Dresden Das Loschwitzer Elbpanorama

Am schönsten ist Loschwitz in Blasewitz. Wer an einem Sommerabend vor einem Glas Wein von der Balustrade des Schillergartens über den Fluss auf die gegenüber liegenden Elbhänge blickt, wird sich die Augen reiben: In welchem Süden bin ich hier? Ein ruhig bewegter Hang in üppigem Grün, geziert mit einer Fülle pittoresker Villen zwischen altdeutschem und römischem Habitus, die der pure Lebensgenuss hierher gesetzt haben muss. Der "italische Himmel", den einst Kleist - wiewohl selbst nie in Italien gewesen - über der Brühlschen Terrasse schwärmerisch ausgemacht hatte, hier scheint er noch immer seine Leuchtkraft zu haben. Oder macht das der Wein, mit dem bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fast der gesamte Elbhang bewachsen war?

Dieses Loschwitzer Elbpanorama hat etwas von Postkartenblick: vor uns das "Blaue Wunder", die berühmte, gut hundert Jahre alte stählerne Brücken- Rarität; vis-à-vis die Ortschaft Loschwitz, bekrönt von der weißen Villa Manfred von Ardennes und der Panoramagaststätte Luisenhof. Rechts gleiten die bewaldeten Hänge die Elbe hinauf Richtung Pillnitz. Die Augen nehmen den Fernsehturm als Bildbegrenzung und wir - den Weg über die Brücke.

"Blaues Wunder", das ist ein freundlicher Name für eine Flussüberquerung. Als sie 1893 eingeweiht wurde, war sie mit ihren gut 140 Metern Spannweite auch für das industrialisierte Sachsen ein technisches Wunderwerk.

3000 Tonnen vernieteter Walzstahl waren für eine raffinierte Kräfteverteilung in der Brücke benötigt worden, die seinerzeit auf Stabilität ganz praktisch unter anderem mit im Gleichschritt marschierenden Soldaten getestet wurde.

Mit dem "Blauen Wunder" kam auch das damals noch ferne Dresden in die alten Elbdörfer - in Gestalt geschlossener vierstöckiger Bebauung. Der Körnerplatz, dem wir uns nun nähern, hat mit seinen Gründerzeitgebäuden - noch ist ein Teil arg verkommen - ausgesprochenen Stadtcharakter, nach schwierigen Anlaufzeiten der neunziger Jahre gibt es hier wieder Läden, Cafés und Galerien.

Hangaufwärts finden sich zwei weitere technische Kuriositäten: Zum Weißen Hirsch, dem berühmten Ort der Sanatorien, führt die 1895 erbaute Standseilbahn, nach Oberloschwitz die restaurierte, fast gleichaltrige Schwebebahn. Auf den Fahrgast warten eindrucksvolle Fernblicke und auf der beschaulichen Vier-Minuten-Fahrt die Landhäuser und Villen des wohlhabenden Bürgertums. Um 1900 setzte hier ein regelrechter Bauboom ein. Allein der von Gottfried Semper inspirierten Neorenaissance könnte man eine eigene Spurensuche durch Loschwitzer Sommervillen widmen. Dieser Hang zur schönen Natur hat seine Geschichte. Viele Maler der Romantik siedelten oder arbeiteten hier.

Adrian Zingg aus der Schweiz war einer der Ersten, die die Landschaft in ihren Zeichnungen schilderten. Caspar David Friedrich mietete sich im Sommer 1803 in Loschwitz ein: "Glücklicher, wie ich mich jetzt dünke, kann wohl keiner sein", schrieb er in sein Tagebuch. Es folgten Gerhard von Kügelgen, Carl Gustav Carus und Ludwig Richter, der drei Jahrzehnte lang jeden Sommer "in größter Einsamkeit" in den Loschwitzer Bergen arbeitete und einen biedermeierlichen Künstlerkreis um sich versammelte.

Als sich die Zeiten änderten, wurde August Kotzsch als Chronist seines Ortes auch zum Dokumentaristen des Umbruchs von der Romantik zur Verstädterung. Seine kunstvollen, malerischen Fotografien erzählen von beidem, dem alten Ludwig Richter und der neuen Brücke, von romantischer Dörflichkeit und den neuen Dampfschiffen. Ein bevorzugter Ort für die Kunst ist Loschwitz bis heute geblieben.

Eine Viertelstunde zu Fuß liegt an der Landstraße Richtung Pillnitz - empfohlen sei der Weg an der Elbe - das Künstlerhaus, ein origineller Jugendstilbau, der seit 1898 gut einhundert bildenden Künstlern Atelier und Wohnung bot, unter ihnen Josef Hegenbarth und Hermann Glöckner.Als Institution war er ein Novum in Deutschland.

