Dominikanische Republik Tradition Hahnenkampf

Die Hähne haben die bessere Aussicht, zu elft bewohnen sie das Penthouse. Alejandro Nunje und seine siebenköpfige Familie leben im rosa gestrichenen Wohnzimmer im Parterre. Der 62-Jährige und seine Lieben schauen aus ihrem armseligen Häuschen auf eine Gasse, die Hähne auf die grüne Bergwelt jenseits der Stadt.

Der Fernseher plärrt. Reison, Alejandros Enkel, liebt Zeichentrickfilme. Seine Mutter arrangiert rosa Plastikblumen auf einer Vitrine. Und Alfredo Aleman, der Schwiegersohn, kommt mit einem Hammer in der Hand vom Dach, wo er gerade einen Anbau zimmert - für die Hähne.

Familienoberhaupt Alejandro war früher Farmer. Noch heute fährt seine Frau jeden Tag aufs Feld, eine Stunde von hier, wo sie Mais anbauen - und 14 weitere Hähne halten. Denn Hahnenkämpfe, peleas de gallos, sind Alejandros große Leidenschaft.

Die stolzen Gockel, die stellvertretend für ihre Herren Dominanz-Kämpfe austragen, sind sein Leben. Mit ihnen verdient er in guten Monaten umgerechnet 150 Euro, in schlechten gar nichts. Jeden Samstag, Sonntag und Montag schnappt sich Alejandro einen seiner Hähne und begibt sich, den Käfig in der Hand, in seine Lieblingsarena, den Club Gallístico Salvador Henriquez, genannt El Torito.

In der Manege im Norden Santo Domingos ist der kleine dünne Mann mit der Schirmmütze ein ganz Großer. "Grausam?" Alejandro versteht nicht, was Europäer am Hahnenkampf schrecklich finden. Gutes Fressen gibt er seinen kleinen Stars, Mais, Milch und sogar Vitamintabletten aus der Apotheke. Sie werden gepflegt, gestriegelt, der Hahnenkamm beschnitten. Und wenn einer traurig ist, dann nimmt er ihn sogar mit ins Ehebett. "Sie dürfen auf keinen Fall traurig sein", sagt Alejandro, das ist sein Erfolgsgeheimnis.

Grausam? Auch Dr. Anselmo Hernandez, Kinderarzt und prominenter Hahnenzüchter, ist indigniert. Eine Tradition, seit Jahrhunderten! Verlieren oder siegen - so ist das Leben. Gilberto Gobrero, Präsident der Sporenhersteller, wehrt ebenfalls entrüstet ab: "Das industrielle Hähnchenschlachten ist unendlich viel grausamer, aber keiner regt sich auf." Der Hahnenkampf sei ein "Kulturgut, das beschützt werden muss."

11 Uhr im Club El Torito. Stunden noch bis zum Kampf. Doch so, wie es einen echten Fußballfan schon lange vor dem Anpfiff magisch Richtung Stadion zieht, so trudeln auch hier weit vor der Zeit Hahnenbesitzer und Zocker ein.

Die Saftpresserin und der Schuhputzer sind schon auf ihrem Posten, die hübsche Bardame Parelles und die Kassiererin Kenia. Zum Stammpublikum zählen Alejandro, der Schelm; Cuanto, der Haitianer mit der Goldkette; die schönen Gebrüder Rigoruberto. Einige sehen aus wie Bauern, andere wie Dandys. Alejandro hält sein Federvieh wie Hans im Glück im Arm, während ein Schuhputzer ihm die Stiefel wienert.

El Torito ist nicht die nobelste der 1500 legalen und illegalen galleras des Landes. Hier werden nicht, wie etwa im Coliseo Gallístico, die Kämpfe auf Videowände übertragen und die Hähne in Plexiglasschalen gewogen. El Torito ist eine kreisrunde Manege aus verwitterten, grün gestrichenen Brettern. Die eigentliche Kampfzone in der Mitte misst etwa drei Meter und ist mit einem grünen Filzteppich belegt. Ringsum die Tribünen, 287 gelbe, rote und blaue Stühle, dazu Stehplätze auf der offenen Galerie.

Nach dem 1999 überarbeiteten Reglement dürfen nur Hähne gleichen Gewichts und Alters gegeneinander antreten. Die Kämpfe müssen nach 20 Minuten beendet sein - ein Versuch, den Wettstreit weniger fatal zu gestalten. Tatsächlich verlassen heute rund 60 Prozent der Kombattanten lebend die Arena, wenn auch mehr oder weniger schwer gezeichnet.

