Dresden Liebhaberstücke in der staatlichen Kunstsammlung zeigt

Über Nacht bricht Feuer aus und jäh steht alle Kunst in Flammen: Von Zeit zu Zeit quält dieser Alptraum Museumsleute auf der ganzen Welt. Unruhiger Schlaf gehört zu ihrem Berufsbild. Ebenso wie die Hoffnung, dass so ein Desaster sie niemals ereilt. Aber wenn doch? Professor Dr. Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, hat 2002 diesen Ernstfall erlitten und mit Helfern bravourös gemeistert. Kein Brand, sondern die Sintfluten der Weißeritz und der Elbe bedrohten damals, am 13. August 2002, eines der schönsten, bekanntesten und wertvollsten Kunstreservate Europas.

Unter den zwölf Museen in Roths Obhut am schwersten betroffen waren das Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz, die Skulpturensammlung im Albertinum und das Flaggschiff der sächsischen Kunstarmada - die Gemäldegalerie Alte Meister am Zwinger mit rund 750 Prachtwerken von Heroen wie Dürer, Raffael oder Rembrandt.

Das Wasser drängte durch die Keller ins Haus und erreichte zuerst die Depots, die Lager der nicht ständig ausgestellten Stücke. Roth ließ nach oben räumen und organisierte selbst technisches Gerät. Bis zu 7000 Liter Wasser pro Minute wurden aus dem Gewölbekeller des Albertinums gepumpt, während ein Helferheer bei Einsturzgefahr mehr als 10.000 Skulpturen und Gipsabgüsse rettete.

"Grausam" nennt Roth den Moment, als er erfuhr, dass auch die nicht lange zuvor neu gebauten Depoträume unter der Galerie Alte Meister der Flut nicht zu trotzen vermochten. In nur sieben Stunden wurden 2690 Gemälde und 255 Rahmen in die Schausäle getragen. Für 321 Rahmen kam jede Bergung zu spät, und 23 riesige Bilder - zu sperrig für das Treppenhaus - blieben unter der Decke festgezurrt ihrem Schicksal überlassen. Das entschied am 17. August zu deren Gunsten: Zwar erreichte der Wasserspiegel im Depot 1,70 Meter Höhe - fiel dann jedoch zur Erleichterung aller. Auch in Pillnitz blieb mit knapper Not die ständige Sammlung trocken.

Roth, der täglich 20 Stunden an der Wasserfront gestanden, Mitarbeiter ermutigt, Medien informiert, Sofortgelder besorgt, Hilfsangebote befreundeter Museen rasch umgesetzt hatte, war der Mann der Stunde. Und schwor sich spontan, "nach der Flut die Flut nie mehr zu erwähnen". Aber das hielt er nicht durch. Kaum waren seine Häuser wieder fürs Publikum geöffnet,widmete der Pragmatiker seinen ganzen Elan dem Thema Depot. Um diese Keller und Verliese, in denen jedes Museum Werke bunkert, die der Normalbesucher unter Umständen erst später einmal zu Gesicht bekommen kann, hatte sich Roth früher eher beiläufig gekümmert: "Sicherheit war eher Pflicht als Kür." Doch seit der Untergang der kostbaren Depotbestände in letzter Minute abgewendet wurde, respektiert Roth diese Reserven als "Staatsschatz erster Güte".

Und nimmt sich Zeit, auch Laien begreifbar zu machen, warum ihm jetzt ausgerechnet die Lager als "Kompetenzzentrum und Motor" seines alljährlich von rund zwei Millionen Besuchern frequentierten Kunstdistrikts so sehr am Herzen liegen. Für Außenstehende, weiß Roth, ist ein Depot mit seiner scheinbar chaotischen Fülle und Dichte von Bildern und Objekten, die nicht sämtlich erster Wahl sind "nicht besonders sexy".

