Ostsee Eine Ostsee - zwei Küsten

Die Ostseeküsten in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sind wie Geschwister, die bei unterschiedlichen Elternteilen aufgewachsen sind: gleiche Gene und doch völlig verschieden. Während die Mecklenburgische Küste in der DDR-Zeit Sperrzone war und der Großteil später zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, strömten nach dem Zweiten Weltkrieg mehr Urlauber denn je an die Lübecker Bucht, um in der "Badewanne Hamburgs" zu planschen. Verreisen avancierte in der Bundesrepublik zum Volkssport. Die Ferienorte Timmendorfer Strand, Scharbeutz und Co. hatten Hochkonjunktur und bauten dementsprechend hohe Hotels.

Wo sich heute Sonnenanbeter auf Badetüchern räkeln, schürften die Gletscher der letzten Kaltzeit zungenförmige Mulden aus. Als die Gletscher vor etwa 10.000 Jahren abschmolzen, trockneten die Mulden aus, bis der Meeresspiegel durch das weltweit abgetaute Eis wieder anstieg und die Vertiefungen mit Wasser füllte. Heute bilden die "ertrunkenen" Mulden die Buchtenküste der Ostsee von Kiel bis zum Darß, die von den Wellen und der Strömung ständig umgebaut wird.

Unerbittlich zeigt sich die Ostsee an der Steilküste Brodtener Ufer. Die vier Kilometer lange Steiluferstrecke schließt sich Travemünde im Westen an und ragte als Geschiebesporn zwischen zwei Gletscherzungen etwa sechs Kilometer weiter ins Wasser hinein. Knapp einen halben Meter Küste schluckt das Meer jedes Jahr. Nach heftigen Regenfällen rutschen auch bewaldete Teile des Steilufers einfach ab und werden durch die Kraft der Brandung bei Stürmen zermalmt. Durch die Strömung wandern Gerölle, Kiese und Sande an der Küste entlang. In Niendorf, am Timmendorfer Strand und vor Travemünde spuckt das Meer sie dann wieder an Land.

Die jüngste Geschichte Deutschlands formte die Küsten von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern auf ihre Weise. Während die Ortschaften Niendorf, Timmendorfer Strand, Scharbeutz, Haffkrug, Sierksdorf und Neustadt in Holstein in der Lübecker Bucht immer näher zusammenwuchsen, betrachtete die DDR-Regierung die unmittelbar ans "Kapitalistische Ausland" angrenzende Küste als Bedrohung und riegelte sie ab. Östlich der Grenze schloss sich daher das Sperrgebiet mit Stacheldraht, Minen und Selbstschussanlagen an. Im Grenzbezirk Dassow zogen die DDR-Oberen sogar eine Mauer hoch, um ihre Bürger an der "Republikflucht" zu hindern. Die Ortschaft liegt direkt an einer Bucht der Trave, dem Dassower See. Sehen konnten die Einwohner ihn allerdings wegen der Mauer nicht.

Den Ostseetourismus konzentrierte die DDR-Regierung hübsch entfernt von den alten Bundesländern auf östlicher gelegene Küstenstreifen, den Darß, nach Hiddensee und Rügen. Als die Mauer gefallen war und die Wiedervereinigung vorbereitet wurde, erweiterte die Modrow-Regierung das Naturschutzgebiet an der Mecklenburg-Vorpommernschen Küste. Und so erstreckt sich vom Priwall vis à vis Travemünde bis zum 30 Kilometer entfernten Seebad Boltenhagen unberührtes, einsames Meeresufer, wie man es in Deutschland kaum noch gewohnt ist.

Die Sehnsucht nach dem Meer

Steilufer mit steinigem Strand und heller, weicher Sand wechseln sich ab. Hier gibt es keinen Strandkorbverleih und keine Kurtaxe, keine Buhnen, um Sand anzulagern und keinen angepflanzten Strandhafer. Hier ist alles echt. Und vielen Menschen begegnet man auch nicht. Hier und da ein paar Striche in roten, grünen und gelben Jacken am Horizont, die sich vom Wind die Haare zerzausen lassen.

