Rügen Ferien an der Ostsee

Ein Foto mit Sepiastich im Auslagekasten der damals wie heute feudalen Villa Ruscha in Binz - und schon ist das Herz des Urlaubers mit Faible für die guten alten Zeiten erwärmt. Die Menschen sind so, mit Nostalgie kriegt man sie immer. Wie muss es schön gewesen sein. Wie gediegen. Vornehm. Man träumt sich in die Welt der Herrschaften von einst. Wie sie sich an kühlen Tagen auf den Veranden unters Wollplaid schmiegten, den Schiffen am Horizont nachsannen, sich zur Blauen Stunde Assamtee servieren ließen, an heißen Tagen gut geeist.

In den Bädern zwischen Sassnitz und Göhren ist's so, wie es immer war: Ein frischer Wind stiebt über die Dünen, bürstet die Kieferkronen am Meeresrand und durchpustet die Promenadengänger. Ferienfaule verlümmeln die Tage in Strandkörben und an Kaffeehaustischen, unterbrechen den Müßiggang nur durch einen beherzten Hopser in die Ostsee oder das Inspizieren von Geschäftsauslagen. Wie seit je taumeln Möwen groß wie Königspudel vor blauem Himmelstuch und mischen sich Sonnenöl- und Kaffeearomen in die salzig-frische Meeresluft, im Jahr 2007 leider auch Frittenmief. Die Villenzeilen, einst weiß und kühn aufragend an der Küste wie eine Reihe krachgesunder Zähne, dann verlottert in der DDR - sie strahlen längst wieder. Gestrafft wurde die alte Steinhaut, getüncht und mit Stahl und Glas verbrämt. Das mögen die Gäste.

Die Ureinwohner, Fischköppe, zaudern immer noch. Christina Meier von der Kurverwaltung in Binz ist Rüganerin und will es so sagen: "Wir sind hier schnell wieder weiß geworden." Generell sei das in Ordnung, doch "zu glatt und leblos" sei manches Haus jetzt - "aber Verfall gehört doch auch zum Leben." Waren die Bäder zu Zeiten von Honecker & Co. morsch und trist, so herrscht nun flächendeckend Meister-Propper-Optik. Wehte vor 20 Jahren noch ein Hauch von Anarchie durch Rügens Dünen, weil es kaum Kneipen und Geschäfte gab, Jungvolk verbotenerweise am Strand pennte und Lagerfeuer schürte, so ist heute jeder wilde Zipfel Strand domestiziert, mit Ordnungshinweisen gespickt und durchgestylt für die Klientel der Gegenwart: die Jungen und Familien im Sommer, die Alten im Herbst. "Der reine Nackenschlag auch mancher moderne Bau", sagt Frau Meier strafend und führt das "meerSinn" und das "Cerês" an.

Steht man dann selbst vor diesen Neuzugängen an der Villenfront, kann man Frau Meier nicht ganz folgen: Sie fügen sich in ihrer schlichten und modernen Sprache oft besser in das Gesicht des Ortes als manche alte Villa, die - aufgemotzt mit Stahlbalkons und Billigstuck - rüberkommt wie eine Großmutter im Techno-Outfit. Die Gäste halten solche baulichen Verkorksungen nicht zurück - Binz und die anderen Badeorte sind beliebt, allein in Binz fallen jährlich rund zwei Millionen Übernachtungen an. Die Ostseefans sind treu und kommen über Jahre. Die Sachsen schon immer, die Niedersachsen seit eineinhalb Jahrzehnten. Die Eleganz vergangener Zeiten ist allerdings passé - zumindest in Kleiderfragen. Aus feinen Gehröcken wurden Fleecewesten, aus edlen Hüten bunte Käppies, und der Gehstock ist zum Nordic-Walking-Stab geworden. Der Ostseeurlauber von heute liebt es praktisch, er steht auf Wellness und ist meist outdoor unterwegs. Fein macht er sich nur zum Tanzabend "Kesse Sohle" im Haus des Gastes in Binz oder zum Kaffeetrinken im "Hotel Rugard".

