Sachsen Die Winzer an der Elbe

Die Rebstöcke von Il Cantante sind auf drei verschiedenen Hängen des Ätna verteilt.

Irgendwo zwischen Großstadt und Dorf

Von der Innenstadt bis zum Weingut ist es nur eine Viertelstunde mit dem Fahrrad. Kurz hinter der Waldschlösschenbrücke sitzt Lutz Müller vor dem von Bäumen gesäumten Kavaliershaus auf dem Anwesen von Schloss Albrechtsberg. "Wir leben in einer Großstadt, aber irgendwie auch auf dem Dorf", sagt er. Der junge Winzer trägt Vollbart und eine rechteckige Brille, hat einen mächtigen Oberkörper und starke Arme. Eigenhändig hat er Mitte der 1990er Jahre die Struppen aus dem Boden gezogen, um seinen Weinberg urbar zu machen. Durch "einen glücklichen Zufall" habe er damals eine Parzelle am Lingnerschloss bekommen, mittlerweile gehört ihm der ganze Hang. Drei Hektar Weinterrassen, Fleck für Fleck erschlossen, oft von alten Kleinwinzern übernommen, deren Kinder ihre Zukunft nicht im Weinbau sahen. Verständlich, denn hier im Steilhang, sagt Müller, "da ist es nicht wie an der Mosel, wo ich mich in den klimatisierten Traktor setze". Stattdessen "viel Handarbeit, viel Dreck".

Müller ist kein Winzerkind, doch Pflanzen haben in seiner Familie schon immer eine große Rolle gespielt. Der Großvater arbeitete in einer Baumschule, die Mutter als Zierpflanzengärtnerin, und der Vater war Obstbauer. Zu DDR-Zeiten bewirtschafteten die Eltern einen kleinen Weinberg in Pillnitz, 500 Quadratmeter, für sie nur ein Hobby, für den Sohn aber der Beginn seiner Leidenschaft. Für ein Schülerpraktikum zog er zum volkseigenen Gut Wackerbarth nach Radebeul, nach der Wende dann in die Ferne, nach Franken und Baden, später sogar Kalifornien. Mitte der 1990er kehrte Müller nach Dresden zurück, "weil es mir hier gefällt".

Nun produziert er 15.000 Flaschen Wein im Jahr, Traminer und Riesling, Müller-Thurgau sowie Weißen und Grauen Burgunder. Zusätzlich öffnet er von März bis November die Straußwirtschaft auf Schloss Albrechtsberg, es gibt Wein und Flammkuchen aus dem Holzbackofen zu fairen Preisen - und einen unbezahlbaren Blick auf das Elbtal und die Stadt, dem auch die Waldschlösschenbrücke seine Schönheit nicht nehmen konnte. Lutz Müller ist nur ein Vertreter einer ganzen Generation junger Winzer, die die Wiederauferstehung des Weinbaus rechts der Elbe verkörpern. Entlang des Flusses zieht sich in und um Dresden ein Gürtel aus Weinterrassen, die auch zu DDR-Zeiten bewirtschaftet wurden - meist in Kleinstparzellen. Nun bringen Winzer in Pillnitz und Radebeul, Meißen und eben auch in Dresden neues Leben in die Hänge.

Nicht alle dieser neuen Weinbauern sind wie Müller in Sachsen groß geworden. Caroline und Christoph Hollenders, Journalistin aus Niedersachsen und Notar aus Werne an der Lippe, haben über den Ausblick von den Elbhängen erst zum Wein gefunden. Ihre Reben wachsen nicht auf irgendeinem Hang, sondern auf Dinglingers Weinberg, dem Land, das einst Johann Melchior Dinglinger, dem Hofjuwelier Augusts des Starken, gehörte. Bald nach der Wende begannen die Hollenders, sich für das Grundstück in Loschwitz zu interessieren - mehr wegen dessen Geschichte und Schönheit als mit der Absicht, Winzer zu werden. Auf ihrem Berg steht Dinglingers altes Landhaus, daneben liegt, noch von Erde bedeckt, die älteste Kegelbahn Sachsens. Schon August der Starke und Peter der Große sollen dort eine Kugel geschoben haben.

Die Weinbergmauern sind nach historischem Vorbild wieder aufgebaut

Die Eigentümer stimmten Mitte der 1990er Jahre dem Verkauf an die Hollenders zu - auch weil diese versprachen, den verfallenen Ort zu sanieren. Die Mieter aber wollten das Feld nicht räumen, es gab Streit, so hässlich wie öffentlich. Ob die Eltern von Lutz Müller ihr Eigenheim verkaufen, um gemeinsam mit ihrem Sohn das kleine Kavaliershaus von Schloss Albrechtsberg zu übernehmen, oder ob Caroline und Christoph Hollenders gut zweieinhalb Millionen Euro in Haus und Weinberg investieren - im öffentlichen Bewusstsein ist das nicht vergleichbar. Hartnäckig hält sich der Argwohn gegen die reichen Wessis, die sich eingekauft haben. Wer ihn teilt, sollte allerdings nicht vergessen, dass auch der Weinberg profitiert. Der Wildwuchs von Dekaden ist gerodet, die Weinbergmauern sind nach historischem Vorbild wieder aufgebaut, Rebstöcke sorgfältig wieder gesetzt.