Parallel zur Küste verläuft ein Rad- und Wanderweg. Man hört das Meer rauschen, aber dichtes Gebüsch aus Weißdorn, Erlen und Brombeersträuchern verstellt die Sicht. Immerhin nützt es als Windfang, sonst könnte die Rad-Tour schnell zur Rad-Tortur ausarten. Absteigen muss der Radler mit einer Dreigang-Schaltung jedoch trotzdem hin und wieder - zu steil sind die Höhenunterschiede der Geestlandschaft, die der Gletscher mit seinen Moränen geschaffen hat. Dennoch belohnt einen die Landschaft für alle erdenklichen Strapazen. Auf dem Weg Richtung Osten ziehen an seiner Rechten Weiden, Äcker und Rapsfelder dahin, die in sanft geschwungene Horizonte münden. Manchmal schmiegen sich auch ein paar Häuser in eine Senke. Die Ostsee an seiner Linken muss man sich einfach vorstellen. Und wenn die Sehnsucht nach dem Meer zu groß wird, biegt man in einen der Strandzugänge ab, die alle paar Kilometer das Gestrüpp durchbrechen.

Boltenhagen, gehört zu Deutschlands ältesten Seebädern

Schon aus der Ferne grüßt Boltenhagen mit Drachen, die über dem Strand hin und her segeln. Der beliebte Ferienort in der Boltenhagener Bucht wurde 1803 als Seebad anerkannt. Seither gehört er zu den ältesten in Deutschland. Die Bäderarchitektur und der akkurate Kurpark trumpfen nicht so auf wie ihre Pendants in Travemünde oder Timmendorfer Strand. Auch gibt es hier keine Bausünden aus den 1960er Jahren, die sich vertikal in den Horizont hineinbohren. Während der Teilung Deutschlands schlief das Ostseebad einen Dornröschenschlaf. Seit der Wende wurden die Häuser mit viel Geld liebevoll wach geküsst. In den Sommermonaten tummeln sich rund 20.000 Gäste und Ausflügler in dem traditionsreichen Badeörtchen - dauerhaft leben nur rund 2500 Menschen in Boltenhagen.

Fährt man ein Stück ins Landesinnere, zeigen sich noch die Spuren der DDR-Politik in der landwirtschaftlich geprägten Gegend: Eine Rinderherde grast auf dem Areal einer verwaisten Landwirtschaftsproduktionsgenossenschaft, kurz LPG. Vielleicht wollen sich die Eigentümer die Abrissbirne sparen - in ein paar Jahren werden die Kuhställe wohl von allein in sich zusammenfallen. Ein anderer Bauer hat dagegen die Zeichen der Zeit erkannt. Auf einem Schild steht: "Blumen, Obst, Eier, Milch, Kartoffeln, Gemüse - Opas Bauernhof Neuenhagen, Bioland seit 1991"

Wallhecken ziehen sich kaum noch durch die Landschaften Mecklenburg-Vorpommerns. Vor 200 bis 300 Jahren bepflanzten Bauern kleine Erdwälle mit Sträuchern, um ihre landwirtschaftlichen Flurstücke durch die "Knicks" abzugrenzen. Als das SED-Regime in den 1950er Jahren die Einzelbauernhöfe zu LPGs zusammenlegte, störten die natürlichen Zäune und wurden abgeholzt und eingeebnet. In Schleswig-Holstein dagegen gliedert ein 45.000 Kilometer langes Knicksystem noch heute die Agrarlandschaft und vermindert die Bodenerosion durch den an der Küste immer wehenden Wind.

Die "Knicks" werden in Schleswig-Holstein mittlerweile sogar durch das Landesnaturschutzgesetz geschützt. Aber hinter so mancher Hecke aus Haselnusssträuchern verbergen sich heute keine Kartoffeläcker oder Getreidefelder mehr. An der Küste der Lübecker Bucht haben einige Bauern ihre Felder verkauft, als sich mit Golfplätzen höhere Gewinne einfahren ließen. Zudem wucherten in den 1950er Jahren die Ortschaften an der Küste entlang, bis sie an die nächste Siedlung stießen - denn wenn schon an der Küste, dann bittesehr auch in der ersten Reihe.

