Ostsee Insidertipps für die schönsten Strände Rügens

Schaabe: So fein, so weit, so gut

Als Kind war ich hier Schiffbrüchiger und Wüstenkrieger, die Schaabe war meine ganz private Sahara. Die Erwachsenen trugen große Beutel mit, darin der Proviant für einen ganzen Beduinenstamm. Und Indianer war ich natürlich, eine echte Rothaut, geh mir weg mit Sonnencreme. Die feindlichen Forts waren aus flatterndem Windschutzstoff, die Bleichgesichter feige Eindringlinge aus dem Süden (nach drei Tagen Sonne gehörten aber auch sie zu unserer Sippe). Was haben wir gelacht über die ängstlichen Urlauber, die sich ab Windstärke drei in ihren Strandburgen verschanzten. Jetzt erst machte doch das Springen in die Wellen richtig Spaß. Man konnte Fußball spielen, ohne jemandem auf die Füße zu treten. Oder auf den Bauch.

Das ist heute ein wenig anders – die Schaabe ist enger geworden. Zum einen geologisch: Die  Ostseewellen nagen sachte an der Nehrung, die doch eigentlich noch so jung ist. Erst seit dem 19. Jahrhundert trennt sie den Großen Jasmunder Bodden vollständig von der Ostsee ab, das Meer schwemmt hier Sand an. Eng wird die Schaabe aber vor allem, seit sich auch außerhalb Rügens herumgesprochen hat, dass der Sand besonders weiß und fein ist und das Wasser so sanft abfällt, dass auch kleine Kinder gefahrlos am Meeressaum plantschen können. Und doch: Selbst zur Ferienzeit findet sich irgendwo an der elf Kilometer langen Nehrung immer noch ein Plätzchen zum Baden, Sandburgen-Bauen oder auch für wilde Indianerkämpfe. Die machen jetzt sogar noch mehr Spaß – bei so vielen frisch angereisten Bleichgesichtern.
Info: Die Schaabe verbindet die Halbinseln Jasmund und Wittow. Entlang der Straße zwischen Glowe und Juliusruh liegen Parkplätze, von denen man zum Strand laufen kann.

Jasmund: Eldorado für Fossilien-Sucher

Jasmunder Steilufer
Philip Koschel
Finderlohn garantiert: Nirgendwo auf der Insel liegen mehr Muscheln, Steine und Fossilien als am Jasmunder Steilufer
Dies ist kein Strand zum Liegen und Aalen. Es ist der Strand der Steine, des Treibholzes und der gebleichten Baumstämme, vom Sturm entwurzelt und über den Rand der Kreidefelsen gefegt. Die Küste bei Sassnitz ist ohne Himmel und ohne Wasser – jedenfalls für jene, die unten am Wasser stieren Blickes entlangwandern, manchmal mit der Nase knapp überm Grund. Regelmäßig jauchzen diese Menschen  vor Glück, dann ist wieder ein Schatz gefunden: ein diamantfunkelndes Stück Seeglas, das Kalkskelett eines Seeigels, eine nach Tang duftende Seelilie. Oder ein Belemnit, Teil eines Kopffüßers angeblich. Aber jedes Rügener Kind weiß es besser: Es ist der aus einem Blitz des Meeresgottes geschleuderte "Donnerkeil". Alles selbstverständlich versteinert, Geschenke der Urzeit. Mal ist ein Bernstein darunter, mal ein Klapperstein, in dem ein geheimnisvolles Kügelchen rollt.

