurfürstlichem Schloss. Es wurde getafelt, gefeiert und bis in die Morgenstunden fleißig antichambriert.

Inwieweit das zu Sachsens Gunsten war, ist umstritten, doch meine Familie hatte mit Dresden später nicht mehr viel zu tun. Sachsen zog sich im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) Zorn und Feindschaft Friedrichs II. von Preußen zu, und der Premierminister floh im Gefolge seines Herrschers nach Warschau. Die Brühls zogen sich ganz zurück nach Pförten, heute Brody, dem Stammsitz der Familie an der deutschpolnischen Grenze. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen sie alles zurück und flohen in den Westen.

Freiwillig in den Zwinger

Will man die Seele Dresdens begreifen, begibt man sich am besten von den Brühlschen Terrassen aus auf einen kleinen Rundgang durch die Innenstadt. Wer einmal um das Schloss gelaufen ist oder bei der Frauenkirche war, wer durch den Zwinger flaniert ist oder die Semperoper bewundert hat, der hat in Dresdens Herz geschaut. Allein der Weg über die Brühlsche Terrasse, der Blick über die breiten Elbwiesen, macht den Weg lohnend. Dann der Moment, in dem man den Neumarkt betritt: Wie klein ist der Mensch zu Füßen der herrlichen Frauenkirche, der "Steinernen Glocke", wie sie schon zu George Bährs, ihres Erbauers Zeiten, getauft wurde.

Wie eine lächelnde Umarmung öffnet sich einem schließlich der Zwinger und offenbart das anmutige Spiel der Figuren des großen Balthasar Permoser, die das Ensemble schmücken. Die Sonne sollte in diesem Moment scheinen, die Brunnen in dem Barockhof sprühen. Nach Stadtschloss und Taschenbergpalais wirkt er wie ein drittes, weiteres Schloss. Doch es ist und bleibt ein Garten, ein Ort für Lustspiele und andere Vergnügungen, zu denen sich der sächsische Herrscher hier tagsüber mit seinem Hofstaat versammelte.

Das wird auch dem bewusst, der im Wallpavillon hinauf zur Galerie gestiegen ist und noch einmal einen Blick zurückwirft, einen letzten sehnsuchtsvollen Blick, bevor er sich dem Nymphenbad und seinem sprudelnden Wasserfall zuwendet.

Lohnenswert ist auch ein Besuch der Museen, insbesondere bei Regenwetter. Man sagt von der Sammlung der Gemäldegalerie Alte Meister im Semperbau am Zwinger, es sei ein Museum von Weltrang. Und in der Tat, die Fülle an bedeutenden Kunstwerken, die einen dort erwartet, wirkt absolut überraschend: die Schlummernde Venus von Giorgione, Raffaels Sixtinische Madonna, Dürers Dresdner Altar…

Was mich in erster Linie begeistert, sind die Sitzbänke. Die erinnern tatsächlich an Museen von internationalem Rang, an das Kunsthistorische Museum in Wien, an die Petersburger Eremitage oder den Louvre in Paris. Die Bänke sind mit festem, dunklem Leder bezogen, sie sind weich, sie sind rund, und sie stehen in den Ausstellungssälen in der untersten Etage. Dort kann man sich bequem niederlassen und erst einmal staunen.

Nach der Kunst: Pflaumenstreusel

Die meisten Bilder sind so groß, dass der Betrachter ein wenig Abstand gut gebrauchen kann, einige hängen oben in der zweiten Reihe. Da wäre fast ein Fernglas von Nutzen. Und dann die Augen schließen, andächtig sozusagen, und ein wenig schlummern. Meines Erachtens ist es ganz wichtig, dass man im Museum hin und wieder schläft. Nirgends fühlt man sich so geborgen wie in der Gegenwart eines gemütlichen Bruegel oder Rubensscher Dramatik, umgeben von der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis, der ganz großen Kunst.

Wer hinreichend geruht hat, sollte sich dann ruhig etwas umsehen. Besonders schön ist der Saal, in dem die Werke Dürers gezeigt werden. Er ist hell und kühl, der Boden komplett mit Marmor in Schwarzweiß ausgestattet. Durch die Fenster fällt gedämpftes Licht aus dem Zwingergarten. Hier befinden sich der Katharinenaltar von Lucas Cranach d. Ä. und Arbeiten von Hans Holbein dem Jüngeren, wie das mächtige Bildnis des Charles de Solier. Es gehört mit zu den hundert besten Bildern aus dem Besitz des Herzogs von Modena, die das sächsische Herrscherhaus 1746 zum Preis von 100.000 Zechinen erwarb. Man bedenke, nicht einfach hundert Bilder, sondern die hundert besten Bilder!

August der Starke muss davon besessen gewesen sein. In den intensivsten Zeiten seiner Sammelleidenschaft verging kaum eine Woche, ohne dass ein neues Gemälde in Dresden ankam. Und sein Geheimer Rat tat es ihm gleich. Allein von den herrlichen Stadtansichten des Vedutenmeisters Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, ließ sich Heinrich Graf von Brühl je eine Kopie für seine Privatsammlung anfertigen. Sie ist heute fester Bestandteil der Gemäldesammlung der Eremitage in St. Petersburg.

Das Grüne Gewölbe steht mit seiner Pracht der Gemäldegalerie in nichts nach: Schmuckstücke, Preziosen Tafelaufsätze, Kandelaber oder Absonderlichkeiten wie die grotesken Perlfiguren oder in Silber und Gold gefasste Schalen aus Nautilus- und Seeschneckengehäusen - die geballte Herrlichkeit, die hier gezeigt wird, ist schwerlich zu übertreffen. Im Schloss selbst befinden sich ferner das Kupferstich-Kabinett, im Zwinger der Mathematisch-Physikalische Salon und die Porzellansammlung mit Teilen des Brühlschen Schwanenservices, im Albertinum die Skulpturen und die Galerie Neue Meister, alles dicht beieinander im Herzen der Stadt. Und alle sind sie sehenswert.

Doch nur nicht übertreiben! Lieber noch einmal wiederkommen. Oder auch zwischendurch ins Café des Zwingers gehen, schließlich gibt es hier den berühmten sächsischen Kuchen. Eierschecke schlemmen - jene verführerische Komposition aus Hefeteig, mit Schichten aus Quark und geschäumten Eiern. Noch mehr aber liebe ich die vielen Obststreuselsorten, den Kirschstreusel, den Apfelstreusel, den Pflaumenstreusel. Letzterer ist überhaupt der allerbeste von Dresden. Duftender, wespenumsummter, saftiger Pflaumenstreusel mit viel, viel Sahne. Eine Wucht.

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Autor:
Christine Gräfin von Brühl