Hinter der Steilküste kommt  ein alter Fischerort

Allein das Brodtener Ufer ist trotz wunderschöner Ausblicke auf die Lübecker Bucht und die Mecklenburgische Küste von der Ferienhausexplosion verschont geblieben. Kein Wunder: Bei einem Küstenrückgang von stellenweise bis zu einem Meter pro Jahr, ist das Haus schneller an der Klippe als seinem Bauherrn lieb sein kann. Auch der Rad- und Wanderweg, der direkt an der aktiven, bis zu 25 Meter hohen Steilküste verläuft, bekommt regelmäßig die Kraft der Natur zu spüren. Hier fehlt schon mal ein Stück Weg, das nun abgerutscht auf dem Strand liegt und von der nächsten Sturmflut geholt wird. Dann muss wieder ein Stück vom Kornfeld für einen neuen Weg abgezwackt werden.

Hinter der Steilküste kommt der alte Fischerort Niendorf, der von den Landverlusten des Brodtener Ufers profitiert. Früher hatten die Fischer noch keinen Hafen und landeten mit ihren Booten am Strand an. Als die Badegästezahlen allerdings zunahmen, fürchtete die Gemeinde, der Fischgeruch könnte die Urlauber verschrecken und baute 1920 den kleinen Fischereihafen. Die bunten Fischerbötchen sind längst eine Touristenattraktion geworden. Dorsch, Scholle, Hering, Heilbutt und Makrelen verkaufen die Fischer fangfrisch in ihren Buden direkt am Hafen.

Ab Niendorf bis Timmendorfer Strand reiht sich dann eine Strandkorbvermietung an die nächste. Ein künstlicher Dünengürtel, der mit Strandhafer bepflanzt ist, trennt die Strandpromenade vom Ufer. Auf der Landseite stehen herausgeputzte Ferienhäuser und Pensionen. An Stilrichtungen ist fast alles vertreten - von klassisch holsteinisch über 1960er-Jahre-Architektur bis hin zu kuriosen Kombinationen aus Reetdach und japanischen Stilelementen.

Timmendorf - sieben Kilometer langer Strand und die Ostsee

Den Timmendorfer Strand selbst darf man nur gegen Kurtaxe betreten, was der Beliebtheit keinen Abbruch tut. Leicht kann man im Sommer den Zorn des Strandkorbnachbarn auf sich ziehen, wenn der Beachvolleyball versehentlich auf seine Sandburg fällt. Und beim Baden in den Fluten sollte man die Seebrücke meiden, an der sich die Wellenreiter mit einem Sprung ins Wasser das anstrengende Rauspaddeln ersparen.

Das Tourismusangebot ist auf unterschiedliche Geschmäcker, Alter und Geldbeutel ausgerichtet: Hier gibt es alles - außer einsame Strandspaziergänge. Der sieben Kilometer lange Strand und die Ostsee bieten Platz für eine ganze Palette von Sportarten wie Katamaransegeln, Surfen, Beachvolleyball, Tauchen und Joggen - Strandpartys nicht zu vergessen. In der Umgebung kann man den Golfschläger oder dessen Miniaturversion schwingen, die Landschaft vom Pferderücken aus betrachten, Wasserski oder Rollschuh laufen. Und wenn es mal regnet, kann man die Haie, Riesenrochen und Oktopusse im Sea-Life-Aquarium bewundern, im Meerwasserhallenbad statt in der Ostsee schwimmen oder sich in einem der Wellnesstempel verwöhnen lassen.

Timmendorfer Strand gilt heute als eines der mondänsten Ostseebäder und weiß, was sich seine Klientel wünscht. Neben den obligatorischen Läden mit Softshell-Jacken gibt es in den Edelboutiquen auch Samt und Geschmeide, mit denen man sich in den Sternerestaurants sehen lassen kann. Klassikkonzerte, Lesungen und Kunstausstellungen runden das Von-allem-etwas-Programm ab und im Kurpark schreckt man auch nicht davor zurück, die Gäste mit bayerischen Volksbands beim Weißwurst-Frühstück zu unterhalten. Während sich die holsteinische Küste also weltmännisch bis allerweltsmäßig präsentiert, kann man bei ihrer mecklenburgischen Schwester noch gespannt sein, wie sich der Tourismusaufschwung seit der Wende auswirken wird.

Autor:
Katharina Müller-Güldemeister