Sächsische Schweiz Der Nationalpark an der Elbe

Über Wasser senkt sich die Dunkelheit stets etwas tiefer hinab als über Land. Das gilt für das Meer, den See, den Fluss. Der Fluss ist an dieser Stelle etwa hundert Meter breit, doch aus der Perspektive einer Ente scheinen die Ufer unerreichbar, der Himmel undurchdringlich, das Land eine ferne Welt. Nicht einmal eine Glühwürmin erleuchtet ihren Nachbarn. Tröstlich in dieser gefahrvollen Einsamkeit ist allein das Geräusch des Motors, der schnarrend gegen die Strömung kämpft.

Das Rauschen der Raddampfer, das Kreischen der Powerboote, das plätschernde Treiben der Kanus sind jetzt verklungen, und die Elbe verbirgt ihre reißende Kraft hinter Schweigen. Wenn es dunkel ist, deutet diese Lebensader an, wie lebensgefährlich sie sein kann, die hier vor wenigen Jahren alles mit sich riss. Wenn es dunkel wird, schließen sich in Rathen und Krippen früh die Fensterläden, verbergen sich die kleinen Orte in den engen Seitentälern, kriecht rasch und auch im Sommer die feuchte Luft aus den Felsen zwischen die Häuser, und der späte Gast, dessen Motorboot noch einmal die Molche weckte, geht früh ins Bett.

Zu dieser Zeit sitzen sie in Dresden, nur wenige Mäanderschleifen entfernt, unter großen Laternen in südländischen Höfen, essen gut und reden heiter. Kaum eine Großstadt in Europa hat in ihrer unmittelbaren Nähe eine solche Wildnis wie das mondäne Dresden mit dem urtümlichen Nationalpark Sächsische Schweiz. 20 Minuten mit der S-Bahn genügen, um die Anzeichen menschlicher Industriekultur zu verlassen und die Denkmäler einer Welt zu begehen, die weit vor dem Menschen entstand und die er an vielen Stellen nie beeinflusst hat. Und die Dresdner fahren bei jeder Gelegenheit hinaus, mit Bahn oder Kanu, mit Fahrrad oder Dampfer und manchmal mit Schlauchbooten, die ihre 350 Pferdestärken voll in die Strömung hauen.

Wenn am Morgen das erste Licht des Tages die Wolken aus den Tälern wuchtet, dann sähe man aus der Höhe eines Wanderfalken am westlichen Horizont den Goldenen Reiter August in Dresden und im Osten sein Vorbild, die Sonne. Dann zeigten sich seltene Vögel und die Plätze zwischen Weißtanne und Fels, die noch nie eines Menschen Fuß, sondern höchstens sein Auge aufgesucht hat. Dann sähen wir die prachtvollen Reste einer zerschlissenen und zerrissenen Ebene, die aus einer Zeit stammt, als es Wanderfalken noch gar nicht gab.

Für den wandernden Menschen jedoch beginnt hier in Rathen der Tag gleich mit dem Höhepunkt der Sächsischen Schweiz. Zur Bastei sind es nur wenige hundert Meter, die man sich mit wenigen hundert Mitwanderern teilt. Vorbei an wuchtigen Felsnadeln, deren Schichtung so regelmäßig und geheimnisvoll ist wie ein Dönerspieß, an den Resten einer mittelalterlichen Felsenburg, an diversen Gedenktafeln und an Graffiti aus dem 18. Jahrhundert. Und über die Basteibrücke, die aus Felsen Pfeiler macht, hinauf auf die Aussicht 200 Meter über der Elbe. Von hier sieht man den herrlichen Lauf der Natur, und wer sich Mühe gibt, mag deren Erhabenheit empfinden wie die Maler der Romantik, die fast ohne Ausnahme hier waren. Mehr als 200 Jahre ist es her, dass - so sagt die Legende - zwei Schweizer Maler der Sächsischen Schweiz ihren Namen gaben.

