Schwarzwald Zu Besuch im Internat St. Blasien

Es ist nicht leicht, zu Pater Leutenstorfer vorzudringen. Zwei Türen und ein Flur trennen das Schularchiv, in dem er arbeitet, vom Rest des Gebäudes. Klopfen hört er nicht, man muss sich übers Handy bemerkbar machen. Als er schließlich öffnet, schaut er unbegeistert - ein Interview ist offensichtlich eine der unvermeidlichen Prüfungen, die der liebe Gott einem Jesuiten auch mit 82 nicht erspart.

Pater Peter Leutenstorfer soll am Anfang dieser Geschichte stehen. Fast die Hälfte seines Lebens hat er am Kolleg St. Blasien verbracht, dem Jesuiten- Internat hoch oben in einem engen Schwarzwaldtal, untergebracht in einem Barockkloster. 1947 hat er selbst an der Schule Abitur gemacht. Nach seinem Ordenseintritt arbeitete er ein Vierteljahrhundert hier als Lehrer für Latein, Deutsch und Griechisch und unterrichtete unter anderem junge Freiherrn und Grafen - St. Blasien hat das Image einer Eliteschule, der katholische Adel schickt seine Kinder bis heute gerne hierher. In manchen Jahrgängen haben fast zehn Prozent der Schüler ein "von" im Namen.

Pater Leutenstorfer geht in sein Büro, schiebt einen Stapel Papier auf dem Schreibtisch zusammen und heftet ihn ab - die Übersetzung eines Jesuiten-Theaterstücks von 1625, die er an diesem Morgen beendet hat. Worum es in dem Stück geht? Um die heilige Cäcilia. Wie lange er dran gearbeitet hat? Seit mehr als zehn Jahren, mit vielen Unterbrechungen. Warum er es übersetzt hat? Damit es nicht vergessen wird.

Nach und nach wird er gesprächiger. Theater, so erfährt man, hat ihn schon immer interessiert, ein Onkel war Tenor am Münchener Nationaltheater. In St. Blasien hat er später mit Schülern viele Stücke einstudiert - Shakespeare, Ionesco, Dürrenmatt - und in einem der Klosterhöfe aufgeführt. Er hat selbst Dramen geschrieben, etwa über den heiligen Ignatius, den Ordensgründer. Bis heute spielt er im Kollegsorchester die Bratsche, und in ein paar Tagen hält er einen Vortrag über Walter Kappacher, den Büchnerpreisträger in diesem Jahr. Wahrscheinlich gibt es kaum jemanden, der noch so perfekt das Ideal vom humanistisch gebildeten Jesuiten verkörpert.

Universale Bildung, das ist nicht nur sein Anspruch, sagt er, sondern auch der Anspruch einer jeden Jesuitenschule: "Alles, was existiert, ist studierenswert - dadurch unterscheiden wir uns von anderen Schulen." In St. Blasien können Schüler daher neben den üblichen Fächern auch Astronomie, Rhetorik und Philosophie lernen, es gibt eine Wetterstation, ein Fernsehstudio, eine Big Band - und Frau Dr. Wang, die Chinesisch-Lehrerin.

Sie steht zwei Stockwerke höher im Matteo-Ricci-Raum, benannt nach einem Jesuiten, der Ende des 16. Jahrhunderts in China missionierte. Über der Tafel die rote Flagge der chinesischen Volksrepublik, daneben ein Kruzifix. Durchs Fenster der Blick auf die Flanken des Tals, Morgennebel hängt in den Tannen. In den Bänken gut zehn Schüler, die die Vokabeln der letzten Stunde wiederholen: tóng heißt gemeinsam, tóngshí ist der Arbeitskollege, tóngwú der Mitbewohner. Dann wird ein Text übersetzt, in dem ein Professor der Peking-Universität nach der Arbeit mit dem Auto… "Nein mit dem Fahrrad", korrigiert Frau Dr. Wang.

Seit 14 Jahren wird in St. Blasien Chinesisch unterrichtet, das Kolleg ist eine von etwa dreißig Schulen in Deutschland, das die Sprache als reguläres Fach anbietet. Dr. Wangs Schüler lernen seit der 9. Klasse, in ein paar Monaten machen sie Abitur, ihr Ziel ist klar, allerdings nicht ganz in Pater Leutenstorfers Sinn: Fast alle lernen die Sprache, weil sie "was mit Wirtschaft" machen wollen - ans Übersetzen von chinesischen Theaterstücken denkt keiner.

