Sachsen Der Augustusplatz in Leipzig

Eine Empfehlung: Setzen Sie sich auf den Augustusplatz – nicht in die Mitte, da werden Sie von der Straßenbahn überfahren, besser neben einen der zwei Brunnen. Betrachten Sie aufmerksam die größten Bauten und sagen Sie, woran sie Sie erinnern. Das ist wie Wolkengucken, geerdeter zwar, aber kein bisschen weniger fantastisch.
Recht einfach ist es noch beim Opernhaus aus den sechziger Jahren: die Geburtstagstorte eines formstrengen Konditormeisters, oder? Schwieriger wird’s beim Gewandhaus aus den frühen Achtzigern, dem Riesenbrocken gegenüber. Ein aufgetauchtes Tiefseemonster vielleicht, das mit aufgerissenem Maul den Mendebrunnen vor sich schlucken will. Das würde sogar passen, weil an dem neobarocken Ding lauter märchenhaftes Meeresungetier aus Bronze steckt, das eitel Wasser vor sich hinspuckt.

Gänzlich hilflos aber blickt man auf die neu errichteten Universitätsgebäude mit der angedeuteten Fassade der zerstörten Paulinerkirche mittendrin. Was soll das nur sein? Es ist ein Kompromiss. Etwas, das niemand schön und wirklich gut findet, die exakte Mitte zwischen  expressiv-moderner Plastik und spießigem Schrankwandaccessoire. Was kein Wunder ist, denn um keinen Bau an diesem Platz gab und gibt es so erbitterte Debatten, keiner entstand demokratischer, wenn man so will. Planung und Bau zogen sich ewig hin, was vor allem an der Frage lag, ob dort, wo einst die Kirche stand, wieder eine Kirche sein sollte oder eine Aula der Universität. Dass der ganze Komplex zur Universität gehört, war schon immer klar, aber es ging eben auch um eine Art Wiedergutmachung der gottlosen Jahrzehnte nach dem Krieg, in denen der Augustusplatz  Karl-Marx-Platz hieß.

Wenn auch die DDR die größten Spuren auf dem Platz hinterlassen hat, wäre es ganz falsch zu sagen, allein die DDR sei schuld daran, dass von seiner einstigen Schönheit kaum mehr etwas zu sehen ist. Die alte Paulinerkirche ließen die Kommunisten 1968 sprengen, der Rest aber, das  Bildermuseum, Theater, Universitätsgebäude, Post – all das fiel dem Krieg zum Opfer. Der Augustusplatz ist ein ausgesprochen deutscher Platz. Große Nazi-Aufmärsche gab es hier, in der Pogromnacht 1938 brannte das Kaufhaus Bamberger & Hertz, weil es Juden gehörte.

Kroch-Hochhaus: Zwei Bronzemänner schlagen die Glocke

Beobachten ließ sich die Hatz vom "Café Felsche" gleich gegenüber. Das hatte lange "Café français"  geheißen, was zwar fein und teuer klang, aber seit 1914 nicht mehr deutsch genug. Heute befindet sich an selber Stelle ein Neubau mit einem deutschen Restaurant, das sich italienisch gibt. Der Leipziger geht mit der Zeit. Das einzige erhaltene etwas ältere Bauwerk am Platz, das der Rede  wert ist, ist das Kroch-Hochhaus aus den 1920er Jahren. Mit seinen elf Stockwerken ist es zwar nicht so wahnsinnig hoch, fällt aber auf – dank der Glocke auf dem Dach. Zwei Bronzemänner schlagen sie mit großen Hämmern. Darunter die Inschrift: Omnia vincit labor, Arbeit siegt über alles, die bemerkenswert ist, da es sich ursprünglich um ein Bankhaus gehandelt hat, ein Ort also, an dem vor allem das Geld arbeiten sollte.

Es gibt noch eine zweite Glocke auf dem Platz. Sie erinnert weder an die Uhrzeit, noch an den Wert der Arbeit, sondern an die bemerkenswertesten Augenblicke in der Geschichte dieses Ortes: Bei den Montagsdemonstrationen des Herbstes 1989 spielte der Karl-Marx-Platz, wie er damals hieß, eine große Rolle. Jede Woche trafen sich mutige Leipziger zum Friedensgebet in der nahe gelegenen Nikolaikirche. Als sie aus der Kirche kamen, versperrte die Polizei den Weg in die Innenstadt. Statt in alle Richtungen zu verschwinden, liefen sie zum Augustusplatz, an dem die Straßenbahnen fuhren. Und merkten erst dort, wie viele sie waren. So viele, dass die Bahnen nicht mehr durchkamen und die Polizei machtlos danebenstand. So wurde aus der Ansammlung eine von Woche zu Woche wachsende Demonstration, die sich vom Platz aus um den Leipziger Ring bewegte und das Land umkrempelte: "Wir sind das Volk!" – "Wir sind ein Volk!"

