Sachsen Baumwollspinnerei in Leipzig

In der Galerie Dukan gerät Lætitia Gorsy ins Schwärmen. Sie wirft eine blonde Strähne zurück, hebt das Kinn – und sieht aus, als wäre sie einem der sinnlichen Ölgemälde des Malers Olivier Masmonteil entstiegen, vor denen sie steht. Ihren französischen Akzent moduliert sie zu einer einnehmenden Sprachmelodie, wenn sie die Leipziger Dependance mit der in Paris vergleicht: "Das hier ist ein eigener Kosmos. In Paris ist alles eng und klein. Hier in Leipzig hat die Kunst viel Raum, alles ist groß. Sogar aus China kommen Menschen hierher, um Kunst zu kaufen."

Leipzig größer als Paris? Die Galeristin, die vor drei Jahren als Künstlerin nach Leipzig kam und sich in die Stadt und die opulente Architektur der Baumwollspinnerei verliebte, ist nicht die Einzige, die zu großen Worten greift, wenn es um die Faszination der Leipziger Kunstfabrik geht. Der Guardian tönte vom "hottest place on earth". Dukan ist die elfte Galerie, die sich in der markanten Industriearchitektur eingerichtet hat. Auf turnhallengroßen Etagen haben Künstler 120 Ateliers bezogen. Dreimal im Jahr laden Galeristen und Kreative zum großen Rundgang über das Areal ein und Tausende kommen. Etliche Künstler öffnen dann ihre Ateliers, stellen ihre Werke und sich selbst aus. Ein Kunstjahrmarkt, auf dem Touristen neben Sammlern aus New York über Kopfsteinpflaster und vergessene Bahnschienen flanieren und Zeuge werden können, wenn über einen Neo Rauch oder einen Tilo Baumgärtel verhandelt wird oder die Schauspielerin Andrea Sawatzki mit ihrer Entourage für Glamour sorgt.

Gerade ist der zehnte Frühjahrsrundgang vorüber, ein Jubiläum mit 30000 Besuchern an einem Wochenende. Im Minutentakt hat Sophia Loth deren Fragen beantwortet. Von der Sehnsucht gesprochen, die ihre verlassenen Landschaften beseelt. Und von ihrer Installation "Soundscapes". Sie steigt auf einen Stuhl und schaltet die Geräuschkulisse dazu ein. Durch die beiden raumhohen, von gusseisernen Streben durchkreuzten Fenster fällt üppiges Tageslicht auf die mysteriösen Landschaftsbilder in Öl. Im Atelier kratzt, schabt und klopft es nun. Malgeräusche, von einem Komponisten zur Klanginstallation verfremdet. Vor einem Jahr hat die Nachwuchskünstlerin ihr Atelier bezogen. Studiert hat sie wie so viele hier an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, der renommierten Kunsthochschule. Die Spinnerei nennt sie "einen Traum für jeden jungen Künstler". Die internationalen Kollegen, die hier für einige Monate einzogen, schwärmten gar von einem "Kunst-Mekka" mit idealen Arbeitsbedingungen, berichtet sie. Wo man nur über den Hof gehen muss, um in der Lithografie-Werkstatt eine Zuarbeit zu vereinbaren, den Rat oder die Inspiration eines Kollegen einzuholen oder bei einer Ausstellungseröffnung ein neues Projekt anzuschieben. 

Christiane Baumgartner gehört zu den Pionieren auf dem Gelände der Spinnerei. Sie war eine der ersten Kreativen, die die mehrgeschossigen Ziegelbauten Anfang der 1990er Jahre für sich entdeckten. Die hohen Hallen und zerfaserten Böden, das Raue, die Ruhe. Seit dem Bau der letzten Fabrikhalle im Jahr 1907, als an Zehntausenden Spindeln Garne gesponnen wurden, thronen die Kolosse wie für die Ewigkeit gebaut auf dem weitläufigen Areal. Nach ihrem Einzug in die leeren Fabrikräume sind beide berühmt geworden: Baumgartner und die Spinnerei.