Manche können ihr Finderglück buchstäblich kaum fassen: Ein "Sassnitzer Blumentopf" wiegt locker an die 20 Kilo. So ein Brocken mit ausgewaschener Mulde liegt oft in den Vorgärten von Sassnitz, bepflanzt mit bunten Blüten. Sein kleiner Bruder ist der Hühnergott, der löchrige Glücksstein, den Bauern zur Abwehr böser Geister einst über ihre Türen hängten. Hoch über der Kreidewand beugen sich die Wipfel der Buchen, als beäugten sie das Treiben hier unten. Schluss mit dem Sammeln, rein ins Nass: Nur ein paar Schritte, dann geht es tief ab, das Wasser ist oft milchig von der eingeschwemmten Kreide. Sie soll schön machen, sagen die Aufschriften jener Packungen, die man ins Wannenbad schütten soll. Nur ein Werbetrick? Wer weiß – immerhin hält sich seit Jahrhunderten die Legende von der Jungfrau, die in den weißen Felsen wohnt und auf Erlösung hofft. Ihr bestimmt faltenfreier Anblick soll die Fischer heute noch vom Kurs abbringen. Zwischen Sassnitz und Lohme erstreckt sich die zwölf Kilometer lange Kreideküste.
Info: Vorsicht nach starken Regenfällen: Dann drohen am Strand lebensgefährliche Wandabbrüche.

Rügens grüne Strände im Süden

Garz
Corbis/Frank Krahmer
Alleestraße in der Nähe von Garz
Stopp! Fahren Sie bloß nicht direkt zum Strand. Wer zum "Rosengarten" östlich von Garz möchte, sollte sich nicht entgehen lassen, was mindestens so schön ist wie das Ziel selbst: der Weg dorthin. Hier ist das grüne Hinterland noch nicht zertrampelt von den Horden der Sonnenhungrigen. Es braucht Zeit und Muße, das Auto am kleinen Ort Rosengarten abzustellen und den gut zwei Kilometer langen Feldweg zum gleichnamigen Strand zu laufen: Wilde Orchideen wollen bewundert, wilde Beeren vernascht sein. Nutzen Sie die Gelegenheit, der nächste Imbiss-Stand ist weit weg. Rechts und links des Weges stoßen Sie irgendwann auf einen der vielen Seen aufgegebener Kreidetagebaue; vom Feldweg aus sind sie nicht zu sehen.

Eine Warnung, bevor Sie hineinspringen: Das Wasser ist einige Grad kälter als die Ostsee. Wenn Sie darauf gefasst sind, nichts wie rein in den See, anderswo zahlen die Gäste der schicken Sterne-Hotels viel Geld für eine Anwendung mit der angeblich so verjüngenden Rügener Kreide. Ein Wort noch zum Strand, falls Sie es bei allen Orchideen, Beeren und Kreideseen doch noch dorthin schaffen: Der hält reichlich schattiges Grün bereit – die Bäume, Büsche und saftigen Salzwiesen reichen bis an den schmalen Sandstreifen vor dem sanften Boddenwasser heran. Badeplätze wie dieser sind gut gehütete Refugien für alle Einheimischen, die ihre weiten, weißen Strände längst an die Touristen verloren haben. Diese sandigen Flecken, versteckt in den Windungen der Bodden, sind manchmal nur handtuchbreit. Zu erreichen über versteckte Trampelpfade durch Wiesen oder Küstenwälder. Wenn Ihnen Ihr Ferienhaus-Vermieter so einen Strand empfiehlt, dann wissen Sie: Er mag Sie.
Info: Mitten in Garz zweigt die Wendorfer Straße von der L30 gen Südosten ab und führt über das Dorf Rosengarten zum gleichnamigen Strand.

Zudar: Der gelbe Strand

Zudar
Walter Schmitz
Versteckt: Strand auf der Halbinsel Zudar
Der schönste Strand Rügens versteckt sich dort, wo sich die südliche Halbinsel Zudar mit einem vorwitzigen Zipfel in den Greifswalder Bodden streckt. Der Sand ist hier fast so fein wie in der Schaabe. Der Wind ist nie aufdringlich, die Sonne hält sich zurück, sie muss ja auch nicht alles geben. Hier ruht man umzirpt, umzwitschert, umplätschert. Denn kaum jemand verirrt sich hierher, nur die Uferschwalben graben ihre Bruthöhlen in den weichen Lehm der Steilküste namens Gelbes Ufer, die es einige Hundert Meter nördlich vom Strand auf bis zu 15 Meter Höhe bringt. Die gelblich-braunen Sande und Lehme wurden vom Eis der letzten Eiszeit hier abgelagert. Das türmt sich im Winter auch in der Gegenwart noch an Rügens Südzipfel zu kleinen Eisbergen auf. Im Sommer dagegen geht der Blick weit aufs Meer, auf den Wald, auf Segelboote mit Kurs auf den Stralsunder Hafen.