Dann die Pausenklingel, die Schüler gehen hinaus auf den Flur, mischen sich mit denen aus anderen Klassen. Fast 900 sind es insgesamt, gut 550 davon Externe, die in den Dörfern und Städten des Landkreises wohnen. Dazu kommen knapp 350 Internatschüler, meist Kinder aus der Oberschicht, deren Eltern sich die 15.000 Euro Schulgeld im Jahr leisten können. Erkennen kann man sie an ihrer Vorliebe für Poloshirts mit hochgeklapptem Kragen und Vornamen wie Constantin, Linus und Kasimir.

Es ist zwanzig vor eins, Zeit für das Mittagessen. Schüler und Lehrer laufen durch die bahnsteiglangen Gänge hoch zu den Speisesälen, vorbei an gerahmten Fotos früherer Abiturjahrgänge - auf einem der Bilder sieht man Heiner Geißler, den späteren Generalsekretär der CDU. Nach dem Essen ist Freizeit, die Schüler gehen auf ihre Wohngruppen, wo sie für den Rest des Tages von Erziehern betreut werden - zum Beispiel von Frater Arnold Weis. Mit 42 Jahren ist er einer der jüngeren unter den insgesamt 12 Jesuiten im Kolleg. Er ist ein eher ruhiger Typ, trägt eine dunkle Fleece-Jacke überm Hemd und sitzt auf einem schon etwas durchgesessenem Sofa im Gruppenraum, an der Wand ein Kunstdruck von van Gogh.

Wenn Pater Leutenstorfer der Ordensmann der klassischen Bildungsideale ist, dann ist Frater Weis der Jesuit fürs 21. Jahrhundert: Bevor er auf der Suche nach einem tieferen Lebenssinn vor vier Jahren in den Orden eintrat, hat er lange als Software-Entwickler gearbeitet und war Inhaber einer IT-Firma. Heute kümmert er sich - zusammen mit einem weltlichen Kollegen - um gut 20 Kinder zwischen 15 und 17, die hier in der Wohngruppe in Vierer-Zimmern untergebracht sind.

Ein Paul kommt herein und fragt nach einem Briefumschlag, ein Lorenz teilt mit, dass sein Fahrrad verschwunden ist, ein anderer Schüler möchte in der nächsten Woche ausnahmsweise um viertel vor sechs eine Klavierstunde nehmen. Genau in der Zeit, in der Studium ist - die tägliche stille Arbeitszeit, in der jeder ab 16 Uhr gut zwei Stunden lang Hausaufgaben machen soll. "Geht eher nicht", sagt Frater Weis, "weil Du das Studium sehr nötig hast."

In der Unterstufe sammeln die Erzieher abends die Handys ein

Frater Weis hat bei seinem Ordenseintritt Armut gelobt, hat seine Wohnung, seine Firma und das eigene Auto aufgegeben, nun sitzt er hier und betreut die Kinder der Besserverdienenden. Nein, er sehe da keinen Widerspruch, sagt er, auch diese Kinder brauchen Fürsorge: "Die Eltern sind oft reich, sicher, aber bei manchen Kindern denke ich: Sie sind nicht zu beneiden, da fehlt auf der emotionalen Seite was."

Etwas später schließt er den Computerraum auf, einige Schüler warten schon und setzen sich an die Terminals. Auch Weis fährt einen Computer hoch und startet das Programm "Master Solution", auf seinem Bildschirm erscheinen in Miniatur die Bildschirme der Schüler. Mit einem Klick könnte er jede E-Mail mitlesen. Macht er natürlich nicht, sagt er, es gehe nur darum, dass keine Computerspiele laufen - die sind nur am Wochenende erlaubt.