Auf dem Weg vom Körnerplatz Richtung Elbe lässt sich ein Stück vom alten Loschwitz erleben. Der Dorfkern ist umstanden von den Häusern der einstigen Fischer und Fährleute, Weinbauern und Handwerker - im Haus Nr. 10 lebte Friedrich Wieck, der Vater von Clara Schumann. Viele dieser Anwesen sind von ihren heutigen Besitzern - unterstützt von einem Denkmalpflegeplan - restauriert oder wie die Galerie Hieronymus des Künstlerpaares Angelika und Peter Makolies zum Teil im alten Stil neu erbaut worden. Mit wachsender Elbnähe war die Sanierung nach der Flut 2002 freilich auch zur Zwangsarbeit geworden - der alte Körnergarten mit Blick auf den Fluss hatte völlig Land unter. Die Stammtische der Anwohnerschaft liegen hier inzwischen wieder stabil vor Anker und verhandeln die Weltläufte. Gegenseitige Hilfe und Selbermachen war hier schon immer eine zentrale Devise, zuweilen als eine Art produktiver sächsischer Renitenz, die sich im Osten als Überlebensmittel bewährte.

So entstanden hier diverse Initiativen. In den siebziger Jahren machten junge Künstler das Leonhardi-Museum in der Grundstraße zu ihrem von der Kulturpolitik misstrauisch beäugten, experimentellen Ausstellungsort, der heute, rekonstruiert, die Jungen von damals mit denen von heute ins Kunstgespräch bringt. Ebenfalls eine Bürgerinitiative war es, die Anfang der Neunziger den Wiederaufbau der Loschwitzer Kirche von George Bähr, dem Frauenkirchenbaumeister, in Gang setzte. Die Kirche wurde ausgestattet mit dem geretteten Renaissance-Altar der Sophienkirche und bietet Musik rund um das Jahr.

Die bedeutendste Loschwitzer Bürgerbewegung aber ist das Elbhangfest, das jährlich am letzten Juniwochenende zwischen Loschwitz und Pillnitz mit Konzerten und Tanz, Lesungen und Theateraufführungen, Kinderspaß und Improvisationen auf sieben Kilometern eine ganze Region in Schwung bringt. Kunst- und Bürgerfest in einem, entstand es 1990 aus der unbändigen Bewegungslust der Wendezeit.

Einen besonderen Glanz bekam das Elbhangfest 2005. Das Dresdner Elbtal von Pillnitz bis Übigau ist nämlich 2004 Unesco-Weltkulturerbe geworden und am 25. Juni 2005 folgte die festliche Urkundenverleihung für das große Publikum in Loschwitz. Spötter allerdings argwöhnen durch diese Nobelitierung nunmehr bei den Elbhangbewohnern gewisse Abhebekräfte. Ebenso wird von frohen Trinkern berichtet, die sich in Bedrängnis auf Unesco-Schutz berufen haben sollen. Kurzum, eigenwillige Charaktere trifft man hier allenthalben.

Womit wir bei Schiller wären, dem wohl berühmtesten Loschwitzer. Fast zwei Jahre, ab September 1785, war der bettelarme junge Dichter bei seinem Verehrer Christian Gottfried Körner in Dresden zu Gast, auch in dessen Weinberghaus an der Elbe. In dieser Zeit entstand das Hohelied auf die Elementarkraft der Freundschaft, die Ode "An die Freude". Auch am "Don Carlos" hat Schiller damals geschrieben. Im Juli 1787 verließ er die Stadt Richtung Weimar nicht ohne ein paar giftige, gern zitierte Sprüche über das "zusammengeschrumpfte Volk" der Dresdner zu hinterlassen.

Der Schillerhäuschen genannte Gartenpavillon (Zugang Schillerstraße) ist heute das kleinste Museum der Stadt, das Weinberghaus wird nach seiner Instandsetzung wieder ein Erinnerungsort für die beiden Freunde Körner und Schiller sein, die der Region so fleißige Namensgeber wurden. Geht man also den Körnerweg vom Körnerplatz zum Körnerhaus, sollte man gleich weiter Richtung Innenstadt laufen.

Das ist einer der schönsten Wanderwege nach Dresden hinein. Er führt vorbei an besonders edlen Varianten, an diesem Elbhang zu siedeln: am alten Weingut des berühmten Hofjuweliers Dinglinger, an den Schlössern des preußischen Prinzen Albrecht mit ihren herrlichen Parkanlagen, dem musealen ersten Wasserwerk Dresdens und dazwischen dem heute multifunktionell genutzten, gleichwohl noch immer gruseligen Areal der Dresdner Stasi.

Damit stehen wir an der Grenze der Loschwitzer Fluren mit Idealblick auf die Innenstadt - noch: Denn nach dem Mehrheitswillen der Dresdner wird hier, an einer der breitesten Stellen des geschützten innerstädtischen Elbauengebietes, demnächst eine neue Brücke hart ins Gelände greifen. Pragmatismus versus Schönheit - das alte Lied seit Schillers Zeiten, mindestens.

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Autor:
Hans-Peter Lühr