Die Wellen des Boddens sind hier noch klein und flach, wenn andernorts die Wogen bereits hoch schlagen. Wärmer ist es auch, und alles zusammen ergibt diesen "Hauch von Südsee", den Rügen-Dichter gerne beschreiben. Man kann sich in eine karibische Lagune fantasieren, die schmalen hohen Strandkiefern könnten auch Palmen sein. Hier finden sich die besten Flutscher, jene platten Steine, die man wie merkwürdige Insekten übers Wasser hüpfen lassen kann. Aber wem erkläre ich das, Sie waren ja auch mal Kind. Mein Rekord beim Ditschen sind übrigens sieben Sprünge. Wer sich hier niederlässt, hat sich durch die Wildnis Südrügens geschlagen, über Betonplattenwege, am Feldrain entlang oder durchs Gebüsch. Hasten Sie nicht durch die Landschaft, hier gibt es wilde Pflaumen, Beeren, Kirschen. An meinem Strand kann ich schlafen, essen und ein riesiges Bad habe ich auch. Meine Wohnung für den Sommer.
Info: Sie können im Örtchen Grabow parken oder einen Kilometer nordöstlich. Noch näher am Meer liegt ein – nicht ausgeschilderter – Parkplatz im Küstenwald. Von dort führt ein Naturlehrpfad zum Strand und zum Gelben Ufer.

Mönchsgut: Ein Blütenmeer an der Ostsee

Mönchsgut
Philip Koschel
Blütenmeer auf Mönchsgut
Rosa Strandnelken, blaue Berg-Sandknöpfchen oder gelbes Habichtskraut blühen oben in den Zickerschen Bergen. Auf dem 66 Meter hohen Bakenberg wachsen Raritäten wie das Kegel-Leimkraut, der Steife Augentrost oder das Zierliche Schillergras. Was anderswo kaum noch Wurzeln schlägt, gedeiht auf der Halbinsel Mönchgut: Mehr als 90 Pflanzenarten, die hier für ein buntes Blütenmeer sorgen, stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Um sich daran zu erfreuen, muss man nicht mal durch die Hügel streifen, selbst vom Badetuch aus bietet sich beste Sicht ins Bunte: Die Felder und Wiesen sind durchsetzt mit wilden Kräutern und Orchideen, Mohn und  Kornblumen wachsen bis an die Ostsee, den Zicker See oder die Hagensche Wiek heran.

"Das wahre Paradies von Rügen" nannte Johann Jacob Grümbke das Mönchgut schon 1805. Grümbke war Historiker, Geograf und ein enger Freund des Rügener Dichters Ernst Moritz Arndt. Und dass ein Paradies  natürlich einen, ach was, mehrere Traumstrände zu bieten hat, sieht man spätestens vom Lotsenturm auf dem Südperd bei Thiessow: Weißer Sand zieht sich von hier aus hoch bis zum etwa elf Kilometer entfernten Nordperd bei Göhren, unterbrochen nur durch das 15 Meter hohe Kliff am Lobber Ort. Schöne Zugabe: Im Hochsommer lässt es sich hier sogar nach dem Mittagessen aushalten – wenn die Sonne gen Westen weiterwandert, liegen große Teile des Mönchguter Sandstrandes im Schatten der Steilküste und der Zickerschen Berge. Zum Sonnenuntergang sollte man dann aber über die Blumenwiesen hinüber auf die Boddenseite wandern, etwa nach Klein Zicker, auf drei Seiten von Wasser umgeben und nur über eine schmale Nehrung noch mit dem Rest der Halbinsel verbunden. An dem schmalen, zwischendurch auch recht steinigen Strand sind Surfer, Segler und eben Sonnenuntergangs-Romantiker unter sich.
Info: Entlang der L292 zwischen Göhren und Thiessow liegen mehrere Parkplätze, nur wenige Fußminuten vom Strand entfernt. Der einzige Parkplatz von Klein Zicker ist dagegen im Sommer schnell voll.

Quelle:
Autor:
Maik Brandenburg