Schleswig-Holstein Hochseeangeln in der Ostsee

Es sei ein Tag zum Götterzeugen, sagt Reinhard Herbst, stellt das Bier ab und rülpst in den frühen Morgen. Wassertemperaturen um fünfzehn Grad, wenig Wind, leichte Strömung aus Nord. Perfekte Bedingungen. Wie immer an solchen Tagen bleibt seine Frau auf dem Campingplatz drüben in Großenbrode, Blick auf die Ostsee. "Da isse glücklich", meint der bojenrunde Bayer, den zwei fischbestickte Stretchträger in der grünen Army-Hose halten.

Zehn Stunden lang wird Gattin Herbst heute ihre Ruhe haben. Denn zehn Stunden lang wird ihr Gemahl an diesem Junisonntag nicht seinen ehelichen Urlaubspflichten nachgehen, sondern beim Hochseeangeln jagen, töten und schlachten. Rheinhard Herbst will Dorsch. Und zwar viel Dorsch. Der Kampf beginnt um fünf Uhr morgens, wenn die Sonne ein erstes zartes Orange in den Himmel über Heiligenhafen pinselt. Vierzehn Angelkutter liegen im Fischereihafen des beliebten Seekurortes für tägliche Ausfahrten bereit. Und täglich, das ganze Jahr über, buhlen Heerscharen von Petrijüngern um die besten Plätze an Bug und Heck. Denn nur von hier aus kann man die Schnur später in gezieltem Winkel erhaben übers Wasser treiben und die Köder optimal in der Strömung tanzen lassen. Nur von hier kann man ungestört pumpen und pilkern und das richtige Gefühl für die Beschaffenheit des Meeresgrunds bekommen. Und nur so beißt er, der Ostseeleopard, wie Meister den goldgrün gefleckten Dorsch nennen.

Routinert in aller Herrgottsfrühe werden die Reviere abgesteckt

Routiniert und in aller Herrgottsfrühe haben die Stammangler vom ASV Gut Fisch aus Hamburg-Barmbek den gesamten Bug der MS "Tanja" besetzt. Besenstiele werden als Attrappen an der Reling festgebunden, die Reviere abgesteckt. Die echten Ruten, die Prachtstücke, werden erst auf See aus ihren Etuis geschält. Wortlos werden Köderkisten plaziert, Vorfächer mit verschiedenen Hakenmontagen überprüft, Plastiktüten mit allerlei Anglerklimbim verstaut. Dieter, eine schmallippige Gestalt im Siebziger-Jahre-Parka, stellt sorgfältig zwei leere Fünfzehn-Liter-Farbeimer neben sich ab, in der Hoffnung, sie am Ende des Tages kaum noch tragen zu können.

Rheinhard Herbst hat sich den Heckbereich steuerbords gesichert, fummelt an einem Sammelsurium feinst sortierter Köderfische aus Plastik herum und beäugt skeptisch die nichtwissenden Nachzügler, die den Kutter erst nach sechs Uhr morgens besteigen. Tretbootfahrer! Der Wind pflückt eine Tirade Anglerlatein von seinen Lippen. Gegen halb sieben haben sich zweiunddreißig Männer auf dem Motorschiff "Tanja" eingefunden, von denen der beeindruckendste ohne Zweifel der extra aus dem pfälzischen Basenbach angereiste Wolfgang Gros ist.

Wolfgang Gros wiegt schätzungsweise 140 Kilo, hat Hände wie Zangen, trägt Messer und Hammerstiel bei sich und steckt von Kappe bis Stiefel in Camouflage-Klamotten. Wolfgang Gros redet kein Wort und guckt, als wolle er den einzigen beiden nichtangelnden Gästen an Bord am liebsten einen Bootshaken durch den Kopf rammen.

Der Himmel leuchtet blau, das Wasser steht in glühendem Silber

Um sieben Uhr stottern die Diesel. Die Schicksalsgemeinschaft auf der MS "Tanja" läuft aus. Kurs Nordwest, auf 320 Grad durch den Tonnenstrich Richtung Westküste Fehmarn. Der Himmel leuchtet blau, die Ostsee steht in glühendem Silber. Im Süden schwindet das kleine Café am Kai, das ab fünf Uhr morgens Anglerfrühstück mit Speckrührei, Mariacron und 32-prozentigem Kräuterschnaps anbietet. Im Norden glimmt die große Freiheit. Zehn Kutter, darunter die MS "Ostpreussen I" und die MS "Einigkeit" ziehen in harmloser Eintracht über das Meer. Richtung Fanggründe an der Seegrenze zu Dänemark. Richtung Sieg oder Schande. Richtung Dorsch.