Die Künstlerin sitzt in ihrem Atelier vor ihren schwarzweißen Holzschnitten und erinnert sich: "In der Anfangszeit waren wir nur eine Handvoll Künstler. Auf zwei Etagen haben Frauen sogar noch gesponnen. Wir sind durch die Hallen gestreift, um Stühle, Tische und Bänke zu sammeln. Dieser Zustand einer verlassenen Ruine hielt einige Jahre an." Bis zum Boom der Neuen Leipziger Schule. Neo Rauch, ebenfalls Spinnerei-Pionier, wurde zum Weltstar. Galerist Gerd Harry Lybke, genannt Judy, der wesentlichen Anteil an Rauchs Erfolg hatte, zog ein. Und fortan war alles anders. "Der Hype hatte groteske Züge", erinnert sich Baumgartner. "Große Hüte, hohe Absätze, die von einer Galerie zur anderen stöckelten." Die neuen großen Namen lockten Schaulustige und Kreative gleichermaßen an. Die Spinnerei wurde hip. Neben den Künstlern siedelten sich Modeschöpfer und ein Klaviergeschäft an, sogar ein Callcenter mietete sich ein, das sich aber dezent in eine Nische hinter Ziegelgemäuer einfügt. Für Baumgartner ist die Spinnerei immer noch ein kreativer Rückzugsraum, in dem sie hinter einer Stahltür Monate an einem Holzschnitt feilen kann: "Dazu brauche ich eine fast meditative Ruhe. Die finde ich hier."

Werkschauhalle in der Baumwollspinnerei
Peter Hirth
Werkschauhalle in der Baumwollspinnerei
Wie viele Künstler bleibt sie für die meisten Besucher unsichtbar – die werden dafür in den Galerien entschädigt. Und in der Werkschauhalle. Regelmäßig zeigen die Künstler hier ihre Werke. Die surreale Düsternis eines großformatigen Neo Rauch neben Holzschnittwäldern von Christiane Baumgartner. Größen wie Matthias Weischer, David Schnell und Rosa Loy neben unbekannten Talenten, Figürliches und Abstraktes. Vor den Gemälden und Skulpturen verharren welterfahrene Kunstsammler und staunen auf Deutsch, Englisch oder Französisch über die Bandbreite dessen, was in der Spinnerei entsteht. Nur wenige Exponate entsprechen dem, was unter dem Label "Neue Leipziger Schule" firmiert. "Wir sind keine Kommune, sondern Einzelkämpfer, die zusammenfinden, wenn sie es wünschen", sagt Baumgartner.

Auch wenn die Türen der meisten Ateliers verschlossen bleiben, gibt es für Besucher viel zu entdecken. In einem Kellerraum etwa wummert elektronische Musik. Auf großen schwarzen Quadern ist dort die immer gleiche Telefonnummer endlos auf Stoff geschrieben. Auf Flachbildschirmen stolzieren Models über einen Laufsteg, bevor in Großaufnahme ein Styroporfuß abrollt. Der Künstler Ronny Szillo, der die Galerie BSMNT betreibt, richtet sein rotes Basecap und erklärt die sperrige Installation als "Dekonstruktion der Mode". Das Werk bleibt rätselhaft, aber Szillos Leidenschaft im Gedächtnis. Weit hinten auf dem Gelände lässt sich Claudia Biehne beim Arbeiten zusehen – ihr Atelier ist auch Ladenraum. Aus Porzellan brennt sie Lampen und korallenförmige Skulpturen, während sie beinahe ehrfürchtig über die Sinnlichkeit der Keramik philosophiert.