Die Glocke auf dem Platz nun ist ein Mysterium oder besser: ein Zeichen der sympathischen Hilflosigkeit einer Demokratie auf der Suche nach der großen Geste. Das heldenhafte Einheits- und Revolutionsdenkmal, das die Leipziger gern hätten, bekommen sie nicht hin, weil sie sich auf seine Form nicht einigen können. So haben sie erst mal dieses goldene Ei aufgestellt und "Demokratieglocke" genannt. Es ist aus Bronze, eineinhalb Meter hoch und steht zu ebener Erde. Wer es sucht, der findet es kaum, und wer es gefunden hat, versteht nicht, was es soll. Ein Ei eben, das in unregelmäßigen Abständen läutet (bei der Einweihung 2009 hat es das überhaupt nicht getan, was ein bisschen peinlich war, weil es doch hieß, das Ei sei eine Glocke). Am Boden steht ein rätselhaftes Haiku: "Demokratie ist – in unendlicher Nähe – längst sichtbar als Kunst".

Augustusplatz, der Name klingt, der Dimension entsprechend, groß. Verweist aber auf den eher glücklosen König Friedrich August I., der verehrt wurde, weil er vor zweihundert Jahren das kleine Sachsen zwischen den europäischen Übermächten zu behaupten versuchte, nicht zuletzt gegen Preußen. Da lässt sich eine Parallele ziehen: Mitte des 19. Jahrhunderts feierten die Sachsen mit und auf dem Platz ihre Eigenständigkeit, um dann, nach der Reichseinigung 1871, an genau  derselben Stelle die schönsten Einheitsfeiern mit einem Hoch auf den preußischen Kaiser zu begehen. Schließlich der Herbst 1989: Erst erstritten die Leipziger die Volksherrschaft in der DDR. Und zwei Monate später ging es ihnen um die Auflösung ihres Staates im reichen Deutschland. Mal Eigenständigkeit, mal Aufgehen im Großen – der Leipziger geht mit der Zeit, und nirgends ließ und lässt sich das so gut beobachten wie hier.

So ein großer Platz taugt zum Marschieren, wer auch immer zum Marsch geblasen hat. Das können König, Kaiser, Diktator oder Einheitspartei sein. Oder auch, ganz ausnahmsweise mal: das Volk.

Sehensertes am Augustusplatz:

Ägyptisches Museum: Im Kroch-Hochhaus zeigt die Universität Stücke der ägyptischen Sammlung,
etwa einen mit Hieroglyphen verzierten Zedernholzsarg und ein 4000 Jahre altes Kupferdiadem.
www.aegyptischesmuseum.uni-leipzig.de

Gewandhaus und Oper: Mit dem Gewandhaus steht am Augustusplatz eins der wichtigsten deutschen Konzerthäuser – mit der Oper als Nachbar.

Panorama Tower: Ein Besuch des marketinggerecht umbenannten 142 Meter hohen Uni-Hochhauses lohnt wegen der Aussichtsplattform. Mit Restaurant in der 29. Etage.
www.panoramaleipzig.de

Stadtpfeiffer: Gourmet-Restaurant direkt am Gewandhaus. Petra und Detlef Schlegel sorgen hier seit fast 15 Jahren für kulinarischen Hochgenuss. Wenn nebenan das Orchester spielt, wird ein kleines "Auftakt"-Menü serviert. Oder man bestellt das Galadiner, das vorm Konzert anfängt – und danach einfach weitergeht.
www.stadtpfeiffer.de

Uni-Campus: Der brandneue Campus am Augustusplatz zeigt, wie zeitgemäßes Studieren geht. Hintergründe liefert die geführte Tour von "Leipzig Details", Treffpunkt jeden Samstag um 11Uhr im
Neuen Augusteum. www.leipzigdetails.de

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Autor:
David Ensikat