Draußen in der Tiefe wartet die Beute. Der Dorsch, wie man den noch nicht geschlechtsreifen Kabeljau nennt, ist ein gieriger Kiemling und der weitverbreitetste Ostseebewohner neben der Qualle. Muscheln, Würmer, Krebse, Seesterne und kleine Fische verschlingt der mehrflössige Raubfisch haufenweise, wenn er auf Nahrungssuche geht, was er quasi ständig tut. Der Dorsch lebt in rund zwanzig Meter Tiefe und hält sich meistens am Grund auf. Dort pflügt er durch Seegras und Tang, klappt sein Maul auf und frisst.

Fachwissen. Dass ein Dorsch zudem ein geselliger Bursche ist und praktischerweise gleich schwarmweise an die Haken geht, weiß inzwischen jeder dämliche Novize. Auch dass es keine Schonzeit gibt und man dem marmorierten Tier ganzjährig zu Leibe rücken kann, hat sich rumgesprochen. Noch erquicklicher, ja, vielleicht sogar magisch aber ist die Tatsache, dass die Fische bis zu anderthalb Meter lang und vierzig Kilo schwer werden können. Man stelle sich das äquatorbreite Grinsen vor, hole man einmal vor versammelter Mannschaft einen derartigen Riesen aus dem Meer. 

Allein die Köderkunde ist ein Universum für sich

Um zu solch stolzen Fangerlebnissen zu gelangen, bedarf es freilich eines feinen Händchens. Und Köpfchen braucht man obendrein. Allein die Köderkunde: Ein Universum! Schon über die Frage, ob man nun Würmer oder Krebsbgedärme auf den Haken spießt oder aber handgeflochtene Kunstfliegen, Spinner, Streamer, bonbon–bunte Pilker oer XXL-Wobbler mit Tieftauchschaufel zum Einsatz bringt – Dorschangler können sich darüber nächtelang in die Haare kriegen.

Dieter, mittschiffs an backbord rumfuchtelnd, bereitet eine gewagte Montage vor. Er schwört auf feuergelbe Wurmimitationen und Gummifische mit PVC-Glubschaugen in Japanrot und Chartreuse-Glitter. "Der Dorsch", sagt er über sein Geschirr gebeugt, "frisst so ziemlich alles, aber das hier sind echte Leckerbissen." Schön mit Drillingshaken versehen, 50er Schnurklasse, monofil, versteht sich, wabbelt sein kreischbunter Kunstfraß in der Brise. Das ganze, für Laien übrigens undurchschaubare, Gedöns montiert er an drei Tönnchen–wirbeln, mit Coil Crimp, Swivel-Link und drei zehner Aber–deen-Haken. Dieter nimmt seine Alaska-Kappe vom Kopf und streicht sich den Schweiß von der Stirn.

Der Blick von Reinhard Herbst am Heck jedoch läßt ahnen, welch unfassbaren Unfug Dieter da treibt. "Farben!" belfert der Bayer. "Der Dorsch erkennt keine Farben! Nur grau. Da kannst ihm einen giftgrünen Hummer hinschmeißen, das ist dem doch egal!" Herbst angelt ohne wichtigtuerisches Ködertamtam. Herbst mag es schlicht. "Das passiert alles im Handgelenk, verstehst? Im rechten Moment ein bisschen zipperln, da spürst sofort, wenn einer dran ist."

Zwei Stunden rollt und schiebt die MS "Tanja" durch die Wogen, vorbei am Flügger Leuchtturm, vorbei an Fehmarns Westküste, hinaus auf die See. Hier draußen, fernab maßregelnder Frauen und elenden Urlaubs–alltags atmet die Anglerbrust ihr salziges Opium. Das Herz pocht ob seines bevorstehenden, ungewissen Schicksals, das sich heute in der dunklen Tiefe entscheiden wird. Aber die Männer halten ihre Erregung im Zaum. Ruhige, kernige Blicke suchen den Horizont ab, die Hände tief in den Armeehosen vergraben.

Dann das! Welch unwürdiges Drama stört den Moment. Der erste schickt einen amrdicken Strahl halbverdautes Frühstück über Bord, im rechten Winkel über die Reling gekrümmt. Rheinhard Herbst, knallrot im Gesicht, zupft die Wollmütze zurecht und läßt seine Augen Kommentare sprühen: Süßwassermatrose! Tümpelhocker! Taugenichts!