Umso eifriger freilich stürzen sich Wissenschaftler der Dresdner Museen auf die Chance, den Depotbestand zumindest partiell zu adeln, indem sie Zuschreibungen korrigieren, vermeintlich Unechtes für authentisch erklären und die Resultate in Ausstellungen vorführen. Im Glücksfall profitieren auch die Schausammlungen.

Ohne permanenten Rückgriff auf den Fundus käme auch der Dresdner Leihverkehr alsbald zum Erliegen. Denn wer von anderen Museen für eine Schau etwas borgen will, ist ihnen heutzutage dafür Gegengaben schuldig. Ein Tauschhandel, bei dem Roth bisweilen zwar nicht ganz wohl ist - und den er dennoch offensiv nutzt, um mit Ausstellungen in New York, Hamburg, Tokio, London und demnächst auch in Versailles, Moskau oder Peking die Weltgeltung des Dresdner Kulturerbes zu stabilisieren. Und so lange in fast allen zwölf staatlichen Museen noch immer Kriegsfolgen von 1945 zu beheben sind, schickt Roth außer Depotgut auch Sammlungsbestände auf die Reise, die während dieser Bauarbeiten in Dresden nicht gezeigt werden können. Leihgebühren bringt das übrigens nicht ein. Auch die gern empfohlenen Verkäufe von Depotkunst brächten wenig ein, weil teure Spitzenwerke natürlich tabu sind. Also behält der Chef der Staatlichen Kunstsammlungen, was er hat und sichert es besser. Die von der Flut erfassten Magazine lässt er leer bis auf schnell zu bergende Reste, über dem Innenhof des Albertinums entsteht neu ein 8500 Quadratmeter großes Zentraldepot. Ab 2006 kann gebaut werden.

Dort wird dann auch das figurenreiche Gemälde "Der Einzug Heinrichs III. von Frankreich in Venedig" des 1544 geborenen venezianischen Star-Manieristen Jacopo Palma, genannt Palma il Giovane (Palma der Jüngere) wieder einen garantiert sicheren Platz finden. Ob und wo es angesichts des Reichtums der Dresdner Gemäldeschätze von Weltrang, die die Besucher unbedingt sehen möchten, ausgestellt werden kann, bleibt eine spannende Frage.

Das 2,69 Meter hohe, 4,80 Meter breite Ölgemälde zählt zu den Depot- Werken, die während der Flut zwei Wochen lang flach unter der Decke hingen. Kontakt mit dem Wasser blieb ihm erspart, nicht aber Schaden durch eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit. Doch nun, nach der Restaurierung, ist die Szene wieder, was sie vor der Katastrophe war: ein überzeugendes Werk Palmas, des neben Paolo Veronese und Tintoretto besten Malers seiner Generation, und ein facettenreiches historisches Dokument.

Dargestellt ist ein Staatsempfang der Republik Venedig, die damit Anno 1574 einen Monarchen ehrt, der zwischen zwei Thronen unterwegs ist. Heinrich von Valois, ein Franzose, hat in Polen als Wahlkönig geherrscht, dieses Amt aber soeben fluchtartig verlassen, weil sein eigenes Land ihn braucht: Nach dem Stopp am Canal Grande wird er demnächst als König Heinrich III. Frankreich regieren. Er ist ein Exzentriker, der gern in Frauenkleidern posiert und sich mit Mignons, Lustknaben, umgibt. Das katholische Venedig feiert ihn dennoch als Hoffnungsträger im Kampf gegen die Reformation, der in Frankreich besonders heftig wütet und 1589 auch Heinrich zum Mordopfer macht.

Vollendet wurde das Tableau um 1594, also zwei Jahrzehnte nach dem Ereignis. Als Auftraggeber gilt die Adelsfamilie Foscari, in deren Palast Heinrich 1574 auch residierte. Zur Dresdner Sammlung kam es 1748 aus der kaiserlichen Galerie in Prag, die dafür 3000 Florin (circa 130.000 Euro) kassierte. Einem dauernden Ortswechsel vom Depot in die Galerie steht heute vor allem eins im Wege - sein allzu üppiges Format.

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Autor:
Alfred Nemeczek