14 Uhr. Auf einem Stuhl im Schatten des Mangobaums sitzt Leoncio Garcia, Besitzer der Arena. Von diesem Platz aus hat der Ex-General alles im Blick: die Straße, die ankommenden Besucher, den Getränke-Kiosk. Graue Schläfen, Schnauzer, frischgebügeltes Hemd - der 76-Jährige ist ein Gentleman. Seit 30 Jahren gehört ihm der Club, gekauft mit seiner Abfindung von der Armee. "Schlägereien hat es noch nie gegeben, nur Diskussionen", sagt er. Und was für Diskussionen! Stundenlang und hitzig werden die Kämpfe analysiert, ein umstrittener Elfer im Fußball ist nichts dagegen.

Es ist Zeit, die Hähne werden bewaffnet. Die Halter befestigen mit Wachs und Klebeband spitze Plastiksporen an den Fersen der Hahnenkrallen. Die Gockel zittern. "Nicht aus Angst", erklärt einer der Männer. "Sie lassen die Muskeln spielen."

Die Sporenhersteller verkaufen jedes Jahr sechs Millionen espuelas. Die rasierklingenscharfen Messer sind längst verboten, aber auch die heute üblichen Plastiksporen können tödliche Verletzungen verursachen. Das soll keine Tierquälerei sein? "Ohne Sporen würden die Kämpfe eine Stunde dauern, das wäre doch viel grausamer", versucht Gilberto Gobrero zu beschwichtigen, der Vorsitzende der Sporenhersteller. Werden die Tiere trainiert? "Das ist die Kunst", sagt Dr. Anselmo Hernandez und demonstriert auf seiner Farm bei Santiago ein Sparring unter Hähnen: Die Krallen abgepolstert wie mit winzigen Boxhandschuhen, treten die Tiere gegeneinander an. Zuvor hat ein Gehilfe sie heiß gemacht, einen Hahn mit den Händen gepackt und immer wieder auf den anderen zubewegt.

Es ist 17 Uhr, im Club El Torito liegen die ersten Kombattanten auf der Waage. Der Ringrichter geht in Position, acht Kämpfe sind für heute angekündigt. Numero Uno - los! Der Braune hackt auf den Weißen ein, mehr mit dem Schnabel als mit den Sporen. Wetten werden platziert, am Ring, auf der Tribüne, wo immer sich zwei Zocker finden. Und Schluss! Ein Blitzsieg, nach 30 Sekunden liegt der Weiße am Boden. Geldbündel wechseln den Besitzer.

Zweiter Kampf: Der Hahn haut ab, flattert davon. Wird gefangen, flattert wieder davon, noch mal und noch mal. Das war's, Regelverstoß: Wer dreimal kneift, wird disqualifiziert. Riesen-Diskussion in der Arena.

Dritter Kampf: Parelles, in beigefarbenen Nylon-Hosen und durchsichtiger Chiffon-Bluse, bringt kühles Bier im Eimer. Doch beim Hahnenkampf sind die Männer gegen ihre Reize immun. Mach die Manege frei, Mädel! Zwei Magere sind jetzt an der Reihe. Mager, aber bruto - brutal. Federn fliegen, Blut fließt, einer springt auf den anderen - K.o. nach sieben Minuten.

Fünfter Kampf, Rot gegen Weiß, zwei Kraftpakete, das wird zäh. Nach acht Minuten: rote Hälse, rote Spritzer auf der Bande. Nach zehn Minuten: rot durchfeuchtet sogar das Klebeband an den Sporen. Die Tiere taumeln, die Wetten steigen, keiner von beiden gibt auf, 20 blutige Minuten lang. Unentschieden.

Auf dem Hof schütten die Besitzer Wasser über ihre malträtierten Tiere, die sie sofort nach dem Kampf herausgetragen haben. Heben die Flügel, untersuchen die Verletzungen. Tote? Heute keine. Schwerverletzte? Zwei. "Halb so wild", macht sich ein Besitzer Mut, "in drei Monaten sind die wieder fit." Und was, wenn einer stirbt? Da kommt Alejandro über den Hof, der alte Haudegen: "Na, was schon, den kochen wir." Aber Alejandro, du hast doch erzählt, dass du dein liebes Federvieh sogar mit ins Bett nimmst! "Nun", sagt er, "ich ess' sie trotzdem gern."

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