Das Signalhorn trötet: Das Zeichen, die Angel ins Wasser zu schwingen

Um neun Uhr vierzehn schließlich wird das erste Mal angehupt. Der Kapitän läßt das Signalhorn tröten: Auf dem Echolot hat sich ein Dorschschwarm abgezeichnet. Die Ruten, eben noch wie zarte Fühler entlang der Reling aufgereiht, werden geschwungen. Köderkonstruktionen fliegen übers Wasser. Schnüre werden aufgespult. Es wird gedrillt und gedängelt, was das Zeug hält. Dem ersten Fänger gebührt stets besondere Ehre. Zudem lassen schon jetzt kleinste Handbewegungen ahnen, wer die hohe Kunst der korrekten Köderführung beherrscht. Oder sich gleich zu Beginn als Stümper outet.

Fischfang.
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Bei diesem Fang schlägt jedes Anglerherz höher.
Und dann, wie in einem miesen Drehbuch: Der erste Coup stellt sich als Niete heraus. Wolfgang Gros’ Rute krümmt sich wie wild, vollführt ein gekonntes Auf-und-Ab, doch im Moment der Wahrheit zieht er ein salatkopfgroßes Bündel Seegras aus dem Wasser.

"Bist wohl von den Grünen, wa!", fliegt ihm prompt ein Spruch von achtern um die Ohren. Aber Gros bleibt cool. Wirft sofort wieder aus. Um neun Uhr zwanzig beißt der erste Dorsch. Mal wieder am Bug. Ein Profi vom ASV Gut Fisch vollstreckt umgehend. Der Fisch kreist kurz an der Oberfläche und ist dann mit einem Schwung an Bord geholt. Ein kräftiger Schlag mit dem Hammerstiel befördert den glibberigen Dreipfünder in die Ohnmacht. Auch am Heck werden die ersten Genicke zertrümmert. Und bald tocken die Hammerstiele an allen Ecken. 

Nachdem auch Camouflage-Wolfgang die ersten Klopper neben sich stapelt, scheint heute lediglich Dieter als "Schneider" zurück zu bleiben. Zuerst hat er nur Algen, "Salat süßsauer", am Haken, und als er danach nur einen mickrigen Jungdorsch landet, weht ihm, hoch oben von der Brücke, der eisige Hohn des Käptn’s um die Nase: "Schmeiß den lütten Pisser bloß wieder af die Kante, den holen wir in einem Monat ab!"

Ein guter Fang: zwei kapitale Dorschmännchen auf einmal

Und zu guter Letzt, als spitze sich der Tag zu einer Tragödie zu, hievt Wolfgang Gros, nur Zentimeter neben Dieters gähnend leeren Farbeimern, die erste Doublette an Bord. Zwei kapitale Dorschmännchen, auf einmal! Mit zuckenden Bartfäden und glitschigen Afterflossen winden sie sich um seine Gummistiefel, bevor Gros ihnen die Haken aus dem Maul rupft und sie, ohne ein entlarvendes Anzeichen von Freude, aufs Deck schmettert. Paff! Paff!

Vielleicht ist dies der Moment, in dem nichtangelnden Menschen gewahr wird, worum es hier eigentlich geht. Denn der hochseegehende Dorschfänger ist keineswegs ein Mann simplen Gemüts. Vielmehr ein Wesen, dass still sein tiefgründiges Wissen ausspielt. Seine Erfahrungen auf den Prüfstand stellt, um mitten auf dem Meer die Natur zu bergreifen  – und sie dann zu überlisten. Hinzu kommen psychologische, ja, menschliche Qualitäten. Die Mäßigung im Sieg. Die Standhaftigkeit in der Krise. Die Tapferkeit in der Niederlage. Tugenden, die erst im wahrhaftigen Kampf ihre Bedeutung finden. Abseits einlullender Quiz-Shows und Campingplätze. So, und nur so, weiß der Angler, wird er ein Großer. Wird er eins mit den verborgenen Geheimnissen des Daseins. Eins mit der Natur. Eins mit dem Fisch.

"Man lernt nie aus", sagt ein neben dem Niedergang stehendes ASV-Mitglied. "Jeder Tag ist anders, jeder Dorsch eine Erkenntnis." Behutsam entfaltet der Mann eine "Bild"-Zeitung, auf deren Schlagzeile sich lilablutige, klebrige Würmer kringeln. "Salzwasserbefeuchtetes Zeitungspapier – macht die Würmer noch schmackhafter", erklärt er. "Weiß der Henker warum, aber der Dorsch liebt das."

Kurz nach Mittag entwickelt sich eine wahre Anglersinfonie

Inzwischen gleitet die MS "Tanja" weiter. Folgt den Fischen, während sich die See gutmütig senkt und erhebt und allen Männern eine tiefe Zufriedenheit die Seele empor kriecht. Bis auf einem. Plopp! Rheinhard Herbst, den die Biere längst glücklich gemacht haben, führt das fünfte Pils an die Lippen. Das Knöllchen gehört nun mal zum Angler wie die Pampers an den Babypo. Plopp. Tock. Tockplopptockplopptock. Kurz nach High-Noon verquicken sich Genickbrüche und ploppende Bierpullen an Bord zu einer großen Anglersinfonie. Irgendwo auf der Ostsee, auf der sich die Angel–kutter aus den anliegenden Häfen jetzt scharenweise tummeln.