Das Meer in Deutschlands Norden galt als unberechenbar

Wie alles anfing hier, erzählen Alt-Rügener bei Abendvorträgen in der Kurverwaltung. Nicht selten lauschen ihnen alte Damen, die leise seufzen, blitzen Fotos aus der Sommerfrische um 1930 auf. Der Sog der Küste hatte die Menschen jedoch schon Mitte des 19. Jahrhunderts erfasst und war das Ergebnis zunehmender Industrialisierung. Die Städte wuchsen, dampften, füllten sich, Adel und Bürgertum sehnten sich nach Ruhe, sauberer Luft und Kontemplation - und man konnte es sich leisten. Zunächst noch galt , zu stürmisch und zum Baden ungeeignet. Selbst die Fischer mieden es, soweit es ihnen möglich war, hatten sie im Hinterland Rügens doch Binnenseen, auch voll mit Fisch.

Dann sprach sich herum, Seebaden ginge doch, im englischen Brighton sei man längst dabei. Der Arzt Richard Russell hatte es Mitte des 18. Jahrhunderts dort en vogue gemacht. Die Deutschen ziehen nach, Pionier-Seebad an ihrer Küste wird 1793 Heiligendamm, auf Rügen Jahre später Sassnitz. Weil dort nur eine blanke Mole in die Ostsee geht, wird Sand aus der Granitz herangebracht und aufgeschüttet. Die ersten Gäste kommen 1824 und wohnen bei den Fischern. 1869 entstehen erste Logierhäuser an der Uferpromenade, 1890 dann, so schreibt das "Handbuch für Reisen und Wandern im Pommernland" von 1932: "erschien die Deutsche Kaiserin, und damit war der Schritt zum Weltbade getan." Kurz darauf Rügens Anschluss an die Eisenbahn, das heißt: anschwellende Gästeschar! Man reist mit Zugehfrau und Koch und wandert alsbald weiter von Sassnitz Richtung Süden - nach Binz, Baabe und Sellin. Dort locken breite, weiße Strände. Zunächst wird nur am Ufer herumgeplantscht, in Zinkwannen, gefüllt mit Ostseewasser. Später, mit wachsendem Mut dem Meere gegenüber, fahren Badekarren in die Wellen, und der Kutscher lässt Markisen herunter, hinter denen sich die Herrschaften ins offene Meer begeben - rundum bekleidet.

Den Badekarren folgen Badeanstalten, erst noch getrennt nach den Geschlechtern; Familienbäder brechen später diese strikte Trennung auf. Seit 1870 ist der Bauboom auf der Insel nicht zu stoppen. Fischer erwerben Land von Fürst Malte zu Putbus, Binz geht voran, direkt am Strand fädelt sich alsbald eine Kette großer Villen auf. Übrigens zumeist von einheimischen Baumeistern entworfen und von Rügener Handwerkern gebaut. Der Baustil ist inspiriert von Leichtigkeit: Laubsägezierrat, Putten, Zinnen. Architektonische Anleihen aus der Schweiz, aus Russland, selbst aus China. Zutaten aus dem Neobarock, der Neogotik, dem Klassizismus und Jugendstil. Erker, Simse, Balustraden. Meist in einheitlichem Weiß getüncht. Viele Villen bekommen Namen, oft nach den Gattinnen der Erbauer: Gudrun, Charlotte, Margarete. Und obligatorisch seinerzeit und von den Gästen ausdrücklich gewünscht: Balkone, tief und schattig, aber mit Blick aufs Meer. Die Badeorte können dem ohne Mühe folgen - die Ostsee liegt nordwärts, also Schattenseite. Niemand der Herrschaften muss sich um seinen Teint Sorgen machen, der bleibt weiß wie die Villenfassaden ringsherum.