Es gibt viele solcher Regeln hier in St. Blasien: Nachtruhe ist wochentags spätestens um 22:30 Uhr, am Freitag müssen die Schüler ihre Zimmer putzen, am Sonntag um viertel nach elf zur Messe in den Dom. In der Unterstufe sammeln die Erzieher abends die Handys ein; in der Oberstufe, in der die Jugendlichen mit Laptops arbeiten dürfen, wird um 21:30 Uhr das W-Lan abgeschaltet. Schüler, die Sex miteinander haben oder nachts heimlich das Haus verlassen, können entlassen werden - für andere Verstöße gibt es Strafen wie Skikeller putzen oder Raucherecke säubern.

Bei all diesen Vorschriften wundert es ein wenig, dass die meisten erklären, gerne hier zu sein. Theresa von Bennigsen etwa, eine junge Frau mit blonden, zurückgesteckten Haaren, 19 Jahre alt und Ururenkelin eines Mitbegründers der FDP. Natürlich seien die Regeln manchmal nervig, sagt sie, etwa wenn sie an einem Freitagabend mit ihren Freundinnen zuhause in München telefoniert. "Die machen sich gerade für die Party fertig, während ich ins Bett muss." Andererseits machten die Regeln auch Sinn, sagt sie, sie brauche ja ihren Schlaf, und sicherlich hätten die festen Zu-Bett-Geh-Zeiten dazu beigetragen, dass sie in der Schule nun viel besser ist als vor ihrer Internatzeit.

Theresa steht in ihrem Zimmer im Mädcheninternat, das in einem Nebengebäude liegt. Wie fast alle Oberstufenschüler hat sie ein Einzelzimmer, etwa 15 Quadratmeter groß, auf dem Boden liegen die neuesten Ausgaben des Spiegel.

Nein, auch die Pflichtgottesdienste stören sie nicht. Sie sei zwar kein besonders gläubiger Mensch, aber Pater Joos - das ist der Schulseelsorger - predige so schön, sie komme dort gut zur Ruhe. Viel mehr verlangt die Schule auch nicht von ihr: Die "Frage nach Gott" soll hier lediglich "wach gehalten" werden, wie es in der Internatsordnung im etwas wolkigen Kirchentagsdeutsch heißt.

Ein paar Stunden später, im Kraftraum im Keller der Schule: Abed Abbassi stemmt Gewichte, zehn-, fünfzehn-, zwanzigmal. Er ist 15, hat stoppelkurze schwarze Haare und kommt aus einer ganz anderen Welt als Theresa: aus Jerusalem, und zwar dem arabischen Teil der Stadt. In Palästina hat er eine christliche Schule besucht und bekam dort ein Stipendium für St. Blasien. Erst zwei Monaten ist er hier, sein Deutsch schon fast fließend. Das Kolleg ist für ihn die Chance auf ein anderes Leben - er möchte später Computer-Programmierer werden.

Er nicht der erste Moslem hier, aber der erste, der seine Religion ernst nimmt. "Ich bete, ich faste, ich esse kein Schweinefleisch." In den ersten Tagen hier verrichtete er seine Gebet im Viererzimmer auf der Wohngruppe, doch so viel öffentliche Frömmigkeit war den Erziehern wohl suspekt - jedenfall baten sie ihn, zum Beten in ein leerstehendes Nachbarzimmer auszuweichen.

Es kommt vor, dass seine Freunde ihn mittags fragen: "Gehst Du mit in die Stadt?", und er dann sagt: "Wartet einen Moment, ich muss noch beten." Ansonsten interessiert er sich für Rapmusik, textet selber Lieder, meist über die Liebe.

Es ist jetzt kurz nach halb neun, drüben im Partykeller feiern die Oberstufenschüler mit den hochgeklappten Kragen wie jeden Mittwoch unter Aufsicht ihrer Erzieher. Sie tanzen und trinken Bier, was Abed nie tun würde. Es gibt nicht viele hier im Kolleg, die ein so intensives religiöses Leben führen wie er - nicht unter seinen Mitschülern, und selbst von den Patres klagen einige, sie kämen vor lauter Arbeit nicht zum Beten. Abed betet jeden Tag, und das fünf Mal.

Denkbar, dass kaum jemand in diesem alten Kloster mit so viel Hingabe und Treue glaubt wie Abed. Womöglich ist ein 15-jähriger Palästinenserjunge heute derjenige, der in St. Blasien mit der größten Entschiedenheit die Frage nach Gott wach hält.

Autor:
Oliver Fischer