Und dann ist da noch die Halle 14. Nirgendwoverschmilzt die Architektur so sehr mit den Exponaten wie hier. Ein rotes Ruderboot und der Torso eines Hubschraubers verlieren sich in dem weitläufigen Raum beinahe im Wald aus Stahlträgern. Es geht um die menschliche Hybris, erklärt Michael Arzt. Der künstlerische Leiter, ausgestattet mit Brille, Vollbart und intellektueller Rhetorik, kann Prometheus, Ikarus und Albert Camus zu einer komplexen Aussage verflechten. Aber wenn Schüler oder Besuchergruppen in die Halle 14 kommen, dürfen sie auch gern einfache Antworten einfordern. Oder in der Bibliothek Tausende Kunstkataloge durchstöbern. Arzt sieht sich als Kunstvermittler, will Berührungsängste abbauen. In den Galerien geht es um große Kunst und das große Geld. Halle 14 ist das Kontrastprogramm. "Wir sind ein offenes Haus", sagt Arzt. "Hier kann jeder einen Zugang zu moderner Kunst finden."

Luru Kino in Leipzig
Peter Hirth
Luru Kino in Leipzig
Im Sommer treffen sich abends unter dem alles überragenden Schornstein Szene-Gänger zum Freilichtkino. Man sitzt auf Stühlen und trinkt "Lipz"-Schorle aus Flaschen, deren bunte Etiketten von Christoph Ruckhäberle stammen, der nicht nur Künstler ist, sondern mit einem Kollegen auch das Kino in der Spinnerei betreibt. Das Licht der Leinwand taucht die Ziegelfassaden beständig in andere Muster und Farben. Die Kulisse wird zum Ereignis. Und wer sich im richtigen Moment vom Autorenfilm ablenken lässt, kann mit etwas Glück sogar einen Blick auf Neo Rauch erhaschen, wie er nach einem langen Arbeitstag die Spinnerei radelnd hinter sich lässt. 

Infos zur Baumwollspinnerei in Leipzig

Die ersten Künstler zogen Anfang der 1990er Jahre in die ehemalige Baumwollspinnerei in Lindenau. Heute sorgen 120 Ateliers für Leben auf dem Areal. Im Januar, Mai und September lädt die Spinnerei jeweils ein Wochenende lang zu Rundgängen ein, was Tausende von Besuchern anzieht. Ansonsten sind viele Werke der Künstler in den Galerien zu sehen. Im ältesten Gebäude (Halle 20 A) informiert im "archiv massiv" eine kleine Dauerausstellung über die Geschichte der Spinnerei, die bis ins Jahr 1884 zurückreicht. Hier starten freitags zwischen 12 und 17 Uhr und samstags zwischen 11 und 17 Uhr zur vollen Stunde Führungen zu Galerien und Werkstätten. Anmeldung unter Tel. 0341 4980222.

Spinnereistr. 7; www.spinnerei.de

Galerien in der Baumwollspinnerei

Die elf Spinnerei-Galerien zeigen ein breites Spektrum aktuellen Kunstschaffens. Werke bekannter Leipziger Künstler findet man etwa in der Galerie Eigen+Art von Gerd Harry Lybke (Tim Eitel, Neo Rauch, David Schnell), in der Galerie Kleindienst (Tilo Baumgärtel, Rosa Loy, Christoph Ruckhäberle) und in der Maerzgalerie (Hans Aichinger). Die Pariser Galerie Dukan begann 2014 als Spinnerei-Gast, jetzt ist klar: Die Dependance bleibt.

www.eigen-art.com
www.galeriekleindienst.de
www.maerzgalerie.com
www.galeriedukan.com

Halle 14: Der gemeinnützige Verein, der hier mehrmals im Jahr Ausstellungen präsentiert, bietet auch Workshops für Kinder und Erwachsene. 
www.halle14.org

Luru Kino: Von Erotik-Trash bis zu Horror-Perlen: Im kleinen Saal läuft ein schön schräges Programm. Im Sommer Freilichtkino.
www.luru-kino.de

Porzellanatelier in der Baumwollspinnerei

Claudia Biehne: Das Angebot reicht von günstigen Accessoires bis zu filigranen Skulpturen für mehrere Tausend Euro. 
www.biehne-porzellan.de

Meisterzimmer: Mehr Industrial Chic geht nicht: Die Pension hält – ganz nah an den Künstlerateliers – vier loftartige, äußerst geräumige Zimmer bereit, ab 75 Euro für zwei Personen. 
www.meisterzimmer.de

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Autor:
Michael Kraske