In rund 50 Jahren etablierte sich eine Seebad-Oase

Diese sogenannte Bäderarchitektur ist also kein eigener Baustil, sondern ein Mix aus vergangenen Elementen, ein Stilpluralismus, der als Bestandteil des Historismus des späten 19. Jahrhunderts von Kunsthistorikern eher gering geschätzt wird. Und seinerzeit den Unmut von Fachleuten hervorruft: "Die neue Architektur des Strandhotels (in Binz) entspricht in ihrem billigen Pomp mit zahllosen Türmchen schlechter Zeichnung, mit ihren ungefühlten Verhältnissen und grausam banalem Ornament dem Zustand unserer heutigen deutschen Kultur", schreibt Alfred Lichtwark, der Direktor der Hamburger Kunsthalle im Jahr 1905.

Solch Unkenrufen zum Trotz etabliert sich in rund 50 Jahren dennoch eine Seebad-Oase, die denen in Italien und Frankreich in nichts nachsteht und den Geschmack der Urlauber trifft. Hätte man Binz sonst "Sorrent des Nordens" genannt? Das Ausufern des Badespaßes durchkreuzt 1932 Preußens Innenministerium. Der "Zwickelerlass" schiebt der immer frivoler werdenden Badekluft einen Riegel vor - von jetzt an gibt es genaue Vorschriften, was Badehosen und -anzüge zu bedecken haben: quasi alles. Wie es nach Kriegsende mit den Badeorten weiterging, erzählt Dieter Reinhardt, Rentner und Ex-Bürgermeister von Binz, hin und wieder in einer Kaffeerunde im Hotel Rugard. Ihm lauschen dann Studienräte aus Leipzig oder Privatiers aus Baden-Baden. Die guten alten Zeiten - 1945 sind sie vorbei. Zuerst der Flüchtlingsstrom aus dem Osten, Tausende drängen in die Villen, Balkone und Loggien werden zugenagelt, um Raum zu gewinnen.

Über die Insel mit der Rügenbahn "Rasender Roland"

Dann die Gründung der DDR. Walter Ulbricht ärgert sich, dass viele Villen in Privathand sind. Und Werbung in eigener Sache machen: "Bei uns kriegen Sie echten Bohnenkaffee!", steht auf Tafeln vor manchen Gästehäusern. "Am 10. Februar 1953", erzählt Herr Reinhardt, "klickten dann Handschellen." Unter fadenscheinigen Gründen wird verhaftet, enteignet und vertrieben, die "Aktion Rose" macht die Villen zu sozialistischem Staatsbesitz, und ihre Eigentümer flüchten gen Westen. "Die besten Häuser gehen an die Regierung, die zweitbesten bekommt der FDGB, die drittbesten die Großbetriebe," berichtet Herr Reinhardt. Erholung der Werktätigen in Kapitalistenvillen - so ist der Plan. Kein Wunder, dass nach dem Mauerfall die Erben der Verjagten alsbald auf der Matte stehen. Und es im Rückübertragungswahn nach der Wende auch Transaktionen gibt, die man nur als "Wildwest" bezeichnen kann. Von Herren mit Geldkoffern ist die Rede, die alten Mütterchen zu Leibe rückten. Auch von Vertreibung - wieder mal. Diesmal der Ossis. Weg aus den Wohnungen an der Promenade, an den Ortsrand oder rüber in die Platte. Von 49 Häusern an der Wasserfront in Binz sind drei in einheimischer Hand.

Den Urlauber ficht das nicht an, die Bäder sind wieder weiß, zwei Wochen Ferien in Binz - schöner geht's doch kaum. Im Kurhaus sitzen, Scampi naschen. Zum Jagdschloss Granitz wandern, über die Insel zuckeln mit der Rügenbahn "Rasender Roland" und die Kinder in der "Märchenstunde" parken. Die Damen von der Kurverwaltung kümmern sich. Am Nachmittag dann einfach nur die Promenade abschreiten. Und, angekommen vor der Villa Ruscha, von "guten, alte Zeiten" träumen.

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Autor:
Judka Strittmatter