Entdeckt haben sie aber Leberecht Götzinger und Heinrich Nicolai, beide Lehrer und Pfarrer, denen als ersten klar wurde, dass ein Paradies wartet, wo ihre Zeitgenossen nur eine Wildnis gesehen hatten. Die beiden erschlossen Tal und Klamm und riefen ihre Mitbürger in die Natur hinaus. Und sie kamen und staunten. Als erster der zähe Wanderer Johann Gottfried Seume auf seinem Weg nach Syrakus, dann eröffneten Caspar David Friedrich und Ludwig Richter, Hans Christian Andersen und Clemens von Brentano einen Zug der Naturfreunde, der bis heute nicht enden will, aber mittlerweile in feste Bahnen gelenkt ist.

Die Bemühungen, diese in Europa einzigartige Landschaft zu schützen, sind zwar alt, zeigten aber erst kurz vor der Wiedervereinigung Wirkung. Heute leben auf den bizarren Felsen des Nationalparks wieder Pflanzen und Tiere, die an anderen Orten keine Heimat mehr finden, und vor allem ist die Landschaft unseren gefiederten Freunden zugute gekommen. Flächen und Nischen, die kein Marder und kein Luchs erklimmen kann, dienen als Rückzugsgebiet für Uhu, Kolkrabe und Schwarzstorch. Weite Gebiete sind gesperrt, die Kernzonen dürfen nicht betreten, sondern nur auf ausgewiesenen Wegen umgangen werden.

Das heißt aber nicht, dass hier alles, was Spaß macht, verboten wäre. Man darf, kaum zu glauben, an ausgewiesenen Stellen klettern. Das entspricht zwar nicht unbedingt der Naturschutzidee, war den kraxelfreudigen Sachsen allerdings nicht zu verbieten, die gern und bis ins hohe Alter an den Felsen herumturnen - natürlich nur nach den strengen sächsischen Bergsteigerregeln. Und man kann boofen. So nennt sich die Art der Eingeborenen, auf Wanderungen zu übernachten: unter einen Felsvorsprung gekuschelt, die geeigneten Orte werden in stiller Post weitergegeben. Auf allen Schildern des Parks steht, dass so ein Biwakieren verboten ist, wer es dennoch tut, wird mit Milde behandelt, schließlich handelt es sich um Folklore.

Uralte Landschaft, blutjunge Action

Unten auf der Elbe allerdings ist alles erlaubt. Der einst wichtige Handelsweg wird nur noch von wenigen Lastkähnen benutzt, die Schüttgut nach Norden bringen, die wichtigeren Güter nehmen die Bahn: Polos und Touaregs aus der Slowakei. Auf dem Wasser tummelt sich daher alles, was mag: Oma und Opa lassen sich im voll bepackten Kanu treiben, verwegen gebaute Bastarde aus Schlauchboot und Carport machen Party, ein knallrotes Gummiboot spielt mit seinen Gästen Achterbahn. Entgegen kommen ein zehn Meter langes Vehikel Marke Eigenbau und das Motorboot des lokalen Playboys, das gut und gern seine 100 km/h fahren kann, es aber aus Rücksicht auf die Kinder im zerbrechlich wirkenden Faltboot nicht tut. Alles ist in Bewegung, nicht nur auf dem Wasser; Fähren sind überfüllt, die Radwege drangvoll. Man könnte meinen, der Nationalpark sei überlaufen, aber das täuscht. Dies ist die Elbe, das Reich der Freizeit, erst hinter ihr beginnt das Land der besten aller Ertüchtigungen: des Wanderns.

Schon nach wenigen Metern haben sich die Menschenmassen von der Elbfähre auf die vielen ausgezeichneten Wege verteilt, schon nach wenigen hundert Metern kann der Wanderer allein sein. Die kleinen Städte ziehen sich am Ufer entlang und stoßen vorsichtig in die Felsen vor, die Häuser winden sich ins enger werdende Tal, werden immer kleiner und geben schließlich auf. Was dann folgt, ist oft pure Urlandschaft. Schmalste Einschnitte zwischen Klippen, denen kein Mensch folgen kann, heute nicht und nicht vor tausend Jahren. Nur wenige Schluchten sind so breit, dass ein Weg neben das Wasser passt, wie bei der Polenz, deren Lauf man bis zur Quelle folgen kann.