Auch Dinglingers Landhaus ist wieder ein Schmuckstück, die gefasste Holzbalkendecke von 1640 ist saniert und im Boden wurde der fleckenanfällige Elbsandstein, der hier einst gelegen hatte, durch Jerusalem Stone aus Italien ersetzt. Caroline Hollenders öffnet eine Tür und, voilà, schon steht man im, wie sie sagt, "einzigen original erhaltenen Barocksaal der Barockstadt Dresden". Der helle Holzboden verschwimmt vor dem Auge fast mit den Pastelltönen der Wände. An der Decke zeigt das restaurierte Anemometer nun wieder an, aus welcher Richtung draußen der Wind über den Berg weht. Diese Pracht lag lange verdeckt. Sieben Malschichten waren es an der Decke, elf an der Wand, und Caroline Hollenders schüttelt den Kopf, wenn sie sich an das Sanierungsdrama mit vielen Kraftakten erinnert. Es ist gut ausgegangen: Der Saal zeigt sich heute fast so, wie er zu Dinglingers Zeit vor 300 Jahren ausgesehen haben muss.

Eine Tradition mit weit reichenden Wurzeln 

Die Geschichte der Dresdner Weinhänge reicht viel weiter zurück, ihren Anfang nahm sie wahrscheinlich schon vor dem Jahr 1161. Darauf lässt eine Schenkungsurkunde von Markgraf Otto dem Reichen an die Egidienkapelle in Meißen schließen. Es wechselten Blüte- und Dürrezeiten, Richard Wagner soll bei Schloss Albrechtsberg den zweiten Akt vom Tannhäuser geschrieben haben. Schädlingsplagen warfen den Weinbau zurück: Nach der Reblauskatastrophe von 1887 kam der Weinbau in der Region praktisch zum Erliegen. In jüngerer Vergangenheit waren es aber vor allem politische Umstände, die den Weinanbau in Dresden erschwerten. Auf den Zweiten Weltkrieg folgte ein System, das Kleinwinzern nicht ermöglichte, Rebflächen zuzukaufen. In diesem System und in der Spitzenlage des Radebeuler Goldenen Wagens hat Karl Friedrich Aust seine Kindheit verbracht. Es ist die schönste Weinlage der Region, über geschwungene Terrassen blickt man bis zur Elbe, viele steigen hier abends eine lange, steile Treppe hinauf, um die Sonne über dem Tal untergehen zu sehen. Das Klima gilt als das mildeste von Sachsen, auch deshalb hat Radebeul den Spitznamen "Sächsisches Nizza".

Aust sagt, es sei das große Verdienst seiner Eltern, das Haus in der DDR gehalten zu haben. "Ein Wahnsinn" sei es damals gewesen, sich so ein Gut ans Bein zu binden und es gegen den, wenn auch unformulierten, Willen des Staates zu behalten. Einschränkungen, Vorschriften und staatliche Gängelung machten den Austs zu dieser Zeit das Leben schwer. In den 1960er Jahren sollten der Garten und die Weinfelder einem Schulneubau weichen, die Eltern hielten dagegen. Sie arbeiteten nur nebenbei als Winzer und erhielten das Gut durch karge Mieteinnahmen und sehr viel Arbeit. Es war eine Zeit, in der es zwar für jeden Garten eine Wäscheplatzordnung gab, privatwirtschaftliche Initiative aber keinerlei Förderung erhielt.

Karl Friedrich Aust ist ein hagerer Typ mit feinem blondem Haar, er spricht leise und mit Bedacht. Nach der Wende hatte auch er erst mal das Weite gesucht, machte eine Ausbildung zum Steinmetz am Kölner Dom. Fast jeden Freitag aber trampte er zurück nach Radebeul, am Sonntag ging es mit dem Nachtzug zurück. Irgendwann sagten die Kollegen zu ihm: Du redest so viel von deinem Weinberg, warum bist du dann nicht dort? Geschützt von ein paar Linden liegt sein Gut an einer kleinen Kreuzung, ein Türmchen ragt über dem Hof in den Himmel, der Garten fließt nach oben langsam in den Weinberg aus. Für Aust ist das Gut Kapital und zugleich Verantwortung, etwas daraus zu machen. Da ist zuerst natürlich der Wein: Müller-Thurgau, dazu Weiß- und Spätburgunder, auch Bacchus und Riesling. Der 35-Jährige hat den Weinberg saniert und ein gemütliches Restaurant eröffnet.

Sicher, er könnte noch mehr auf die Beine stellen: "Manchmal kommen Leute auf den Hof und sagen, Mensch, der ist ja noch nicht betoniert, da haben Sie aber noch viel vor." Kisten stehen hier und da herum, und es gibt etliche Anwesen im Ort, die sich akkurater präsentieren. Nicht umsonst gilt Radebeul als gelecktes Nobelstädtchen. Ein kleines Hotel, sagt Aust, darüber ließe sich nachdenken. "Aber wir machen die Dinge hier so, wie sie mir liegen." Und meint damit: langsam und in Ruhe.

Autor

Cornelius Pollmer