Dorsch in der Ostsee.
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Auf den Köder hereingefallen: ein Ostseedorsch.
Über achtzig Dorsche darben inzwischen auf dem Deck der MS "Tanja" oder sind längst hinüber. Biegen sich in Plastikkisten, schleimen reglos neben Trossen und Wasserschläuchen vor sich hin. Eigentlich wäre jetzt Zeit für die traditionelle Erbsensuppe. Gibt’s – "nur nach Vorbestellung!" – für drei Euro fuffzig, mahnt ein Schild in der Kombüse, aus der die meisten heute aber nur Bier und Cola tragen. Leuchtfeuer, begehrte Flachmänner in rotweißem Anstrich, gehen für zwei vierzig über den schwankenden Tresen, und dumme Fragen, so steht’s geschrieben, kosten zehn Euro.

Und bald, die Sonne wandert schon vom Zenit herab, hupt der Kapitän ab. Großdorschjäger Herbst entlockt dem Meer den letzten Kameraden des Tages. "Willkommen an Bord", frotzelt der Bayer und schlägt dem Meeresräuber die Schädeldecke ein.Was mag jetzt in Dieter vorgehen? Die Fahrt geht unwiederruflich ihrem Ende entgegen. Es droht das Finale. Das große Filetieren. Das Urteil. Kaum hat der Kutter abgedreht, werden die gefangenen Dorsche Stück für Stück präsentiert und noch an Bord zerlegt. Da werden Köpfe abgebrochen, Schwänze zerschnitten und Gedärme mit den Fingern herausgeschabt.

Abschluss: Die Ausbeute wird ausgenonmmen

Wolfgang Gros hat vierzehn. Rheinhard Herbst schiebt gar sechzehn Pfundskerle auf das Filetierbrett und schneidet die Fische in tiefkühltruhengerechte Stücke. Und da! Die Bohnenstange vom ASV Gut Fisch kramt ganze neunzehn dicke Oschis aus ihren Tüten. An der Meßlatte offiziell registrierte neun Komma zweiundsiebzig Meter Dorsch am Stück! Tagessieger. Der Sportwart wird ihm später einen kleinen Silberpokal überreichen.

Wie trunkene Götterboten, gierig und längst an das Spektakel gewöhnt, machen sich die Seemöwen über das Blutbad her. Erhaschen fliegende Dorschaugen, schnappen sich über Bord gehende Mägen und zerfetzte Schuppenkleider. Eine weiße Wolke eskortiert die "Tanja" auf dem Heimweg nach Heiligenhafen, während die Männer das familien–sättigende Abendessen für Wochen – quatsch, Monate! – zurechtschnippeln. Überall weißes Fleisch.

Nur Dieter. Dieter hat keinen. Keinen! "Es gibt gute Tage und es gibt schlechte Tage", sagt er und blickt aufs Meer. "Dieses war ein schlechter Tag." Die zwei Dorsche, die sie ihm anbieten, lehnt er selbstverständlich ab. Mit seinen erbärmlich leeren Farbeimern in den Händen schleicht Dieter nach dem Anlegen von Bord und verschwin–det in einem Meer aus Touristen. Das letzte, was man von ihm sieht, ist sein rotes Cappy, auf dem ein Elch reitet. Darunter muss die Hölle los sein.

INFOS

Von Fehmarn bis Rostock fahen an fast allen Ostseehäfen täglich Kutter zum Hochseeangeln raus. Als Mekka gilt Heiligenhafen kurz vor Fehmarn. Die Schiffe legen zwischen halb sieben und halb acht Uhr morgens ab. Die Fahrten dauern in der Regel acht Stunden und enden am Nachmittag. Gefangen wird fast ausschließlich Dorsch, nur selten ist mal ein Plattfisch am Haken. Angeln und Köder können auch an Bord gemietet werden (Kosten: fünf bis zehn  Euro pro Tag, ein Angelschein ist nicht nötig). Nichtangelnde Ausflügler sind willkommen.

Die Angeltouren finden täglich das ganze Jahr über statt, wobei einige Kutter im Januar und Februar pausieren, um auf Werften überholt zu werden. Reservierungen sind meist nur an Sommerwochenenden nötig, wenn die Fahrten oft ausgebucht sind. Die Tagesfahrt kostet zwischen 15 und 25 Euro je nach Kutter und Anbieter. Mahlzeiten und Getränke sind an Bord zu kaufen.

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Autor:
Marc Bielefeld