Sie gluckst und flüstert mit ihrer Mädchenstimme, die Wasseramsel stakst in ihren Schnellen und der Eisvogel schießt durch die Wellen und glitzert wie Götterspeise. Um sie herum wächst Urwald, und es blüht in tausend Farben, bewacht von bizarren Felsen. Unterhalb von Hohnstein führt der Weg links in die Wolfsschlucht, die den Hockstein vom Rest der Welt trennt und die, gerade mal schulterbreit und mit Treppen ausgebaut, seine Hochfläche erschließt.

Von hier sieht der Wanderer, dass er auf einer Landschaftsgrenze steht: nach unten die schroffe Schlucht, nach oben das sanfte Tal. Und der Geologe sagt: Oben war Urweltland und unten das Urweltmeer. Von oben trugen die Flüsse Sand ins Wasser und der rieselte hinab, mit unendlicher Ausdauer. Der Sand lagerte sich am Boden ab und, getrieben von der Unruhe, die der Sturm überm Wasser bis in die Tiefe getragen hatte, mahlte er träge hin und her. Die Kieselalge, deren Leben im Aufbau einer mikroskopisch kleinen Schale bestanden hatte, fand hier Erfüllung, der Saurier, vom Alter geschwächt ertrunken, bettete seine Krallen, Schuppen und Knochen in den Sand.

Und der zerrieb alles, was verging, zu nassem Staub, nur hier und da findet man heute noch eine Muschelschale zwischen Rathen und Bad Schandau. So lagerte sich Schicht um Schicht, langsam und stetig, ein paar Zentimeter nur in tausend Jahren, aber nach zehn Millionen Jahren war daraus eine 700 Meter dicke, zu Stein verdichtete Schicht geworden. Entsprechend flacher war die Bucht, und dann hob sich das Land noch ein wenig, das Wasser floss ab, und eine langweilige Sandsteinebene lag zwischen langweiligen Basalthügeln, auf denen noch immer gelangweilte Saurier umhertrampelten. Eine Welt aus einer Zeit, als sich Fuchs und Hase noch nicht Gute Nacht sagen konnten, weil sie noch lange nicht erfunden waren.

Ernst und Respekt verlangend erscheinen heute die Steine des Elbsandsteins. Nicht so wild wie die Alpen oder der Himalaja, denn diese pubertären Berge sind jung, gerade erst entstanden, als Afrika gegen Europa knallte und Indien gegen Asien. Da lag der Sandstein der Sächsischen Schweiz schon seit 70 Millionen Jahren da, wo er heute liegt, hatte schon die Urelbe ihr Bett gegraben, trugen Regen und Wind Korn für Korn davon. Und nach weiteren 30 Millionen Jahren kamen die ersten Touristen die Elbe hoch und bewunderten das Ergebnis der Erosion: Der größte Teil des Sandsteins ist ausgewaschen, die Reste stehen senkrecht als Tafelberge oder gefährlich dünne Felsnadeln.

Noch immer geht dieser Prozess weiter, laufen Rinnsale und Bäche zur Elbe hinab und nehmen ihr Päckchen Sand mit. Es rieselt über Moos und Flechten und meist auch durch den Sand des Steins hindurch, das dauert nur etwas länger. Am schnellsten geht's am Wasserfall wie dem Lichtenhainer, der pittoresk neben dem Gasthaus plätschert, aber alle halbe Stunde ertönt "Conquest of Paradise", das Lied, zu dem Henry Maske in den Ring zu steigen pflegte, und dann schwillt der Bach und fällt zehn Sekunden lang vors Publikum, das sich schnell wieder zu seinen Kuchentellern verkrümelt. Ganz anders ist das am Fall der Amsel, da rauscht es, wenn der Gast es will, aber das kostet jedesmal 30 Cent.

Der Bach aber fließt in den Amselsee und von dort nach Rathen hinunter und gibt seine Ladung Sand an die Elbe ab, an deren Ufer Menschen glücklich in die Abendsonne blinzeln. Sie blicken dem letzten der eleganten Raddampfer nach und schließlich im späten Licht des Tages dem Motorboot des Gastes, der gelernt hat zu wandern und der sich nun erfüllt hinabtreiben lässt nach Dresden, dem Glühen des Goldenen Reiters entgegen.

Autor:
Roland Benn